23.02.1998

FOTOGRAFIEDie Frau als Mobile

Der Japaner Nobuyoshi Araki wird im Westen oft als Schmuddel-Fotograf geschmäht. Eine Hamburger Ausstellung zeigt ihn als sensiblen Visionär.
Wo er auftritt, gibt es Tumult. Teenager kreischen, wenn sie ihn auf Tokios Straßen erkennen, für Japans Zensoren sind die Eröffnungen seiner Ausstellungen Pflichttermine. Und japanische Frauen steigern schon mal in einer Fernsehshow mit, um von Nobuyoshi Araki fotografiert zu werden.
Im Westen dagegen empören sich Zeitschriften wie "Emma" gegen den vermeintlichen "Propagandisten von Erniedrigung, Folterung und Tötung des weiblichen Menschen". Aufgebrachte Besucher seiner Schauen fordern wahlweise das Eingreifen von Kirche, Regierung oder Polizei.
Araki, 57, wurde berühmt als Fotograf der gefesselten Frauen. Jetzt will die Ausstellung "Tokio - Markt der Gefühle" in den Hamburger Deichtorhallen (vom 27. Februar bis zum 1. Juni) das Schmuddel-Image des Japaners korrigieren: "Höchstens ein Sechstel der Bilder" zeigte eingeschnürte Frauenleiber, betont Deichtorhallen-Direktor Zdenek Felix. Auf den übrigen Exponaten widmet sich Araki wunderschönen Blumen und seiner anderen großen Liebe: der Stadt Tokio.
Eine parallel eröffnete Schau mit zeitgenössischer Fotografie lädt dazu ein, das Werk des Japaners mit den Bildern der US- Fotografen Larry Clark und Nan Goldin zu vergleichen, die ihr intimstes Umfeld mit der Kamera festhalten. Es sei kein Zufall, sagt Felix, "daß Araki erst mit dem Erfolg solcher amerikanischen Kollegen auch außerhalb Japans berühmt wurde".
Seine Karriere im Westen begann 1992 nach einer Ausstellung in Graz. Inzwischen hat Araki, der angeblich pro Tag bis zu 1000 Bilder aufnimmt, über 130 Bücher publiziert. In Galerien kosten seine Abzüge, die branchenunüblich in unlimitierter Auflage auf den Markt kommen, bis zu 5000 Mark.
In Hamburg wird Araki nun nicht als jener "geile Knipser" präsentiert, als den die deutsche "Kunstzeitung" ihn schmäht, sondern als sensibler Erforscher japanischer Gegenwart. Dabei scheren sich seine Bilder nicht um oberflächlichen Realismus. Neben den berüchtigten Araki-Motiven, auf denen Frauen mitunter zu Mobiles verschnürt von der Decke hängen, als habe da jemand den Arientitel "La donna e mobile" nicht ganz verstanden, sind zahlreiche surrealistische Akte zu sehen. Da krabbeln Echsen und Lurche über die Körper, stehen vertrocknete Geckos oder Plastiktiere in der Szenerie - und einmal führt eine Geisha ein Wiesel in anonymer Großstadtarchitektur an der Leine.
Dann aber läßt Araki wieder zwei sehr lebendige Frauenbeine aus einem Grab ragen oder schickt eine Schöne mit gefesselten Händen wie selbstverständlich auf einen Stadtspaziergang: Schöpft da also doch einer seine "Lust aus dem Frust des anderen Geschlechts", wie übelwollende Kritiker vermuten? Oder haben jene recht, die wie Frankfurts Museumschef Jean-Christophe Ammann behaupten, jene Fesselungen seien "Metapher für den einschnürenden Verhaltenskodex der Japaner allgemein und der Frauen im besonderen"?
Natürlich hat die Faszination der Araki-Bilder mit dem Staunen mitteleuropäischer Betrachter über eine bis heute ferne Kultur zu tun: über ein Land, in dem zwar strenge Zensurvorschriften gelten, aber die Abendnachrichten Bordell-Kritiken präsentieren; wo die Lektüre von Porno-Comics in der U-Bahn keineswegs gegen die guten Sitten verstößt, wohl aber jede fotografische Abbildung von Schamhaaren - eine Vorschrift, die Araki unterlief, in dem er seine Kamera so nahe an die weiblichen Geschlechtsorgane heranrückte, daß tatsächlich keine Schamhaare mehr zu sehen sind.
Von den Stereotypen der industriellen Pornographie grenzt sich Araki schon dadurch ab, daß er seine Körperstudien fast immer mit anderen Motiven kombiniert, mit Stadtansichten, Blumen oder alltäglichen Stilleben. Er fotografiert, als wolle er die Realität im und mit dem Bild bannen. Wenn er auf Tokios Straßen unterwegs ist, bildet er ab, was vor das Objektiv kommt: Straßen, den Himmel, eine Mauer, volle Aschenbecher oder leere Getränkedosen. Seine Fotografie, behauptet Araki, sei "einer Ich-Erzählung verwandt. Sie ist eine Erklärung dessen, was ich bin".
Araki sieht sich weniger als wüster Erotomane denn als obsessiver Beobachter und Dokumentarist des eigenen Lebens. So publizierte er ein Buch von seiner Hochzeitsreise und zeigte darin seine Frau Yoko im Zug, im Hotelzimmer, als Akt. Als Yoko nach 20 Jahren Ehe an Krebs starb, hielt er auch ihren Tod in Bildern fest: Er fotografierte ihre Hand auf dem Bettlaken ebenso wie die Blumen auf dem Nachttisch und den Abtransport der Toten aus dem Krankenzimmer. Nach der Veröffentlichung der Bilder in einem Buch nannten ihn manche Kritiker pietätlos, Araki erklärte lakonisch: "Ohne Kamera wäre ich in Panik geraten."
Im übrigen bewiesen die Vorwürfe, daß nicht Sexualität das stärkste Tabu sei, sondern der Tod. Den glaubt Araki schon im Medium Fotografie verkörpert: "Die Kamera beschwört immer schon den Tod herauf. Wenn man das, was sich bewegt, festhält, ist das eine Art von Tod."
"Death Reality" heißt eine Serie, die in Hamburg gezeigt wird. Sie besteht aus abfotografierten Überresten eines Films, den Araki in den siebziger Jahren drehte. Durch Lagerung beschädigt und mit Schlieren und Schmauchspuren überzogen, sehen die Bilder plötzlich aus wie Katastrophenszenarien. Es sei schwer, heißt es im Katalog, dabei nicht an die berühmten Fotos von der durch eine amerikanische Atombombe zerstörten Stadt Nagasaki zu denken.
Die Frage, ob seine Bilder Kunst seien oder nicht, hat Araki angeblich nie interessiert. Nachdem er 1972 seinen Job bei einer Werbeagentur gekündigt hatte, fanden erste Ausstellungen in einem Nudelsuppenrestaurant in Tokios Ginza-Bezirk statt oder in einer Bar mit dem Namen "Nylon 100%". Gedruckt wurden die Werke, bevor sie in der westlichen Kunstwelt auftauchten, vor allem in Porno-Magazinen und Sadomaso-Broschüren. Zuweilen plakatierte er sie auch an Bauzäunen.
"Selbst billige Pornos halte ich für interessant", bekennt Araki, "vorausgesetzt, sie erzählen etwas von der Einsamkeit der abgebildeten Menschen und von der Traurigkeit des Lebens."

DER SPIEGEL 9/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Vor G7-Gipfel in Biarritz: "Die Stadt ist zu einer Festung geworden"
  • Johnson bei Macron: Einfach mal die Füße hochlegen?