23.02.1998

GROSSBRITANNIENGroßer Bruder

Auf dem Weg in den totalen Überwachungsstaat: Tausende Kameras kontrollieren britische Städte, der Erfolg ist umstritten.
Nicht einmal die Königin kann ganz nach eigenem Gutdünken jenes Viertel ihrer Hauptstadt London betreten, das eifersüchtiger auf seine Eigenständigkeit und sorgsamer auf das Wohlergehen seiner Geschäfte wacht als jeder andere Stadtteil: die City of London, das 2,6 Quadratkilometer große Herzstück der Metropole, Sitz der Finanzwelt mit 5500 ständigen Einwohnern.
Auf ihrem Krönungszug durch London mußte Elizabeth II. 1953 an der Grenze zur City anhalten und versichern, daß sie nicht in feindlicher Absicht nahe. Erst dann durfte sie feierlich einziehen.
Auch Bundeskanzler Helmut Kohl, der vergangenen Mittwoch die City aufsuchte, um die seltene Auszeichnung einer Ehrenbürgerwürde in Empfang zu nehmen, mußte sich überprüfen lassen - nur, er wird davon nichts gemerkt haben.
Wie jeder andere Wagen wurde auch die Kanzler-Karosse von einer der gut 100 Kameras an den Einfallstraßen zur City aufgenommen. Ein Computer gleicht das Nummernschild mit einer Liste gestohlener oder sonstwie auffälliger Fahrzeuge ab - und gibt bei positivem Befund automatisch Alarm.
Der würde auch ausgelöst, wenn die Kameras nicht innerhalb eines bestimmten Zeitraums melden sollten, daß der Wagen die City wieder verlassen hat. In diesem Fall würden sich sofort Polizisten auf die Suche nach dem verschollenen Fahrzeug machen.
Nun wollen die Wächter über die Sicherheit des Finanzzentrums, das schon zweimal Ziel großer Bombenanschläge der IRA wurde, ihr ausgefeiltes Sicherheitssystem weiter perfektionieren. Erstmals wird die City eine neue Generation von Überwachungskameras erproben, die verdächtige Personen automatisch identifizieren können. Digital werden bestimmte unveränderliche Gesichtsmerkmale, etwa die Stellung der Augen zueinander, vermessen und mit zuvor eingespeicherten Bildern aus den Fahndungsbüchern der Polizei verglichen.
Das Land, in dem der Schriftsteller George Orwell den Alptraum des totalen Überwachungsstaats erfand, ist auf dem besten Weg, die Fiktion zu verwirklichen. In einer Untersuchung für die Universität Hull kam der Kriminologe und Sozialwissenschaftler Clive Norris zum Ergebnis, daß die vorhandenen automatischen Erkennungstechniken die Regierung in die Lage versetzen könnten, jeden einzelnen Bürger zu kontrollieren.
Schon heute sind die Briten mehr elektronischen Augen ausgesetzt als Kontinentaleuropäer. Keiner weiß genau, wie viele Closed-Circuit-TV-Kameras auf Gebäuden und öffentlichen Plätzen installiert sind, aber zumindest im Bewußtsein der Briten sind sie präsent: Immer wieder drucken Zeitungen die CCTV-Bilder, beispielsweise als letzte Lebenszeichen verschwundener Kinder.
Ein solches Foto, das Bild des zweijährigen James Bulger, der von seinen beiden zehnjährigen Entführern ermordet wurde, führte Mitte der neunziger Jahre dazu, daß Tausende zusätzlicher Überwachungskameras aufgestellt wurden. Städtische Polizeibehörden reißen sich mittlerweile um die Systeme, für sie ersetzt jede Kamera einen Streifenpolizisten. Um gut die Hälfte sei die Straßenkriminalität gesunken, jubelt die Polizei von Newcastle im Norden Englands. Zudem hätten 98 Prozent aller Täter gestanden, sobald sie mit den Videoaufzeichnungen konfrontiert worden seien.
Doch die Erfolgsmeldungen sind umstritten - um 21 Prozent ist etwa in Airdrie im Einzugsgebiet von Glasgow die Straßenkriminalität gesunken, in Birmingham dagegen überhaupt nicht. Generell ist die Videoüberwachung in kleineren Gemeinden wirksamer als in Metropolen.
Die City, Arbeitsplatz von 250 000 Brokern, Finanz- und Versicherungsmaklern mit ihren Helfern, möchte das neue System zur Verhinderung weiterer Bombenanschläge einsetzen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß beispielsweise die nordirischen Terroristen potentielle Ziele vorher gründlich auskundschaften. Die Polizei hofft, Verdächtige so bereits bei der Planung zu ertappen.
Voraussetzung dafür wäre allerdings eine umfangreiche Fotodatei, wie es sie bis jetzt noch nicht gibt. Kritiker der elektronischen Überwachung warnen deshalb angesichts der nun verfügbaren Technologien vor der Einführung eines maschinenlesbaren Führerscheins oder Personalausweises in Großbritannien.
Doch die Mahner sind in der Minderheit. Angst vor dem Großen Bruder ist wenig verbreitet, er gehört offenbar schon zur Familie. Anders als etwa in Deutschland oder Frankreich scheint der britische Glaube an einen väterlichen, wohlmeinenden Staat ungebrochen.
So hat selbst offener Mißbrauch die Briten noch nicht auf die Barrikaden getrieben. In Newcastle, wo die Behörden stolz sind auf den "weltweiten Vorsprung" ihres Landes in der Überwachungstechnologie, gab die Polizei nach Straßenkrawallen CCTV-Bilder an die Presse weiter. Der "Newcastle Evening Chronicle" druckte die Fotos von 100 Störenfrieden und machte seine Leser zu Freunden und Helfern der Polizei: Sie sollten die Abgebildeten identifizieren und verpfeifen.

DER SPIEGEL 9/1998
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