23.02.1998

POLENIm Sumpf der Gelatine

Ein Monopolist gerät ins Zwielicht - und mit ihm die ganze Regierung.
Das ist der Stoff, aus dem sich Gold machen läßt: Fischreste, Schweineschwarten, Rinderknochen. Nicht unbedingt Produkte, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen, aber wertvolle Rohmaterialien. Kazimierz Grabek, 48, haben sie zum Multimillionär gemacht.
Der Mann mit dem kantigen Gesicht nimmt auf der Liste der reichsten Polen seit Jahren einen Platz in den Top ten ein. Diese beneidenswerte Position hat der Industrielle mit der Herstellung und dem Verkauf von Gelatine aus Tier-Resten erreicht: ein Bindemittel, das in der Lebensmittel- und Pharmaindustrie breite Verwendung findet. Grabek genießt faktisch ein Monopol auf dem polnischen Gelatinemarkt, obwohl er das bescheiden zurückweist. Neben ihm sei da noch seine Tochter in der Branche tätig. Die Umsätze des "Gelatinekönigs", wie der öffentlichkeitsscheue Grabek genannt wird, werden jährlich auf 50 Millionen Dollar geschätzt. Doch nun ist das Reich ins Wackeln geraten.
Die Tageszeitung "Gazeta wyborcza" deckte auf, daß es Grabek nicht allein mit Arbeit und Unternehmergeschick zu seinen Millionen gebracht hat. Er betrieb auch ein hartnäckiges politisches Lobbying - und vielleicht noch ein bißchen mehr. Grabek hat es offensichtlich ausgezeichnet verstanden, Politiker aller Lager für seine Interessen einzuspannen. Unter den Linksregierungen, von Pawlak bis Cimoszewicz (1993 bis 1997), wurde Grabeks Vormachtstellung auf dem lukrativen Gelatinemarkt durch hohe Einfuhrzölle zementiert, die unerwünschte Konkurrenz fernhielten.
Der Industrielle war immer zur Stelle, wenn Entscheidungen anstanden, die seine Interessen berührten; das trug ihm in eingeweihten Kreisen den Titel "Meister der Anwesenheit" ein. Der Umtriebige besaß Passierscheine, mit denen er "Tag und Nacht bis ins Büro des Ministerpräsidenten vordringen konnte", wunderte sich Wieslaw Walendziak, Bürochef von Premierminister Jerzy Buzek.
Auch nach dem Regierungswechsel im Herbst vorigen Jahres hatte Grabek anfangs überall offene Ohren vorgefunden. Die Regierung Buzek senkte zwar, den drohenden Zeigefinger Brüssels vor Augen, die Einfuhrzölle für Gelatine von über 50 auf 3 Prozent, gleichzeitig wurden jedoch alle Importe des Bindemittels verboten: ein Sieg für den Monopolisten.
Grabek hatte die Regierung mit Briefen bombardiert, in denen er in schrillen Tönen vor der Freigabe der Einfuhr von Gelatine aus westlichen Ländern warnte. Von dort drohe Polen eine "nationale Katastrophe", denn mit der westlichen Gelatine, "hergestellt aus den Knochen BSE-verseuchter Rinder", hole sich Polen auch die tückische Creutzfeld-Jakob-Krankheit ins Land - "eine Epidemie, noch viel gefährlicher als Aids". Um die Kassandrarufe glaubwürdiger erscheinen zu lassen, gab der "Verband der Hersteller von Gelatine" auch die nötigen Expertisen in Auftrag: Chef - der Meisterlobbyist Grabek.
Als die Presse über die Affäre um das merkwürdige Importverbot zu berichten begann, hielt sich die Buzek-Regierung zunächst schamhaft bedeckt. Kein Minister wollte sich erinnern, wer das heikle Thema bei der Sitzung im Dezember auf die Tagesordnung gebracht hatte. Doch mit Beschwichtigungen war der Skandal nicht mehr aus der Welt zu schaffen.
Aufgescheucht von den bissigen Presseberichten und peinlichen Fragen aus Brüssel, hat sich die Regierung nun endlich entschlossen, Grabeks Geschäfte genauer unter die Lupe zu nehmen. Da kommt Erstaunliches zutage: Der Fabrikant, der die Gelatine aus westlichen Ländern - darunter auch Deutschland - als tödliche Gefahr verteufelt, muß zugeben, daß er selber das Zeug aus Knochen herstellt, die er aus genau diesen Ländern importiert.
So sehr er sich auch den Kopf zerbreche, sagte Ernest Skalski, Kommentator der "Gazeta wyborcza", ihm falle für die Bevorzugung des Großindustriellen nur eine einleuchtende Erklärung ein: Parteispenden. Bislang gibt es allerdings keinen Beweis dafür, daß Grabek sich seinen Vorteil regelrecht erkauft hat.
In dieser Situation ist es nur ein schwacher Trost für die von der Affäre angekratzte Regierung, daß die linke Opposition kein politisches Kapital aus dem Skandal schlägt - weil sie womöglich noch tiefer im Gelatinesumpf steckt. Längst geht es nicht mehr allein um einen Industriellen, der seine Marktposition mit dubiosen Mitteln verteidigt. Die Affäre könnte schon bald die ersten prominenten Opfer fordern.
Vizepremier und Innenminister Janusz Tomaszewski, im vorjährigen Wahlkampf verantwortlich für die Finanzen der Wahlaktion Solidarno sc, wurde von Anfang an als Initiator des Importverbots genannt. Der starke Mann der AWS wies diesen Verdacht empört von sich. Regierungssprecher Tomasz Tywonek leistete dem bedrängten Minister Schützenhilfe, indem er treuherzig erklärte, die Tonbandaufzeichnung der Regierungssitzung sei leider aus technischen Gründen "unverständlich".
Vorigen Montag publizierte die "Gazeta wyborcza" Ausschnitte der Sitzung, die offenbar sehr wohl verständlich aufgezeichnet wurden. Einen Tag später hob die Regierung das totale Importverbot auf.
Ob die Affäre Änderungen in der Regierung nötig mache, wurde AWS-Chef Marian Krzaklewski gefragt. "Die Kinder beurteilt der Vater. Und Vater der Minister ist der Premier", spielte der die Verantwortung weiter.

DER SPIEGEL 9/1998
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