09.02.1998

FESTSPIELEKarajan wird Kurschatten

Für 120 Millionen Mark hat Baden-Baden ein Festspielhaus gebaut. Der größte Musiktempel Deutschlands wird Mitte April eröffnet. Die kränkelnde Kurstadt erhofft sich von Galas und Events volle Hotelbetten und einen neuen Run aufs Roulette. Von Klaus Umbach
Das Schmuckstück liegt gleich an der Straße: B 500, rechts bei der Einfahrt ins Tal der Oos. Über der Eingangshalle ein Triumphbogen; auf beiden Seiten symmetrische Galerieflügel mit Eckpavillons; oben die Attika, dahinter das Kuppeldach. Ein Juwel aus der Neorenaissance - die ideale Kulisse für Staatstheater.
Auf dem Alten Stadtbahnhof - in der Gründerzeit errichtet, im Krieg unversehrt, 1977 stillgelegt und jüngst restauriert - hat Baden-Baden einst seine Gäste empfangen.
Hier dampfte die Hautevolee heran mit Bagage und Apanage. Hier stiegen Maler, Dichter, Tonsetzer aus, gekrönte Häupter und halbseidene Existenzen. Hier, zwischen Villen und Alleen, hielten sie hof, tauchten ihre gebrechlichen Gliedmaßen in die heilende Therme, gewannen und verloren Vermögen. In der Belle Epoque war Baden-Baden Laufsteg, Gesundbrunnen und Spielhölle des mondänen Europa.
Doch neuerdings, beim ferntouristischen Business der Last-Minute-Bucher, hat die Kurstadt den Anschluß verpaßt. "Die Deutschen fliegen zur Sonne", kommentiert Oberbürgermeister Ulrich Wendt den Zug der Zeit: lieber in Acapulco schnorcheln als an der Oos schnarchen.
Der Kurort mieft nach Mottenkugeln. Die Zahl der Gäste schrumpft, die Einwohnerschaft ist überaltert. Im Casino läuft es nicht mehr wie früher, die Croupiers mustern ab. Rien ne va plus.
Doch auf einmal, im Jahr 2 vor 2000, ist in der "dösigen Kurstadt" ("FAZ") wieder Gründerzeit. Es wird gebuddelt, gebaut, geklotzt; plötzlich steht da eine feste Burg, und Baden-Baden, diese Kapitale der Gerontologie, rüstet auf fürs Comeback im großen Welttheater.
Schon heißt die Bushaltestelle an der Langen Straße nicht mehr "Alter Bahnhof", sondern "Festspielhaus". Auch auf den Stadtplänen neuester Auflage ist sie bereits markiert, die protzige Liederhalle mit dem Charme einer Lagerhalle.
Naht- und lieblos an die Rückfront des schmucken Stationsgebäudes gebunkert, wuchtet sich die Zitadelle 33 Meter in die Höhe: eine gigantische Schachtel in überdimensionalem Lego-Look. Aufgewendet wurden 12 000 Kubikmeter Beton, 1700 Tonnen Stahl, 400 Kilometer Kabel und ein paar Spurenelemente an architektonischer Phantasie und zeitgemäßer Ästhetik. Der Alte Bahnhof paßt zum neuen Festspielhaus wie eine zierliche Brosche auf Schwarzeneggers Brust.
Noch ist es still im Doppelhaus. Noch hat kein Mitglied des "Club 300", der für 15 000 Mark pro Mann, Jahr und Platz die Creme der künftigen Klientel bilden soll, über die Mettlacher Fliesen im Alten Bahnhof den Neubau und dort über die Wendeltreppe mit dem roten Teppich die VIP-Lounge betreten, um ein Schlückchen zu nehmen zum Wohle der Kunst.
Noch steht auch das gemeine Massenpublikum draußen vor der Tür und kann es nicht glauben: Baden-Baden - das neue Bayreuth, das zweite Salzburg, die jüngste Metropole der Galas und Events. Noch tut sich nichts Festliches im Innenraum, dessen Betonwände in pompejanischem Rot von den über 10 000 handgeschliffenen Kristallprismen des für 360 000 Mark gestifteten Lüsters erhellt werden.
Doch am 18. April, am Samstag nach Ostern, soll es in Baden-Baden wieder wie früher werden; ach was, großartiger noch, globaler, berstend vor Kunst. Hohe Tiere werden erwartet und die Zaren des Zasters. Wieder sollen staatstragende Kräfte Hand in Hand gehen mit betuchten Müßiggängern, und unter die Herren des Kapitals mischen sich wieder die Hallodris aus der Demimonde, vereint sie alle im Staunen über die - vermeintlich - blühende Landschaft am Schwarzwaldrand.
Denn dann, freut sich OB Wendt, halte die "höchstkarätige Kultur" mit einem "einzigartigen Top-Programm" Einzug ins Tal der Oos. Dann, so besingt sich der künstlerische Festival-Leiter Wolfgang Gönnenwein, würden "die Festspiele für die Sinne" starten, ein "Euro-Concertare" werde anheben und "Glanzpunkte setzen". Dann, preist Festspiel-Geschäftsführer Klaus Klein die Zeitenwende, werde Baden-Baden "Premierenhauptstadt Europas".
Kommt erst der Frühling ins Ländle, wird erstmals nach über 100 Jahren, als Richard Wagner seine Gralsburg auf den Grünen Hügel wuchtete, auf deutschem Boden ein Festspielhaus eröffnet - mit maximal 2650 Klappsesseln der gewaltigste Musiktempel der Republik, größer als die Berliner Philharmonie, die Hamburgische Staatsoper und das Münchner Nationaltheater.
Dann, zur Weihe des Hauses, werden die Philharmoniker aus Wien anreisen und die Sinfoniker aus Chicago. Anne-Sophie Mutter wird zur Violine, Alfred Brendel in die Tasten greifen. Es soll "Russische Wochen" geben und "Monteverdi in residence".
Die Londoner Covent Garden Opera, daheim derzeit ohne feste Spielstätte, wird mit einer rauschhaften "Traviata" gastieren. John Neumeier legt "Bernstein Dances" aufs Parkett. Jessye Norman und Cecilia Bartoli jubeln in höchsten Tönen, übertroffen nur vom OB: Baden-Baden, so Wendt, sei "ein Rolls-Royce, der zuwenig gefahren" worden sei; jetzt komme er "wieder richtig auf Tour und zur Geltung".
In drei Veranstaltungsblöcken zwischen April und September soll das Festspielhaus seine erste Glanzzeit erleben. Die Gala aller Galas wird dabei an jenen Tagen erwartet, da die Christenheit den Heiligen Geist empfängt. Dann nämlich finden vor Ort die "Herbert von Karajan Pfingstfestspiele" statt, die der eidgenössische Advokat Werner Kupper mit dem Segen der Dirigentenwitwe aus Salzburg nach Baden-Baden überführt hat (SPIEGEL 7/1996). Dort rückt der verblichene Maestro nun zum prominentesten Kurschatten auf.
Dieses ganze Theater, empörte sich Margrit Brehm, die kommissarische Leiterin der von Geldnot gebeutelten Baden-Badener Kunsthalle, sei nur ein "Wanderzirkus, in dem Sensationen bedient" würden; "absoluter Schwachsinn", pflichtete ihr Intendant Pavel Fieber aus dem benachbarten Karlsruhe bei.
Dabei war das Projekt schon umstritten, bevor Hannelore Kohl im Mai 1996 den ersten Spatenstich tat, und ein Wunder war das nicht: Für die Hochburg der schönen Künste fließen private und öffentliche Gelder in einer trüben Melange durcheinander; zugrunde liegt ein verwirrendes Gesellschaftsgeflecht, und so mancher, der dabei die Fäden zieht, ist nicht gerade eine Lichtgestalt.
Bauherr des von dem Wiener Architekten Wilhelm Holzbauer entworfenen Festbaus ist die Tanja Grundstücksverwaltungs GmbH u. Co. Objekt Festspielhaus KG, eine Tochter der Südwestdeutschen Landesbank.
Finanziert wurde das 120 Millionen Mark teure Unternehmen durch einen aus Privatkapital aufgebrachten Leasing-Fonds. Diesem steuert das Land Baden-Württemberg 22,5 Jahre lang jährlich 5 Millionen Mark aus öffentlichen Mitteln bei.
Als Mieter und Betreiber tritt die Festspielhaus und Festspiele Baden-Baden GmbH auf. Hauptgesellschafter ist die Stuttgarter Dekra Promotion GmbH, deren Mitgeschäftsführer Rainer-R. Vögele schon mal fremde Gelder verwirtschaftet hat.
Für den Fall, daß die Betreiber die Miete nicht aufbringen können, muß die finanziell ohnehin klamme Kommune mit einer millionenschweren Ausfallbürgschaft einspringen. Außerdem muß sie ein stets spielfertiges Haus garantieren, dessen laufende Kosten tragen und die Immobilie nach 22,5 Jahren auch noch für 39 Millionen Mark kaufen.
Ob das alles gutgeht? Festivals sind längst Mode und Masche. In jeder Klosterkirche und in jedem Kongreßzentrum, unterm Zelt und Open-air wird getutet und geblasen, bei den Nordlichtern sogar über ganz Schleswig-Holstein. Die Programme sind durchweg von der Stange, die Interpreten austauschbar. Die meisten Festivals sind nichts anderes als sonatengetränkte Sommerfrischen.
Gewiß hat Baden-Badens Programmplaner Gönnenwein, der durch Steuerhinterziehung und Etatüberschreitung vorbelastete Ex-Staatsrat aus Stuttgart, eine ansehnliche Künstlerschar zusammengebracht. Aber dafür mutet er dem Publikum auch sündhafte Preise zu: Die Spitzenplätze bei den meisten Opern kosten 600 Mark und übertreffen damit sogar Salzburgs notorische Begehrlichkeit.
Noch nehmen die Festivaliers an der Oos den Mund voll Eigenlob. Fast die Hälfte aller Karten, versichert Geschäftsführer Klein, seien schon vergeben, "wir liegen nicht neben dem Markt". Und Gönnenwein rühmt sich seiner Kunst, "bei diesem Programm das große Publikum mit dem Lasso einzufangen" - um jeden Preis.
Wenn alle Stricke reißen, wird wohl der "Freundeskreis Festspiele" einspringen, jenes "wunderbar uneigennützige" (Wendt) Konsortium aus mittlerweile fast 700 Besserverdienenden, die für 1000 Mark Jahresbeitrag vom "First Class Service" im Festspielhaus bis zu "Galopprennen und Ballooning" bevorzugt behandelt werden und denen der frühere Landeschef Lothar Späth vorsteht.
Doch selbst wenn die "Internationalen Festspiele" finanziell über die Runden kommen, sind die Betreiber noch nicht aus dem Schneider. Nebenbei müssen sie noch rund acht Millionen Mark einspielen.
Geschäftsführer Klein hofft, die neue Spielstätte möglichst oft für 25 000 Mark pro Tag an Privatveranstalter vermieten zu können; ein "Diabetikertag mit Festkonzert" ist schon eingeplant. Vor allem aber sollen "Operettenwochen" im Spätherbst und Winter Kasse machen.
Dann werden "Schwarzwaldmädel" und "Bettelstudent" Einlaß finden in die Zitadelle der Kunst; jeder Titel soll 25mal aufs Programm, und dabei, verspricht Klein, werde es "an nichts fehlen": "großes Orchester, wunderbares Ballett, prachtvolle Ausstattung", alles zum Schaudern schön. Mag ja sein, daß Tingel und Tangel den Laden letztlich am Laufen halten und daß ab Oktober die deutschen Omnibusunternehmer ihre Package-Kundschaft gleich massenweise vor dem Alten Bahnhof absetzen.
Zumindest für einen Beobachter in der Kurstadt, der von seinem fürstlichen Anwesen aus die Geschicke vor Ort verfolgt, ist genau "diese Operettenkiste" schon jetzt "die Bankrotterklärung für das ganze Projekt", das er von Anfang an als "faules Ei" durchschaut haben will, gelegt und ausgebrütet von der "Stuttgarter Mafia". Die hat der ehemalige Gebirgsjäger Ermano Sens-Grosholz, 79, schon lange im Visier.
Die ganzen Verträge, schnaubt dieser begnadete Krakeelkopf, seien "unter aller Sau". Lothar Späth klopfe "vor allem große Sprüche", und da er mit Gönnenwein "so manche Leiche im Keller" habe, dürfe sich dieser "untaugliche Manager" und "drittklassige Dirigent" jetzt als künstlerischer Leiter "aufplustern".
Im Verbund mit dem "trickreichen" Späth und dem Oberbürgermeister, der "schon lange unter krankhafter Profilneurose" leide, habe Gönnenwein "die wunderbare Idee der Festspiele schon vor dem Start auf den Hund gebracht".
Immerhin, soviel ist im Baden-Badener Grabenkrieg unbestritten, stammt die Festival-Idee von dem Eiferer Sens-Grosholz. Dieser Südtiroler Tenor, der sich als "einziger Schüler von Beniamino Gigli" bezeichnet, aus "gesundheitlichen Gründen", wie er sagt, keine große Karriere machen konnte und später "führend in der Modebranche" wurde, "in Handtaschen sogar weltweit die Nummer eins", kam 1951 nach Baden-Baden und sah dort "das wunderbare Ambiente verfallen".
Also rief er Galakonzerte ins Leben, lockte Plácido Domingo, José Carreras und die Wiener Philharmoniker in die Stadt, stiftete den (geldlosen) "Wilhelm-Furtwängler-Preis" und gründete schließlich ein "Comité", dem er mit Seiner Königlichen Hoheit Max Markgraf von Baden als Schirmherr und Seiner Großherzoglichen Hoheit Ludwig Prinz von Baden als Ehrenpräsident Noblesse verlieh.
Schon waren dem umtriebigen Sens-Grosholz und seinen blaublütigen Mitstreitern 35 Millionen Mark zum Bau eines Festspielhauses aus privaten Schatullen "fest zugesagt", und der emsige Schöngeist war guten Mutes, "auch noch den Rest" zu sammeln und so das Ganze "ohne einen öffentlichen Pfennig" über die Bühne zu bringen.
Aber nein. Auf einmal, empört sich Sens-Grosholz noch heute, "mischte der Späth mit"; in "null Komma nichts" war die Landesbank "auf der Matte"; "dieser unselige Herr Vögele kriegte das Sagen"; Gönnenwein, "den niemand ernst nimmt", durfte Programm machen, und nun gebe "der Herr Oberbürgermeister in seinem Wahn" das fertige Festspielhaus auch noch als seine "Lebensleistung" aus. Vergrätzt, verzankt, verbittert sah Sens-Grosholz seine Felle oosabwärts schwimmen.
Doch nun liegt er, nicht ohne schadenfrohe Neugier, in seiner Hanglage auf der Lauer: Dieses Jahr, bilanziert er vorweg, könnte das Ganze klappen, da kämen die Leute aus Neugier. Aber dann folge das böse Erwachen, "die Sache hat so, wie sie vermurkst wurde, keine Chance".
Das ist des Sängers Fluch, und der geistert auch schon durchs Festspielhaus. "Wir setzen auf volles Risiko", sagt Geschäftsführer Klein. Haut das Vabanquespiel dieses Jahr nicht hin, "geht die Festspiel-Gesellschaft in Konkurs". Dann, so Kleins Kollege Vögele, "wird sich das Amtsgericht mit uns beschäftigen".
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 7/1998
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