23.02.1998

Finales Training

Israelische Spezialisten sollten Saddam ermorden - und setzten sich selbst außer Gefecht.
Nach dem Golfkrieg 1991 diskutierte alle Welt darüber, ob die US-Truppen einen großen Fehler begingen, als sie den irakischen Diktator Saddam Hussein lebend davonkommen ließen. Nicht so die Israelis: Sie arbeiteten an der Fehlerkorrektur. Mit dem Mordplan wurde die Eliteeinheit "Sajeret Matkal" beauftragt - unter anderem verantwortlich für die umstrittene Liquidierung des PLO-Militärchefs Abu Dschihad 1988 in Tunis.
Nach monatelangem Training fühlte sich das Kommando im Herbst 1992 gerüstet für den Schlag gegen Saddam. Doch was als eine der ambitioniertesten Geheimoperationen der israelischen Armee auf fremdem Territorium gedacht war, endete mit einem hausgemachten Desaster.
Noch erlaubt Jerusalems Militärzensur nicht die Enthüllung der ganzen Affäre, doch soviel sickerte jetzt durch: Die Israelis planten, Saddam mit einer gelenkten Rakete eigener Bauart zu liquidieren. Für die genaue Zielansprache waren Späher ausersehen, die sich zum Zeitpunkt der Aktion in Saddams Nähe aufhalten sollten. Für die Koordination zwischen den Agenten vor Ort mit der Feuerleitstelle sollte ein Flugzeug mit ausgefeilter Kommunikationselektronik dienen.
Bei der "Sajeret Matkal" - die hochspezialisierte Eingreiftruppe untersteht direkt dem Generalstab der israelischen Armee - waren Ortskenntnisse vorhanden. Die Kommandoeinheit hatte hochgeheim schon 1991 während des Golfkriegs im irakischen Feindesland operiert, um die Abschußrampen aufzuspüren, von denen Scud-Raketen auf Israel gefeuert wurden.
Der Urheber der Attentatsidee, der damalige Generalstabschef Ehud Barak, hatte für den frühen Morgen des 5. November 1992 einige der wichtigsten Militärführer des Landes auf das Trainingsgelände "Ze''elim B" in der Negev-Wüste bestellt, um deren letzte Zweifel auszuräumen. Der gewagte Plan hatte bei Generalstäblern erhebliche Bedenken aufkommen lassen.
Barak, zu dessen Kommando in den frühen siebziger Jahren auch der jetzige Premier Benjamin Netanjahu zählte, war als Draufgänger bekannt, aber auch als überzeugender, praxiserfahrener Planer. Seine Spezialität: Einsätze hinter den feindlichen Linien. Im Libanon-Krieg hatte er heimlich in Beirut operiert - als Frau verkleidet. Auch gilt er als Mentor der berüchtigten "Mistaarewim", die als Undercover-Einheiten verdeckt in den Palästinensergebieten agieren.
Und vor allem: Barak hatte Erfahrung mit einer Kommando-Aktion, rund 2000 Kilometer von der Heimat entfernt. Sein Schlag gegen die Villa des PLO-Führungsmitglieds von Tunis am 16. April 1988 wies verblüffende Parallelen mit der geplanten Aktion in Bagdad auf. Sieben Mossad-Agenten, die über falsche Pässe verfügten und arabisch sprachen, bildeten damals die Vorhut hinter den feindlichen Linien. Sie hielten Kontakt mit der Kontrollzentrale - einer für die elektronische Kriegsführung umgerüsteten Boeing 707 der israelischen Luftwaffe. An Bord des Flugzeugs als Einsatzleiter: General Barak.
Am Boden setzte man Störgeräte ein, um die Telefon- und Funkverbindung des tunesischen Villenortes, wo Abu Dschihad wohnte, zu unterbrechen und damit einen sicheren Rückzug des Überfallkommandos im Anschluß an die Ermordung zu gewährleisten. Alles klappte damals wie im Agenten-Lehrbuch.
Um 6.13 Uhr an jenem Saddam-Probetag im November 1992 versammelten sich die Generäle am Gefechtsstand.
* Im November 1991 in Nablus.
Die Einheit 269 wollte den Einsatz mit Übungsmunition simulieren. Doch ein Hauptmann gab versehentlich den Feuerbefehl für die echte Munition, als sich in der Attrappe, die das Ziel darstellte, noch Kameraden befanden. Fünf Soldaten starben, sechs weitere wurden verletzt, und fast der gesamte Generalstab schrammte an der Katastrophe vorbei: Die Militärs standen nur 200 Meter von der Aufschlagstelle der Rakete entfernt.
Über das Ziel der Operation wird in Israel immer noch nicht offen gesprochen, über die verheerenden Folgen um so mehr. Eltern von getöteten Soldaten behaupten, Barak hätte nach der Katastrophe nur an sich gedacht - er sei mit einem für die Rettung dringend benötigten Hubschrauber weggeflogen. Wenn ihn seine Feinde verletzen wollen, rufen sie ihm heute noch zu: "Barak, barach", Barak hat sich aus dem Staub gemacht. Ein Beweis für diese Behauptung steht freilich aus: Der jetzige Führer der Arbeitspartei gilt inzwischen als einer der populärsten Politiker des Landes.
Er soll einen neuen Mordplan der Regierung vorbehaltlos mittragen: Saddam aus der Luft mit einer zielgenauen Rakete buchstäblich aus seiner Kommandozentrale herauszubomben. "Schwierig, aber keineswegs unmöglich", sagt Awihu Ben-Nun, Ex-Chef der Luftwaffe.
* Im November 1991 in Nablus.

DER SPIEGEL 9/1998
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