02.02.1998

MEDIZINErfolge in der Phantomwelt

Heidelberger Krebsforscher sind Meister in der Anwendung statistischer Rechentricks. Dank dieser Gaukelei sterben scheinbar immer weniger Deutsche an Krebs - in Wahrheit sind es immer mehr.
Den meisten Ärzten bedeutet Statistik dasselbe wie der Laternenpfahl dem Betrunkenen - mehr Halt als Erleuchtung.
Spätestens wenn der Medizinstudent seine Doktorarbeit in Angriff nimmt, lernt er, den guten Rat erfahrener Standeskollegen zu beherzigen: Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.
Daß eine Statistik - wie der Bikini - das Entscheidende stets verhüllt, gilt unter Ärzten als gesicherte Wahrheit. Deshalb wird Kollegen, die als "Epidemiologen" hauptberuflich mit den Zahlen der Kranken und Toten hantieren und daraus Ratschläge für Laien und die Gesundheitspolitik herleiten, von den praktisch tätigen Heilkünstlern nur wenig Respekt entgegengebracht. Epidemiologen gelten als "Fachärzte für Schriftverkehr".
Zum Kummer der Büro-Doktoren weiß jeder vierte deutsche Arzt gar nichts von der Existenz einer Todesursachenstatistik, einem weiteren Drittel ist unbekannt, daß diese auf den ärztlichen Totenscheinen basiert. Doch zu Reibereien führt das nicht. Die beiden Ärztefraktionen werkeln friedlich nebeneinander her.
Beispiel Krebs: Die Praktiker diagnostizieren, behandeln und begleiten die Tumorpatienten, oft bis zum Tod. Krebs, so ist ihr vorherrschender Eindruck, holt sich Jahr für Jahr in Deutschland mehr Opfer.
Die Epidemiologen des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg hingegen - einer Großforschungsanlage mit 1516 Mitarbeitern und einem Forschungsetat von 200 Millionen Mark - sehen das ganz anders: Die "Krebssterblichkeit sinkt", verlautbarte das Zentrum Ende letzten Jahres, "erstmals geht in Deutschland die Sterblichkeit an Krebs insgesamt für beide Geschlechter zurück."
Der Heidelberger Epidemiologe Nikolaus Becker macht daraus sogar eine "Trendwende in der Krebssterblichkeit in Deutschland". Sein Chef, der "Stiftungsvorstand" Harald zur Hausen, 61, spricht von "wichtiger Botschaft" und "bemerkenswertem Wandel". Kein Wunder, daß der Bonner Forschungsminister Jürgen Rüttgers sogleich ein vertrauenweckendes "Hoffnungszeichen" am Horizont sichtete.
Rüttgers und Hausen sollten sich beim Epidemiologen Becker bedanken - er hat den Sieg, die Trendwende und das Hoffnungszeichen herbeigerechnet. In Wirklichkeit sterben in Deutschland immer mehr Menschen an Krebs - 1996 waren es 219 064, das sind 6151 mehr als 1995 und 13 916 mehr als 1990, dem Jahr der Wiedervereinigung, als die deutschen Krebstoten erstmals wieder gemeinsam gezählt wurden.
Betrachtet man rückblickend die Situation in den alten Bundesländern, so zeigt sich, daß die Zahl der an Krebs verstorbenen Männer sich zwischen 1952 und 1995 mehr als verdoppelt hat, von 42 782 auf 88 340. Bei Frauen stieg die Zahl der Krebsopfer im gleichen Zeitraum von 46 703 auf 85 442 (siehe Grafik).
Von irgendwelchen guten Nachrichten über Krebs kann also keine Rede sein - es sei denn, man sieht die "Krebslandschaft Deutschland" durch Doktor Beckers Brille.
Im "Forschungsschwerpunkt Epidemiologie" des DKFZ beherrschen die Wissenschaftler alle Arten von Rechenkunststücken und verstehen sich auf die Kunst, altbekannten Begriffen neue Bedeutungen zu geben. Es ist ein mehrstufiges Verfahren, an dessen Ende die Wahrheit auf der Strecke bleibt und statt dessen die "gute Nachricht" das Licht der Welt erblickt.
Der erste Schritt besteht darin, daß man die "rohen Daten" - dazu gehört die Zahl der an Krebs Verstorbenen - und deren "Abhängigkeit" von der Bevölkerungsgröße "eliminiert" (Becker). Das macht man, indem man Sterblichkeitsraten ("Mortalitätsraten") bildet: Die Zahl der an Krebs Verstorbenen wird auf "100 000 unter Risiko stehende Einwohner" bezogen. Leider ist diese Zahl auch noch "roh".
Sie bezieht sich auf die ganz normale deutsche Durchschnittsbevölkerung, die bekanntlich immer älter wird. Das stört, denn "wegen der Altersabhängigkeit der meisten Krebsformen werden in einer Bevölkerung, die relativ mehr alte Menschen umfaßt, auch mehr Todesfälle eintreten als in einer ,jungen' Bevölkerung". Die Heidelberger Krebsepidemiologen sagen deutlich, was sie davon halten: "Ein solcher Einfluß des Alters auf die Maßzahl der Mortalität ist jedoch nicht erwünscht."
Was tun? Man kann, verrät Becker, diesen "Effekt beseitigen", indem man "die Todesfälle entsprechend dem Alter bei Eintritt des Todes in sogenannte Altersgruppen einteilt". Das macht viel Mühe. Wenn man "5-Jahres-Altersgruppen" bildet, hat man am Ende "circa 20 Altersgruppen" - 20 mal 5 = 100 Jahre - zu vergleichen. Aber immerhin: Die rohen Zahlen sind weg, und die nun "altersspezifischen Mortalitätsraten" sind bereinigt.
Sie erlauben jedoch keine "summarische" Aussage über die Krebssterblichkeit. Dazu braucht man eine "Standardbevölkerung" - am besten eine, die schön jung ist, denn dann gibt es in ihr auch weniger Krebskranke und -tote.
Theoretisch, das räumen die Heidelberger Epidemiologen ein, könnte man bei der Berechnung des deutschen Krebsrisikos die deutsche Bevölkerungsstruktur zugrunde legen. Die ist durch Volkszählungen in Ost und West, durch ein computergestütztes Meldewesen und die sorgfältige Zählung der Geburtsurkunden und Totenscheine verläßlich bekannt.
Doch genau diese Methode - deutsche Tote in Bezug zu setzen zur deutschen Bevölkerung - mag man in Heidelberg überhaupt nicht. Die Wissenschaftler haben sich statt dessen auf "Kunstbevölkerungen" geeinigt, "deren Altersstruktur", wie Becker gesteht, "der Alterspyramide Europas" oder gleich "der gesamten Welt nachgebildet" ist. Das erleichtere den "internationalen Vergleich".
Das Deutsche Krebsforschungszentrum hat sich für "Segi's Weltbevölkerung" entschieden. So wird eine ganz besondere "Kunstbevölkerung" nach ihrem Erfinder, dem japanischen Epidemiologen M. Segi, genannt. Der hat 43 Länder der Erde, darunter mehrheitlich die der Dritten Welt mit junger Bevölkerung, zu einem Phantom konturiert. Dieses mathematische Phantasiegebilde wählen die Heidelberger Krebsepidemiologen als Vergleichsbasis - auch deshalb, weil "die sogenannte Weltbevölkerung in ihrem Altersaufbau ,jünger' ist als die europäische Standardbevölkerung" (siehe Grafik).
Mit einer anderen statistischen Mißlichkeit wurden die Heidelberger nach der deutschen Wiedervereinigung konfrontiert. Die Krebszahlen der DDR mußten, sagt Becker, für den Westgebrauch "erst in die hierfür erforderliche Form gebracht werden". Das war, klagt Hausen, "eine nicht ganz einfache Umrechnung", eine "mühevolle Arbeit".
Aber es hat sich doch gelohnt. Offiziell liegt die "altersstandardisierte Sterblichkeit" der westdeutschen Männer an Krebs 1995 bei 170 - es sind aber nicht 170, sondern in Wirklichkeit 270 von jeweils 100 000 Männern an Krebs gestorben.
Dank Segi, Becker & Co. stehen die Frauen - auf geduldigem Papier - noch viel besser da: Altersstandardisiert und mit der ganzen Welt verglichen, starben in Deutschland 1995 angeblich nur 104 von jeweils 100 000 Frauen an Krebs; in Wahrheit waren es 250.
Diese korrekten Daten ermittelt und publiziert alljährlich das Statistische Bundesamt in Wiesbaden. Es legt seinen Berechnungen den "Bevölkerungsaufbau von Deutschland" zugrunde, nicht etwa "Segi's Weltbevölkerung". In dieser Phantomwelt wimmelt es von Kindern, jungen Frauen und Männern aus allen Kontinenten - Bevölkerungsgruppen (im Epidemiologenjargon: "Kohorten"), die erfahrungsgemäß selten an Krebs erkranken.
Die Heidelberger Jubelrufe - "Krebssterblichkeit sinkt!" - beziehen sich stets auf Segis "altersstandardisierte Mortalitätsraten". Doch die Mitteilung suggeriert, daß immer weniger Deutsche an Krebs sterben - und genau das soll sie ja auch. Nur dort, wo Forscher Optimismus verbreiten, fließen zügig die Millionen, brauchen sich Politiker kein Versagen vorhalten zu lassen.
Der amerikanische Biochemiker Erwin Chargaff, 92, hat schon vor 16 Jahren der global operierenden Zunft der Krebsforscher und -epidemiologen "angesichts der vielen haltlosen und zusammengeschwindelten Durchbrüche" vorgeschlagen, "ein Moratorium der Scham zu deklarieren, einen Fünfjahresplan völligen Schweigens".
Dazu ist es nicht gekommen. DKFZ-Chef Harald zur Hausen, der mit Orden, Ehrendoktortiteln, Preisen und Medaillen behängt ist wie einst die ruhmreichen Marschälle der Roten Armee, hat jedoch unlängst in einem melancholischen Moment auf dem Düsseldorfer Kongreß "Medizin der Zukunft" wenigstens die Chancen seines Krebskampfes realistisch eingeschätzt.
Derzeit erkranken in Deutschland jährlich rund 340 000 Menschen an Krebs, rund 210 000 sterben daran. In jedem Jahr, so gibt der DKFZ-Wissenschaftler zu, steige die Zahl der jeweils neu an Krebs Erkrankten um weitere 6000 Menschen an.
Etwa im Jahr 2010 - Herr Hausen wird pensioniert sein, sein Adlatus Becker aber immer noch rechnen - werden die bösartigen Tumoren alle Herz- und Kreislaufkrankheiten überholt haben, weil bei diesen Krankheitsbildern ärztliche Kunst und Vorsorge wenigstens zum Teil wirken.
Ganz unbestritten wird Krebs dann in Deutschland die Todesursache Nummer eins sein.
[Grafiktext]
Krebstodesfälle pro Jahr
Altersstandardisierte Krebssterblichkeit
Altersverteilung der Bevölkerung
[GrafiktextEnde]
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Krebstodesfälle pro Jahr
Altersstandardisierte Krebssterblichkeit
Altersverteilung der Bevölkerung
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DER SPIEGEL 6/1998
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