23.02.1998

NIEDERSACHSENSchimpfen und streicheln

Das Dilemma der Grünen: Je besser sie bei den Landtagswahlen abschneiden, desto geringer die Chancen für einen SPD-Kanzler Schröder.
Jetzt macht er ihnen wieder den Dutschke. Lässig hängt der Mann in Schwarz über dem Rednerpult. Seine rechte Hand malt mit ausgestrecktem Zeigefinger einen Kreis in die Luft, gleichzeitig legt Joschka Fischer seine Denkerstirn in tiefe Falten.
Mit einer simplen Geste hat sich der Passionsredner gerade die 1000 Zuhörer geangelt. Schlagartig herrscht Ruhe in der Weender Festhalle in Göttingen.
Den Vorturner der grünen Bewegung interessiert an diesem Abend, knapp zwei Wochen vor der Landtagswahl, "nur die eine Frage: Was hält unsere Gesellschaft zusammen?" Fischers Vorschlag: "Wir müssen in Deutschland die Eigentumsfrage wieder neu stellen!" Ein Treffer, anschwellender Applaus in der Menge.
Vor der Eigentumsfrage kommt freilich die lästige Kanzlerfrage. Und die überschattet alles - auch den Wahlkampf in der Grünen-Hochburg Göttingen, wo die Öko-Partei zuletzt 23 Prozent der Stimmen holte und jetzt stärker werden will als die CDU.
"Leider haben wir hier keine normale Landtagswahl", klagt die grüne Spitzenkandidatin Rebecca Harms, "sondern eine Wahl zwischen Lafontaine und Schröder".
Zeitungsreporter aus aller Welt bitten die bewegungsgestählte Atomkraftgegnerin um Interviews. Doch die Journalisten von "Bangkok Post", "Washington Post" oder "El País" fragen nie nach ihrer Basisarbeit im Wendland, auch nicht nach grüner Landespolitik, sondern immer wieder nur das eine: "Verhindern Sie Schröder?"
Tatsächlich stecken die regierungshungrigen Grünen in einem "strategischen Dilemma", wie der Bonner Fraktionschef Fischer einräumt. Denn je besser sie am 1. März zwischen Eichsfeld und Ostfriesland abschneiden, desto geringer sind Schröders Chancen, seinem Konkurrenten von der Saar mit einem bestechenden Ergebnis den Kandidatenstatus abzujagen.
"Ja, sollen wir jetzt etwa SPD wählen?" fragt Rebecca Harms mehr verzagt denn ironisch ihre Anhänger in Göttingen. Damit hat sie einen Lacher produziert - doch das war''s dann auch.
Was die SPD mit ihrem Wahlergebnis in Niedersachsen anfängt, "ist ihr Problem", befindet die Grüne streng. Auf die Kandidatenentscheidung der SPD, sekundiert Fischer der Spitzenfrau, hätten die Grünen keinen Einfluß, "das ist wie beim Wetter". Was aber, wenn das Wahlergebnis dem heimlichen SPD-Favoriten der Grünen, Gerhard Schröder, die Kanzlerschaft verhagelt?
Zwar ergreifen die grünen Spitzenpolitiker in Bonn offiziell für keinen der beiden Aspiranten Partei. "Uns ist es egal, wer von beiden die Wahl gewinnt", erklärt Parteisprecherin Gunda Röstel kühl. Auch Joschka Fischer pflegt entsprechende Anfragen stets abzubügeln: "Wenn ich jetzt was sage, haben Sie eine Schlagzeile und ich ein Problem."
In vertrauter Runde machen die grünen Führungsleute aus ihrer Präferenz für Schröder jedoch kein Geheimnis. Zwar steht Lafontaine ihnen politisch näher - doch dem Niedersachsen trauen sie zu, das rotgrüne Wähler-Reservoir voll auszuschöpfen. Der Weg auf die Regierungsbank, davon ist
* Am 16. Februar in Göttingen.
Fischer überzeugt, gelingt eher mit dem Fähnleinführer aus Niedersachsen.
Außerdem stehe ein Kanzlerkandidat Schröder für eine Große Koalition nicht zur Verfügung, glauben Grünen-Politiker wie Fischer und Röstel. Auch Parteisprecher Jürgen Trittin setzt auf Schröder. In der Frage, wer die SPD in die Wahl führen soll, sind sich Linke und Realo-Grüne schneller einig geworden als die Genossen.
Doch politische Unschärfe ist Fischers Sache nicht: "Wir kämpfen in Niedersachsen mit aller Macht gegen die amtierende Landesregierung", ruft er in Göttingen - und setzt etwas leiser hinzu: "Ob uns das schadet oder nicht."
Tatsächlich wird Schröder in der Weender Festhalle zunächst nichts geschenkt. Der Mann sei eine "Schande für unser Land", wettert Rebecca Harms, weil er Lehrer als faule Säcke beschimpfe und Ausländer als Kriminelle abstempele. Dann aber folgen sofort ein paar Streicheleinheiten. Trotz aller Kritik, bekennt die gelernte Landschaftsgärtnerin, "behält Schröder eine gewisse Faszination" - staunendes Unverständnis im Publikum.
Frau Harms indes eilt schon zur nächsten Pointe. "Damit er gut sein kann, braucht Schröder die Grünen." "Ach so", raunt ein Besucher irritiert.
Solche Verrenkungen meidet der Bonner Fraktionschef. Fischer attackiert lieber gleich nur die Bundesregierung - um nicht in die Schröder-Falle zu tappen. Wortgewaltig warnt er vor der Spaltung der Gesellschaft und neoliberaler Revolution. Steuersenkungen will er ebensowenig ankündigen wie die Halbierung der Arbeitslosigkeit - ein Prophet mit Bodenhaftung.
Wenn sein heimlicher Wunsch in Erfüllung ginge, wäre die SPD wohl aller Sorgen ledig. "Schröder als Kanzlerkandidat", sinniert Fischer zuweilen in kleinem Kreis, "und dann Lafontaine als Kanzler, das wär''s."
* Am 16. Februar in Göttingen.

DER SPIEGEL 9/1998
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