02.02.1998

THEATERNix Fit for Fun

„Ein Sportstück“ von Elfriede Jelinek (Buch) und Einar Schleef (Regie): Uraufführungsmarathon im Wiener Burgtheater
Grandios war die Sache schon durch ihre Länge. Wann je hat denn eine Staatstheaterpremiere über sechs Stunden gedauert, mehr also, als der schlappste Marathonläufer für seine Strecke braucht? Natürlich hätte die Darbietung ebensogut vier oder sieben oder neun Stunden dauern können, dafür liefert Elfriede Jelineks "Sportstück" Stoff genug, und dem Regisseur Einar Schleef fällt, wenn er seine Truppe erst mal warmtrainiert hat, auch zu wenig Stück viel ein: immer wohldiszipliniert, immer auf Mittelachse, denn Ordnung muß sein.
Nicht jedermann hält, wie Elfriede Jelinek, den Autor und Theatermacher Einar Schleef für ein Genie, "vielleicht das einzige, das die Deutschen nach 1945 hervorgebracht haben". Es genügt auch, daran zu erinnern, daß dieser stets reflexhaft als "Bühnenberserker" etikettierte Schleef einer aus der kleinen Handvoll von Regisseuren ist, die in der allgemeinen deutschen Theaterdämmerung überhaupt noch einen gewissen Furor hervorzubringen vermögen. In seiner chorisch-rhythmischen Schwerarbeit steckt die ganze große Unerschrockenheit des Überzeugungstäters; er hat die Kraft, auf einen toten Sack einzudreschen, bis der sich zur Auferstehung bequemt; freilich stapft er auch mit der Wucht einer Ein-Mann-Elefantenherde durch die Theaterseelenlandschaft, und so wächst nach ihm kein Gras mehr.
Merkwürdig, wie dieser dampfende, immer blutwarme, brunftwarme Germane Schleef und die kühle, berührungsscheue, mit allen Stacheln der Eleganz und Ironie gewappnete Österreicherin Elfriede Jelinek in dieser "Sportstück"-Unternehmung einen Gleichklang gefunden haben. Chöre, Chöre, Chöre seien "das einzige, was unbedingt sein muß", hatte die Autorin für ihr jüngstes Bühnenwerk gefordert (ansonsten "machen Sie, was Sie wollen"), weshalb sie sich den Choreomanen Schleef als ersten Regisseur wünschte - und er hat sich auf seine bekannte Eigenart revanchiert, indem er sich von den Regieanweisungen oder -vorschlägen ihres Textes nicht das geringste zu eigen machte.
Die Handlung konnte er nicht demontieren, denn, so Jelinek, "es gibt eh keine". Ihr "Sportstück" besteht größtenteils aus pathetisch-ironischen, oft ununterbrochen viele Buchseiten langen Chor-Vorträgen oder Tiraden von Einzelfiguren, als deren zentrales Thema der Sport zu erkennen ist. Fazit: Er sei, entgegen landläufiger Auffassung, nicht gesund. Davon handelt das Stück, so Jelinek, "vielleicht aber auch von was ganz andrem".
Durch schiere Monumentalisierung gibt Schleef der Sprödheit dieses monomanen, nur in wenigen Wechselreden dialoghaften Textes Theaterkraft. Er zelebriert das "Sportstück" in starren Arrangements als Oratorium, oft akzentuiert durch Gesangseinlagen nach Mozart oder Verdi, Volksliedern oder Schlagern, und er läßt (wie immer) auch ausgiebig exerzieren, die Chorherren gelegentlich nackt, die Damen gern in weitausladenden, entkörperlichenden Krinolinen: Die Verabsolutierung der Geschlechterpolarität ist ja für ihn wie für Jelinek ein Kunsttrieb, wenn nicht Ziel.
Das Lebens- und Schaffensmotiv, in dem Schleef und Jelinek, Mann und Frau, ihren Gleichklang gefunden haben, ist die Vision einer allgegenwärtigen, alles überragenden, so verheißungsvollen wie angstmachenden Mutterfigur (Väter glänzen in dieser Welt immer durch Abwesenheit): Vor ihr krümmt der nichtswürdige Sohn sich, um durch Hingabe ihren Haß zu überwinden; für sie will er Weltmeister (in was auch immer) werden; ihr liefert er im "letzten Liebesakt, den ich ihr schulde", seinen Tod. Manchmal verwandelt sich Elfriede Jelinek, mitgerissen von der eigenen Suada, in eine rasende Verbalisierungsmaschine, für die - vom Liegen zum Lügen, vom Termin zum Terminator, vom Kreuz auf dem Lottozettel zum Grabkreuz - der Assoziationszwang zum Beziehungswahn und zur Sinnstiftung wird. Kunstproduktion (da reicht Schleef ihr die Hand) ist Freisetzung von Vernichtungsphantasien.
Natürlich handelt dieses "Sportstück" nicht wirklich von etwas so Blödem und Banalem wie Sport, vielmehr jauchzt die Sportler-Mutter, die ihren Sohn auf Leben und Tod ins Turnier hetzt: "Krieg! Krieg! Jubeln! Freuen! Frohlocken!" Nur ein toter Sportler ist ein großer Sportler, und deshalb ist das "Sportstück", das Schleef mit der Feierlichkeit eines Passionsspiels auffahren läßt, letztlich ein Totentanz.
Es ist ja nicht die Art Elfriede Jelineks, dieser Großmeisterin des Höhnens, sich auf die Ebene der sogenannten Realitäten, zum Beispiel des Sports, hinabzubegeben und sich diskursiv mit Wohl oder Wehe des Phänomens auseinanderzusetzen. Sie hat (und erst das macht sie zur Dichterin) eine Vision, in die nur paßt, was ihr paßt.
So wie zur Frau (nicht weniger hassens- und verhöhnenswert) die Idee der Geburt gehört, Mutterschaft also und Mütterlichkeit, so gehört zum Mann die Idee des Todes: "Der Tod ist das einzig mögliche Auftreten des Mannes." In dieser Jelinekschen Vernichtungsphantasie (deren reale Vorbilder durchaus zu identifizieren sind) macht es keinen Unterschied, ob ein Hooligan mit der Bierflasche seinem Gegenspieler den Schädel zermatscht, ein Skirennläufer mit seinem Auto auf der Gegenspur frontal in einen Bus hineinrast oder ein Bodybuilder sich mit Anabolika zum Fleischberg mästet, bis er platzt: Diese Idee hat nichts Olympisches, weshalb ihre beiden führenden Funktionäre die Namen Hektor und Achill tragen: Sport ist Krieg, Sport ist Mord.
Der Sport-Gott, der über allem strahlt, ist Österreichs größter Sohn, Arnie der Steirermann in Hollywood: In seiner Nachfolge hat sich der (bei Schleef von einer tänzerisch graziösen Frau verkörperte) Bodybuilder an seinem "Chemiebaukasten" zu Tode gefuttert und träumt nun, während an ihm schon die Maden futtern, von Auferstehung: "Wenn Jesus das konnte, dann schaffe ich es auch noch! Ich muß eben noch härter trainieren."
Doch es gibt in dieser martialischen Sportsmännerwelt auch eine (bei Schleef von einem Mann dargestellte) Frau: Die große Giftmörderin, die "professionelle Witwe", die Mann um Mann erst um seine Ersparnisse, dann um sein Leben erleichtert hat: "Das Töten ist einfach mein Lieblingssport!" Dagegen allerdings setzt das Stück andeutungsweise den Entwurf einer weiblich-narzißtischen Utopie, das Reich der Megamodels: "Claudia, Naomi, Helena, Christy, Amber, Brigitte und Susi". Diese Anrufung einer entrückten Amazonenwelt hat Schleef dazu verleitet, im Schlußteil der Aufführung ein kritisches Stück weit über Jelineks Entwurf hinauszuschießen: Ein wiegender Reigen von Mädchen in Rokoko-Krinolinen rezitiert mit Piepsstimmchen Passagen aus Kleists "Penthesilea".
Am wenigsten, scheint es, hat Schleef den Hohn goutiert, mit dem die Figuren das ganze Stück hindurch über ihre Autorin herziehen: "Sie, Frau Autor, warum sind Sie denn so aggressiv?" Bei der Premiere ist Schleef in der Schlußszene, wo laut Text die beschimpfte Autorin auftreten sollte, in Person auf die Bühne getaumelt, barfuß im Frack, als begnadeter Stammler seiner Ratlosigkeit vor dem Finale. Dieser Schluß sah jedoch, überraschende Abwechslung, in der dritten Vorstellung anders aus: In der Rolle der "Autorin" kam Elfriede Jelinek selbst, die angeblich so publikumsscheue, über die riesige leere Burgtheaterbühne aufs Publikum zu und trug die letzte Passage ihres Totentanz-Stückes vor - kein Sport mehr, kein Hohn mehr, sondern elegischer Abschied: "Wenn einer tot ist, dann kommt er nicht zurück."
Einar Schleef wird immer ein Primitiver bleiben, weil er Ideen nicht entwickeln, Motive nicht durchführen mag, sondern jeden Einfall geballt hinhaut, Bild um Bild, Trumm um Trumm. Bei der Premiere war sein "Sportstück" gute sechs Stunden lang, zwei Abende später auf fünf gekürzt, doch eine allumfassende und wahrhaft erschöpfende "Langfassung" soll (laut Programmheft-Ankündigung) erst im März auf die Burgbühne kommen. So oder so: In manchem Sinn kommt eine Sache wie dieses "Sportstück" dem Maximum nah, was mit großem Theater noch auf die Beine zu bringen ist: Es ist wahnhaft, es ist ernsthaft, es ist keine Sekunde eitel.
Urs Jenny
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 6/1998
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