16.02.1998

GEORGIENWölfe ohne Grenzen

Ein tschetschenischer Banditenführer bekannte sich zum Attentat auf Schewardnadse.
Der Kaukasus, schon immer eine wilde Gegend, ist derzeit für jeden Krimi gut, Einlaß zu jeder Zeit und Vorstellung rund um die Uhr. Mit Granatwerfern und Maschinenpistolen attackierte Montag vergangener Woche ein Terroristentrupp in Tiflis die Staatskarosse des georgischen Präsidenten und früheren Sowjet-Außenministers Eduard Schewardnadse.
Der Überfall war offenbar sorgfältig geplant: Als Schewardnadses Kolonne kurz vor Mitternacht die georgische Hauptstadt Richtung Vorort-Residenz verließ, schossen die Attentäter mit Granatwerfern vom Typ Mucha (Fliege) das Führungsfahrzeug in Brand. Sasa Masmischwilli, Chef der Leibgarde, der neben Schewardnadse auf dem Rücksitz saß: "Unser Auto wurde von zwei Raketentreffern erschüttert."
Doch der gepanzerte 600er Mercedes, eine Spende der Bundesregierung für einen gefährlich lebenden Freund aus alten Wiedervereinigungstagen, erwies sich als deutsche Wertarbeit: Nach einer Erschütterung, die laut Experten einen 70-Tonnen-Panzer aus der Spur hätte heben können, rollte der Wagen mit letzter Kraft die entscheidenden Meter aus der Feuerzone heraus.
Verkehrspolizist Garri Simonjan, mit seinem Privat-Lada im Einsatz, brachte seinen Präsidenten in Sicherheit - und hörte dessen erste Worte nach dem Schock: "Gott weiß, was ohne dieses Geschenk Helmut Kohls mit mir geschehen wäre."
Bereits am nächsten Tag witterten Berater des "wie durch ein Wunder" (Schewardnadse) unverletzt gebliebenen Staatschefs eine "russische Spur": Moskau habe seine Hand im Spiel gehabt. Nationalistische Parlamentarier forderten, alle russischen Militärstützpunkte, besonders den Feldflughafen Wasiani, zu blockieren: Über den hätten die Attentäter unkontrolliert einreisen und wieder flüchten können.
So weit mochte Schewardnadse nicht gehen, aber auch er wähnte den großen Nachbarn im Komplott: Moskau gewähre nach wie vor seinem ehemaligen Sicherheitschef Igor Giorgadse und anderen oppositionellen Georgiern Asyl - und die hätten bereits im August 1995 einen erfolglosen Anschlag organisiert. Das Ziel seiner Gegner, klagte Schewardnadse, sei "Chaos und Destabilisierung"; sie arbeiteten jenen in die Hände, denen "die selbständige Politik der georgischen Führung" nicht passe. Und wie um die Anklage gegen die ehemalige Hegemonialmacht weiter zu verschärfen, ließ Schewardnadse Kriminalisten von CIA und FBI zur Aufklärung einfliegen - die Amerikaner hatten einst schon seine Leibwache in einem ihrer Trainingscamps auf westlichen Standard gebracht.
Russische Staatsschützer erklärten die Verdächtigungen aus Tiflis nicht nur für Unsinn, sie brachten auch eine eigene Version in Umlauf: Schewardnadse lasse solche Anschläge regelmäßig von seinem Geheimdienst planen, um den glücklichen Ausgang anschließend als göttliche Fügung zu deuten und so von der sozialen und wirtschaftlichen Verelendung seiner Kaukasus-Republik abzulenken.
Die Spekulationen beider Seiten drohten schon in einen mächtigen Krieg der Worte zwischen den GUS-Partnern zu eskalieren, als spätabends am vergangenen Donnerstag die Geschichte eine überraschende Wende nahm: Der tschetschenische Bandenführer Salman Radujew, 30, der für die Unabhängigkeit seiner Heimat kämpft, bekannte sich zu der "gezielten, gründlich vorbereiteten Kriegsoperation". Seine Truppe "Wölfe ohne Grenzen" habe in Tiflis einen "Schlag gegen Schewardnadses russische Verbrecherbande geführt".
Radujews großmäulige Erklärung bestätigt möglicherweise seit längerem umlaufende Gerüchte, wonach der Tschetschenen-Rambo inzwischen im Sold militanter Kaukasus-Nationalisten steht - denen Schewardnadses Kurs gegenüber Rußland noch als viel zu versöhnlich gilt.
Verblüfft sahen sich Moskau und Tiflis nunmehr einem gemeinsamen Feind gegenüber. Sogleich schickte Präsident Boris Jelzin eigene Spezialisten in die Region, um dort die "Hydra des Terrorismus" zu bekämpfen.
Radujew ist dem Kreml-Chef in denkbar schlechter Erinnerung: 1996 hatte sich der muslimische Glaubenskrieger in der dagestanischen Ortschaft Perwomaiskoje verschanzt. Er entkam russischer Umzingelung, obwohl Jelzin öffentlich angekündigt hatte, "38 Scharfschützen" würden dem Desperado den Weg verlegen. Bei der Aktion kamen damals 28 Geiseln ums Leben.
Tatsächlich war die mörderische Handschrift des ehemaligen Komsomol-Sekretärs Radujew auch beim jüngsten Anschlag auf Schewardnadse erkennbar: Am Tatort blieb ein toter Terrorist zurück, den sein russischer Paß als Tschetschenen aus dem Dorf Chasawjurt auswies.
Bonns Außenminister Klaus Kinkel und die Firma Daimler-Benz haben für Schewardnadse bereits ein neues gepanzertes Auto auf den Weg geschickt.
* Im Januar 1996 im dagestanischen Dorf Perwomaiskoje.

DER SPIEGEL 8/1998
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