16.02.1998

Zugebaute Scham

RUDOLF AUGSTEIN
Monumente haben im allgemeinen den Zweck, die eigenen vermeintlichen Großtaten oder die vermeintlichen Untaten anderer in der Erinnerung festzuhalten. Daß die schlimmste Untat der eigenen Geschichte festgehalten werden soll, und das inmitten einer Hauptstadt auf einer der zentralsten Flächen: Das hätte von Anfang an bedenklich stimmen müssen.
Es hat aber zehn Jahre gedauert, um in einem Manifest kundzutun: "Wir sehen nicht, wie eine abstrakte Installation von bedrückend riesigem Ausmaß - auf einem Feld von der Größe eines Sportstadions - einen Ort der stillen Trauer und Erinnerung, der Mahnung oder sinnhaften Aufklärung schaffen könnte."
Unterzeichner sind auch Leute, die einem riesigen Mahnmal ursprünglich das Wort geredet hatten, als ihr Hauptvertreter sei Walter Jens genannt. Er begründet seine Umkehr so vehement wie damals seine Zustimmung. Belegt er nun sein "Nein" mit "Reichsopferfeld" oder mit "teutonischem Kolosseum" - beides geht reichlich weit -, so ist das erlaubt.
Die Grundidee war ja falsch, und dafür können die bildhauerischen Wettbewerber (über 500 an der Zahl) nichts. Die Idee lag mit der Neuerstehung der Hauptstadt in der Luft, und man kann Lea Rosh und Professor Eberhard Jaeckel nicht zum Vorwurf machen, daß sie ihr Herzblut daran gegeben haben. Falsch war, sich von ihrer Rhetorik überrollen zu lassen.
Die damals zustimmten, hatten das ja nicht zuletzt getan, um nicht als Antisemiten zu gelten, sie hatten schlicht nicht nachgedacht. Viele konnten sich auch, anders als etwa der Schriftsteller und gelernte Steinmetz Günter Grass, unter räumlichen Dimensionen bildhauerischer Kunst gar nichts vorstellen. Hauptsache, weg vom Tisch, egal wie.
Das Mißlingen des ganzen Projekts hätte vor zehn Jahren klar sein müssen, aber die Betreiber ließen nicht locker, andere scheuten sich, frühere Positionen aufzugeben. So war denn zwangsläufig, daß es bis zur letzten Zuspitzung dieser verzweifelten Anstrengung kam, über deren Schicksal der nun wohl Unkundigste von allen, Kanzler Kohl, entscheiden wird. Da er früher dagegen war, wird er nun im Wahljahr dafür sein, whatsoever.
Die gebürtige Moskauerin Sonja Margolina spricht von einer "Pseudodebatte" als "kollektivem Beruhigungsmittel". Nichts anderes ist es. Einer der frühesten und schärfsten Kritiker, der Ungar und Schriftsteller György Konrád, hat die in die Endauswahl gelangten Entwürfe als "gnadenlosen oder didaktischen Kitsch", voll "besserwisserischer Anspielungen" und "geschraubter Symbole", als "Arroganz gegenüber den Anwohnern und den Besuchern" bezeichnet.
Das ist pauschal geurteilt. Dennoch: Zumindest "Arroganz gegenüber den Anwohnern und den Besuchern" wird man dem von Kohl letztlich auszuwählenden Entwurf von Serra/Eisenman nicht absprechen können.
Wie kommt Kohl überhaupt in die Schußlinie? Weil Bundesinnenminister Kanther und Bürgermeister Diepgen, als Vertreter von Bund und Land zuständig, überhaupt kein Mahnmal dieser Art wünschen. Statt dessen hat der Kanzler sich mit seinem früheren Adlatus und jetzigem Berliner Kultursenator Radunski der Sache angenommen. Niemand bezweifelt, daß sie sich der wertvollen Unterstützung von Frau Lea Rosh versichern werden.
Zu stoppen ist wohl gar nichts mehr.
Von den Entscheidungsträgern hat wohl keiner jene Scham empfunden, die in sich eindringen zu lassen, schon den Zeitgenossen des Holocaust schwerfiel.
Man kann ein Monument für eine Sache errichten, aber keines gegen sich selbst. Schmach und Schande, sie vertragen keine Monumentalität. Die Empfindung von Schmach war nicht die des Adenauer-Staates. Versöhnen wird man mit diesem Betonpfeiler-Feld niemanden, allenfalls unproduktiven Ärger auslösen. Dies Mahnmal regt nur jene zum Nachdenken an, die berufen sind, die zu erwartende Beschmutzung auf billigstem Niveau zu verhindern.
Man kann sich lebhaft vorstellen, daß hier ein Sammelpunkt für sämtliche Radikalen von rechts und links, von Skins und Autonomen entstehen wird, der Tag und Nacht bewacht werden muß. Man sieht Wachtürme und Stacheldraht schon vor sich.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 8/1998
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