23.02.1998

MUSIKMenuett in Mitbestimmung

Berlin ist baff: Philharmoniker-Chef Claudio Abbado gibt im Jahr 2002 sein Amt auf. Ein kapitaler Verlust oder die Chance auf bessere Zeiten?
Der Mann ist 64 und Opa. Im kommenden Juni wäre der Stichtag seiner Rentnerreife. Aber ein paar Jährchen will der jugendliche Senior noch weitermachen; erst 2002 soll Schluß sein. Dann möchte der Berliner Gastarbeiter endlich "mehr lesen, segeln und Ski fahren". Ein menschliches Bedürfnis und arbeitsrechtlich ein stinknormaler Vorgang.
Aber nun heißt dieser öffentlich Bedienstete Claudio Abbado, ist seit 1989 Chefdirigent des Berliner Philharmonischen Orchesters, damit Star und im Spot.
Wenn so einer fast beiläufig kundtut, er habe die Nase voll und werde über den laufenden Vertrag hinaus nicht seines Amtes walten, dann taucht manche Edelfeder umgehend ins Weihwasser, und durch die Feuilletons geistert der Gesang vom Ende einer Ära. Aber eine Ära Abbado hat es bis jetzt nicht gegeben, bloß eine Amtszeit.
"Abbados Abendglanz" überschrieb die "Berliner Zeitung" ihr Addio und drohte zugleich mit der Vision, der Dirigent könne nun "auch sein persönliches Leiden an der Niedrigkeit der Welt hinein ins Musizieren nehmen". Das klingt, als nahten noch schwerere Zeiten.
Dabei geben sich Vorstand und Intendant des Orchesters schon jetzt "überrascht und betroffen", wo doch die Zusammenarbeit gerade "auf einem Höhepunkt angelangt" sei. Gewiß, die Kulturszene der deutschen Hauptstadt wird durch Abbados Valet demnächst einen Kopf kürzer gemacht, doch das übrige Kondolenzgetue ist Krokodilstränerei.
Daß der Maestro es satt hat, ist sein gu-tes Recht. Schließlich muß nicht jeder Stabführer noch als Grufti aufs Podium tattern. Aber das Orchester dürfte auch genug von Abbado haben - die Behauptung des Gegenteils muß als höflicher Schwindel abgehakt werden.
Eine Traumehe ist das nie gewesen, ein solides Zweckbündnis ist es geblieben. 2002 läuft der Vertrag aus und der Arbeitnehmer Ski. Damit ist beiden Seiten wohlgetan; Scheidung tut gut.
Denn: Abbado hat, seitdem er "tief gerührt" zum Karajan-Erben gekürt worden war, die Philharmoniker allenfalls in der programmatischen Konzeption von Konzerten und Zyklen und im Verständnis für moderne Musik weitergebracht.
Aber im Ernst, in der Kraft und der Faszination der musikalischen Wiedergabe, in der Wärme des Klanges und der geistigen Virtuosität haben die Philharmoniker unter ihm Federn gelassen; langsam, aber sicher und unüberhörbar.
Die Unverwechselbarkeit dieses Orchesters ist dahin, in der Philharmonie herrscht der Status quo hochwertigen Durchschnitts. Das ist nach dem abgründigen, deutsch-romantischen Klangideal Furtwänglers und dem hochveredelten Glamour Karajans immer noch viel, aber zuwenig für den nobelsten Klangkörper der Republik.
Das Elend mit Abbado fängt schon bei den Proben an. Sie verlaufen ohne musikalische Logistik und sachdienliche Ökonomie. Hier und da wird gefeilt, da und hier ein paar Takte lang richtig gearbeitet. Aber nicht selten, gesteht ein Insider, "feixt der ganze Laden wie eine Schulklasse unter einem konfusen Pauker".
Parteigänger des umgänglichen Italieners feiern diese lockere Tour als Fortschritt: Abbado sei eben ein demokratischer Kapellmeister, vielleicht sogar der erste Kumpel auf dem Podium. Mit ihm habe der große Zampano endgültig ausgespielt.
Gewiß ist die Zeit der Toscaninis, als Taktstöcke und Violinen durch die Orchestergräben flogen, vorbei. Dennoch ist der demokratische Maestro ein Phantom. Das richtige Tempo eines Menuetts läßt sich nicht durch Mehrheitsbeschluß ermitteln, die "Unvollendete" nicht durch Mitbestimmung ergründen.
Selbst ein Orchester wie Berlins Elite-crew braucht die starke Hand eines Vorarbeiters und, wichtiger noch, dessen visionäre Autorität. Abbado indes fehlt das Charisma, das einen leitenden Angestellten erst zur Leitfigur macht und aus Inspiration Faszination.
"Schwere Anämie" diagnostizierte die Wiener "Presse" schon vor Jahren. "Reine Kraftmeierei", entsetzte sich die "SZ" nach einem Auftritt in Salzburg: "Ein erschütternder Befund".
Gerade erst fiel die "FAZ"-Kritikerin Eleonore Büning mit dem Furor einer Walküre über Abbados Philharmoniker her. "Thematische Mittelstimmen" seien da "wie weggeplättet, bohrende Begleitfiguren nicht gestaltet, sondern heruntergenudelt" worden. Fast wirke "diese ins Mittelmaß abgerutschte Schubert-Interpretation selbstzerstörerisch": "Hat das Berliner Philharmonische Orchester keinen Ruf zu verlieren? Sind sie nicht immens, ist ihr Chef nicht großartig?"
Wie immens sie sein können, mögen die Philharmoniker im nächsten Jahrtausend wieder regelmäßig an die große Glocke hängen. Und ihr großartiger Chef wird dann, zwischen alpinem Schuß und tollkühnen Halsen, womöglich als Gast noch zu dem Format heranreifen, das er Berlin schmerzlich oft schuldig geblieben ist. Zur Ära reicht das dann nicht mehr, wohl aber gereicht es zur Ehre.
Klaus Umbach
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 9/1998
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