23.02.1998

ZEITGESCHICHTEHeil Hitler und Alaaf

Forschungen von Historikern zeigen: Der Kölner Karneval, während des Nationalsozialismus angeblich ein Hort des Widerstands, war stramm auf Linie.
"Die Rechtsextremisten ließen das Morgenrot einer neuen Zeit aufleuchten"
Köln lag in Trümmern. Nur der Dom stand noch - halbwegs. In der zugigen Aula der gerade wieder eröffneten Universität sprach der CDU-Politiker Konrad Adenauer vor 4000 Zuhörern Sätze, die im Frühjahr 1946 die Absolution bedeuteten. "Keine große Stadt", klagte der frühere Oberbürgermeister, habe der Krieg "so schwer getroffen" wie Köln. Sie hätte es aber "am wenigsten verdient"gehabt - weil nirgendwo sonst "dem Nationalsozialismus bis 1933 so offener und seit 1933 so viel geistiger Widerstand geleistet" worden wäre.
Wenige Monate nach Adenauers Rede vom 24. März 1946 erschien vor dem Entnazifizierungsausschuß zu Köln Thomas Liessem, 46, Kaufmann, ein beliebter und beleibter Funktionär des Frohsinns.
Er sei, erklärte er dem Gremium, das jedes NSDAP-Mitglied zu durchleuchten hatte, als "unerschrockener Kämpfer und Gegner der Partei" aufgetreten, denn "der Kölner Karneval", dessen Cheforganisator der Parteigenosse Liessem war, sei "das demokratischste aller Volksfeste" in Deutschland gewesen. Alaaf!
Die Mär, daß der weltberühmte Kölner Karneval während der Diktatur eine Art Hort des Widerstands gewesen sei, hat sich lange gehalten.
Erst jetzt, 53 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus, wird dieser "brisante", weitgehend "tabuisierte Teil der Stadtgeschichte" (so der Historiker Jürgen Meyer), auch von offizieller Seite kritischer betrachtet. Vorsichtig formulierte Werner Schäfke, der Leiter des Kölner Stadtmuseums, Karneval sei "auch in dieser dunklen Epoche ein Spiegel seiner Zeit, seiner Gesellschaft" gewesen.
Pünktlich zum Jubeljahr des Fasteleer - vor 175 Jahren war der erste Rosenmontagszug - sind in der populärwissenschaftlichen Zeitschrift "Geschichte in Köln" drastische Formulierungen zu lesen. Die meisten Karnevalisten, schreibt Historiker Meyer in der jüngsten Ausgabe, hätten sich "unverhohlen dem nationalsozialistischen Regime angebiedert" - bis zur bösen, auf den Straßen und in Sitzungen offen gezeigten Hetze gegen Juden, ganz im Stile des "Stürmers".
Nach dem Rosenmontagszug 1933, in den beiden Jahren zuvor war er wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise ausgefallen, zollte das Kampfblatt "Westdeutscher Beobachter" Beifall: "Der Kölner Karneval war wieder echter Volkskarneval, keine Konfektionsware aus dem jüdischen Warenhaus."
Danach, schreibt Meyer, hätten die Karnevalisten "förmlich den Gleichklang mit der Partei gesucht". Liessem, damals Chef der Karnevalsgesellschaft Prinzengarde, engagierte für die kommende Session die SA-Kapelle 71 und gab die Weisung aus, "selbstverständlich" müßten in den Büttenreden "die Führer der heutigen amtlichen und kommunalen Stellen ... unangetastet bleiben".
Die "Jecken" stellten sich in den Dienst der braunen Sache. So denunzierte Liessems späterer Mitstreiter Carl Umbreit den Festkomitee-Schriftführer Hermann Schütter als Juden; der Kaufmann verlor alle Ehrenämter. Umbreits Kollege Michel Hollmann, Präsident der Großen Karnevalsgesellschaft, eröffnete seine Sitzungen mit dem Hitlergruß - und ließ die Nationalhymne singen.
Der Barde Jean Müller besang die "Judenplage" und jubelte: "Hurra, mer wäde jetz de Jüdde loß!" Müllers Konkurrent Willi Ostermann schmachtete nicht nur als kölscher Patriot ("Ich möch zo Foß noh Kölle jon"), sondern entpuppte sich auch als platter Nationalist: "Deutsch sein - sei allzeit die Parole ... bis zum jüngsten Tag."
Hemmungslos zogen Redner über "Jordanplanscher" her, die als "Halunken" anderen Menschen das Leben vermiesten. Wer vor Verfolgung durch NS-Schergen flüchtete, wurde als "Semigrant" diffamiert.
Paragraph 3 der Satzung des Festausschusses Kölner Karneval bestimmte: "Nichtarier werden nicht in den Verein aufgenommen." Auch in den Rosenmontagszügen tobte sich der Antisemitismus aus. Die Großfigur "Deviserich" stellte einen jüdischen Bankier dar, selbst der New Yorker Bürgermeister Fiorello La Guardia wurde vorgeführt - als Jude, der aus dem Jauchefaß steigt.
Ein Werbefilm präsentierte den Zug im Jahr 1936 - Kommentator: Thomas Liessem. Als ein Wagen vorbeizog, der Juden als häßliche Untermenschen zeigte (Motto: "Nä, nä, wat et nit all jitt"), schwieg Liessem und lobte in der nächsten Einstellung die Funken und Gardisten: "Angenehm fällt die straffe Haltung der Korps auf."
Kölns Jecken ließen sich den Spaß an der Freud' auch nicht durch die brutalen Übergriffe und Pogrome der sogenannten Reichskristallnacht im November 1938 vergällen. Obschon die Stadt aussah "wie nach einem Erdbeben" (Köln-Forscher Adolf Klein), feierte die geballte Narrentruppe zwei Tage später am 11. 11. die Eröffnung der neuen Session.
Nur einmal keimte Widerstand gegen die Obrigkeit auf - als es ums eigene Fell ging. Der NSDAP-Beigeordnete Willi Ebel hatte versucht, den Kölner Karneval zu straffen und ihn der nationalsozialistischen Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" zu unterwerfen. Der Plan mißlang, weil Ebel ohne Rückendeckung des Gauleiters Josef Grohe gearbeitet hatte.
Liessem aber verkaufte den Sieg später als "Aufstand der Narren", als Revolte gegen das Regime, als "sensationell". In Wahrheit, so die Karnevalsforscherin Ingrid Schwienhorst-Meier, sei dies eine "freiwillige Selbst-Gleichschaltung" gewesen, die lediglich die "organisatorische Selbstbestimmung gesichert" habe (Museumschef Schäfke).
Nach dem Krieg erfaßte die Schlußstrich-Mentalität die Narrenzunft zu allererst. Der Flak-Offizier, Soziologe und Karnevalschronist Joseph Klersch verstieg sich zu der Feststellung, daß "durch die Bellen des Prinzen Karneval" der "Marschtakt des Horst-Wessel-Liedes nur sehr undeutlich an die Ohren der Kölner geklungen" sei. Und Liessem betonte, daß die SA antisemitische Fußgruppen und Wagen in den Zug geschmuggelt hätte - "gegen unseren Willen".
Doch dann brach sich - eine Art Freudsche Fehlleistung - klammheimlich doch die Wahrheit Bahn: "In den dreißiger Jahren", sinnierte der stadtkölnische Heiterkeitswart, "grölten die linken Radikalinskis, begleitet von Schalmeien und Zimbeln, blutrünstige Songs. Die Rechtsextremisten ließen dafür das Morgenrot einer neuen Zeit aufleuchten ..."
Es war halt eine närrische Zeit.

DER SPIEGEL 9/1998
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