02.02.1998

MÄRCHENSiedlertreck nach Osten

Ein Göttinger Wissenschaftler will herausgefunden haben, wo Hamelns Kinder geblieben sind - und was sich hinter der Geschichte vom Rattenfänger verbirgt.
Es war ein Heulen und Zähneklappern allüberall im Städtchen Hameln. Väter liefen "haufenweis vor alle Tore und suchten mit betrübtem Herzen ihre Kinder". Und die Mütter "erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen". Doch alles Jammern und Suchen war vergebens. Am 26. Juni 1284, "auf Johannis- und Paulitag, früh morgens um sieben" waren 130 Kinder der Stadt Hameln im Weserbergland für immer verloren.
So ist sie von den Gebrüdern Grimm überliefert - die Geschichte des Rattenfängers von Hameln. Seither beschäftigt das seltsame Verschwinden der Jungschar ganze Hundertschaften von Märchenerzählern, Historikern, Mystikern und Hobbyforschern. Der Verlust der Kinder wurde wahlweise als Kinderkreuzzug, als Naturkatastrophe, als "priesterlicher Ritualmord" oder seltsames Kindersterben erklärt. Jetzt will ein Namenkundler der mittelalterlichen Kindesentführung auf die Spur gekommen sein.
Die Hamelner Kinder waren gar keine, behauptet Jürgen Udolph, Sprachwissenschaftler an der Universität Göttingen. Der 130köpfige Treck, der dem buntbeschürzten Flötenspieler auf Nimmerwiedersehen durch die Stadttore folgte, sei vielmehr ein Auszug von Ostsiedlern gewesen - meist junge Leute, die dem Ruf von Kirchen- und Landesfürsten nachgekommen sind, um ihr Glück in den frisch zu besiedelnden deutschen Ostgebieten zu suchen.
Onomast (griechisch für Namenkundler) Udolph untermauert seine These mit einem guten Dutzend von Orts- und Familiennamen, die von den Siedlern offenbar im neudeutschen Osten eingeführt wurden. So findet sich die Ortsbezeichnung Beverungen nicht nur an der Weser, sondern, leicht verändert, gleich zweimal auf der Wanderungsstrecke in Richtung des heutigen Polen: in dem Ort Beveringen bei Pritzwalk und in Beweringen (heute Bobrowniki) bei Stargard in Pommern. Siedler aus Hamelspringe nahe Hameln hinterließen ihre Spuren auch in der Uckermark. In Hammelspring nördlich von Berlin.
Udolph verweist mit seiner Recherche zahlreiche Altvordere ins Reich der Fabeln, die die verführte Kinderschar gleichfalls im Osten wähnten, jedoch in Mähren oder Transsilvanien. Schon die Gebrüder Grimm mutmaßten in ihrer Version von den "Kindern zu Hameln", das Jungvolk der Stadt sei womöglich "in eine Höhle geführt worden und in Siebenbürgen wieder herausgekommen".
Andere Wissenschaftler wie der westfälische Historiker Friedrich von Klocke oder der Troppauer Archivar Wolfgang Wann glaubten, die Ostsiedler seien in Richtung Mähren im heutigen Tschechien entschwunden, insbesondere in das "Olmützer Bistumsland von Hotzenplotz". Dorthin hatte Olmützens Bischof Bruno von Schaumburg seine Landsleute in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts anwerben lassen. Der Schönheitsfehler dieser Theorie: Bruno starb bereits Jahre vor der sagenhaften Völkerwanderung zu Hameln.
Als sicher gilt Udolph jedoch, daß der angeblich wie eine deutsche Variante Robin Hoods gekleidete Rattenfänger nichts anderes war als ein Werber für die deutsche Osterweiterung, beauftragt von bischöflichen sogenannten Lokatoren, um der Bevölkerung die Umsiedlung, nebst einiger Vergünstigungen in Sachen Leibeigenschaft, schmackhaft zu machen.
In den ersten Überlieferungen der Rattenfängersage spielte der bunte Kauz, den die Hamelner laut Grimmscher Version um seinen Lohn für die Beseitigung der Rattenplage prellten, gleichwohl keine Rolle. Anhand historischer Vorbilder sei, so Udolph, die Figur erst später in die Erzählung aufgenommen worden. "Äußerst verdächtig" als Ursprung des Flötenspielers sei der Ritter und Graf Nikolaus von Spiegelberg, Sohn einer vormals mächtigen Herrscherfamilie bei Pyrmont, der, historisch verbürgt, "eine wichtige Rolle im Kolonisationsgeschäft" für die Herrscher in den Ostgebieten gespielt habe.
Immerhin: Der feinen Moral der Grimmschen Geschichte - wer Verträge bricht, wird hart bestraft - entzieht die allzu weltlich-historische Interpretation der Sage jede Grundlage. Erfreuen kann das lediglich die Stadtväter Hamelns, deren folgenreich schlechte Zahlungsmoral vermutlich doch nur ein Märchen ist.
Enttäuscht dürften dagegen Mystiker und Fans der PRO-Sieben-Serie "Akte X" über die wissenschaftliche Entweihung der mittelalterlichen Hexerei sein. Auf einer privaten Internetpage zu der Kultsendung erscheint der Rattenfänger als mutmaßlich erster Spuk von Außerirdischen auf dem Planeten Erde - Jahrhunderte vor den ersten Berichten über fliegende Untertassen und kosmische Kugelblitze. "Beam mich nach Osten, Scotty."
[Grafiktext]
Gebiet der deutschen Ostsiedlung im 13. Jahrhundert
[GrafiktextEnde]
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Gebiet der deutschen Ostsiedlung im 13. Jahrhundert
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DER SPIEGEL 6/1998
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