19.01.1998

ZEITGEISTUnbesiegbar im Morgengrauen

Erfahrungen eines Theaterautors mit der Bundeswehr. Von Werner Fritsch
Fritsch, 37, wurde bekannt durch den Roman "Cherubim" (1987). Sein 1985 geschriebenes, 1992 uraufgeführtes Theaterstück "Fleischwolf" schildert rechtsradikale Umtriebe bei der Bundeswehr. Der aus der Oberpfalz stammende Fritsch lebt in Berlin. Am vergangenen Wochenende kam sein jüngstes Stück "Wondreber Totentanz" in Darmstadt auf die Bühne. Den folgenden Beitrag schrieb Fritsch für den SPIEGEL.
Die Erregung angesichts einiger auf Video gebannter Dokumente tödlichen "Theaters" - Erschießung, Vergewaltigung und Verhöhnung der Holocaust-Opfer durch Soldaten der Bundeswehr - ist zweifellos echt. Allerdings ist es ein Irrglaube, rechtes Gedankengut in der Bundeswehr sei ein Phänomen jüngster Zeit. Rechtslastiges Denken ist keineswegs die Ausnahme einiger politisch verwirrter Wehrpflichtiger, sondern vielfache Regel in den Reihen ihrer Vorgesetzten. Schon zu einer Zeit, als es noch undenkbar schien, daß Tag für Tag in Deutschland An- und Totschläge aus rassistischem Dünkel heraus geschehen, fand in der von Vorgesetzten und Untergebenen der Bundeswehr gesprochenen Sprache bereits das statt, was jetzt politische Wirklichkeit ist.
Ich weiß das, weil ich, im Gegensatz zu den meisten kritischen Köpfen meiner Generation, Anfang der achtziger Jahre nach dem Abitur zur Bundeswehr ging: um darüber zu schreiben.
Das Zusammentreffen mit Leuten aus allen Schichten der männlichen Bevölkerung auf engem Raum und unter extremen Bedingungen, ja der Theatercharakter des Militärs überhaupt, schien mir ein ungeheurer Stoff. Jedes Manöver war ja gewissermaßen eine Art Generalprobe, wenn auch zu dem Zweck, die Premiere - die zugleich die apokalyptische Dernière gewesen wäre, nämlich der atomare Krieg - gar nicht erst stattfinden zu lassen.
Heile Welt an der Gulaschkanone
Die Lektüre eigens für die Verteidigungspolitiker angefertigter Dossiers kann unmöglich ein Bild soldatischer Wirklichkeit ergeben. War der Besuch des Verteidigungsministers angesagt, wurde die Kaserne 14 Tage lang auf Vordermann gebracht, im Herbst sogar Restlaub aus Baumkronen gepflückt. Es hätte auf dem kurzgeschorenen, sauber gerechten Rasen ja ein vom Wind abgerissenes Blatt ungeheures Chaos heraufbeschwören können.
Das kurzfristig anberaumte Eintopfessen vor laufenden Kameras gibt keinerlei Aufschluß über die wahren Gedanken der Gefreiten: etwa im Licht der Leuchtraketen am Schießstand oder im Tränengasnebel des "Adolf Eichmann Gedächtniskapelle" genannten Gasmaskendichtigkeitsprüfungsraums. Dank der Teilnahme am politischen Unterricht der Bundeswehr weiß ich, daß - fast 40 Jahre vor Coppolas "Apocalypse Now" - die Nazis Bilder eines Luftangriffs mit Wagners Walkürenritt unterlegt haben. Doch was wir da zum Studium der Geschichte unserer Armee sahen, wurde nicht, und schon gar nicht kritisch, kommentiert. Unser Kompanieführer war tief beeindruckt; solcher Filme wegen ließ er Dienst Dienst sein und Schnaps Schnaps. Endlich Soldaten, die nicht nur Zeit totschlagen. Einer meiner Kameraden faßte den Gegensatz zwischen Tradition und Gegenwart der Truppe in Worte: "Die Deutschen sind schon Hund! Sakra, sakra, mich leckst'' am Arsch: Die haben die ganze Welt gefickt, und unsereins darf in der Kasern'' das Scheißhaus wienern auf Hochglanz."
Staatsfeinde am Gewehr
Bereits seit jener Zeit raten rechtsradikale Jugendorganisationen ihren Mitgliedern und Sympathisanten, in die Bundeswehr zu gehen. Heute, 17 Jahre später, ist es kein Horrorszenario, sondern längst staatsgefährdende Wirklichkeit, daß sich schon in der Schule rechts angehauchte junge Leute, ohne Perspektive auf Arbeit, über Jahre bei der Bundeswehr verpflichten. Angefeuert von Alkohol, Korpsgeist und den dumpfdeutschen Texten rechter Rockmusik wurden in der Truppe - lange Zeit unbehelligt - ,,die Schatten der Wehrmacht" heraufbeschworen.
Während man die linken Staatsfeinde vom Öffentlichen Dienst ausgegrenzt hat, werden die rechten Staatsfeinde, die sich durchaus zu tarnen wissen, ausgebildet in der Kunst, mit Faustfeuerwaffen, Sturmgewehr, Maschinenpistole und Maschinengewehr zu hantieren. Die Lage geheimer Schutzbunker, Vernichtungswaffen und Raketenrampen wird ihnen genauso wie das Know-how für den Cyberkrieg auf Staatskosten kredenzt.
Viele werden einwenden, es seien doch nur wenige einzelne, die das Klima innerhalb der Truppe vergiften - als hätte nicht vor kaum einem Menschenalter die deutsche Geschichte belegt, daß ein paar wenige aus dem Kontext des Militärs und gleichsam von unten gekommene Verbrecher genug sind, um das deutsche Volk in die Bereitschaft zu versetzen, Millionen Unschuldiger zu töten und halb Europa in Schutt und Asche zu legen.
Hitlergruß am Wegesrand
Gegen Ende der Militärzeit saß ich einmal 36 Stunden am Steuer eines olivgrünen Lkws. Wir hatten, unterwegs zum Manöver, kriegsmäßig zu fahren: mit behelmtem Kopf, das Gewehr im Schoß, die Fenster offen. Der Beifahrer, die Gasmaske vors Gesicht geschnallt, sicherte aus der Luke des Führerhausdaches heraus die Landschaft mit dem Gewehr. Alle vier Stunden wurde kurz gehalten; jedoch nur, um mit Helm, Gasmaske und Gewehr in den nächsten Straßengraben zu hechten. Nicht genug Zeit, im Wald Wasser abzuschlagen, schon ging es, die Nacht hindurch, weiter. Ich übte mich während des Fahrens, in eine leergetrunkene Colaflasche zu treffen.
Angesichts der Schlange brennender Lkw-Scheinwerfer im Rückspiegel und der roten Rücklichter jenseits der Windschutzscheibe überfiel mich bei Sonnenaufgang Euphorie: Es stellte sich, nach einer Unmenge überstandener Strapazen, selbst bei mir, der ungern Soldat war, das Gefühl der Unbesiegbarkeit ein. Plötzlich hatte ich eine Ahnung davon, was, ins Ungeheuerliche potenziert, vorgegangen sein könnte im Kopf eines deutschen Soldaten auf dem anfangs von Siegen gepflasterten Weg ins Feindesland.
Wenige Augenblicke später donnerte unser Konvoi - ich war noch immer im Einklang mit meiner Rolle als Soldat - durch ein ostbayerisches Dorf: Und ein alter Mann riß, trotz Krücke in der linken, die rechte Hand hoch zum Hitlergruß.
Mein Bundeswehrtheater
In den achtziger Jahren schrieb ich zwei Stücke über die Bundeswehr. Im Monolog "Steinbruch" ging es mir darum, die Theaterhaftigkeit der Bundeswehr aufzuzeigen. Im Stück "Fleischwolf" arbeitete ich mit dem in meiner Bundeswehrzeit kursierenden Sprachmaterial: weil man dergleichen nicht erfinden kann - und weil man auf diese Weise eindeutiger als durch alle bloß einzeln zitierten Entgleisungen Zeugnis ablegt vom Geist der Truppe.
Wie in jedem meiner Bücher setze ich mich darin mit den Folgen deutscher Geschichte auseinander und zeige, wie der Faschismus bei der Bundeswehr und auf dem Land überwintern konnte.
Im Gegensatz zu der Generation vor mir geschieht dies nicht vom Katheder herab, sondern indem ich mich in die Figuren hineinversenke, um in deren Dunkelheit eine Erklärung zu finden für das Ungeheuerliche. Ist sich versenken in fremde Finsternis - als einen Augenblick lang auch eigene - nicht der Anfang der Aufklärung, der wirklichen, nicht der des billigen, besserwisserischen Fingerzeigs, welcher sofort das Gegenteil des Gemeinten provoziert?
Die Tradition des Theaters
Als Autor bin ich mir der Tatsache bewußt, daß Tradition - und in der Bundeswehr ist es die der Wehrmacht - nicht nur über Inhalte überliefert wird, sondern vor allem über die Form. Vielleicht sind ja aus diesem Grund auf dem ehemaligen Territorium desjenigen deutschen Staates, der nationalsozialistisches Gedankengut mit Stumpf und Stiel auszurotten im Programm hatte, heutzutage die meisten Neonazis konzentriert. Offenbar ist ausgerechnet durch die Staatsform die Tradition des aufrichtig bekämpften Vorgängerstaates am Leben geblieben: Inhalte sind austauschbar.
In einem Zeitalter, in dem das Bild als Dokument nicht mehr gilt, wird von Videotheken, die den Holocaust als realistischen Horror, die Rassismus und Kriegsverherrlichung als alte und neue Nazi-Propaganda verhandeln, jegliches Gedenken an die Opfer ausgelöscht. Der Name des einen Virus ist Vergessen, der des andern: Verdrehen historischer Tatsachen und ihre Verbannung in die Virtualität.
Dem Einspruch der visuellen Medien, die durch immer gleichere Sendungen um die Gunst des sich zufällig durch die Programme zappenden Zuschauers buhlen, schenkt schon jetzt niemand mehr Gehör: Sie haben sich selbst ins Aus geschaltet. So wie wir tausend Talkshows hinnehmen müssen und abgestumpft werden, so nehmen wir auch die Untaten hin: und schon wieder unschuldige Tote.
Das Töten des Theaters
Zugegeben: Das Theater arbeitet im Gefolge der Medien pflichtschuldigst an seinem Selbstmord. Nachdem jahrelang die Klassiker vercomicstript und vervideoclipt wurden, wird es jetzt Mode, Filme, an sich schon gültige Inszenierungen, noch einmal aufs Theater zu wuchten: aus institutionalisiertem Größenwahn oder institutionalisierter Idiotie heraus - als ob man dem Genie eines Chaplin oder Kubrick ein Jota hinzufügen könnte.
Schlüge nicht eben jetzt, in dieser Zeit, die das Bild als Dokument stürzt, die Stunde des Theaters - nämlich wieder lebendiges Gedächtnis unserer Geschichte, Gefühle und Träume zu werden? Müßte nicht gerade jetzt, wo unsere demokratische Wirklichkeit vor die Hunde geht, das Bewußtsein, daß Theater für die Gesellschaft die gleiche lebenswichtige Funktion hat wie der Traum für die Individualpsyche, verantwortliche Politiker davon abhalten, das Theater durch Kürzungen zu kujonieren?
Der Spiegel der Kunst muß - wie unsere Träume - furchtbar, wunderbar, frech, obszön sein. Zurechtpoliert ist er ohne Wert. Alle politischen Systeme, die den unbestechlichen Spiegel der Kunst, indem sie ihr Bild in ihm nur als zurechtpoliertes akzeptierten, zerschlagen haben, sind räudig zugrunde gegangen.
Es wird für Künstler, denen es nicht um Positionierung im Machtraum der öffentlichen Meinung, sondern um künstlerische Wahrheit geht, ohnehin immer schwieriger, durch ihre Arbeit in Verbindung zu treten mit einer von billigen und kalkulierten Traumsurrogaten aus über 30 TV-Kanälen saturierten Gesellschaft: Ihre Arbeit ist, der Natur der Träume gemäß, eine subjektiv verzerrte und poetisch verschlüsselte. Und doch gilt es im Interesse der Demokratie, diese Gesellschaft darauf hinzuweisen, daß ohne das Korrektiv der Kultur die Barbarei wieder - und totaler denn je - vor der Tür steht.
Dagegen läßt sich einwenden: Wer hat in Deutschland je Künstler ernst genommen, wer Träumern zugestanden, daß sie womöglich ein tieferes Bild der Gegenwart haben als die hauptberuflich damit Befaßten? Die Bevölkerung? Kaum. Politiker? Noch weniger. Soldaten? Gewiß nicht.
Doch der aufrichtige Versuch, die Hydrahäupter des Hitlerkults in den Kantinen und Kasinos der Kasernen abzuschlagen, ist, verbunden mit einem langjährigen humanitären Einsatz, der einzige Weg für die Bundeswehr, ihre Geschichte glaubwürdig zu bewältigen. Andernfalls gilt wie bisher: daß alles, was die Welt an Deutschland liebt, den deutschen Künstlern zu verdanken ist, und alles, was die Welt haßt, den deutschen Soldaten.
* 1992 in der Uraufführungsinszenierung am Bonner Schauspiel.
Von Werner Fritsch

DER SPIEGEL 4/1998
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