23.02.1998

Kino in Kürze„Amistad“

Blutige schwarze Finger schaben und zerren an einem schweren Nagel, der ins Holz eines Sklavenschiffs geschlagen ist: unerbittlich und verzweifelt, bis der Nagel endlich nachgibt. Jetzt lassen sich mit seiner Hilfe die Schlösser der Ketten sprengen. Aufstand! Freiheit! Hautnah kriecht Steven Spielbergs Sklaverei-Drama anfangs an eine Gruppe meuternder Afrikaner heran - aber dann nie wieder. Von nun an zieht sich diese filmische Prestige-Unternehmung, inspiriert von einem authentischen Fall, in die Sicherheit des großen Ganzen zurück (SPIEGEL 8/1998). Grundkurs amerikanische Geschichte: Das gekaperte Schiff "La Amistad" landet 1839 in Neuengland, wo das Schicksal der Meuterer vor Gericht verhandelt wird. Sind sie überhaupt Sklaven? Wenn ja, wer ist ihr Besitzer? Die Verhandlung wird zum Politikum, denn der US-Präsident steht vor der Wahl und braucht die Stimmen der mächtigen Sklavenhalter. Nur gut, daß es ein paar aufrechte (meist weiße) Männer gibt, die auf Moral setzen und die Werte der US-Verfassung ehren. Spielberg verzichtet auf jede Zwiespältigkeit seiner Charaktere. Statt dessen salutiert er vor der Fahnenstange des amerikanischen Traums. Darum ist "Amistad" mit wohlfeilem Pathos beladen, wo "Schindlers Liste" tragisch und zerrissen war. Ein Erbauungswerk, das vor lauter Patriotismus aus dem Blick verliert, worum es gehen sollte: die versklavten Schwarzen.

DER SPIEGEL 9/1998
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