23.02.1998

Der Weiblichkeitswahn

30 Jahre nach dem historischen Tomatenwurf, mit dem in Deutschland der Feminismus den Männern den Krieg erklärte, ist es Zeit für eine Bilanz im Kampf der Geschlechter. Was haben die Frauen erreicht? Haben die Männer ihre Macht verteidigt? Werden sie jetzt unterdrückt? Ist es Zeit für eine Gegenoffensive?
Als John F. Kennedy im Jahr 1961 über die Landung amerikanischer Boote auf Kuba entschied, da konnte man froh sein, fand ein US-Mediziner, daß im Oval Office keine Frau installiert war. "Stellen Sie sich vor", schrieb er besorgt, "da säße ein weiblicher Präsident in den Wechseljahren und soll über die Invasion der Schweinebucht entscheiden" - ein gräßlicher Gedanke.
Als Margaret Thatcher im Jahr 1982 den Falklandkrieg vorantrieb, fürchtete ein britischer Unterhausabgeordneter das Schlimmste für sein Land: Seine Regierungschefin sei "nicht imstande, lebenswichtige Entscheidungen wie die zwischen Krieg und Frieden zu treffen, einfach des-
* Schönheitskonkurrenz in Florida, 1993.
halb, weil sie eine Frau und als solche dem Menstruationszyklus unterworfen ist".
Als Bill Clinton im Januar 1998 eine Affäre mit einer Praktikantin vorgeworfen wurde, debattierte die gesamte Weltpresse über den Testosteronspiegel des US-Präsidenten, über seinen "Erektionswinkel" und über mögliche Spermaspuren auf einem Kleid. Daß er seinen Job darüber nicht sofort verloren hat, verdankt er vor allem seiner kühlen, beherrschten, klar kalkulierenden Frau.
Ein Fortschritt? Aber für wen?
Nein, es herrscht kein Frieden im Geschlechterkampf, nicht einmal Waffenstillstand. Der Machtkampf geht weiter, im Bett, in der Politik, im Büro. Aber die Gefechte sind andere geworden in den 30 Jahren, die es die Frauenbewegung gibt. Und auch darüber, wer derzeit auf dem Vormarsch ist, herrscht Streit.
Die Frauen, sagt die britische Feministin Fay Weldon und fordert "Mitleid" für die Männer: diese gebeutelten Geschöpfe, die gesundheitlich angeschlagen und schwer verunsichert sind und derzeit massenhaft ihre Arbeit verlieren. Sie bittet darum, den männlichen Hang zum schlechten Benehmen als "verzweifelten Schrei" zu verstehen, durch den "ein untergehendes Geschlecht um Hilfe ruft - am liebsten weibliche Hilfe".
Nach wie vor herrschen die Männer, sagen die deutschen Männerforscher Uwe Heilmann-Geideck und Hans Schmidt. Frauen hätten zwar ein paar Jobs und ein bißchen Verantwortung mehr als früher. Doch von einem Vormarsch könne keine Rede sein: Ihnen sei lediglich "ein Stück Ausleben von Wirklichkeit gestattet worden", aber die Männer legen "die Zulassungsbeschränkungen" fest.
Wer hat sich verändert seit 1968: Die Frauen? Die Männer? Oder nur die Sichtweise, mit der die Menschheit auf sich selber blickt?
Frauen auf dem Vormarsch - manches spricht dafür. Die Bildung zum Beispiel: Zum erstenmal in der Geschichte sind an deutschen Universitäten mehr Studentinnen als Studenten immatrikuliert. Unter den jüngeren Deutschen ist das Verhältnis insgesamt gekippt: Bei über 25jährigen haben, so wie es immer war, die Männer die besseren Schulabschlüsse. Bei denen unter 25 führen neuerdings die Frauen: Sie stellen die Mehrheit der Abiturienten und die Minderheit unter den Schülern mit Hauptschulabschluß.
Es gibt die Außenministerin Madeleine Albright in Washington und die EU-Kommissarin Emma Bonino in Brüssel, es gibt die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth in Bonn, die Verfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach in Karlsruhe und die Ministerpräsidentin Heide Simonis in Kiel. Es wächst die Zahl der Bankdirektorinnen, Fernsehkommissarinnen und Gleichstellungsbeauftragten, und im Freistaat Sachsen wird jedes Jahr der "frauenfreundlichste Betrieb des Landes" prämiert.
Andererseits: Die Ermunterung ist dringend nötig, denn viele so vorbildliche Betriebe finden sich nicht. Die Leichtlohngruppen sind zwar lange abgeschafft, aber immer noch verdienen Frauen in Deutschland bei einem Achtstundentag ein Drittel weniger als Männer - quer durch die Branchen, fast überall. Und wenn sie die Arbeit verlieren, haben sie es besonders schwer, wieder welche zu finden. Besonders in Ostdeutschland, wo das eigene Einkommen der Frauen früher selbstverständlich war, ist die Lage prekär. In Massen wurden die Frauen nach Hause geschickt, nun stellen sie die Mehrheit der Arbeitssuchenden - die Ära der Werktätigen ist vorbei, besonders wenn sie weiblich sind.
Viel zu sagen haben Frauen ohnehin nicht, auch wenn sie Arbeit haben. Beispiel Krankenhaus: Dort arbeiten doppelt so viele männliche Ärzte, viermal so viele Oberärzte und zwölfmal so viele leitende Ärzte wie weibliche Kollegen. An der Uni sind rund acht Prozent der Professoren-Stellen mit Frauen besetzt - das sind noch weniger als zu Anfang der siebziger Jahre. Und in der Wirtschaft, ganz an der Spitze im Top-Management, sind Frauen so rar, daß man sie kaum zählen kann: 0,8 Prozent.
Die Chefs sind männlich, die Personalplaner auch, und genau daran hakt es, kritisiert eine Studie der "International Labour Organisation" (ILO): Sie sehen oft keinen Anlaß, etwas "für die Harmonisierung von Beruf und Familie" zu tun. Auch der Staat hilft da nicht viel weiter. Zwar steht inzwischen das "Recht auf einen Kindergartenplatz" auf dem Papier, aber das nützt nichts, so lange es den nicht gibt oder nur für drei Stunden am Tag. Nachdem ein Großteil der ostdeutschen Kindergärten geschlossen wurde, ist Deutschland, meldet eine EU-Studie, deutlich unterversorgt - eines der Schlußlichter in Europa.
Arbeit, Geld, Besitz: Weltweit sieht es nicht gut aus für die Frauen. Sie leisten zwei Drittel der Arbeit, verdienen insgesamt ein Zehntel des globalen Einkommens und besitzen ein Prozent von Grund und Boden.
Grund zur Rache, so scheint es, aber die gibt es nicht. Nicht mit Gewalt jedenfalls. Zwar werden ab und zu Fälle wie der von Lorena Bobbit bekannt, die ihren eigenen Mann entmannte, oder wie jener Kalifornierin Brenda, die im Dezember 1997 zum Skalpell griff, um einen Frauenmörder zu bestrafen - doch das sind seltene Ausnahmen. Gewalt ist fast immer männlich, und das gilt weltweit. In China lassen Ärzte und Eltern weibliche Babys sterben, weil sie nur Söhne behalten wollen. In Indien werden immer noch Witwen verbrannt. Zwei Millionen Frauen, vor allem Afrikanerinnen, werden jährlich grausam an ihren Genitalien verstümmelt. In Afghanistan werden Frauen Finger abgehackt, wenn man sie auf der Straße mit Nagellack erwischt.
In Deutschland erlebt jede sechste, nach manchen Schätzungen auch jede dritte Frau Schläge oder Schlimmeres in ihrer Partnerschaft. Neun von zehn Gewalttätern sind männlich, und das Muster ist häufig dasselbe: Männer töten, weil sie nicht ertragen, daß eine Beziehung zu Ende ist. Frauen töten, damit sie aufhört.
Das klingt eher nach Scheitern als nach dem großen Aufbruch, den sich die Frauenbewegung einst versprach. Hat sie versagt?
Der erste Versuch, jener der Suffragetten um die Jahrhundertwende, brachte nach mühsamem Ringen das Frauenwahlrecht. Der zweite, in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs, lieferte den Beweis, daß Frauen schuften können wie Männer und in der Lage sind, ein völlig zerstörtes Land neu zu organisieren.
Der dritte ist komplizierter und widersprüchlicher und dauert heute noch an.
Er begann mit dem berühmten Tomatenweitwurf vor 30 Jahren, auf dem Frankfurter Bundeskongreß des SDS: Die Romanistikstudentin Sigrid Damm-Rüger feuerte ihr Gemüse dem Theoretiker Hans-Jürgen Krahl ins Gesicht, beschuldigte ihn als Frauenfeind und schrie: "Genosse, du bist objektiv ein Konterrevolutionär!"
Es ging um die Herrschaft im Staat und um die über den eigenen Körper, um gleichen Lohn für gleiche Arbeit und das Verhältnis des weiblichen Wesens zu jenem, das einen Penis trägt, wurde grundsätzlich geklärt. Der Frankfurter Weiberrat beantragte, die "sozialistischen Eminenzen" von ihren "bürgerlichen Schwänzen" zu befreien. In Chicago näherten sich die "Plastercasters" der Sache eher von der lustvollen Seite: Prominente wie Jimi Hendrix, Keith Moon und Jim Morrison wurden besucht, entkleidet, stimuliert und an ihrer männlichsten Stelle mit Zahnzement umgeben; die Hülsen gaben später Gußformen für hübsche Trophäen her.
Die Amerikanerin Betty Friedan schrieb ihren Bestseller "Der Weiblichkeitswahn" und schilderte erstmals das Elend der Vorstadt-Ehefrauen, die alles hatten, Kühlschrank, Fernseher, vielleicht sogar ein eigenes Auto, und trotzdem nicht glücklich waren. Die Westdeutsche Alice Schwarzer befaßte sich mit dem "Kleinen Unterschied und seinen großen Folgen" und geißelte darin "Unterwerfung, Schuldbewußtsein und Männerfixierung von Frauen". Die Ostdeutsche Irmtraud Morgner ermutigte ihre Mitbürgerinnen, die "Produktivkraft Sexualität" endlich "souverän zu nutzen". Die Französin Elisabeth Badinter schließlich beschrieb die Sozialisation als bestimmenden Faktor der Geschlechterrollen ("Ich bin Du") und sagte die "androgyne Revolution" voraus: die große Annäherung von Mann und Frau.
Davon ist heute kaum mehr die Rede. Zwar haben die Geschlechter gewisse Sitten voneinander übernommen, doch es scheint, als hätten sie vor allem neuen Unfug gelernt: Auch Männer lassen sich nun ihre Falten wegoperieren und verfallen der Magersucht; auch Frauen wollen jetzt unbedingt boxen und Kampfflugzeuge steuern und stopfen anabole Steroide in sich hinein, um beim Bodybuilding-Wettkampf zu gewinnen.
In den wichtigen Dingen haben sich beide Seiten hinter ihre Fronten zurückgezogen, und es sind nicht mehr dieselben Fronten wie die vor 30 Jahren, als Sigrid Damm-Rüger im SDS ihre Tomaten schmiß. Es geht um knappe Arbeitsplätze, um die nun Männer und Frauen in hartem Kampf konkurrieren. Es geht um Spitzenjobs, um die Frage, ob Frauen in der Lage sind, sie auszufüllen und ob man sie läßt.
Politisch wird gekämpft um Frauenquoten, Chancengleichheit, immer noch um die Abtreibung und darum, ob es gesellschaftliche Bedingungen gibt, die es erlauben, Kinder großzuziehen und dabei den Job zu behalten. Privat wird gestritten über Hausarbeit und Untreue, über Geld und Karriereverzicht und nach der Scheidung vor allem ums Kind. Frauen nützten hemmungslos ihre Macht aus, klagen Väter, um ihnen den Umgang mit den Söhnen und Töchtern zu verwehren (SPIEGEL 47/1997). Männer wollen nur die Rechte und nicht die Pflichten, wehren sich Mütter: Schon in der Ehe kümmerten sie sich ja kaum ums Kind (SPIEGEL 51/1997).
Der Frauenbewegung tritt heute eine Männerbewegung entgegen, die den modernen Mann als schützens- und unterstützenswert betrachtet, die analog zum Feminismus Geschlechterstudien betreiben will und sich wünscht, sagt der Berliner Männerforscher Walter Hollstein, daß sein Fachgebiet an deutschen Universitäten nicht mehr so "exotisch" sei. Noch immer sterben deutsche Männer rund sieben Jahre früher als Frauen, und warum das so ist, weiß niemand genau. Von Gleichberechtigung in der Forschung, sagt der medizinische Männerkundler Hans-Udo Eickenberg, könne keine Rede sein: Der Wissensstand über den männlichen Körper liege im Vergleich zur Frauen-Forschung "um rund 30 Jahre zurück".
In der amerikanischen Wildnis treiben sich neuerdings Grüppchen von Männern und Frauen herum, erst nach Geschlechtern getrennt und dann zusammengeführt von Therapeut und Therapeutin, um das Problem Geschlechterkampf zu lösen. "Friedensverhandlungen" haben sie im Sinn, betonen die Anführer Aaron Kipnis und Elizabeth Herron in ihrem Erfahrungsbericht ("Wilder Frieden"). Männer und Frauen in den besten Jahren kauern an Lagerfeuern, blicken den Mond an, suchen Kontakt zum inneren Selbst und sagen Sätze wie: "Was ist mit den Frauen, die ihre Männer jeden Tag zur Arbeit schicken? Behalten sie ihre Seelen, weil sie sich nicht die Hände schmutzig machen?"
Da wird nachdenklich zusammengehockt und in dunkler Nacht über Ängste, Sorgen und Nöte geredet, um "den Krieg zwischen den Geschlechtern zu beenden", aber möglicherweise funktioniert ja nicht einmal diese sanfte Tour. "Du kannst mich einfach nicht verstehen", lautet der Schlager in der Beziehungsliteratur, den die Linguistin Deborah Tannen schrieb: Männer und Frauen, so ihre Botschaft, reden permanent aneinander vorbei.
Alles eine Frage der Perspektive offenbar, und so liegt es nahe, beide Geschlechter zu Wort kommen zu lassen, wo es um die neuen Fronten im Gefecht geht. In den folgenden SPIEGEL-Heften findet diese Debatte statt: über den Geschlechterkampf am Arbeitsplatz und in der Politik, und in diesem Heft über die Frage aller Fragen: Wie verschieden sind Männer und Frauen (Seite 128 und 132)? Und passen sie im Bett und im Leben überhaupt zusammen?
* Schönheitskonkurrenz in Florida, 1993.

DER SPIEGEL 9/1998
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