16.02.1998

ISRAELWarten auf das Ende

Eine Sekte aus Schwaben will das Volk Israel vor Saddam Hussein retten - mit Filteranlagen gegen Giftgas.
Albrecht Fuchs, 53, lebt nicht in dieser Zeit. Er hört kein Radio, das Fernsehen hält er für einen "Seelenverderber", eine Zeitung hat er seit Jahren nicht mehr gelesen. Der Kontakt mit seinen israelischen Nachbarn im Städtchen Sichron Jaakow beschränkt sich auf das Allernötigste. Dennoch weiß er genau, daß "Gottes auserwähltem Volk" wieder einmal "Harm droht".
Seit einigen Wochen steht die jüdische Kundschaft in "Bet El" (Haus Gottes) Schlange, um die "Arche Noah" zu erstehen - ein Filtersystem, das vor tödlichem Gas schützen soll. Mehr als tausend Lebensrettungsmaschinen haben Fuchs und seine christlichen Brüder und Schwestern schon verkauft, "als Hilfe für Israel". Er würde gern noch mehr unter die Leute bringen, aber "wir können nicht schneller schaffen".
Fuchs leitet als technischer Direktor im "Haus Gottes" die Produktion eines raffinierten Filters, der wie einst die biblische Arche die Auserwählten vor der Apokalypse retten soll. Auf ihre einzigartige Erfindung sind die frommen Tüftler - in aller Demut - mächtig stolz.
Über Wochen reinigt Aktivkohle wirksam die Luft für geschlossene Räume und Bunker von nuklearen, biologischen und chemischen Kampfstoffen. Auch eine andere Gefahr ist gebannt: Die Druckluft gewaltiger Explosionen kann den Wartenden in den Bunkern die Lungen nicht mehr zerreißen: Fuchs und seine Gemeinde haben ein Ventil erfunden, das sich binnen einer Tausendstelsekunde schließt.
Die israelische Armee hatte die Bemühungen der deutschen Christen in Israels Norden jahrelang belächelt. Nach sorgfältigen Tests bestätigt sie nun aber die Wirksamkeit des Filters - des einzigen, der in Israel produziert wird; je nach Größe kostet ein System zwischen 3600 und 90 000 Mark.
Jetzt, wo die Israelis wieder Angst vor irakischen Raketen haben, stehen im "Haus Gottes" die Telefone nicht still. In vielen Krankenhäusern und öffentlichen Gebäuden wird die "Arche Noah" im Ernstfall für saubere Luft sorgen, auch Großunternehmen gehören zu den Kunden. "Ausgerechnet deutsche Christen", wundert sich die Zeitung "Haaretz", garantierten Israelis das Überleben.
Fuchs findet das gar nicht merkwürdig: "Wir sind doch hier im Heiligen Land, weil wir das Volk Israel lieben." Ihm und seiner Glaubensgemeinschaft sei es "von ganzem Herzen Christenpflicht", Israel zu verteidigen.
"Mit großer Freude" warten die Deutschen von Sichron Jaakow darauf, daß - in nicht allzu ferner Zukunft - der Messias erscheint. Der Heiland werde, so steht es im Alten Testament, zwar nur die Juden erretten. Dem Buch des Propheten Sacharja sei aber zu entnehmen, daß auch eine kleine Gruppe von "Gojim" (Nichtjuden) gerettet werde, die friedlich unter ihnen lebe. Dabei handelt es sich, wenn Gott will, um die fromme Gemeinschaft aus Deutschland. So legen die Protestanten von "Bet El" mit schwäbischer Gründlichkeit und frommem Ernst den Grundstein für das eigene Überleben am Ende der Tage.
Auf die schöne Idee, "daß wir im Heiligen Land den Messias erwarten sollen", war einst eine Frau verfallen, Emma Berger. Die Diakonissin lag vor über 40 Jahren sterbenskrank danieder, weil sie als Röntgenschwester zuviel Strahlung abbekommen hatte. Nach ihrer wundersamen Genesung gründete sie im schwäbischen Korntal zunächst ein "Glaubenshaus", 1963 zog sie mit einigen Anhängern nach Israel. Dort leben die mittlerweile 150 Frommen "wie die ersten Christen" (Fuchs): ohne privaten Besitz, "nur dem Wort Gottes ergeben" - und sehr erfolgreich.
Der fromme Eifer rief schon bald das israelische Parlament auf den Plan: Eine "Lex Emma Berger" regelt seit den achtziger Jahren, daß Land an Ausländer in Israel nur noch verkauft werden darf, wenn vorher eine Kommission zugestimmt hat. Schwester Emma hatte in der Landwirtschaft derart geschickt gewirtschaftet, daß sie große Güter erwerben konnte.
1984 starb die Gründerin, ohne die Ankunft des Herrn erlebt zu haben. Zuvor war ihr noch die Erleuchtung gekommen, die tiefe Liebe zu Israel durch den Bau von Gasfiltern zu beweisen. Das half. Seitdem werden die Fahrzeuge der Deutschen nicht mehr angezündet, auch Steinwürfe und Beleidigungen ließen nach.
So können die Frömmler ihr abgeschiedenes Leben in Ruhe führen: Sechs Tage in der Woche wird gearbeitet, am Sabbat geruht. Zum Essen versammelt sich die Gemeinschaft im Haupthaus. Die Knaben tragen Scheitel, die Mädchen Zöpfe, züchtig ist die Kleidung der Frauen.
Sie bedecken ihr Haupthaar zum Gebet im "Obersaal", der schlicht ist wie der Glaube selbst; nicht einmal ein Kreuz ziert das Gotteshaus. Die Gemeinde liest nichts als die Bibel, ihre Lieder stammen aus dem "Pfingstjubel". Wie es die Schrift vorschreibt, ist Hurerei nicht erlaubt, auch darf "kein Götzenopferfleisch" gegessen werden.
Vor lauter Demut hat sich die Gemeinschaft noch nicht einmal einen Namen gegeben. "Man kann uns wartende Christen nennen", so Fuchs, "die mit großer Freude das Ende aller Tage ersehnen."

DER SPIEGEL 8/1998
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