23.02.1998

VERBRECHEN„Leute, ich bin im Himmel“

Ein Mann, der seine Jugendliebe erwürgte, floh nach neun Jahren aus lebenslanger Haft. In Frankreich baute er sich in fast fünf Jahren eine neue Existenz auf, ehe er wieder erwischt wurde. Am Neujahrsmorgen erhängte er sich im Lübecker Gefängnis. Von Bruno Schrep
"Nur raus will ich, so schnell wie möglich raus - im Knast gehe ich ein"
Die restliche Strafe empfindet er als sinnlose Rache
Früher war ich ein Glückspilz", behauptet Werner Zimmermann aus Elmshorn. Zum Beweis streift der 76jährige Mann sein Hemd hoch und deutet auf eine Narbe mitten auf der Brust: "Rußlandfeldzug 1943. Ein Granatsplitter, nur wenige Millimeter am Herz vorbei."
Später jedoch, erzählt der Rentner, habe ihn das Glück nach und nach verlassen. 1945 sei seine Tochter, gerade zwei Jahre alt, auf einem Flüchtlingstreck verschollen. Vor ein paar Jahren habe er auch noch seine Frau verloren - und nun auch noch das mit seinem Sohn.
Während das Radio in der Küche deutsche Schlager dudelt, führt Zimmermann durch seine viel zu große Wohnung. Überall an den Wänden hängen Fotos eines blonden Mannes. Mal mit langen Haaren und Stirnband, mal mit Bart. Fast immer mit einem Mädchen oder einer Frau im Arm. "Mein Sohn Uwe", sagt der 76jährige in Richtung Wohnzimmerwand, "für den hab'' ich gelebt." Und, nach einer Pause: "Er war ein guter Junge."
Am Neujahrstag hat sich Uwe Zimmermann im Lübecker Gefängnis erhängt. Er wurde 41 Jahre alt.
In der 40 Kilometer von Elmshorn entfernten Ortschaft Wilster, bei den Eheleuten Klaus und Marga Peters, hat der Tod des Häftlings ebenfalls heftige Gefühle ausgelöst. "Ich glaube, der Schmerz hört nie auf", erklärt Marga Peters verbittert.
Die 57jährige Frau hat alte Bilderalben hervorgekramt, zeigt auf Fotos eines jungen bildhübschen Mädchens, das meist freundlich lächelt - bei der Konfirmation, auf dem Sonntagsausflug, im Garten des elterlichen Einfamilienhauses. "Meine Tochter Susanne. Sie hatte noch soviel vor."
Am 22. November 1980, mit 19 Jahren, starb Susanne Peters eines gewaltsamen Todes: Sie wurde von Uwe Zimmermann erwürgt.
Die Gewalttat setzte eine unheilvolle Entwicklung in Gang, die bis heute fortdauert, die bislang das Leben von weiteren sechs Menschen zerstört oder schwer beschädigt hat.
Als hehre Theorie entlarvt wurde die schöne Vorstellung, daß es auch bei einem solchen Verbrechen eine Verständigung zwischen Täter und Opfer, in diesem Fall zwischen Täter und Hinterbliebenen, geben könne. Einmal mehr stellt sich die Frage nach dem Ziel von Strafe.
Am Anfang steht eine scheinbar harmlose Jugendliebe. Susanne Peters ist erst 17, absolviert eine Kaufmannslehre, als sie sich 1978 in den 22jährigen Uwe Zimmermann verliebt. Das Mädchen aus der Wilstermarsch, unternehmungslustig, voller Freiheitsdrang, hat kurz zuvor das Elternhaus verlassen. Elmshorn, wo sie jetzt wohnt, erscheint ihr wie eine Großstadt.
Ihr neuer Freund ist so ganz anders als die Jungen vom Dorf, die das Mädchen bisher gekannt hat: ein schräger, unangepaßter Typ mit schulterlangen, lockigen Haaren, der sie mit seinem bemalten VW-Käfer abholt und wunderschöne Geschichten über die notwendigen Veränderungen der Welt erzählen kann.
An Wochenenden verteilt er Flugblätter für die grüne Partei, die damals noch ein bunter, außerparlamentarischer Haufen von Idealisten ist, oder er demonstriert mit Freunden gegen das geplante Atomkraftwerk Brokdorf. Seinen kaufmännischen Beruf gibt er auf, will statt dessen Lehrer für behinderte Kinder werden.
Susanne Peters ist entzückt, wenn ihr Uwe von Gewaltfreiheit philosophiert oder gefühlvolle Liebesgedichte schreibt. Gegenüber Bekannten schwärmt sie von seiner Sensibilität und seinem Charme.
Beide Elternpaare haben große Zweifel. Die Eltern Zimmermann mögen die offene, herzliche Susanne Peters zwar ganz gern. Sie hoffen trotzdem, daß ihr einziger Sohn, den sie untereinander ihren "Prinz" nennen, sich noch nicht fest bindet.
Die Eltern Peters sind unglücklich. Uwe Zimmermann, finden beide, ist nicht der Richtige für die Tochter: zu weich, nicht ehrgeizig genug, ohne Stehvermögen.
Stiefvater Klaus Peters, ein ehemaliger Oberfeldwebel der Bundeswehr, der Susanne als Kleinkind aufgenommen und mit großgezogen hat, bildet sich sein Urteil schnell: "Man schaut jemand einmal an, dann ist die Mauer da." Auch Susannes Mutter weiß gleich Bescheid. "Ich mochte ihn vom ersten Moment an nicht", erinnert sie sich noch heute.
Die Eltern Peters freuen sich deshalb, als Susanne von Trennung spricht. Sie ahnen nicht, daß die Tochter in einen verhängnisvollen Beziehungsstrudel geraten ist: Sie hat einen anderen Mann kennengelernt, glaubt, von diesem schwanger zu sein, hängt aber gleichzeitig noch an Uwe Zimmermann.
Der hält den Beziehungskonflikt nicht aus. Obwohl er sich bei früheren Trennungen schnell mit neuen Bekanntschaften getröstet hat, reagiert er diesmal panisch.
Er beginnt zu trinken, schluckt Aufputschmittel, schläft kaum noch. Er schreibt dem Mädchen verzweifelte Briefe. Nachts lauert er vor ihrer Haustür. Trifft er sie nicht an, klebt er Zettel mit überschwenglichen Liebesschwüren an ihre Tür - so lange, bis sich Susanne Peters zu einem Versöhnungstreffen überreden läßt.
Das Treffen, an das Uwe Zimmermann alle Hoffnungen knüpft, endet für ihn mit einer schlimmen Enttäuschung. Als er zärtlich werden möchte, gibt sie ihm einen Zettel: "Ich will nicht mehr." Die Botschaft ist ihr Todesurteil.
Eine Nachbarin hört Susanne Peters laut schreien: "Nein, Uwe, laß mich, nein, nein." 20 Minuten später schreit das Mädchen erneut - danach ist es ganz still. Bei der Obduktion wird "Tod durch gewaltsames Ersticken" festgestellt.
* Links: mit Fotos seines Sohnes Uwe; rechts: mit einem Bild ihrer Tochter Susanne.
Die vielen Freunde und Bekannten Uwe Zimmermanns sind über seine Verhaftung empört. Kaum jemand glaubt, daß der sanfte Hippie, der sich noch nie geprügelt hat, einen Menschen umgebracht haben könnte.
Vor Gericht gesteht Uwe Zimmermann jedoch, seine Freundin während eines Streits geschlagen zu haben. Als sie daraufhin die Polizei alarmieren wollte, sei er durchgedreht: "Wie es zum Würgen kam, weiß ich nicht mehr. Als ich wieder zur Besinnung kam, zitterte ich am ganzen Körper und sah Susanne am Boden liegen."
Mord zwecks Verdeckung einer Straftat, entscheiden die Richter. Ihr Urteil, lebenslange Haft, stiftet keinen Rechtsfrieden.
Für die Eltern Peters ist die gesetzliche Höchststrafe das mindeste, was der Mörder ihrer Tochter verdient. Verbittert registrieren sie, daß der Verurteilte schon nach 15 Jahren wieder freikommen könnte.
Die Eltern Zimmermann reklamieren ein Fehlurteil. Warum, fragen sie, hat das Gericht nicht Totschlag unterstellt wie andere Strafkammern bei ähnlichen Beziehungstaten? Wieso blieb die Aussage des Sohnes unberücksichtigt, Susanne habe ihn durch Schmähungen und Kränkungen zum Äußersten gereizt? Weshalb führte sein seelischer Ausnahmezustand nicht zu einer milderen Strafe?
Uwe Zimmermann, bislang ein behütetes Einzelkind, hält den Gefängnisalltag schwer aus. Plötzlich zusammen eingesperrt mit Berufsverbrechern, ist er von Beginn an von einer Vorstellung besessen: "Nur raus will ich", schreibt er schon kurz nach Strafantritt seinen Eltern, "so schnell wie möglich raus. Im Knast gehe ich ein."
Anfangs schmiedet er fast täglich abenteuerliche Fluchtpläne. Er will aus dem Zellenfenster steigen, durch Stacheldraht robben, über die Gefängnismauern klettern. Draußen soll sein Vater mit dem Auto oder einem Fahrrad warten.
Die Pläne samt detaillierten Zeichnungen schmuggelt er in Kassibern an seine Eltern. Die können ihm nicht helfen, selbst wenn sie wollten: Die Bewachung in den ersten Jahren ist viel zu streng.
Besucher spüren hinter Zimmermanns Aktionismus auch den Versuch, sich von seinen Schuldgefühlen abzulenken: Immer wieder spricht er von seiner Tat, phantasiert gar nächtliche Zwiegespräche mit der toten Susanne. "Wenn ich es bloß ungeschehen machen könnte", sagt er zu einem Freund.
Ungeschickt versucht er, einen ersten Kontakt mit der Familie des Opfers aufzunehmen, ruft Marga Peters aus dem Gefängnis an: "Hallo, hier ist Uwe." "Welcher Uwe?" "Uwe aus dem Knast."
Als die Frau den Anrufer erkennt, kann sie nicht mehr aufhören, zu weinen und zu schreien. Ihr Mann muß einen Arzt rufen.
Die Eltern Peters werden von Trauer und Wut geradezu verzehrt. Klaus Peters quält sich mit Selbstvorwürfen, glaubt, Susanne durch zu große Strenge zu früh zum Auszug veranlaßt zu haben. Er bekommt Magengeschwüre, später auch noch Gallensteine. Seinen Job als Textilkaufmann verliert er.
Marga Peters, von Beruf Krankenschwester, kann sich weder im Dienst noch im Haushalt mehr konzentrieren, fühlt sich mit der Erziehung ihrer beiden anderen Kinder oft überfordert. Sie erkrankt ebenfalls, muß sich einer schweren Operation unterziehen.
Der Umstand, daß der einzige Sohn während seiner besten Jahre eingesperrt ist, raubt gleichzeitig den Eltern Zimmermann jede Lebensfreude. Vater Werner Zimmermann, ein kleiner Postbeamter, bricht aus Scham fast alle Kontakte zu Kollegen und Verwandten ab. Mutter Ingeborg Zimmermann fühlt sich am Unglück des Sohnes mitschuldig. Sie fragt sich jeden Tag, was sie falsch gemacht haben könnte, wird schwer herzkrank.
Zwischen den beiden Familien entsteht Feindschaft. Als die Eltern Zimmermann das Grab von Susanne mit Blumen schmücken möchten, kommt es zum Streit: Die Eltern Peters wollen keine Blumen von der Familie des Täters.
Am 14. Februar 1990 gelingt Uwe Zimmermann die Flucht. Während eines Besuches bei seinen Eltern in Elmshorn, der wegen der Krankheit der Mutter und in Begleitung des Anstaltspfarrers genehmigt worden ist, zieht er seinen Vater beiseite: "Gib mir 1000 Mark und stell'' mein altes Fahrrad vor die Tür."
Neun Jahre hat der Gefangene da verbüßt, die meiste Zeit in der Hamburger Strafanstalt Fuhlsbüttel. Er war Gefangenensprecher und Organisator von Popkonzerten und Fußballspielen hinter Gittern, hat eine Ausbildung zum Schuhmacher und mehrere Computerkurse absolviert. Jetzt ist er plötzlich frei.
Er radelt zum Bahnhof, fährt mit dem Zug nach Hamburg, von dort weiter nach Köln, trampt als Anhalter nach Frankreich - in das Land, von dem er im Gefängnis immer geschwärmt hat. Zwei Tage später ruft er seine Eltern aus Paris an: "Leute, ich bin im Himmel."
Fast ohne Geld, ohne Papiere, ohne eine Adresse und ohne Freunde beginnt der Flüchtige eine neue Existenz. Ihm hilft, daß er leidlich Französisch spricht, daß er seine Fähigkeit, andere Menschen für sich einzunehmen, im Gefängnis nicht verlernt hat.
Er ergattert über neue Bekannte ein Zimmer zur Untermiete, schafft es, mit Gelegenheitsarbeiten Geld zu verdienen. Auf dem Pariser Wochenmarkt schleppt er Kisten, oft kellnert er abends in Kneipen.
* Mit Mutter Ingeborg Zimmermann (l.).
Sein Leben wechselt monatelang zwischen Euphorie und Angst. Die Freude, dem Gefängnis entkommen zu sein, schlägt sofort in Panik um, wenn er von weitem einen Flic sieht. Dann beginnt er zu zittern und zu schwitzen, manchmal rennt er einfach weg.
Ein Kumpel vom Markt verhilft ihm zu einem Ausweis. Zimmermann nennt sich jetzt Thomas Behrens. Innere Ruhe findet er dadurch nicht - zumal er, über Dritte, aus Deutschland eine schlimme Nachricht erhält: Seine Mutter ist an ihrem Herzleiden gestorben.
Wenig später begegnet ihm in einer Jugendherberge, wo er zeitweise wohnt, die Anwaltsgehilfin Djamila Magane. Sie wird, nach Susanne Peters, seine zweite feste Partnerin.
Die 29jährige Frau zieht es zu Außenseitern wie Uwe Zimmermann. Sie stammt aus einer kinderreichen algerischen Familie, mußte sich auf der Schule und im Beruf gegen viele unausgesprochene Vorurteile durchboxen.
Sie spürt schon nach kurzer Bekanntschaft, daß der Deutsche etwas verschweigt:
*___Thomas, was quält dich? *___Ich kann es dir nicht sagen. *___Du mußt. *___Vielleicht später. Es ist ein Geheimnis.
Weil ihr der Mann gefällt, sie ihn freundlich, witzig und dazu blendend aussehend findet, fragt sie nicht weiter nach. Das Paar mietet eine kleine Wohnung in St. Chamond, einem Vorort von St. Etienne im Südosten Frankreichs.
Uwe Zimmermann alias Thomas Behrens, in Deutschland als entflohener Mörder gesucht, fühlt sich erstmals nach seiner Flucht sicher. Er schließt neue Freundschaften, wird Mitglied im örtlichen Kleingartenverein, erteilt Schulkindern Nachhilfeunterricht in Deutsch.
Bei einer Lebensmittelfirma, die Waren in die Bundesrepublik exportiert, wird der gelernte Kaufmann als Dolmetscher engagiert. Mit dem Firmenwagen reist er zu Messen nach Köln und Düsseldorf; in Berlin hält er einen Vortrag über den Nährwert von Sojabohnen.
Der Fall Zimmermann hätte als Beispiel für die gelungene Resozialisierung eines Langzeitgefangenen in die Rechtsgeschichte eingehen können. Auf der Polizeistation von Itzehoe sitzt jedoch der Kriminalbeamte B. Und der hat zu der Gewalttat und ihren Folgen eine besondere Beziehung.
Er mußte den Eltern Peters seinerzeit sagen, daß ihre Tochter tot ist. Die heillose Verzweiflung der Mutter kann er nie wieder vergessen. Nach dem flüchtigen Uwe Zimmermann fahndet er deshalb mit persönlichem Engagement und besonderem kriminalistischen Ehrgeiz. Die Akte liegt stets griffbereit auf seinem Schreibtisch. "Wir bleiben immer am Ball", versichert er den Hinterbliebenen.
Der Kommissar setzt durch, daß die Telefonleitung von Vater Werner Zimmermann angezapft wird - ein Schachzug, der durch eine 1992 beschlossene Gesetzesänderung möglich ist. Aus abgehörten Gesprächen wird schnell klar, daß der Gesuchte in Frankreich lebt. Nur wo sich der entlaufene Häftling dort versteckt hält, bleibt ein Rätsel.
Vater Zimmermann bestreitet bei Vernehmungen jegliches Wissen über den Aufenthaltsort des Sohnes. Der Witwer, inzwischen über siebzig, fährt jedoch mehrmals im Jahr mit seinem Auto nach St. Etienne. Er ist glücklich über die neue Existenz des Sohnes, ist begeistert von dessen Freundin Djamila. Er hofft sogar, noch Enkel zu bekommen.
Als der Vater im Dezember 1994 bereits zum gemeinsamen Weihnachtsurlaub nach Frankreich losgefahren ist, öffnen Polizisten mit einem Hausdurchsuchungsbefehl seine Elmshorner Wohnung. Zwar entdecken sie nicht die gesuchte Adresse. Sie finden jedoch zahlreiche Fotos von Uwe Zimmermann, auch eines, das den Gesuchten auf dem Platz einer französischen Stadt zeigt.
Kommissar B. glaubt sich dem Fahndungserfolg nahe. Zusammen mit einem Kollegen und einem französischen Major, der sogar seinen Urlaub abbricht, reist er quer durch Frankreich. Die Beamten fahren von Präsidium zu Präsidium, von Revier zu Revier, präsentieren auf zahlreichen Dienststellen das Foto - vergebens.
Erst als sie schon aufgeben wollen, ohne große Hoffnung einen letzten Versuch starten, kommt der entscheidende Hinweis. Ein Polizist deutet auf einen Linienbus im Bildhintergrund: "Diese Farbe haben nur die Busse in St. Etienne."
Der Rest ist kriminalistische Feinarbeit. Mit Hilfe französischer Kollegen ermitteln die deutschen Kommissare, wo Uwe Zimmermann wohnt. Als der am 21. Dezember 1994, nach fast fünf Jahren in Freiheit, das Haus Nummer 13 in der Avenue de la Libération betreten will, klicken Handschellen. "Na Uwe, wie geht''s?" fragt der Kriminalbeamte B.
Noch aus der Haft in Frankreich wendet sich Zimmermann zum zweitenmal an die Mutter des toten Mädchens: *___Nachdem ich nun von der Polizei gefunden wurde und wieder im ____Gefängnis bin, möchte ich die Zeit dazu benutzen, Ihnen ____mitzuteilen, daß ich immer noch sehr oft an Ihre Tochter ____Susanne denke. Ich möchte mich bei Ihnen und Ihrer Familie für ____meine Tat und die damit verbundenen Schmerzen, die ich Ihnen ____zugefügt habe, entschuldigen. Gleichzeitig hoffe ich, daß Sie ____mir glauben, daß ich die Tat zutiefst bereue. Bitte glauben Sie ____mir auch, daß ich meinen Seelenfrieden nur wieder finden kann, ____wenn es Ihnen möglich sein könnte, mir diese Tat zu verzeihen.
Doch Marga Peters kann nicht verzeihen, sieht die neuerliche Kontaktaufnahme als Provokation. Sie ruft Vater Zimmermann an: "Sagen Sie Ihrem Sohn, er soll uns mit solchen Briefen verschonen."
Zurück in Fuhlsbüttel, hat Uwe Zimmermann bessere Perspektiven als die meisten Mitgefangenen. Seine französische Freundin heiratet ihn, obwohl sie erst nach der Festnahme von seiner Verurteilung wegen Mordes erfahren hat, von der Wahrheit zunächst schockiert war. Und obwohl sie weiß, daß ihr Mann noch bis zum Jahr 2000 sitzen muß. "Meine Gefühle haben sich nicht geändert", erklärt sie Freunden. "Ich liebe ihn und lasse ihn nicht im Stich."
Zur Eheschließung, die am 9. Juli 1996 in der Elmshorner Gaststätte "Margarethenklause" gefeiert wird, bekommt der Gefangene Sonderurlaub; zwei Polizisten begleiten ihn. Seine Fröhlichkeit auf den Hochzeitsfotos ist jedoch nur gespielt.
Der Gefangene haßt das Eingesperrtsein in seiner acht Quadratmeter großen Einzelzelle noch viel mehr als vor seiner Flucht. Die Verbüßung der restlichen Strafe kann er nicht als gerechte Sühne akzeptieren; er empfindet sie als sinnlose Rache. "Ich hau'' wieder ab", prophezeit er einem befreundeten Häftling. Der versucht, ihn zurückzuhalten: "Mensch Uwe, du machst dir alles kaputt."
Beim ersten Ausgang ohne Bewachung, der dem Neuvermählten gewährt wird, bringt Zimmermann seinen Nymphensittich zu Freunden und deponiert seinen Personalausweis beim Vater, ohne daß jemand stutzig wird.
Den zweiten Freigang am 4. Januar 1997 nutzt er, um mit dem Zug nach Lissabon zu fahren. Er weiß, daß Portugal ihn aus rechtlichen Gründen nicht ausliefern wird. Er hofft, daß ihm seine Frau folgt. Er ahnt nicht, welche Reaktionen er auslösen wird.
In Hamburg, wo Bürgerschaftswahlen bevorstehen, die Politiker mit markigen Parolen zum Reizthema innere Sicherheit klotzen, wird Zimmermanns Verschwinden zum Justizskandal erklärt. Die Eltern Peters sind dabei willkommene Zeugen.
Sie betrachten die erneute Flucht als persönlichen Affront, als Verhöhnung ihrer Leiden. In einem offenen Brief, der in mehreren Zeitungen gedruckt wird, schleudern sie ihre Wut heraus: "Mörder werden unter dem Deckmantel Resozialisierung mit Glacéhandschuhen angefaßt, und an die Opfer und Hinterbliebenen wird kein Gedanke verschwendet."
Sie erheben Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Hamburger Justizsenator und den Fuhlsbüttler Gefängnisdirektor - wegen Beihilfe zur Flucht. Und sie setzen zur Wiederergreifung des Flüchtlings eine Belohnung von 10 000 Mark aus.
In Lissabon begreift Zimmermann zur gleichen Zeit, daß er einen großen Fehler begangen hat: Er kann nicht Portugiesisch, hat kaum noch Geld, weiß nicht, wovon er leben soll. Seine Frau macht ihm klar, daß sie nicht nach Portugal umsiedeln will.
Nur 16 Tage nach seiner Flucht fliegt Uwe Zimmermann in einer Linien-Maschine nach Hamburg zurück, um sich zu stellen. Es ist seine letzte Reise.
Er wird ins Lübecker Gefängnis Lauerhof verlegt, dort so streng bewacht wie zu Beginn seiner Haftzeit. Es gibt keinen Ausgang mehr, die Besuchszeiten werden eingeschränkt.
Seinen Antrag, die Reststrafe in Frankreich abzusitzen, in der Nähe seiner Frau, lehnen die Staatsanwälte in Itzehoe ab - eine formal korrekte Entscheidung. Nach zwei Fluchten soll zudem jeder Anschein einer Bevorzugung vermieden, den Eltern Peters kein drittes Mal Gelegenheit gegeben werden, die Justiz als lasch und unfähig zu brandmarken.
Zimmermann spürt den Druck von außen. Der Häftling, der seit seiner Verurteilung gegen die Gefangenschaft rebellierte, verliert in Lübeck den Lebenswillen.
Ehefrau Djamila merkt bei ihren Besuchen, wie schnell sich ihr Mann verändert. Seine blonden Haare färben sich innerhalb weniger Monate erst grau, dann weiß. Der 41jährige geht plötzlich vornübergebeugt wie ein alter Mann. Er redet nur noch ganz leise, kann sich kaum noch auf Gespräche konzentrieren. Wenn sie ihn etwas fragt, starrt er sie oft verständnislos an.
"Nur noch drei Jahre", beschwört ihn die Ehefrau, "so lange muß du noch durchhalten." Sie versucht, ihm mit Plänen über eine gemeinsame Zukunft in St. Etienne Mut zu machen. "Nur noch drei Jahre."
"Zu lang", entgegnet der Gefangene. Am 1. Mai schluckt er eine Überdosis Tabletten.
Kein ernsthafter Selbstmordversuch, vermuten die Ärzte, argwöhnen, der Häftling habe nur Aufmerksamkeit erregen wollen. Ein Antrag von Zimmermanns Anwalt, die Haft vorübergehend zu unterbrechen, wird deshalb abgelehnt.
In der Landesnervenklinik Neustadt und danach in der Haftanstalt werden die Depressionen des Gefangenen mit schweren Beruhigungsmitteln behandelt, die offenbar seine Motorik stören. Eine Besucherin beobachtet im Oktober 1997, wie Zimmermann von Mitgefangenen die Treppe heraufgezogen wird, weil er allein nicht hochkommt. Eine Unterhaltung mit dem Gefangenen ist nicht möglich. Er flüstert nur: "Ich kann nicht mehr."
Nach weiteren Suizidversuchen wird Zimmermann im Dezember 1997 auf die Isolierstation verlegt. Die Maßnahme, angeordnet zu seinem Schutz, macht ihm den Alltag noch schwerer: Er darf nicht mehr Radio hören, nicht mehr fernsehen, nicht mehr am Hofgang teilnehmen. Seine Zelle wird völlig leergeräumt. Das Licht bleibt 24 Stunden eingeschaltet. Alle 15 Minuten guckt ein Kontrolleur durch den Sehschlitz.
Wie der Häftling trotzdem an einen Ledergürtel gelangt, ist noch unklar. Der Beamte, der ihn unmittelbar vor dem Duschen abtastet, findet jedenfalls nichts. Da ist es 11.05 Uhr am Neujahrsmorgen.
Uwe Zimmermann schlingt den Gürtel um den Rahmen der niedrigen Duschkabine, hängt seinen Hals in die Schlinge und zieht die Beine hoch - er erwürgt sich, so wie er vor 17 Jahren seine Freundin erwürgt hat.
Für Susannes Vater Klaus Peters ist das ein folgerichtiges Ende: "Er hat sich seiner gerechten Strafe selbst zugeführt."
Thomas, was quält dich?
Ich kann es dir nicht sagen.
Du mußt.
Vielleicht später. Es ist ein Geheimnis.
Nachdem ich nun von der Polizei gefunden wurde und wieder im
Gefängnis bin, möchte ich die Zeit dazu benutzen, Ihnen
mitzuteilen, daß ich immer noch sehr oft an Ihre Tochter Susanne
denke. Ich möchte mich bei Ihnen und Ihrer Familie für
meine Tat und die damit verbundenen Schmerzen, die ich Ihnen
zugefügt habe, entschuldigen. Gleichzeitig hoffe ich, daß Sie mir
glauben, daß ich die Tat zutiefst bereue. Bitte glauben Sie mir
auch, daß ich meinen Seelenfrieden nur wieder finden kann, wenn es
Ihnen möglich sein könnte, mir diese Tat zu verzeihen.
* Links: mit Fotos seines Sohnes Uwe; rechts: mit einem Bild ihrer Tochter Susanne. * Mit Mutter Ingeborg Zimmermann (l.).
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 9/1998
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