23.02.1998

Am RandeÖstlich von Helmstedt

Als Heinrich Lübke, unterwegs in Afrika, eine Rede mit den Worten "Meine Damen und Herren, liebe Neger" anfing, da regten sich die Besatzungen deutscher Stammtische noch über die Millionenbeträge auf, die als "Entwicklungshilfe" in die Dritte Welt geschickt wurden. Mit deutschem Geld würden nur goldene Betten und Wasserhähne finanziert, hieß es damals.
"Entwicklungshilfe" heißt heute "wirtschaftliche Zusammenarbeit" und besteht im wesentlichen darin, armen Ländern genügend Geld zu geben, damit die uns dann jene Güter abnehmen, die wir entweder nicht mehr haben wollen oder die das betroffene Land gar nicht hätte haben wollen, wenn es nicht dafür Entwicklungshilfe gäbe.
Außerdem fängt mittlerweile die Dritte Welt nicht mehr südlich von Gibraltar, sondern östlich von Helmstedt an. Jedenfalls praktiziert der Westen mit dem Osten genau dieselbe Art der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Damit ist es auch nur logisch, daß der Osten bald auch die Bundesregierung und das Parlament geliefert bekommt. Allerdings wurden bei den Vorbereitungen für den Umzug von Bonn nach Berlin jetzt schon die ursprünglichen Kostenansätze überschritten. Während für öffentliche Verwaltungsbauten 4000 Mark pro Quadratmeter zugrunde gelegt werden, betragen sie bei den Bundestagsneubauten mindestens 5403 Mark und beim Bundeskanzleramt sogar über 6000 Mark. Verantwortlich dafür, so der Bundesrechnungshof, sei der hohe Ausbaustandard, und dazu gehört, unter anderem, ein Waschbecken für jeden Abgeordneten.
Es war schon schwierig genug, die Abgeordneten aus der Bonner Idylle in den Berliner Dschungel zu locken. Will man ihnen nun mit kleinlichen Nachprüfungen den Spaß an ein bißchen Luxus vermiesen? Wer in Berlin lebt, braucht doch einen gewissen Ausgleich, etwa für die Risiken bei Ausflügen ins Brandenburger Hinterland. Also: Her mit den goldenen Wasserhähnen. Für die einen, damit sie ihre Hände jederzeit in Unschuld waschen können, für die anderen, damit die Alt- und Kölschflaschen auch in der lauen Berliner Luft immer schön kühl bleiben.

DER SPIEGEL 9/1998
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