23.02.1998

BERLINALEBlut ist auch nur eine Farbe

Mit „Pulp Fiction“ revolutionierte Quentin Tarantino das Kino - und wurde Hollywoods meistgehaßter Mann. Nun präsentierte er in Berlin seinen neuen Film „Jackie Brown": ein lakonisches Meisterwerk und eine Kampfansage an seine Verehrer. Von Thomas Hüetlin
Quentin Tarantino ist heute absolut nicht cool. Natürlich kann es daran liegen, daß in diesem Londoner Hotel die Teppiche so tief sind, daß eine Planierraupe durch die Gänge rollen könnte, ohne daß die Gäste beim Tee gestört würden. Vielleicht liegt es auch daran, daß Quentin Tarantino 40 Grad Fieber hat. Nur, wahrscheinlich ist das alles nicht.
Wahrscheinlich ist er mit fast zwei Metern einfach zu groß, um richtig cool zu sein. Und zu klug. Und zu wahnsinnig. Und deshalb steht er nach vorn gebeugt unter einem schweren Kronleuchter und redet so hoch wie Donald Duck - nur dreimal so schnell.
Er redet, als ginge es um sein Leben. Dabei geht es nur um die Schauspielerin Bridget Fonda, die in Tarantinos neuem Film "Jackie Brown" ein Mädchen spielt, das von Gangstern ausgehalten wird: "Sie ist eine professionelle Freundin", sagt er, "eine, die sich Männer halten auf den Virgin Islands, in Tokio oder in der Karibik. Nur hat sie ein Problem: Sie ist 33 Jahre alt. Und Geschäftsmänner, die ein Mädchen in der Karibik ordern, wollen eine 18-, 19- oder 20jährige. Aber es geht in diesem Film um die Momente der Nicht-Eitelkeit - und wow, sie sieht aus: sexy wie die Hölle."
Willkommen in der Welt von Quentin Tarantino - einem rasenden Pop-Planeten, wo einer darüber nachdenkt, wie alt Flittchen sein müßten, damit sie nicht nur sexy sind, sondern auch in Ord-
* Mit den Stars seines Films "Jackie Brown" Pam Grier und Samuel L. Jackson.
nung; wo sich Killer über Fußreflexzonenmassagen unterhalten, Psalmverse murmeln und beim Comiclesen auf dem Klo erschossen werden; wo Verbrecher sich scheu in die Frau des Chefs verlieben, über das Twist-Tanzen nicht hinauskommen und in einem roten Cabriolet auf den Highways von Los Angeles die alten Platten des Surf-Gitarristen Dick Dale hören; wo eine 44jährige schwarze Stewardess, die sich von den Cops sagen lassen muß, sie fliege für "the shittiest Shuttle-Fuck Airline" überhaupt, es schafft, Gangster und Polizei auszutricksen und mit einer halben Million Dollar in bar in ein neues Leben zu fahren.
Es ist eine Welt, zusammengesetzt aus Künstlichkeit und Leidenschaft; aus geklauten Gesten, geborgten Sätzen und geraubten Küssen; aus billigen Kinofilmen und noch billigerer Popmusik. Geschrieben und inszeniert von einem großen Kind auf DIN-A-4-Blöcken mit schwarzen und roten Filzstiften. Einem Hasardeur, der für das Verbot von Waffen ist im richtigen Leben - aber im Kino den Showdown wünscht. Einem Burschen, der über seine Karriere sagt: "Wenn ich das als Künstler nicht so hätte machen können, wie ich es wollte - ich wäre ein Gangster geworden."
Statt dessen wurde er mit seinem Film "Pulp Fiction" zum Wunderkind des Hollywood der Neunziger. Aus 8 Millionen Dollar machte er 250 Millionen. Zu seinen Bedingungen: keine Chronologie, keine Psychologie, keine schnelle Moral. Statt dessen: eine Sprache von der Straße und voller Charme, Blut als Farbe auf der Leinwand und eine Haltung, die Popkultur ernst nahm und es sich deshalb leisten konnte, mit Pop zu spielen. Seitdem heißt es von jedem dritten Drehbuch, das Hollywoods Produzenten auf den Tisch bekommen, es sei irgendwie tarantinoesk. Der Regisseur meint dazu: "Ich wurde schneller zu einem Adjektiv, als ich''s mir hätte träumen lassen."
Selbst hartgesottene Zyniker wie Jack Nicholson oder Dennis Hopper nannten ihn auf einmal den neuen Shakespeare, und so war es kein Wunder, daß ihn die großen Studios mit großen Aufträgen kaufen wollten. Sie boten ihm die Regie zu den Kassenschlagern "Speed" und "Men in Black" an; Tarantino sagte, sie sollten ihm die Drehbücher schicken - und als er sie hatte, las er sie nicht einmal zu Ende.
Der Erfolg wurde schnell zur Falle. Nach "Pulp Fiction" war er reich, er war berühmt, aber er wohnte immer noch in einem Zwei-Zimmer-Apartment, fuhr mit einem Schrottauto herum und tat auch sonst merkwürdige Dinge: Er drehte eine kurze Episode für den Film "Four Rooms"; er spielte einen Killer, der von einem Vampir ausgesaugt wird in "From Dusk Till Dawn"; er übernahm einen Teil der Fernsehserie "Emergency Room", und ansonsten tat er zwei Jahre lang nichts - außer in Talkshows herumzusitzen und auf Filmfestivals, wo er sich bewundern ließ und versuchte, möglichst viele Mädchen ins Bett zu bekommen.
Bald hieß es, der einflußreichste Regisseur sei auch der am meisten überschätzte Regisseur der neunziger Jahre, und er sei nur noch dafür berühmt, berühmt zu sein. Und Tarantino verstummte.
Er gab eineinhalb Jahre lang keine Interviews mehr. Schließlich tauchte das Gerücht auf, er habe sich jetzt, ganz Citizen Kane der Gegenwart, in ein Schloß in den Bergen Kaliforniens zurückgezogen. Nur seine Sekretärin verfüge noch über seine Telefonnummer, und auch die müsse ihre Wünsche auf Band sprechen. Es sei aber nicht ausgeschlossen, daß der Outlaw zurückrufe.
Der Outlaw saß zu dieser Zeit in Los Angeles und arbeitete an seinem nächsten
* Oben: mit Bridget Fonda und Robert De Niro; unten: mit John Travolta und Samuel L. Jackson.
Traum. Ein Film im Stil des schwarzen Kinos der siebziger Jahre, nach einem Roman von Elmore Leonard, dem Profi. Dem 72jährigen, von dem sogar die "Village Voice" behauptet, er sei der beste Krimi-Schreiber überhaupt. Dem Autor, dessen Thriller Tarantino im Supermarkt klaute, damals, als er 15 war.
"Jackie Brown" heißt dieser Film, und die Hauptrollen besetzte Tarantino mit Pam Grier, 48, und Robert Forster, 56 - zwei Darstellern, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hatten. Grier war ein paar Siebziger-Jahre-Sommer lang eine Superheldin des schwarzen Kinos, Forster spielte zur gleichen Zeit den Detektiv in einer Krimiserie, aber in Hollywood waren die beiden seit 20 Jahren tot. "Es gibt kein Gedächtnis in Hollywood", sagt Tarantino. "Die Leute können nicht weiter als zwei Jahre zurückdenken."
Die Hauptdarsteller sind nicht das einzige Risiko, das Tarantino mit "Jackie Brown" einging. Auch sonst ist vieles anders als bei "Pulp Fiction" - keine grelle Pop-Oper, keine Gehirnspritzer auf schwarzen Anzügen, nirgends die sichere Designer-Eleganz von Perry Ellis und Agnes B. Statt dessen lässige Normalität: Bundfaltenhosen und Shopping Malls und die Liebesgeschichte von zwei Menschen, denen jeder Türsteher einer schicken Disko den Eintritt verwehren würde. Gefilmt mit John Fordscher Langsamkeit. Kein Film also für MTV und Lifestyle-Deppen - und auch deshalb sehr viel cooler als "Pulp Fiction".
Natürlich konnte das nicht gutgehen, schon gar nicht, nachdem Tarantino noch während der Dreharbeiten Don Murphy, einen Koproduzenten von Oliver Stones "Natural Born Killers", in einem Hollywood Restaurant verprügelt hatte. Der Mann hatte in einem Buch erklärt, er würde "den Tod Tarantinos öffentlich feiern".
Sofort schrieben kritische Reporter, nun sei bewiesen, daß Tarantino endgültig den Verstand verloren habe. Als der Film kurz vor Weihnachten in die amerikanischen Kinos kam, war es so still, daß man das Popcorn auf den Boden fallen hören konnte. "Es ist, als müsse man ,Pulp Fiction'' hinter kugelsicherem Glas ansehen", schrieb die Zeitschrift "Entertainment Weekly". Dagegen jubelte Stephen Hunter in der "Washington Post": "Es gibt sieben Arten von Cool, und ,Jackie Brown'' feiert sie alle. Es ist eine Sinfonie in Cool. It''s the coolest damn thing you ever saw." Und er hatte verdammt noch mal recht.
Natürlich ist "Jackie Brown" für Tarantino mehr als ein Film - es ist sein Versuch, den Mythos, der um seine Person entstanden ist, zu zerstören und zu vergrößern. Denn das wollte er immer sein: ein Outlaw, dessen Werke die Leute lieben sollen oder hassen - nur kaltlassen wollte er niemanden. Und da gehört es dazu, daß einer mit seinem eigenen Publikum Streit sucht: "Ich mache keine Filme für den Moment. Ich mache Filme, die man sich noch in 40 Jahren ansehen wird", sagt er.
Quentin Tarantino hat es sich nicht ausgesucht, ein schwerer Fall zu sein - er war es einfach. Seine Mutter Connie war 16, als er in Knoxville, Tennessee, 1963 zur Welt kam; sein Vater Tony, ein arbeitsloser Schauspieler, hatte längst das Weite gesucht. Die Mutter verehrte Elvis, Spiderman und die Cowboys aus der Fernsehserie "Rauchende Colts", und weil da ihr Liebling Quint hieß, nannte sie ihren Jungen Quentin. "Quentin Tarantino", sagt Connie heute, "ich wollte, daß der Junge einen Namen hat, der groß genug ist, eine ganze Leinwand zu füllen."
Manchmal sah Quentin seine Mutter wochenlang nicht, und er baute sich sein Zuhause aus Comics und Fernsehserien. Als er Lesen und Schreiben lernte, verfaßte er für seine Mama eine Kurzgeschichte zum Muttertag, die mit ihrem Tod endete. Der Junge entschuldigte sich mit den Worten: "Ich fühle mich wirklich miserabel. Aber so, wie die Geschichte verläuft, konnte sie unmöglich anders ausgehen. Du bist für mich immer noch die allerbeste Mam, auch wenn du hast sterben müssen."
Auf der Schauspielschule fiel er dadurch auf, daß er sich weigerte, wie die anderen an Szenen aus Tennessee-Williams-Stücken herumzudoktern, und lieber Schießereien des Gangsterdarstellers James Cagney nachstellte. Die meisten Kollegen hielten den Jungen für nicht ganz dicht, und Tarantinos Ruf wurde nicht unbedingt besser, als er einen Job als Headhunter in der Luftfahrtindustrie annahm. Er hatte von Flugzeugen und all diesen Sachen keine Ahnung, aber er wollte immer noch zum Film - und dazu brauchte er endlich ein Telefon und einen Videorecorder. Er sah jetzt zwölf Filme pro Woche.
Weil auch diese Dosis bald nicht mehr reichte, kündigte Tarantino und fing an, in einem Videoverleih namens "Video Archives" zu arbeiten. Er bekam vier Dollar pro Stunde plus so viele Videos, wie sein Recorder schlucken konnte. Dort wurde alles eins. Die Grenze zwischen Hoch- und Trashkultur gab es sowieso nie in Tarantinos Kopf - er begeistert sich für ein schwieriges Werk wie Godards "Pierrot le fou" ebenso wie für das Texas-Kettensägenmassaker.
Der Videoverleih wurde seine private Filmakademie. Gewalt war keine Frage mehr des Motivs, sondern der richtigen Inszenierung. "Wie aus Clint Eastwoods Zigarre mehr wird als nur eine Zigarre, nämlich ein Kumpel", sagt Tarantino, das habe er gelernt damals. "Wie male ich mit Blutkonserven, wie choreographiere ich extreme Gewaltszenen? Die Lösung war ganz einfach: Inszeniere Gewalt wie ein russisches Ballett."
Nur hatte er nicht mal genug Geld, um sein kaputtes Wasserbett reparieren zu lassen. Ende der achtziger Jahre war Tarantino so arm, daß er am Strand von Los Angeles um fünf Uhr früh Hundekot wegräumte, damit Brigitte Nielsens Ehemann Dolph Lundgren ein Fitnessvideo drehen konnte; so arm, daß er endlich ernst machte mit seiner Filmkarriere und begann, Drehbücher zu schreiben. Und er fand mit einer Frau namens Cathryn Jaymes eine Agentin, die an ihn glaubte.
Die erste Reaktion auf Tarantinos erstes Drehbuch "True Romance" kam in höflicher Briefform. "Liebe verfickte Cathryn", stand dort geschrieben, "wie kannst du es wagen, mir dieses verfickte Stück Dreck zu schicken? Du mußt deinen verfickten Verstand verloren haben. Möchtest du wissen, was ich davon halte? Hier hast du dein verficktes Stück Dreck zurück. Fick dich."
So ging das über Jahre, was Tarantino nicht hinderte, ein weiteres Drehbuch namens "Natural Born Killers" zu schreiben, sich auch dafür verhöhnen zu lassen und es für wenig Geld an Oliver Stone zu verkaufen. Er ahnte, daß er sich als Schreiber nur Ärger einhandeln würde, solange er nicht einen fertigen Film vorlegte, der alle umhaut. Anfang der neunziger Jahre tat er es: Der Geniestreich heißt "Reservoir Dogs". Ein Film noir, in dem in einer Szene einem Polizisten ein Ohr abgeschnitten wird. Madonna flüsterte nach einer Vorführung in Tarantinos Ohr, daß "Folter sexy ist". Dem Horrorfilm-Regisseur Wes Craven wurde übel. Er verließ das Kino vorzeitig: "Die Gewalt ist zu echt."
Es folgte "Pulp Fiction", siebenmal für den Oscar nominiert, einmal ausgezeichnet. Es folgte der Aufstieg von Tarantino zu einem Idol, das es schafft, das Lebensgefühl seiner Generation so zu treffen, daß die Hollywood-Journalistin Lynn Hirschberg sagt: "Er ist wie Holden Caulfield in ,Der Fänger im Roggen''. Er ist einer, von dem die Leute denken, sie könnten ihn anrufen und er sei dann ihr Kumpel."
Natürlich war Tarantino noch nie die Sorte Mensch, die sich mit wildfremden Leuten zu einem Bier verabredet, und wenn man dem vor kurzem erschienenen Hollywood-Buch "Killer Instinct" glauben darf, dann tut er es nicht einmal mehr mit vielen der Leute, die früher mit ihm auf einer Barrikade kämpften.
Seit er sich mit seinem Videostore-Blutsbruder Roger Avary den Oscar teilen mußte, gibt es immer wieder Ärger; mit den Produzenten Jane Hamsher und Don Murphy befehdet er sich, und seine Agentin Cathryn Jaymes feuert er, als die in den Trümmern ihres vom Erdbeben zerstörten Hauses sitzt, mit den Worten: "Dein Job war es, meine Karriere aufzubauen. Dieser Job ist getan." Dann kauft er sich ein unzerstörtes Haus in Beverly Hills für 3,4 Millionen Dollar. Es ist wie nach jeder Revolte. Nach dem Sieg wird den Mitkämpfern der Prozeß gemacht.
Tarantino hat viel Macht in Hollywood erobert, und er ist nicht bereit, sie zu teilen. "Ich wollte immer Erfolg", sagt er, "denn je mehr Erfolg du hast, desto mehr Macht hast du auch. Ich habe jetzt so viel Macht, daß ich nicht mehr irgendwelche teuren Schauspieler bequatschen muß, damit die Studios meinen Film finanzieren. Es genügt, daß ich der Regisseur bin. Ich bin genug."
Das Dumme ist nur, daß in Hollywood ein Outlaw ganz schnell wieder ein Freak und schließlich ein Versager wird, wenn seine Filme kein Geld einspielen. Und deshalb hilft es, daß "Jackie Brown" mit zwölf Millionen Dollar für Hollywood-Verhältnisse superbillig war.
Da kann es sich Quentin Tarantino schon erlauben, wie der Gangsterboß Paul Muni in "Scarface" ganz oben herumzuschreien. Und wenn er schon kein Maschinengewehr in der Hand halten darf, dann haben ihm seine schwarzen Freunde wenigstens beigebracht, wie eines zu reden.
"Ich habe eine Karriere aufgebaut", sagt er, "in der es so etwas wie Angst nicht gibt. Und wenn ich sonst nichts gezeigt und bewiesen habe, dann wenigstens das: Ich habe keine Angst."
* Mit den Stars seines Films "Jackie Brown" Pam Grier und Samuel L. Jackson. * Oben: mit Bridget Fonda und Robert De Niro; unten: mit John Travolta und Samuel L. Jackson.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 9/1998
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