23.02.1998

„Amerika sucht einen Vorwand“

Der irakische Diplomat Nabil Nadschm über die Chancen, einen Krieg zu vermeiden
Nadschm, 48, ist ständiger Vertreter Bagdads bei der Arabischen Liga.
SPIEGEL: Wann lenkt Saddam Hussein ein und erfüllt die Forderungen der Weltgemeinschaft?
Nadschm: Ich stelle klar, daß es sich nicht um einen Konflikt zwischen den Vereinten Nationen und dem Irak handelt, sondern ausschließlich um ein Problem zwischen den USA und unserem Land. Mit der Uno kommen wir klar ...
SPIEGEL: ... sagen Sie. Aber der Konflikt brach doch aus, weil die Behörden Ihres Landes die Uno-Sonderkommission zur Überwachung der Zerstörung von Massenvernichtungswaffen in ihrer Arbeit behindern.
Nadschm: Unterschiedliche Auffassungen über die Durchführung von Uno-Beschlüssen sind bisher stets auf dem Verhandlungsweg aus dem Weg geräumt worden. Nun hintertreibt Washington eine Lösung: Die Amerikaner suchen einen Vorwand. Sie verlangen quasi die Selbstaufgabe unseres Staates.
SPIEGEL: Wenn Sie die Forderungen akzeptieren, ersparen Sie Ihrem Volk eine Katastrophe. Muß das nicht Ihr oberstes Ziel sein?
Nadschm: Die einzige Art und Weise, die Krise zu entschärfen - was auch jetzt durchaus noch möglich ist -, besteht darin, eine Verhandlungslösung zu finden. Wir sind sehr flexibel. Uno-Generalsekretär Kofi Annan, drei der fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats und fast alle Staaten der Welt setzen auf friedliche Verhandlungen, nur Washington will Krieg und Verderben. Ich bin sicher, daß Amerika mit seinen Kriegsplänen scheitern wird.
SPIEGEL: Nehmen Sie den militärischen Aufmarsch nicht ernst?
Nadschm: Die Amerikaner meinen es vielleicht ernst. Doch auch die Supermacht USA kann nicht alles machen, was ihr in den Sinn kommt. Es geht der US-Regierung gar nicht so sehr um Uno-Beschlüsse, sondern darum, den Israelis wieder mal einen Gefallen zu tun.
SPIEGEL: Die Realität sieht doch so aus: Kofi Annan erwartet, daß Bagdad den Uno-Forderungen voll und ganz entspricht.
Nadschm: Wir sind bereit, unsere Regierungspaläste durchsuchen zu lassen, und zwar von internationalen Experten, die alles, was sie sehen oder prüfen wollen, zu sehen bekommen ...
SPIEGEL: ... aber mit einer zeitlichen Begrenzung ...
Nadschm: ... die Experten werden kommen und überall Zugang haben. Sie werden aber keine chemischen oder bakteriellen Waffen finden, weil wir gar keine haben.
SPIEGEL: Weil Sie einen Teil der Waffen nach Libyen und in den Sudan geschafft haben, wie einige US-Experten behaupten.
Nadschm: Das ist völliger Unsinn.
SPIEGEL: Wird der Irak zurückschlagen, wenn die Bomben fallen?
Nadschm: Es wird dann den Amerikanern und all denen, die sie in ihrem Krieg gegen den Irak unterstützen, nicht leichtfallen, ihre Interessen in der islamischen Welt zu schützen. Die Völker machen da nicht mehr mit. Die Regierungen unserer arabischen Bruderstaaten werden fest an unserer Seite stehen - und die Amerikaner werden merken, was das für sie bedeutet.

DER SPIEGEL 9/1998
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