23.02.1998

SCHNARCHENSchnarrwerk in der Kehle

Kieferschrauben, Zungenstrecker, Spannbügel: Mit martialischen Methoden bekämpfen Mediziner das nächtliche Gaumenknattern - mit mäßigem Erfolg.
Weil die Plage ihren Sitz im Halse hat, riefen die Schnarcher im frommen Mittelalter den Sankt Blasius um Beistand an. Im Himmel der Heiligen sozusagen als Oralapostel für den HNO-Bereich zuständig, schien er ihnen hinlänglich qualifiziert, höheren Orts um Erlösung von dem Übel nachzusuchen.
Das Wirken des Himmlischen blieb so fruchtlos wie die Bemühungen der irdischen Helfer. Lange strebten sie das Behandlungsziel mittels Glüheisen an, später metzelten sie mit dem Messer an Zunge und Zäpfchen, neuerdings gehen sie den Rhonchopathen mit dem Laser in die Gurgel - die Befürchtung, das Leiden sei weit leichter zu ertragen als seine Therapie, ist nicht gänzlich unberechtigt.
Wie die aussehen soll, ist nach wie vor umstritten. Zwar haben Mediziner in den vergangenen Jahren eine Reihe neuer und hilfreicher Verfahren gegen das nächtliche Gaumenknattern entwickelt. Leider aber ist, wie eine letzthin beim 5. Weltkongreß der Schnarchforscher präsentierte Wirksamkeitsstudie nachwies, kaum eine der neuen Therapien hilfreich - und keine der hilfreichen neu.
Schon dräute Resignation, da kam aus Bayern eine Nachricht, die Schnarcher wieder hoffen läßt: Medizinisch befähigte Fachkräfte des Münchner Großklinikums Großhadern haben erstmals in Deutschland eine Anti-Schnarch-Operation gewagt, deren Verfahrenstechnik das Fachblatt "Medical Tribune" so beschrieb: "Zunge am Kiefer festschrauben."
Zwar klagten die drei Patienten, an denen die Prozedur erprobt wurde, nach dem Eingriff über das Gefühl, ihre Zunge sei zu kurz. Dafür schnarcht der eine jetzt nur noch in Rückenlage, die beiden anderen erfreuen sich, immerhin, eines "deutlich verbesserten Schlafprofils". Die bisherigen Ergebnisse, lobte Operateur Eck Günther seine tapferen Probanden, seien "vielversprechend".
HNO-Erfindergeist war es auch, der viele andere neuartige Apparaturen wider das Schnarrwerk in der Kehle ersann; obzwar sie wie Requisiten für bislang aus guten Gründen unerprobte Oralpraktiken im Sado-Maso-Bereich anmuten, finden die Spannschrauben, Kieferschienen und Zungenstrecker zahlreiche Benutzer unter den vorwiegend männlichen Schnarchpatienten - wer nächtens Dezibel für Dezibel mit der Kanonade von Valmy konkurriert, ist leidenswillig und experimentierbereit.
Ursächlich für die akustischen Protuberanzen ist eine Beinahe-Blockade der oberen Atemwege; durch die Verengung beschleunigt sich der Luftstrom, der das weder durch Knorpel noch Knochen gestützte Gaumensegel in flottierende Bewegung versetzt.
Wenn die Schlundmuskulatur gänzlich kollabiert und der Schläfer in der Nacht wiederholt länger als zehn Sekunden überhaupt keine Luft mehr bekommt, spricht der Arzt vom "Obstruktiven Schlaf-Apnoe-Syndrom"*; Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, kardiovaskuläre Spätkomplikationen bis hin zum Infarkt können die Folge sein. Unbehandelt, streichen Schwerst-Apnoiker (bis zu 600 Atempausen pro Nacht) die Gaumensegel oft vor der Zeit.
Ihnen freilich bringt die in Großhadern erprobte Schraubmethode keine Hilfe. Sie taugt hauptsächlich für sogenannte Zungengrundschnarcher - Patienten, deren Zunge aufgrund ihrer verdickten Zungenwurzel dazu tendiert, im Schlaf zurückzufallen und so den Schlund zu blockieren.
Um den Muskel im Mund am Rückfall zu hindern, bediente sich Operateur Günther einer neuartigen Operationsmethode aus Amerika. Sie ist so einfach wie skurril und hat zum Ziel, das Schnarchen - im Wortsinne - zu unterbinden.
Hierzu wird ein Faden mit der Nadel quer durch den sogenannten Zungengrund gezogen, jenen hintersten Teil der Zunge, den der Doktor in der Praxis mit dem Spatel niederdrückt, bevor
* Aus dem Griechischen: "apnoia" = Windstille.
er den Patienten "aah" sagenläßt. Anschließend rafft der Chirurg die Zunge, indem er an beiden Fadenenden zieht und diese dann an einer im Unterkiefer versenkten Mikroschraube fixiert (siehe Grafik).
Häufigste Ursache der Rhonchopathie ist freilich nicht der Umfang des Zungengrundes, sondern der des Schnarchers. Ein weiteres tut der Alkohol, dem die geselligen Dicken gern zusprechen - einschlägiger Paradefall war Sir Winston Churchill, dessen Rhonchpegel mit zunehmendem Leibesumfang und Cognac-Verzehr geradezu seismische Ausmaße annahm.
Exemplarisch auch zeigten sich bei dem Briten-Premier tagsüber die Auswirkungen seiner Apnoe - nachmittägliche Müdigkeit, Gereiztheit und Depressionen, Folgen des nächtlichen Sauerstoffmangels und der gestörten Schlafarchitektur. Im Bett ist der Apnoiker meist einsam; wie Lady Churchill flüchten die Ehepartner von Kampfschnarchern meist in ein eigenes Schlafzimmer - keine artgerechte Haltung für ein Eheweib.
Abzuspecken und Abstinenz wären beim Apnoiker die Therapien der Wahl, "wenn nicht oft mangelnde Selbstdisziplin dem Erfolg entgegenstünden", wie Bernd Schönhofer vom Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft in Schmallenberg konstatiert.
Die meisten intraoralen Hilfsmittel hingegen, so das entmutigende Resümee von Schönhofers Wirksamkeitsstudie, taugen nichts gegen das Rhonchen. Dafür hindern sie den Patienten oftmals am Schlafen - auch eine Art, das Schnarchen zu verhindern.
Mal knebeln die grotesk anmutenden Konstruktionen die Zunge, mal drücken sie den empfindlichen Oralmuskel per Spannbügel ins Gaumenbett oder strecken ihn erbarmungslos in die Länge - kein Wunder, daß bis zu 74 Prozent von Schönhofers Studienpatienten "eine Dauertherapie infolge Unverträglichkeit ablehnten".
Die Hartgesottenen, die trotz Nebenwirkungen wie exzessivem Speichelfluß und Würgereiz denn doch entschlummerten, schnarchten ebenso munter weiter wie die Benutzer der Augenmaske mit dem Mikrofon, das an der Nasenwurzel des Schlafenden auf Rhonchlaute horcht - dann weckt die Brille den Schnarcher mit Lichtblitzen aus Leuchtdioden.
Allein den altbekannten Esmarch-Prothesen, die den Unterkiefer vorverlagern, testiert die Studie eine gewisse Effektivität: Bei einem Drittel der Patienten reduzierten sie das Schnarchen, allerdings nur bei solchen mit leichter und mittelschwerer Apnoe - also wieder nichts für den Hirten der Christenheit, einem offenbar kräftigen Säger, dessen polnische Bedienschwester einmal verriet: "Der Heilige Vater ruht oft sehr, sehr geräuschvoll."
[Grafiktext]
Mittel gegen das Schnarchen
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Mittel gegen das Schnarchen
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* Aus dem Griechischen: "apnoia" = Windstille.

DER SPIEGEL 9/1998
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