23.02.1998

AUFBAU OSTDer Glücksdrache

Fast unbemerkt nahm der französische Mineralölmulti Elf Aquitaine den High-Tech-Komplex Leuna 2000 in Betrieb. Eine Region, die nach Seveso klang und wie Bhopal roch, schöpft neue Hoffnung. Von Michaela Schießl
Nachts, wenn das Dorf schläft, wird das Monstrum zum Tausendäugler. 14 000 Lämpchen blinzeln auf. Die Lichter, so scheint es, klettern die Schlote hoch, besetzen Tanks und patrouillieren kilometerweit am Rohrgewirr entlang.
Mit schrillem Pfeifen entweicht Dampf aus silbernen Därmen. Und ganz oben speit das Ungetüm Feuer.
So also sieht Zukunft aus. Bürgermeister Jürgen Elste schaut auf das stählerne Etwas, das sich da auf der Wiese seiner Gemeinde Spergau niedergelassen hat, und ist stolz. Auf sich, auf diese glitzerneue Raffinerie und auch auf den Kanzler: "Wenn er zur Eröffnung kommt, werde ich seine große Pranke schütteln."
Dann wird der wichtigste Mann im Dorf dem wichtigsten Mann im Lande in die Augen schauen, wissend, daß sie gemeinsam das Unmögliche geschafft haben: Sie haben einer Region, die nach Seveso klang und wie Bhopal roch, eine Zukunft gegeben.
Über sechs Jahre ist es her, als Kohl den Chemiearbeitern im Leunaer Clubhaus sein Jawort gab: Der historische Standort werde erhalten, das verseuchte Industriegebiet gerettet. Undenkbar und unbezahlbar, sagten damals viele Experten.
Drei Jahre später, im Wahljahr 1994, zelebrierte Kohl mit Pomp den ersten Spatenstich zur größten Industriebaustelle Europas. Rücken an Rücken zum früheren Kombinat "Walter Ulbricht" würde die modernste Raffinerie des Kontinents entstehen, und sie sollte außergewöhnlich werden: auf einer Fläche von 400 Fußballfeldern, mit vollcomputerisierter Meßwarte und mit Umweltstandards für das Jahr 2005, energiesparend und lärmgedämpft. Ein Organismus der Moderne, der jährlich knapp zehn Millionen Tonnen überwiegend russisches Rohöl vertilgen und zu Flüssiggas, Methanol, Benzin, Diesel und leichtem Heizöl verdauen kann.
Mit Hilfe des damaligen französischen Präsidenten François Mitterrand gelang es Kohl, einen Hauptinvestor zu gewinnen: den französischen Mineralölkonzern Elf Aquitaine. Seit dem Kanzler dieser Coup glückte, nennen ihn die Leunaer nur noch beim Vornamen. Helmut, ihr Freund.
Doch die Inbetriebnahme der Raffinerie fand ohne den Regisseur statt. Philippe Jaffré, Präsident von Elf Aquitaine, drückte Anfang November allein den Startknopf, der den letzten Teil der Anlage in Betrieb setzte. Der Visbreaker sprang an, die Destillationsanlage surrte. Des Kanzlers Prestigeobjekt ratterte ohne ihn los.
"Ich bin stolz, daß wir zur Beibehaltung des Traditionsstandorts beitragen durften", formulierte Jaffré würdevoll. Und weil er Sinn für historische Momente hat, sprach er mit John-F.-Kennedy-Gesicht: "Wir sind eine deutsche Raffinerie."
Das klingt harmonisch, doch in Wahrheit ist die Stimmung zwischen Bonn und Elf Aquitaine gespannt. Denn der Bau des Komplexes Leuna 2000 wurde von unzähligen Skandalen begleitet.
Der französische Heilsbringer hatte mit Dankbarkeit für das 4,8 Milliarden Mark teure Ostengagement gerechnet. Statt dessen sieht er sich von mißtrauischen Rechnungsprüfern umstellt, von Subventionsmißbrauch ist die Rede, vom Ausplündern der Staatskasse, von Schmiergeldzahlungen.
Tatsächlich flossen Millionenbeträge von Elf auf Schweizer Konten, für wen und warum ist noch immer ungeklärt. Konkreter sind da die Vorwürfe, die von EU-Kommissar Karel van Miert überprüft werden: Die Franzosen sollen die Baukosten künstlich aufgebläht haben, um rund 1,4 Milliarden Mark an Subventionen zu kassieren.
Den Elf-Chef ärgert das öffentliche Gezerre: "Wir haben alle unsere Verpflichtungen eingehalten. Wir haben 2550 Arbeitsplätze geschaffen, trotz Überkapazitäten in der Branche diese Raffinerie gebaut", addiert er schmallippig. Nicht sein Problem, daß - alles eingerechnet - jeder der hier entstandenen Arbeitsplätze den deutschen Steuerzahler knapp zwei Millionen Mark kostet. Nicht sein Problem, wenn Brüssel zickt.
Sein Problem ist, daß der Elf-Konzern mittlerweile privatisiert ist und nur noch eines zählt: der Gewinn.
Erst wenn die Bundesregierung all ihre großen Versprechungen gehalten hat, werde man zur offiziellen Einweihungsparty laden: mit Medienauflauf, hoher Promidichte, vielen dankbaren Chemiearbeitern - und Helmut Kohl als Hauptdarsteller. Was heißt: Wenn der Kanzler nicht zahlt, kann er seinen glamourösen Wahlkampfauftritt vergessen.
Daran darf Bürgermeister Elste nicht denken. Er will feiern, am liebsten ganz groß, die Skandale sind ihm egal. Durch "das Ding", sagt der 49jährige FDP-Mann über die Raffinerie, wird Spergau zur "wichtigsten Stadt Deutschlands". Das Engagement des 1800-Seelenortes machte den Aufschwung Ost erst möglich - und deshalb wurmt es den Dorfchef, daß das Projekt "Leuna 2000" heißt. Spergau müßte es heißen - Spergau 2000. Das wäre gerecht. Schließlich steht die Raffinerie auf Spergaus Äckern, weil in Leuna kein Platz mehr war.
Ein zähes Stück Arbeit war das für den Elektriker Elste. Schließlich hatte er 1990 höchstpersönlich mit seinem Gemeinderat einen revolutionären Beschluß gefaßt: keinen Zipfel Land mehr für die Chemie!
Die Spergauer hatten genug von Honeckers-Propaganda-Prosa "Chemie gibt Glück, Wohlstand, Schönheit". Nur zu gut kannten sie die häßlichen Seiten.
Es stank. Sie atmeten saure Schwefelschwaden. Man nahm ihnen ihr Land. Die Chemieanlagen drangen bis an ihre Gärten vor. Abwässer vergifteten ihre Brunnen, Abgase verseuchten regelmäßig ihre Ernte. Die Obstbäume starben, und Fische trieben bäuchlings im Fluß, der selbst bei wochenlangen Minusgraden nicht gefror.
Das Kommando aber hatten die in Leuna. Und wer sich beschwerte, wurde bestraft. Über 70 Jahre lang litt Spergau an der Chemie, seit die BASF 1916 Leuna als Standort auserwählte, um Nitrate für die Sprengstoffproduktion herzustellen. "Auf einem Foto sah ich, wie am 27. April 1917 der erste Kesselwagen mit hier produziertem Ammoniakwasser das Werk verließ: tannengrün geschmückt und mit der Aufschrift XFranzosentod!'' versehen", so der Heimatforscher und Schriftsteller Jürgen Jankofsky in seinem Buch "Graureiherzeit"**.
* Bei der Grundsteinlegung am 25. Mai 1994.
** Jürgen Jankofsky: "Graureiherzeit". Anita Tykve Verlag, Berlin 1996; 228 Seiten; 29,80 Mark.
Auch im Zweiten Weltkrieg produzierten die Leunawerke für den Tod, unter Regie der berüchtigten IG Farben, einem Chemiegiganten, aus dem später die Gesellschaften Bayer, BASF und Hoechst hervorgingen. Die Raffinerie verwandelte Braunkohle in Treibstoff, für Panzer und Kampfflugzeuge. Als Vergeltung wurden schätzungsweise 85 000 Bomben auf die Leunawerke geworfen - Elf Aquitaine fand auf dem Grundstück 15 Tonnen Bombenreste.
Nach dem Krieg kam der Sozialismus, und wieder mußten die Spergauer das Gift lieben - diesmal als Genossen. Mit dem Zusammenbruch der DDR hoffte die einstige Großbauerngemeinde auf ein Ende des Alptraums - im Gegensatz zu den meisten Menschen in der Region, die um den Chemiestandort bangten.
In diese Stimmung hinein platzte Kohls Garantie. "Dem politischen Druck sind wir nicht gewachsen", ahnte der Bürgermeister gleich. Wie also konnte der Ort vom Unvermeidlichen profitieren?
Der Liberale schwenkte um, und weil er mit 91,7 Prozent der Wählerstimmen über großes Vertrauen verfügte, schwenkten seine Bürger artig mit. Eine Großraffinerie im nordrhein-westfälischen Wesseling wurde besucht, auch das minderte die Angst vor neuem Umweltterror.
Elste agierte geschickt. Als Lohn für die Nachgiebigkeit verlangte er die Unabhängigkeit seiner Minigemeinde. Hartmut Perschau, damals Innenminister in Sachsen-Anhalt, versprach sie ihm - mündlich, per Handschlag von Mann zu Mann.
Daraufhin verkauften 135 Grundeigentümer ihre Äcker an Elf, zu 20 Mark den Quadratmeter. Elste peitschte in Rekordzeit einen Bebauungsplan durch. Schlau verband er alle Zugeständnisse mit der Forderung nach dem Ausbau der Autobahn A 9. "80 Tanklaster pro Stunde, 900 pro Tag kann die Raffinerie abfertigen - wollen Sie die durchs Dorf knattern lassen?" Wollte niemand, die Autobahn kam.
Unermüdlich kassierte Elste bei den Franzosen ab, zum Wohle Spergaus. 17 Millionen Mark zahlten sie für Ersatz-Grünanlagen, jene elf Familien, deren Häuser verboten dicht an der Methanolanlage standen, bekamen ein neues Zuhause. Auch die berühmte Heimatfeier, das Lichtmeßfest, wird neuerdings von den Pariser Freunden gesponsert.
In drei Jahren sollen die Betreiber von Leuna 2000 auch noch Steuern zahlen, Elste schätzt zehn Millionen Mark jährlich. Schon jetzt ist der neue Reichtum sichtbar: Im Mai holte der Chemieort die Kreismeisterschaft im Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden".
Nur unabhängig wurde Spergau nicht. Innenminister Perschau trat zurück, Nachfolger Walter Remmers wollte von der Abmachung nichts wissen und veranlaßte die Zwangszuordnung - zu Leuna. Die Spergauer protestierten, boykottierten die Wahlen und demonstrierten während des Kanzlers Spatenstich-Zeremonie.
Nun wurde der Ort als Kompromiß der Verwaltung Bad Dürrenberg zugeschlagen. Doch Elste ist noch immer enttäuscht. "Alles habe ich getan, damit die Raffinerie kommt. Nun kann der Mohr gehen."
Dietlind Hagenau, Bürgermeisterin von Leuna, hat wenig Mitleid mit ihrem Amtskollegen. Sie ist verstimmt, sie hätte die neureichen Querköpfe von nebenan gern eingemeindet.
Denn in der Region dreht sich vieles um Leuna 2000, der High-Tech-Komplex ist der Herzschrittmacher auch für jene Firmen, die sich hinzugesiedelt haben. Chemieproduzenten und Zulieferer, Forscher und Weiterverarbeiter, Monteure und Dienstleister geben dem Gelände neues Leben.
Die Firma Linde stellt technische Gase her, Domo produziert Nylonfasern. Kunstharze, Wachse, Polyamide und Tenside, alles ist wieder zu haben - und gelegentlich stinkt es genau wie früher. Die Aminenanlage sei das, befinden die einheimischen Spürnasen - und fast schwingt ein wenig Nostalgie mit.
Mit der neuen Zeit verschwanden allerdings auch die alten Arbeitsplätze. Aus Leuna, einst Hochburg der Malocher, wurde ein Städtchen der Senioren.
Karl-Heinz Richter fühlt sich unwohl in seinem Vorgarten. Der SPD-Stadtrat hat sein Leben an blubbernden Reagenzgläsern verbracht, und dort würde er auch heute lieber stehen als am Klappspaten. Zu gern wollte der Forscher den Wessis zeigen, was ein DDR-Chemiker kann: "Aus Scheiße Gold machen".
Keine Chance. Am 1. Juli 1991 wurde er, 57jährig, aufs Altenteil geschickt, mit 25 000 Mark in der Tasche. Trost für 22 Jahre Leuna. Insgesamt mußten rund 70 Prozent der 1990 noch 62 700 Chemiearbeiter im Dreieck Leuna-Halle-Bitterfeld ihre Arbeitsstätten verlassen.
Chemielaborantin Anemone Warwas, 44, zählt zu den wenigen Glückspilzen. Die frühere Kombinatslaborantin der Raffinerie-Brigade 819 hat eine Anstellung in der neuen Raffinerie ergattert, was etwa einem Fünfer im Lotto entspricht.
Als eine von 550 wurde sie für die Zukunftsfabrik auserwählt. Die anderen 2000 vom Elf-Konzern garantierten Stellen sind ausgelagert: beim Wachschutz, der Werksfeuerwehr, den Speditionen.
Den Tag im Mai, an dem die Zusage kam, wird die quirlige Frau nie vergessen. Voller Freude rannte sie ins Labor, wedelte mit dem Schrieb und jubelte: "Leute, jetzt geht''s los, morgen seid ihr dran."
Doch die Tage vergingen, keine Briefe kamen an. Die Stimmung im Labor 819 wurde eisig, und Anemone Warwas schämte sich ihres Glücks: "Wir von der Endkontrolle waren eine eingeschworene Brigade, wie eine Familie. Doch plötzlich kämpfte jeder für sich", erinnert sie sich.
"Unfaßbar schnell" habe die Entsolidarisierung eingesetzt. Ein Grillfest wurde noch gefeiert, mäßig ausgelassen. Nach der letzten Schicht gab man sich die Hand und ging auseinander.
"Uns erschien der Kapitalismus wie das Gespenst in unseren Schulbüchern", sagt Warwas. Die erste Entlassungswelle 1990, eine weitere 1992 und schließlich tabula rasa. Aus ihrer Schicht in der Raffinerie haben nur 4 von 45 den Sprung in die neue Fabrik geschafft. Die anderen wurden frühpensioniert oder bekamen eine Gnadenfrist in der Beschäftigungsgesellschaft.
Zukunftschancen? Optimismus? Wenigstens ein bißchen Hoffnung? Wer in diese Gesellschaft geschoben wurde, kann damit nicht dienen.
"Wir haben halt alle nur Chemie gelernt", sagt Anemone Warwas. Das war selbstverständlich in der Region. Wer in Leuna oder Bitterfeld die Schwefelschwaden der Welt erblickte, konnte "Mirathensynthese" sagen, gleich nach "Mama".
Kürzlich war sie noch einmal in ihrem alten Labor, der Baracke 819. Die meisten Geräte sind weg, etwas hilflos stand die Frau mit der blonden Igelfrisur in ihrer Vergangenheit herum. "Hier habe ich immer davon geträumt, in einem modernen Labor zu arbeiten", sagt sie.
Mit der neuen Raffinerie ging der Traum für sie in Erfüllung. Ein Industriekomplex der Superlative ist entstanden: 1200 Kilometer Elektrokabel wurden verlegt. Eine undurchschaubare Konstruktion von 13 000 Tonnen Stahl stützt furchterregende Anlagen namens Visbreaker, Cracker oder Reformer. Allein der Entschwefelungsreaktor wiegt 553 Tonnen.
Rund tausend Motoren treiben die Prozesse voran, und wenn eines der 1200 automatischen Ventile versagt, blinkt auf dem Leitcomputer ein Signal. Schon bevor die Labors fertig waren, übten Anemone Warwas und ihre Kollegen in Behelfsbaracken an den neuen Geräten, studierten die Abläufe, paukten Arbeitsvorschriften.
Nun überprüft sie in einer blitzsauberen Chemieküche das Erdöl auf seine Eingangsqualität, testet Zwischenprodukte per Computeranalyse, und wer sie nicht bremst, erfährt alles über Vakuumdestillation und atmosphärische Destillation, chemische Zusammensetzungen und Aggregatzustände.
Seit der Probebetrieb läuft, ist die Frau "aufgeregt wie bei einer Jungfernfahrt". Werden die Computer funktionieren? Wird das Ungetüm wirklich gehorchen? Auch dann, wenn nicht alles planmäßig läuft? 15 Jahre ist es her, seit in Europa zum letztenmal eine neue Raffinerie gestartet wurde.
"So was gibt''s nur einmal im Leben", sagt sie. "Wie eine Zeitreise" erlebt die Frau ihr neues Arbeitsleben - Sciencefiction in 3 D. Nachts verläßt die Chemiearbeiterin manchmal ihr Labor, tritt neugierig ins Freie, wo riesig und schnaubend das Monstrum kauert.
Und manchmal passiert es dann, sie könnte schwören: Der Glücksdrache blinzelt ihr zu.
[Grafiktext]
Kartenausriß - Lage Leuna
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Kartenausriß - Lage Leuna
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* Bei der Grundsteinlegung am 25. Mai 1994.
Von Michaela Schießl

DER SPIEGEL 9/1998
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