23.02.1998

Rache aus Sudan?

Eine Arbeitsgruppe des amerikanischen Repräsentantenhauses warnt vor Bombenangriffen auf den Irak. Saddam Hussein habe viele Massenvernichtungswaffen ins befreundete Ausland gebracht.
Der Bericht beginnt mit einem Satz, den in diesen Tagen fast jeder in der westlichen Welt unterschreiben würde: "Niemand mag den Gedanken, daß Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügt."
Als Rechtfertigung für eine militärische Hauruck-Aktion ist das Papier, das die "Task Force Terrorismus und unkonventionelle Kriegführung" des US-Repräsentantenhauses am 10. Februar vorgelegt hat, jedoch nur begrenzt geeignet. Es gelte "leidenschaftslos zu untersuchen", was mit einer Militäraktion erreicht werden könnte - nicht viel. Bomben auf Bagdad, so die Autoren, seien nur ein kurzfristiger Erfolg, strategisch bedeutungslos und mit Blick auf die politische Großwetterlage im Nahen Osten ausgesprochen gefährlich.
Die Task Force ist Teil des Forschungskomitees der Republikanischen Partei und nicht immer ist in ihren Berichten klar zu erkennen, was Propaganda und was Wahrheit ist. Der Direktor der Arbeitsgruppe, Yossef Bodansky, ein gebürtiger Israeli, gilt vielen als eine Art Einflußagent seines ehemaligen Heimatlandes im Repräsentantenhaus - "ganz gleich, ob er von denen bezahlt wird oder nicht", wie ein Abgeordneter der Demokraten formuliert.
Doch das ficht die Autoren des Reports nicht an. Unter Berufung auf eine Bedrohungsanalyse der britischen Regierung listen sie auf, über welches im Land versteckte Arsenal die irakischen Militärs noch immer verfügen sollen:
* 48 modizifierte Scud-Raketen mit einer Reichweite von über 600 Kilometern, plus 6 Abschußvorrichtungen:
* 30 Sprengköpfe, mit denen biologische oder chemische Kampfstoffe transportiert werden können;
* mindesten 8400 Liter Milzbranderreger;
* 600 Tonnen Chemikalien, mit denen 200 Tonnen des Nervengases VX hergestellt werden können - eine Substanz, von der "ein einziger Tropfen töten kann".
Ein Bombardement, bei dem solche Stoffe freigesetzt würden, wäre, so die Argumentation der Task Force, ein Fiasko, dessen Folgen nicht nur moralisch, sondern auch politisch unabsehbar seien.
Hinzu kommt: Saddam habe einen wesentlichen Teil seiner Produktionsanlagen für Massenvernichtungswaffen längst außer Landes geschafft - vor allem in den Sudan und nach Libyen - Staaten, die schon im Golfkrieg Verbündete des Irak waren. Ein Sprecher des Weißen Hauses wies dies am 16. Februar als haltlos zurück: "Wir haben keine glaubwürdigen Beweise dafür, daß der Irak seit dem Golfkrieg Technologie zur Produktion von Massenvernichtungswaffen in andere Länder exportiert hat."
Die Autoren des Reports stützen ihre Thesen nach eigenen Angaben auf Berichte, Erkenntnisse und Vermutungen des Bundesnachrichtendienstes (BND), des israelischen Militärgeheimdienstes Aman, der britischen Regierung und Oppositionsgruppen in den betreffenden Ländern. Sie zeichnen ein Bild der Lage, das die Bombardierungspläne der Clinton-Administration absurd erscheinen läßt. Schon jetzt seien die Iraker in der Lage, in diesen Ländern chemische und biologische Kampfstoffe zu produzieren, die nach amerikanischen Angriffen für Vergeltungsschläge genutzt werden könnten.
Als "alarmierend" werten die Task-Force-Autoren vor allem Erkenntnisse des BND über ein unbemanntes Fluggerät, eine sogenannte Drohne, die von irakischen Technikern entwickelt worden sei. Diese "Cruise Missile des kleinen Mannes", so hätten die Pullacher Ende 1996 berichtet, soll eine Reichweite von rund 700 Kilometern haben und mit einem präzisen Global Positioning(GPS-)-Navigationssystem westlicher Produktion ausgestattet sein.
Die Drohnen könnten auch von Schiffen aus gestartet werden und 30 bis 40 Kilogramm chemische oder biologische Kampfstoffe tragen. Weil sie aus Plastik und Sperrholz bestünden, seien sie nur schwer vom Radar zu orten. "Konsequenterweise", so die Schlußfolgerung, "kann nicht ausgeschlossen werden, daß irakisch kontrollierte Handelsschiffe plötzlich diese Drohnen vor den Küsten Europas abfeuern, von wo aus sie London, Paris oder Berlin erreichen und bedrohen können - oder die Atlantikküste der USA." In Anbetracht der Tatsache, daß sowohl Libyen als auch der Sudan zu jenen Staaten zählen, die islamistische Terrorgruppen aktiv unterstützen, müsse auch mit einer Weitergabe der dort produzierten Kampfstoffe für terroristische Vergeltungsschläge in aller Welt gerechnet werden.
Bereits vor Ausbruch des Golfkriegs hat der Irak, dem Bericht zufolge, damit begonnen, "sensible Schlüssel-Elemente" der Produktion von Massenvernichtungswaffen in den Sudan zu verlegen. So seien bereits im August 1990 irakische 155-Millimeter-Geschütze südafrikanischer Herkunft inklusive der dazugehörigen Projektile mit chemischen Kampfstoffen am Roten Meer stationiert worden. Gleiches gelte für 14 Scud-B-Abschußrampen mit jeweils mehren Raketen. Schußrichtung: Saudi-Arabien.
Im Januar 1991 folgten, nach Angaben der Task Force, weitere Scuds, die im Nordsudan disloziert wurden, um Ziele in Südägypten wie etwa den Assuan-Staudamm treffen zu können. Russische Techniker, die zur Reparatur dieser Waffen im Sudan waren, hätten dies bestätigt. Die Seriennummern und andere technische Details seien identisch gewesen mit denen von Scuds, die ursprünglich an den Irak verkauft worden waren.
Nach Verhandlungen zwischen dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Tarik Asis und dem sudanesischen Präsidenten Umar el-Baschir im März/April 1991 folgten angeblich weitere 400 Raketen - eine Zahl, die Uno-Experten für abenteuerlich halten. Denn 819 Scuds hatte die Sowjetunion seinerzeit an die Iraker geliefert. Der weitaus größte Teil ist, so Unscom-Inspektoren, verschossen oder zerstört. Die Zahlenangaben über möglicherweise noch im Irak versteckte Raketen variierten bislang zwischen 5 und 50.
Daß die Iraker gemeinsam mit dem islamistischen Terrorregime in Khartum auch Chemiewaffen produzieren, sei erstmals 1995 deutlich geworden, als Rebellen der "Sudanesischen Volksbefreiungsarmee" (SPLA) über Giftgasangriffe auf ihre Stellungen in Nimule und Kuja berichteten.
Zur Zeit gebe es drei Produktionsanlagen für chemische Waffen im Sudan - nahe Wau in der Provinz Bahr el-Ghasal, in der Region Kafuri, nördlich von Khartum und im Gebiet Maju, südlich der sudanesischen Hauptstadt. Der dort seit Frühjahr 1996 funktionsfähige "Jarmuk Industrie Komplex" soll sich über ein Gebiet von 200 Quadratkilometern erstrecken und mit modernster Technik, auch "made in Germany", ausgestattet sein. Beweise, Satellitenfotos etwa, bleiben die Autoren der Studie schuldig.
Immerhin: Dem BND war bereits im Sommer 1994 aufgefallen, daß die Iraker ihr illegales ausländisches Waffenbeschaffungssystem neu strukturiert hatten. Einkäufe von Materialien zur Raketenproduktion deuteten nach Meinung des BND darauf hin, daß Saddams Techniker dabei waren, die Reichweite von Scud-Raketen zu erhöhen. Es sei "schwer einzuschätzen", welchen Umfang die neuen Programme hätten, aber es bestehe kein Zweifel, daß ein Teil des Equipments noch unentdeckt sei und bestimmte Projekte im Geheimen weiterliefen.
Doch nur ein Teil der illegalen Exporte wird nach Einschätzung der Task Force in den Sudan umgeleitet. Grund: Komplizierte High-Tech-Programme sind dort wegen der fehlenden wissenschaftlich-technischen Infrastruktur nicht realisierbar. Der zweitliebste Feind aller US-Regierungen der letzten 15 Jahre, Muammar el-Gaddafi, soll deshalb zum wichtigsten Partner Saddams in Sachen Bio- und Nuklearwaffen avanciert sein.
Im Januar 1995, so der Bericht der Terror-Task-Force, hätten sich der Gesandte des irakischen Handelsministeriums, Hadschim Atija Salma, und Abdullah Hidschasi, Chef der libyschen Forschungsbehörden, auf ein "gemeinsames Projekt zum Bau einer Rakete mit rund 1000 Kilometer Reichweite" geeinigt. Weiter heißt es: Gaddafi wollte mehr. Ihn interessierten vor allem Anlagen zum Bau von Nuklearwaffen und biologischen Kampfstoffen. Die Iraker zögerten. Die langjährige strategische Kooperation der Libyer mit Saddams Erzfeinden Syrien und Iran hätte sie mißtrauisch gemacht.
Erst die Flucht des Saddam-Schwiegersohns und irakischen Rüstungschefs, Generalleutnant Hussein Kamil Hassan, nach Jordanien im Sommer 1995 änderte die Lage. Die Aussagen des Überläufers, der später in den Irak zurückgeschickt und dort ermordet wurde, gegenüber westlichen Geheimdiensten brachten den Diktator zusätzlich in Bedrängnis. Die Uno-Inspektionsteams wußten jetzt genau, wonach sie suchen mußten.
Am 30. August 1995 sei eine hochrangige libysche Delegation nach Bagdad gereist, um einen Vertrag abzuschließen, der bis heute als Grundlage einer umfassenden strategisch-militärischen Kooperation beider Länder gelte. Seit Oktober 1995 soll ein führender irakischer Nuklearwissenschaftler, Dschafaar Didscha Dschafaar, im libyschen Sidi Abu Suradschi, 380 Kilometer südwestlich von Tripolis, in einem Forschungsprogramm für Kernwaffen arbeiten.
Experten für Bio-Waffen sind angeblich seit Anfang dieses Jahres im Land. Unter dem Schutzschirm eines "Volksgesundheitslabors" arbeiten sie laut Task Force an Bomben und Sprengköpfen mit Botulismus- und Milzbranderregern. Angesichts dieser Umstände, so das Fazit der Studie, seien Bombenangriffe auf irakische Ziele "Öl ins Feuer".

DER SPIEGEL 9/1998
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