23.02.1998

NAHOST-KRISEZur Zerstörung freigegeben

Während Uno-Generalsekretär Kofi Annan einen letzten Vermittlungsversuch in Bagdad plante, stimmte US-Präsident Bill Clinton dem Schlachtplan seiner Generäle zu.
Die Kleinstadt Knob Noster im US-Staat Missouri wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Ort der unwägbaren Bedrohungen. Es gibt eine Methodistenkirche, ein Eier-mit-Speck-Café und einen Friseurladen mit dem wortspielerischen Namen "Hair Force".
Denn gleich am Ortsende Knob Nosters beginnt der Luftwaffenstützpunkt Whiteman Air Force Base. Wie ein Warnzeichen ragt dessen Kontrollturm zwischen Weizenfeldern auf, umgeben von Hangars, in denen das teuerste und unheimlichste Waffensystem der Supermacht Amerika auf den Einsatz in einem Luftkrieg gegen den Irak wartet: Tarnbomber vom Typ B-2.
Die mattschwarzen Fernbomber (Stückpreis: 2,2 Milliarden Dollar) sollen laut "New York Times" andere, kaum minder furchterregende Maschinen ergänzen, die sich schon in der Krisenregion befinden - große B-1B-Schwenkflügelbomber und achtstrahlige Veteranen vom Typ B-52 H, alles in allem das überwältigendste Arsenal an fliegenden Festungen, das es bisher je an einer Front gegeben hat.
Die Bombenlast allein der B-2 ist gewaltig: Jedes der Flugzeuge, die aussehen wie Rochen und vom irakischen Radar kaum zu erfassen sind, trägt 80 Sprengkörper mit je 250 Kilogramm Gewicht in seinen Abwurfschächten. Dabei befindet sich jetzt schon eine beeindruckende Luft-Armada von knapp 300 Militärmaschinen am Golf - mit neuen, noch raffinierteren Bomben und Raketen als im Golfkrieg 1991.
Bei der damaligen Befreiung von Kuweit seien nur neun Prozent der abgeworfenen Sprenglast "smart" gewesen, gesteuert mit Hilfe von Videokameras und Laserstrahlen, rechneten Golf-Strategen letzte Woche vor. Diesmal aber betrage der Anteil solcher Waffen 40 Prozent, und das mit vergrößerter Reichweite und exakteren Zielerfassungssystemen.
Neu in den Waffenkammern der amerikanischen Flugzeugträger "Independence" und "George Washington" vor der Wüstenküste Kuweits ist zum Beispiel die sogenannte Abstandsbombe JSOW (Joint Standoff Weapon); wie ein BMW der Luxusklasse bestimmt sie den Kurs dank Satellitennavigation. Ein Autopilot an Bord der Bombe wertet die Positionsdaten aus und steuert Leitflossen am Heck.
Aufgrund dieser Verfeinerung können die Bomben 80 Kilometer vom Ziel entfernt und in großer Höhe abgeworfen werden. Ungefährdet von den Geschützen der irakischen Eisenflak, sollen die Kampfpiloten abdrehen, während ihre Geschosse todbringend ins Ziel gleiten. "Fire-and-forget" heißt das im Fachjargon.
Zum erstenmal waren die selbststeuernden Sprengkörper auf dem Balkan eingesetzt worden, als im Verlauf einer dreiwöchigen Bombardierungskampagne Munitionslager der bosnischen Serben zerstört wurden. Stolz verkündete die U. S. Air Force, daß 97 Prozent der Ziele getroffen und über zwei Drittel zerstört oder schwer beschädigt worden seien.
Auch die seegestützten Marschflugkörper "Tomahawk", am Golf traditionell die Erstschlagswaffe der USA, sind mit einer Satellitenverbindung ausgerüstet worden. Die Daten sollen die Kursgenauigkeit der Cruise Missiles über der konturenlosen Wüste verbessern, indem sie mit den elektronischen Landkarten des Bordcomputers abgeglichen werden. Schließlich ist ein Teil der Bomben mit empfindlichen Sensoren bestückt worden. Sie sollen die Innenräume von Gebäuden erfühlen, um erst dort, in vorher bestimmten Stockwerken, den Explosionsbefehl zu geben. Die Bunkerknacker-Bombe GBU-28 ("bunker buster") besitzt solche Fühler. Sie soll 25 Meter Erdreich beziehungsweise 6 Meter Beton durchschlagen.
Doch die angeblichen Wunderwaffen können ihre Wirkung nur entfalten, wenn die Zielplanung stimmt. Seit Monaten werden die Angriffsorte im "targeting shop" der MacDill Air Force Base in Florida ausgewählt, einem fensterlosen Raum, in dem die Erkenntnisse von Spionagesatelliten und Aufklärungsflugzeugen ausgewertet werden. Die Strategen haben vor, wie im Golfkrieg vor sieben Jahren, die militärische Infrastruktur des Irak mit den ersten Angriffswellen lahmzulegen.
Gleichsam als unsichtbare Schockfront sind Tarnbomber vom Typ F-117 A vorgesehen, die 1991 ausschließlich Bagdad angegriffen hatten. Sie sollen Kommandozentralen attackieren. Schwere F-15-E-Jagdbomber haben die Aufgabe, die Radaranlagen der irakischen Luftabwehr mit Raketen auszuschalten. Batterien des Feindes, die den Erstschlag überstanden haben, würden von elektronischen Störflugzeugen wie den EA-6B "Prowler" - Schwesterflugzeugen des Seilbahnzerstörers von Cavalese - unbrauchbar gemacht.
Als nächste Ziele sind die Zuchtstätten irakischer Killermikroben und Giftgasanlagen zur Zerstörung freigegeben - angeblich sind dafür 57 Bestimmungsorte programmiert worden. Die berüchtigte Forschungsanstalt Salman Pak südlich von Bagdad, wo in Tanks Milzbranderreger und hochgiftige Schimmelpilze wucherten, ist auch schon 1991 angegriffen worden. Diesmal ist daran gedacht, sogenannte Verbrennungsbomben einzusetzen - eine Neuentwicklung, die mit Hilfe heißer Gase verdächtige Laboratorien ausglühen soll. So hofft man, daß Kampfbakterien nicht an die Außenwelt gelangen.
Militärflughäfen haben auf den Listen der Zielplaner ebenfalls hohen strategischen Wert. Das gleiche gilt für die zahlreichen Bunker in Takrit, der Heimatstadt Saddam Husseins. Der Diktator soll sich dort zuletzt häufiger aufgehalten haben als in den Palästen von Bagdad.
Als Ziele gelten auch die Kasernen der Republikanischen Garden, der Elitedivisionen von Saddam Hussein. Es wird allerdings schwierig sein, den Gardetruppen aus der Luft beizukommen, da sie bereits im November in alle Himmelsrichtungen ausschwärmten, wie Pentagon-Sprecher Ken Bacon einräumen mußte. Die Soldaten biwakieren geschickt getarnt im Freien oder hausen in Schulen, Moscheen und Krankenhäusern - an Plätzen, die für den amerikanischen Angreifer tabu sind.
Insgesamt würden Amerikaner und Briten bis zu 1500 Angriffe binnen einer Woche fliegen. Allerdings ist der Irak nicht völlig wehrlos. Die Amerikaner fürchten Luftabwehr-Fallen im Süden des Landes und um Bagdad: Deutsch-französische "Roland"-Raketen sind dort im Tandem mit Sam-6-Batterien aufgestellt, die kein verräterisches Führungsradar benötigen, sondern optisch und mit Infrarot-Suchköpfen alliierte Flugzeuge bedrohen.
Um möglichst viele gegnerische Ziele auszuschalten, ehe internationaler Druck die USA zwingt, sich zu mäßigen, wollen die Dr. Seltsams von MacDill am liebsten beim nächsten Neumond - das wäre am 26. Februar - losschlagen; die übernächste Gelegenheit, im Schutz der schwärzesten Nacht zu operieren, würde sich erst wieder am 28. März ergeben - zu spät, um einen Luftkrieg zu beginnen, weil zur gleichen Zeit die alljährliche Pilgerreise der Muslime nach Mekka beginnt. Die Bombardierung eines Bruderlandes ausgerechnet während der "Hadsch" würde wie eine frevelhafte Provokation wirken.
Aktueller sind die Reisepläne von Präsident Clinton. Er wird mit Ehefrau Hillary von Mittwoch an in Kalifornien erwartet, um in Palo Alto die dort studierende Tochter Chelsea im Rahmen eines "parents' weekend" zu besuchen. Allerdings: Dieser Termin ist offiziell noch nicht bestätigt.
Die Tradition gebietet es, daß US-Präsidenten als Oberbefehlshaber keine kriegerischen Händel anfangen, wenn sie selber sich im Ausland aufhalten. Unwahrscheinlich ist deshalb ein Militärschlag gegen den Irak, der sich vom 22. März an abspielen würde: Von diesem Tag an bereist Clinton Afrika. Er kommt am Abend des 2. April nach Washington zurück.
Die amerikanische Öffentlichkeit beurteilt einen Militärschlag zunehmend skeptisch: 69 Prozent zögen eine diplomatische Lösung vor, nur 25 Prozent wollten letzten Mittwoch Luftbombardements gegen den Irak gutheißen - die Woche davor waren es noch 40 Prozent gewesen. Viele Hoffnungen ruhen auf Uno-Generalsekretär Kofi Annan, der am Freitag in Bagdad angesagt war.
Nicht alle Militärs sind vom Erfolg eines Blitzkriegs überzeugt. Ausgerechnet der Armeegeneral Henry Shelton, als Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs Amerikas wichtigster Uniformträger, äußert Zweifel am Gelingen eines neuen Wüstensturms. "Ich habe nie gesagt, wir könnten die Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein vollständig eliminieren. Wir können das nicht", trug Shelton US-Senatoren in Washington vor.
Eine Angabe über die Zahl der zu erwartenden Opfer wagte Shelton aber doch: "1500 tote Iraker und Amerikaner." Und als hätten seine Generäle nie mit Amerikas angeblich chirurgischer Präzision geprahlt, fügte er fast resigniert hinzu: "Die Wahrheit ist, daß Krieg eine schmutzige Angelegenheit ist."
[Grafiktext]
Szenario eines Militärschlags gegen den Irak
[GrafiktextEnde]
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Szenario eines Militärschlags gegen den Irak
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DER SPIEGEL 9/1998
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