23.02.1998

ZEITGESCHICHTE„Ihm verdanke ich mein Leben“

Der Musiker Wladyslaw Szpilman, der im Inferno von Warschau wie durch ein Wunder als einziger seiner Familie den Nazi-Schergen entkam, preist in einem Buch einen deutschen Wehrmachtsoffizier als seinen Retter.
Der alte Mann liebt seine Stadt. Hier, wo er seit den zwanziger Jahren lebt, ist sein Zuhause, hier hat er als Komponist und Pianist einen klangvollen Namen. Aber es gibt Plätze und Straßen, zu denen bringen Wladyslaw Szpilman, 86, keine zehn Pferde, und auch kein Journalist oder Kamerateam.
Der "Umschlagplatz" ist so ein Un-Ort. Obwohl es ihn nicht mehr in seiner alten Form gibt, hat jeder, der sich in Warschau für Geschichte interessiert, von ihm gehört. Von dort gingen die Deportationszüge ab, mit denen die Juden der Stadt 1942/43 nach Treblinka verfrachtet wurden.
Gegen die Aleja Niepodleglosci aber hat Szpilman nichts einzuwenden. "Bitte schön, das ist kein Problem, fahren wir dorthin." Sein Deutsch ist von alter Schule. Hier in der Nummer 223 der verkehrsreichen Straße hielt er sich in den letzten Monaten des Krieges versteckt, nachdem seine Möglichkeiten, bei polnischen Freunden Unterschlupf zu finden, erschöpft waren.
Dem Tode nah, geisterte er damals als rußverschmiertes Phantom durch die Ruinen des Häuserblocks. Seinen Mitmenschen ging er tunlichst aus dem Weg, immer auf der Suche nach Essensresten und auf der Hut vor den Razzien der deutschen Häscher und vor der Gnadenlosigkeit der polnischen Denunzianten und Spitzel. Alle Warschauer hatten nach dem gescheiterten Aufstand im Oktober 1944 die Stadt verlassen müssen. In der menschenentleerten Metropole hauste Szpilman als einsamer Robinson in einer Trümmer-Wüstenei, am Leben gehalten allein von der Hoffnung auf das Ende des Krieges.
Im Treppenhaus flammen dann doch Erinnerungen in ihm hoch, die keine Zeit heilen kann. Zögernd geht der alte Herr die Stufen hoch in die Wohnung im ersten Stock. Flur, Küche, Wohnzimmer, schlafwandlerisch tappt er durch die Räume, die ihm vor über 50 Jahren Zuflucht geboten hatten. Staunend sieht er sich um: "Damals waren hier die Wände angebrannt, die Fensterscheiben zerborsten".
Heute wohnt hier - "Regie: Reiner Zufall" - der deutsche Schriftsteller Peter Lachmann, 62. Er betreibt seit 1985 in Warschau mit seiner Frau, Jolanta Lothe, einer polnischen Schauspielerin, ein Avantgarde-Theater. Auf dem Programm stehen vor allem Stücke, die sich mit den deutsch-polnisch-jüdischen Verwerfungen befassen.
Der greise Musiker, der dem deutschen Theatermacher gegenübersitzt, ist um gute Haltung bemüht. Wie von einer unsichtbaren Partitur der Geschichte abgelesen, kommt das Unvergeßbare über seine Lippen. Hier habe ihn im November 1944 ein Hauptmann der deutschen Wehrmacht überrascht. "Das ist das Ende, dachte ich, ich hatte keine Kraft mehr, davonzulaufen oder mich zu wehren."
Aber was er zunächst für das tödliche Finale hielt, erwies sich als Glücksfall. Dieser Deutsche war anders, er schämte sich der Untaten seiner Landsleute. Der Offizier von ungewöhnlichem Format half dem Halbverhungerten, ein besseres Versteck zu finden, versorgte ihn mit Lebensmitteln, einer Bettdecke und der frohen Botschaft, daß der Krieg bald mit der Niederlage der Deutschen vorüber sei. "Ihm verdanke ich mein Leben."
Zuweilen überfallen Szpilman irrationale Selbstanklagen: "Warum habe gerade ich überlebt?" Damals, als seine ganze Familie, Vater, Mutter, seine Schwestern Regina und Halina, sein Bruder Henryk und er selbst, auf dem "Umschlagplatz" zum Abtransport in das Vernichtungslager standen, sortierte ihn einer der jüdischen Ghetto-Polizisten - gegen seinen Willen - aus der Reihe der Todgeweihten aus.
Szpilman glaubte, gegen dieses aus den Erfahrungen vieler Leidensgenossen bekannte Survivor-Syndrom gefeit zu sein. Denn gleich nach Kriegsende hatte er sich seine Erlebnisse von der Seele geladen. Mit Hilfe des Musikjournalisten Jerzy Waldorff brachte er 1946 seine Erlebnisse als Buch heraus: " Smierc miasta" (Der Tod der Stadt).
In einem eher kühlen Stil, versetzt mit Sarkasmen und sanfter Ironie, berichtet der Musiker darin, was ihm und seinen Leidensgenossen widerfahren war - in der Zeit zwischen 1939, als die Deutschen kamen, um Polen zu ihrem "Nebenland" zu machen, und 1945, als die Sowjetrussen Warschau einnahmen, um das Land wenig später zu ihrem Satellitenstaat zu machen.
Mehr als fünf Jahre nationalsozialistischer Terror. "Polen war seit jeher der jüdische Sumpfquell", schrieb NS-Propagandist Helmut Gauweiler. Unfaßbar sind bis heute die Taten der deutschen Mörder, unfaßbar die Leiden der Opfer. Rund 500 000 Juden waren in das 1940 errichtete Warschauer Ghetto eingepfercht. Über 300 000 davon wurden 1942, in nur wenigen Monaten, perfekt organisiert von SS und Reichsbahn, in die Todeslager deportiert, Zigtausende starben an Hunger und Epidemien, Zigtausende wurden erschossen. Nur wenige überlebten, als im Frühjahr 1943 nach einem Aufstand SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop das Ghetto in Schutt und Asche legte. Von den insgesamt über drei Millionen Juden in Polen überstanden nicht einmal 300 000 die Nazi-Zeit. Auch über zwei Millionen Polen christlicher Konfession fielen dem Teutonen-Furor zum Opfer. Polen, "das Generalgouvernement", wie die Deutschen einen Teil davon nannten, war der Exerzierplatz der deutschen Ausrottungspolitik.
Was Szpilman mitmachte, war die Ghetto-Hölle, die damals die Deutschen den Juden in Warschau bereiteten. Eine Hölle, in der sich zwischen Leichen und Elenden Menschenjäger, Sadisten, Kollaborateure und Spitzel herumtrieben, aber in der es auch Helden und Widerstandskämpfer gab, die den Tod dem Verrat vorzogen.
Szpilmans Buch verschwand in Polen bald wieder von den Ladentischen, mitsamt der in ihm unverblümt dargestellten Alptraumwelt. Auch ein darauf basierender Film ("Der Robinson von Warschau"), für den immerhin so berühmte Schriftsteller wie Czeslaw Milosz und Jerzy Andrzejewski das Drehbuch lieferten, war bald nicht mehr gefragt. Zu pessimistisch, monierte die Zensur. Die Vergangenheit wurde nun auch in Polen in den Propagandamühlen zu Nutzen und Frommen der neuen Machthaber verhackstückt.
Schon beim Erscheinen des Buches hatte die neue Zeit signifikante Korrekturen an der alten Zeit vorgenommen. Der deutsche Retter namens Wilm Hosenfeld durfte kein Deutscher sein. Ein guter Deutscher konnte damals in Polen nur ein Österreicher sein.
In der nächsten Woche erscheint Szpilmans Buch im Econ-Verlag zum erstenmal vollständig auf deutsch. Titel: "Das wunderbare Überleben. Warschauer Erinnerungen 1939 - 1945" (234 Seiten; 39,80 Mark). Einen Auszug veröffentlicht der SPIEGEL vorab (Seite 216). Hosenfeld hat in der deutschen Ausgabe wieder seine deutsche Staatsangehörigkeit. Die hatte er schon zurückbekommen, als Teile des Szpilman-Textes, herausgegeben in einem Sammelband der Übersetzerin Karin Wolff, 1983 in der DDR erschienen sind ("Hiob 1943").
Nein, Rachegefühle gegenüber den Deutschen kennt Szpilman nicht: "Ich liebe ihre Kultur und ihre Musik." Deutschland und den Deutschen ist er buchstäblich existentiell verbunden. Über seinem Steinway-Flügel zu Hause in dem kleinen Reihenhaus im Stadtteil Mokotow hängt ein Brief von Johannes Brahms aus dem Jahre 1872 an der Wand. Den präsentiert er mit Stolz, auch wenn er die Sütterlin-Schrift auf dem autographischen Liebhaberstück nicht lesen kann.
Nie habe er aufgehört, die Deutschen zu bewundern. "Sie sind die Größten in der Musik." Und weil er es ganz ohne Ironie meint, durchfährt es einen, wenn der Survivor sagt: "Sie haben ein großartiges Talent für die Organisation."
Er war 20, als er 1931 für zwei Jahre zum Studium an die Musikakademie in der Berliner Fasanenstraße ging. Noch heute schwärmt er von den Lehrern dort. Aber als Hitler und seine Nationalsozialisten den Ton anzugeben begannen, ging er wieder zurück nach Warschau und fand eine Anstellung beim Rundfunk.
Als er am Sonnabend, den 23. September 1939, im Radio Warschau Chopins Barcarole vortrug, stoppte eine deutsche Granate den Sender. Knapp zwei Wochen später hielt Wagner-Fan Hitler die Siegesparade in der Weichselstadt ab. 1945, als der Polnische Rundfunk nach der Nazi-Götterdämmerung seine Musiksendungen wiederaufnahm, spielte Szpilman zur Eröffnung exakt dasselbe Klavierstück von Chopin, bei dem ihn Hitlers Bomben unterbrochen hatten. Später avancierte er zum Musikdirektor von Radio Warschau.
Bei Kriegsende lebte sein deutscher Wohltäter noch, allerdings hinter den Gitterzäunen eines sowjetischen Lagers. Sieben Jahre später war Wilm Hosenfeld tot. Wegen angeblicher Geheimdiensttätigkeit zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, verstarb er 1952 im Alter von 57 Jahren in Stalingrad.
Vergebens hatte seine Frau versucht, den Vater ihrer fünf Kinder freizubekommen, vergebens waren auch die Bemühungen derjenigen, die ihm ihr Überleben in Warschau zu verdanken hatten. Szpilman war nicht der einzige gewesen, dem der Offizier, in der polnischen Hauptstadt für den Sportbetrieb und die Stadionanlagen zuständig, geholfen hatte. Auf einer Postkarte hatte der Kriegsgefangene 1946 seiner Frau Personen in Polen genannt, die ihm "zu Dank verpflichtet" seien, darunter auch den Pianisten von Warschau.
In seinen Tagebüchern, die erhalten sind, erweist sich Hosenfeld, im Zivilberuf Lehrer, als ein tiefgläubiger Katholik. Er notierte sich, was er an Greueltaten sah. Sein Chef in Warschau, Oberfeldkommandant Fritz Rossum, General seines Zeichens, hingegen gab nach dem Krieg zu Protokoll: "Daß mit den Juden nicht sanft umgegangen wurde, war mir klar, daß sie aber erschossen und vergast wurden, habe ich damals nicht erfahren."
Eine kleine Auswahl aus den Aufzeichnungen des Wehrmachtsoffiziers ist nun im Anhang des Szpilman-Buches zum erstenmal veröffentlicht. Dort findet sich auch ein fulminanter Essay von Wolf Biermann. Mit Verve und Tiefenschärfe erörtert der Dichter, der den "Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk" des jiddischen Autors Jizchak Katzenelson übersetzt hat, die moralischen Fragen, die Szpilmans "Erinnerungen" aufwerfen: Kollaboration und Antisemitismus der Polen, das Heldentum jener Polen, die ungeachtet der angedrohten Todesstrafe den Juden Verstecke anboten, "das herzzerreißende Dilemma der Judenräte in den Ghettos" sowie "die Legende von den Juden, die sich nicht gewehrt hätten".
Hauptmann Hosenfeld, dem "Retter der Verfolgten", will Biermann ein Bäumchen verschaffen in der "Allee der Gerechten" in Jad Waschem, der Gedenkstätte der Juden in Jerusalem. So wird dort ein "Goj" geehrt, der in der Zeit des Holocaust Juden gerettet hat. "Wer soll das Bäumchen pflanzen?" fragt der Dichter. Seine Antwort: "Wladyslaw Szpilman, und sein Sohn Andrzej wird ihn dabei stützen."
Rolf Rietzler
Von Rolf Rietzler

DER SPIEGEL 9/1998
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