23.02.1998

ASIENKRISE„Von Freund zu Freund“

Zwingt der Internationale Währungsfonds Indonesien zu radikalen Reformen? IWF-Chef Camdessus und Bonns Finanzminister Waigel setzen Diktator Suharto unter Druck.
Draußen lähmte eine schwüle Hitze das Leben, doch der 76jährige Gastgeber im Merdeka-Palast von Jakarta war hellwach. Über eine Stunde lauschte Indonesiens Präsident Suharto den Worten von Bundesfinanzminister Theo Waigel.
Schon einige Tage vorher hatte Helmut Kohl seinen Emissär angekündigt, der samt einer Gruppe von Bankern vergangene Woche durch die Krisenregion Fernost hetzte. "Der Theo", hatte der Kanzler erklärt, sei "ein zuverlässiger Kerl", da lohne das Zuhören.
Und so machte Waigel, auf dessen Krawatte das Euro-Symbol leuchtete, dem autokratischen Herrscher klar, daß es zu der umstrittenen Hilfsaktion des Internationalen Währungsfonds (IWF) derzeit keine Alternative gebe - auch wenn Suharto das noch nicht glauben mag.
Michel Camdessus, der Direktor des Währungsfonds, wurde noch etwas drastischer. In einem Brief hatte er dem indonesischen Präsidenten kurz zuvor eindeutig erklärt: Entweder Suharto akzeptiere die Bedingungen des Westens, oder die 43 Milliarden Dollar, die der IWF dem bankrotten Regime versprochen hatte, würden nicht ausgezahlt.
Massiv wie nie zuvor machte der Westen in den vergangenen Tagen Druck auf Suharto. US-Präsident Bill Clinton und Japans Premierminister Ryutaro Hashimoto griffen ebenso zum Telefonhörer wie der deutsche Kanzler; neben Waigel war auch Singapurs Regierungschef Goh Chok Tong in die Metropole Jakarta gereist. Der Währungsfonds benannte sogar einen Sonderberater für Suharto.
High-noon in Fernost: Indonesiens Herrscher gegen die Geldgeber aus dem Westen. "Dieses Duell", sagt Angus Armstrong, leitender Asienanalyst der Investmentbank Deutsche Morgan Grenfell, "ist eines der größten Gefechte, das sich der IWF je geliefert hat."
Es geht um die Zukunft der viertgrößten Nation der Erde, um ein Reich mit rund 200 Millionen Menschen und 13 677 Inseln.
Nirgendwo in Asien ist die Finanzkrise, die den Traum vom pazifischen Jahrhundert so jäh zerstört hat, derart eng mit einer politischen Krise verbunden. Seit 32 Jahren regiert der alte Mann aus Java das Inselreich. Am 10. März will er sich zum siebtenmal für eine weitere fünf Jahre währende Amtszeit zur Wiederwahl stellen. 1000 handverlesene Delegierte sollen ihn per Akklamation bestätigen.
Doch auch wenn der Diktator sich seiner Wahl sicher sein darf, hat sich draußen im Land Wut aufgestaut - denn die Asienkrise, erst nur ein Phänomen der Börsen, erreicht nun das Volk. Indonesien erlebt, wie Waigel erkennen mußte, derzeit "einen schmerzhaften Anpassungsprozeß".
Jeden Tag vermelden die Zeitungen in der Zwölf-Millionen-Stadt Jakarta neue Hiobsbotschaften über Firmenzusammenbrüche und Entlassungen: Auf Sumatra, in Westjava und anderswo plündern Tausende von Menschen die Läden, weil sich die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis und Kochöl fast vervierfacht haben.
Die indonesische Rupiah hat in den vergangenen Monaten bis zu 80 Prozent ihres Wertes verloren. Der autokratische Herrscher will die Währung deshalb wieder fest an den Dollar koppeln, den Kurs will er aber nicht, wie vor dem Crash, bloß durch ein loses Versprechen garantieren.
Statt dessen möchte Suharto, um allen Turbulenzen vorzubeugen, seine hilflose Notenbank quasi entmachten und ein "Currency board" einsetzen. Es soll dafür sorgen, daß für jeden Rupiah-Schein, den die Indonesier besitzen, ein fester Dollar-Betrag beim Staat hinterlegt wird.
Indonesisches Geld gäbe es demnach nur noch in dem Maße, in dem das Land über Devisenreserven verfügt - und die sind im Kampf gegen die Spekulanten kräftig zusammengeschmolzen. Bei einem geplanten Kurs von 5000 Rupiahs für einen Dollar wäre die Landeswährung etwa doppelt so- viel wert wie derzeit an der Devisenbörse.
Die Idee kam Suharto nicht selbst, ein Amerikaner - und Ökonom dazu - hat sie ihm eingeflüstert: Steven Hanke von der Johns-Hopkins-Universität in Washington. Das Argument, das erst Suhartos Tochter, die Hanke eingeladen hatte, und dann den Präsidenten selbst überzeugte: Länder wie Argentinien, Estland oder Hongkong haben damit beste Erfahrungen gemacht. Warum also nicht auch Indonesien?
Die Experten im Westen haben ihre Zweifel. "Viel zu riskant", befand Alan Greenspan, Chef der US-Notenbank. Indonesiens Wirtschaft, glaubt Greenspan, habe sich einfach noch nicht genug stabilisiert.
IWF-Chef Camdessus fühlte sich überrumpelt und ging zum Gegenangriff über. "Wenn man einen Patienten heilen will, sollte das Medikament nicht töten", schimpfte er.
Erst müßten die vom IWF geforderten Reformen hin zu mehr Marktwirtschaft durchgepeitscht werden, glaubt auch Theo Waigel: Weg mit vielen Monopolen, weg mit überhöhten Subventionen - diese Botschaft verbreitete er in Jakarta.
Nur widerwillig hatte Suharto im Oktober vergangenen Jahres den IWF überhaupt ins Land geholt, als der Finanztaifun, von Thailand und Malaysia kommend, über sein Land hinwegfegte. Bis zuletzt hatte der Regent mit der schwarzen Mütze gehofft, daß seine Regierung den Währungscrash selbst managen könne. "Will der Westen uns neu kolonisieren?" mußte sich auch Sparkassenpräsident Horst Köhler während seines Besuchs vom indonesischen Generalstabschef anfahren lassen.
Bislang herrschen der Präsident und seine sechs Kinder über Hunderte von Firmen. Der Clan besitzt Fluglinien, TV-Sender und Kraftwerke, und er kontrolliert zahlreiche Stiftungen, die wiederum an wichtigen Konzernen beteiligt sind. "Die indonesische Regierung", sagt der Regimekritiker George Aditjondro, "war für 32 Jahre das Werkzeug der Suharto-Familie."
Minister Jusuf Habibie, der mögliche Suharto-Nachfolger, stammt zwar nicht aus der Familie des Diktators. Unter Ökonomen ist Habibie, 61, dennoch gefürchtet. Er beherrscht die Vetternwirtschaft fast ebenso gut wie der Suharto-Clan, in mindestens 83 Firmen mischt er mit - von der Chemie über die Telekommunikation bis hin zur Krokodilzucht.
Argwöhnisch beobachten vor allem die Amerikaner das merkwürdige Treiben des Ministers - und seine Nähe zu den Deutschen: Viele Jahre hat Habibie in Deutschland gelebt, erst als Student in Aachen, dann als Manager bei Messerschmidt-Bölkow-Blohm.
Und so führte für Waigel in Jakarta an dem Mann mit der sich überschlagenden Stimme kein Weg vorbei. Schon am Flughafen wartete Habibie, er chauffierte den deutschen Minister im Mercedes zum Präsidentenpalast und lud abends zum großen Bankett.
Waigel blieb charmant im Ton - aber in der Sache hart. Habibie, so mahnte Waigel in seiner Tischrede, möge doch dafür Sorge tragen, daß zumindest eines befolgt werde - "unser bescheidener Rat von Freund zu Freund".

DER SPIEGEL 9/1998
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