23.02.1998

Bonner Koalition? Nein danke

Vor der Niedersachsen-Wahl am 1. März herrscht unter den SPD-Anhängern, allen parteiinternen Querelen zum Trotz, starker Optimismus: 78 Prozent der SPD-Wähler glauben, daß die Aussichten für die größte Bonner Oppositionspartei momentan besonders günstig seien. Gute Chancen räumen der SPD derzeit auch 36 Prozent der Unionsanhänger ein - so das Ergebnis der Februar-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid für den SPIEGEL.
Zugleich steigt unter den Bundesbürgern der Überdruß an der gegenwärtigen Bonner Koalition. Nur noch 13 Prozent aller Befragten glauben, daß CDU/CSU und FDP die anstehenden Probleme am besten lösen können. Im Januar sagten das noch 17 Prozent. Selbst 22 Prozent der CDU/CSU - und sogar 71 Prozent der FDP-Anhänger plädieren für einen Regierungswechsel.
Auch bei den Themen, die den Deutschen am wichtigsten sind - Arbeitslosigkeit und Sicherheit der Renten - trauen die Bundesbürger der SPD mehr zu als den Unionsparteien. 25 Prozent glauben, daß die Sozialdemokraten Arbeitslosigkeit am besten bekämpfen können, nur 20 Prozent hoffen auf die Unionsparteien. In Sachen Rente ist der Vertrauensvorsprung der SPD noch größer: 34 Prozent erwarten hier eher positive Anstöße von den Sozialdemokraten, 26 Prozent setzen auf die CDU/CSU.
Bei beiden Fragen steigt allerdings auch der Anteil derjenigen, die sich von dem ganzen Bonner Betrieb nichts mehr erhoffen. 46 Prozent glauben, daß keine der Parteien wirksame Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit habe. Ebenso pessimistisch sind 31 Prozent der Befragten im Hinblick auf die Sicherung der Renten.
Den Unionsparteien billigen die Deutschen allerdings besondere Fähigkeiten bei der Verbrechensbekämpfung zu - 39 Prozent setzen auf CDU/CSU, nur 17 Prozent auf die SPD. In der Frage der europäischen Einigung halten sogar 53 Prozent die Unionsparteien für besonders effektiv und nur 14 Prozent die SPD.
Doch Europa-Kompetenz allein wird der Union in diesem Jahr kaum durch die Wahlen helfen. Zwar halten 57 Prozent die Mitgliedschaft in der Europäischen Union für "eine gute Sache". Doch unter den Themen, für die sich die Deutschen besonders interessieren, rangiert Europa ganz hinten. Nur zwölf Prozent finden es besonders wichtig, die Vereinigung Europas voranzubringen. Die Stimmung ist miserabel für die Koalition. Das zeigt auch das Ergebnis der sogenannten Sonntagsfrage: Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahlen wären, würden SPD und Grüne mit zusammen 49 Prozent der Stimmen eine klare Mehrheit der Mandate kassieren.
Allerdings macht ein Hoch im Februar noch lange keinen rot-grünen Herbst. Auch bei der letzten Bundestagswahl 1994 standen die Zeichen im Februar deutlich auf Wechsel. Damals kam Rot-Grün auf 48 Prozent, die Koalition auf 43 Prozent. Doch im Juni kippte die Stimmung zugunsten von Union und FDP.
Und noch etwas könnte den Sozialdemokraten die Laune verderben: Zwar kann der Kandidaten-Kandidat Gerhard Schröder seine Position auf der Beliebtheitsskala halten. Rivale Oskar Lafontaine verliert jedoch im Vergleich zur Dezember-Umfrage acht Prozentpunkte. Und bei der Frage, wen sich die Deutschen als Kanzler wünschen, liegt CDU/CSU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble inzwischen nicht nur vor Oskar Lafontaine, sondern auch knapp vor Gerhard Schröder.
[Grafiktext]
Umfrage zur politischen Situation
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Umfrage zur politischen Situation
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 9/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/1998
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Bonner Koalition? Nein danke

  • Der Chart-Stürmer: Rechter Rapper "Chris Ares"
  • Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht
  • Trump über Grönland-Absage: "So redet man nicht mit den USA"
  • Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"