23.02.1998

NAGANO„Nie mehr nach Japan“

Die Winterspiele unter japanischen Bedingungen haben die Sportler schwer genervt. Lauthals klagen sie über die trübe Atmosphäre, dezentrale Unterkünfte und chaotische Wetterverhältnisse. Auch die Gastgeber haben verloren: Die Region hat sich hoch verschuldet.
Katrin Weber aus Rostock betreibt die Sportart Short-Track. Sie ist zum ersten Mal bei Olympischen Spielen und hat davon "nicht viel mitbekommen, außer, daß alles so groß ist". Den olympischen Geist hat sie hinter Fensterscheiben gesucht: "Man wird ständig mit dem Bus hin- und hergekarrt, das ist ein bißchen blöd", sagt sie.
Katja Seizinger aus Eberbach betreibt die Sportart Ski alpin. Sie ist zum dritten Mal bei Olympischen Spielen und hat diesmal meistens über Betriebswirtschaftsbüchern gesessen. Nach dem olympischen Geist hat sich die Goldmedaillengewinnerin in Nagano gar nicht erst umgesehen: "Das einzige, was an Japan stimmt, ist der Wetterbericht", sagt sie.
Mama-san Kimiko Takakusa aus Nagano betreibt einen Puff. Sie erlebt zum ersten Mal Olympische Spiele und wartet auf den Tag, an dem sich der olympische Geist endlich verflüchtigt hat. In ihrem Etablissement "Aoi Lemon" (Grüne Zitrone) in der Nähe des Hauptbahnhofs blieb sie während der Spiele weitgehend allein. "Meine Kunden kommen fast alle per Auto - doch wegen der Verkehrssperrungen bleiben sie fern", sagt sie.
Juan Antonio Samaranch aus Barcelona betreibt ein blühendes Geschäft. Er ist der Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und deshalb von Amts wegen immer dabei. Den olympischen Geist hat er in seinen Kassenbüchern versteckt, und die sind eins a. "Die olympische Familie ist sehr zufrieden und glücklich hier", sagt er.
Gerade mal zwei Jahre ist es her, daß Olympia mit den Kommerz-Spielen von Atlanta seinen größten anzunehmenden Unfall erlitt, da geriet das heitere Sportfest der Welt zur nächsten Enttäuschung. Nicht nur, daß die Athleten diesmal in Nagano genauso wie damals in der Heimat von Coca-Cola darüber geklagt haben, als Staffage in einem Spiel um Geld und Macht benutzt worden zu sein. Die Winterspiele von Japan werden mit einem Makel in die Geschichte eingehen, der nicht mal den Veranstaltern von Atlanta anzulasten war: Zum ersten Mal feierte der Sport seine Weltmesse gegen das Land, in dem sie ausgerichtet wurde.
Hätte nicht der japanische Skispringer Masahiko Harada seine Landsleute beim Mannschaftsspringen vergangenen Dienstag mit atemberaubender Dramaturgie in Wallung gebracht, so wäre Olympia an der Bevölkerung vorbeigerauscht wie der Schnellzug Shinkansen, durch den Nagano nun dank der Spiele mit der Hauptstadt Tokio verbunden ist. Als hätte das Land nicht schon genug Last mit seiner Wirtschaftskrise, so ächzt es nun auch noch unter den Folgen der Winterspiele.
Ungeachtet dessen schmettert allein das IOC seine Hurra-Meldungen über Rekordumsätze in die Welt: Sehenden Auges haben die zumeist greisen Herrschaften um den spanischen Diplomaten Samaranch in Kauf genommen, daß ihr schönes Fest diesmal im Gemisch aus Beton, Blechlawinen und Neuschnee versinken würde. Daß es zumindest organisatorisch nicht abgesoffen ist, verdankt Olympia japanischer Mentalität: In keinem anderen Land wäre es denkbar gewesen, unter den absehbar desaströsen Bedingungen soviel Ehrgeiz zu entwickeln - und das gesellschaftliche Leben für zwei Wochen im Dienst an Olympischen Spielen auf den Kopf zu stellen.
Folgsam, aber ohne jede erkennbare Neigung stand die örtliche Bevölkerung stramm, weil die Präfektur-Regierung von Nagano dazu gemahnt hatte, "die Winterspiele zum Erfolg zu führen". Selbst die einheimische Mafia "Yakuza" nickte den Auftrag von oben ab: Der Yamaguchi-Clan, die schlagkräftigste Vereinigung dieser Art im Lande, rief einen "olympischen Waffenstillstand" aus.
Um wenigstens den laufenden Betrieb zu bewerkstelligen, wurden - getreu dem Nagano-Motto "Ai to Sanka" (Liebe und Teilnahme) - gleich ganze Heerscharen von Beamten in die olympischen Krisengebiete abkommandiert. Allein die Gemeinde Hakuba, wo die alpinen Wettbewerbe mal von Schnee, mal von Sturm, mal von Nebel, mal von Regen und mal von Gewitter ausgebremst wurden, stellte 80 Prozent ihrer kommunalen Beamten frei. "Unsere Abteilung ist völlig verwaist", sagte ein Angestellter des Finanzamts, der während der Spiele bis zu zwölf Stunden täglich auf der Sprungschanze Schnee schaufeln mußte.
Zu tief sitzt die Angst, daß sich das Heimatland vor der Weltöffentlichkeit blamieren könnte, also hat Japan diese Spiele schweigend ertragen. Daß Nagano die Kommunalsteuern mächtig erhöhen wird, sobald die olympische Familie das Weite gesucht hat, werden die Menschen ebenso klaglos hinnehmen müssen wie den Preis dafür, daß Olympia hier überhaupt eingerückt war: Nagano hat sich mit über 50 000 Mark pro Kopf verschuldet, in Hakuba schwollen die öffentlichen Schulden sogar auf 80 000 Mark an.
Solche Zahlen fügen sich schicksalsschwer in die allgemeine Depression des Landes: Pünktlich zum Auftakt der Spiele veröffentlichte die Regierung den düstersten Konjunkturbericht der letzten zwei Jahrzehnte. Und daß Olympia die Geschäfte zumindest für zwei Wochen ankurbeln würde, erwies sich als Schimäre: Profit machten allenfalls einige Andenkenhändler. Öffentlich würden die Kaufleute darüber niemals Klage führen. "Shikata ga nai", sagen sie - da kann man nichts machen.
Olympia hat allenfalls ein paar Tagelöhnern Anstellung verschafft, meistens begrenzt auf 14 Tage. Junichi Hichida zum Beispiel hat in der Elektro-Abteilung des örtlichen Kaufhauses "Daiei" als Dolmetscher ausgeholfen. Von Montag an befindet sich Hichida wieder im Heer der Arbeitslosen, und das wächst in Nagano täglich. Noch im Januar gingen in der Präfektur 17 Firmen pleite, so viele wie seit 1988 nicht mehr. Allein in der Baubranche der Olympiastadt stieg die Zahl der Joblosen um das dreieinhalbfache auf 581 Menschen. Kein Wunder: Der olympische Bauboom ist zu Ende, und was danach kommen würde, hatten alle geahnt, aber die wenigsten auszusprechen gewagt.
Bloß ein überschaubares Grüppchen unerschrockener Aktivisten war gegen Olympia auf die Straße gezogen, um gegen die "Diktatur-Spiele von Nagano" zu protestieren. Umweltschützer wie Kimiharu To, der gegen die Zerstörung der Bergwelt durch olympische Wettkampfstätten zu Felde zog, blieben allerdings isoliert.
To, der seine Zweizimmerwohnung mit Parolen wie "Für ein freies Tibet" oder "Für organischen Gemüsebau" tapeziert hat, feuerte schon immer mit aller Energie auf den Mann, dem Japan dieses irrtümliche Vergnügen zu verdanken hat: Yoshiaki Tsutsumi jedoch war zu groß, um eine Opposition fürchten zu müssen. Der reichste Mann des Landes, Chef des Eisenbahn- und Hotelkonzerns Seibu, Herrscher über Freizeitparks, Skistationen und Golfplätze, kontrolliert die japanische Wintersportindustrie und war in dem Moment, als Nagano den Zuschlag bekam, der erste Gewinner dieses Spektakels - aber auch der letzte.
Multi-Funktionär Tsutsumi und Samaranch verbindet eine innige Männerfreundschaft. Als Samaranchs IOC-Kollegen bei ihren Besichtigungstourneen durch die Kandidatenstädte in Japan angekommen waren, wurden sie in Tsutsumis Hotelfluchten umsorgt, ließen sich von Geishas und heißen Quellen verwöhnen und packten zum Abschied kostbare Gemälde in den Koffer. Als Samaranch Geld für sein Herzensprojekt, das Olympische Museum in Lausanne, brauchte, war Tsutsumi mit zehn Millionen Dollar zur Stelle. Und als Tsutsumi Olympische Spiele brauchte, war Samaranchs IOC zur Stelle.
Daß Nagano über eine Infrastruktur verfügt, die für Olympische Spiele so geeignet ist wie die Wüste Gobi, daß alpine Wettbewerbe im Berggebiet von Hakuba um diese Jahreszeit so sinnvoll sind wie Wellenreiten am Tegernsee - all das haben Samaranchs Genossen bei ihrem Votum einfach plattgestimmt.
Kümmert es die Greise mit den fünf Ringen am Jackett im behaglichen IOC-Quartier, was draußen auf dem Berg passiert? "Das ist so lächerlich hier, daß es schon wieder lustig ist", sagte Katja Seizinger. Die Kollegin Katrin Gutensohn ätzte: "Ich glaube, hier brennt nicht mal die Flamme", ihr Cheftrainer Wolfgang Maier hoffte nur, "daß ich nie mehr nach Japan muß".
Selbst Biathlon, eigentlich wetterhart, mußte in Hakuba die Waffen strecken: Der Wettbewerb über zehn Kilometer versank im Schneetreiben - zum ersten Mal seit 1972, als Japan seine Spiele in Sapporo abhielt, wurde damit die nordische Konkurrenz abgebrochen.
Um an den Sportstätten wenigstens etwas Atmosphäre zu schaffen, wurden Schulklassen auf die Straßen gescheucht. Und die, die freiwillig draußen standen, wollten nicht das olympische Feuer sehen, sondern den Kronprinzen der kaiserlichen Familie.
Der olympische Geist, der vorgeblich die Jugend der Welt zusammenhält, wehte allenfalls als laues Lüftchen durch die japanische Provinz. Die Pforzheimer Snowboarderin Nicola Thost beispielsweise hielt es keinen Tag länger als nötig - nur wenige Stunden nachdem sie die Goldmedaille gewonnen hatte, flog sie heim: "Ich suche mir jetzt noch ein paar schöne Berge, um in Ruhe zu snowboarden." Die Eisschnelläuferin Franziska Schenk mußte bleiben, weil der Terminplan es so wollte - schon als die Erfurterin in Japan an-
* Während der Eröffnungsfeier am 7. Februar.
kam, dachte sie: "Du bist hier im Knast gelandet."
Was kümmert es die IOC-Herrschaften? Beunruhigen vermag einen wie Samaranch allenfalls, wenn CBS unbotmäßige Interview-Fragen zu des Spaniers faschistischer Vergangenheit stellt. Dann setzt der Franco-Freund alle Hebel in Bewegung, um sein unsicheres Gestottere zu tilgen.
Olympia ist da zu Hause, wo es finanziell Plus macht, und diesmal war eben Japan dran. Das IOC-Mitglied Marc Hodler, gleichzeitig Präsident des Internationalen Ski-Verbandes, weiß auch, warum: Er hat die größten Ski-Produzenten nach ihren wichtigsten Märkten befragt - "Japan war deutlich die Nummer eins".
Und Olympia macht Plus, solange die Industrie und das amerikanische Fernsehen bei der Stange bleiben. Deswegen muß Olympia hip sein, und deswegen ist jetzt auch Snowboarden olympisch.
Bei den dynamischen Menschen auf den schnellen Brettern hat sogar Samaranch mal vorbeigeguckt. Der Weg zu seinem Ehrenplatz führte ihn über rutschiges Geläuf, er ließ sich dabei von drei Japanern stützen, die ihm zwischendurch den Schnee aus den Sohlenritzen kratzten.
Die Liaison hat ihre Tücken. Denn mit dem Einlaß der Moderne hat sich Olympia gleich jede Menge Ärger ins Haus geholt - es stellte sich nämlich heraus, daß das Lebensgefühl der jungen Leute mit der olympischen Charta über Kreuz liegt. Und in solchen Fällen hat das IOC etwas von der katholischen Kirche: Wer nicht spurt, ist aus dem Spiel.
Dem Olympiasieger Ross Rebagliati sollte nach dem Willen des IOC die Goldmedaille aberkannt werden, weil er Marihuana gekifft hatte. Dem Österreicher Martin Freinademetz wurde die Akkreditierung entzogen - er hatte eine Drei-Liter-Bierdose durch die Hotellobby gekickt, das Geschoß war an einem Computer gelandet, und der Inhalt hatte sich in die Tastatur ergossen, was zugleich das Ende des Geräts wie auch des Schützen bei Olympia bedeutete.
Jetzt zielt Freinademetz zurück. Der olympische Geist habe ihm, eingepfercht in ein "kasernengleiches Hotel", einen solchen Lagerkoller bereitet, "daß ich in meiner Not sogar Eiskunstlaufen im Fernsehen geguckt habe". Er fühlte sich "behandelt wie ein dummer Schüler im Internat: Um elf war Bettruhe, wer danach noch erwischt wurde, bekam Ärger".
Auch die Teilnahme der Eishockeyspieler aus der amerikanischen Profiliga folgte streng ökonomischen Überlegungen. Zwar nahmen sich die Cracks nur eine gute Woche Zeit, weil ihre Geschäftsgänge zu Hause keine längere Unterbrechung vertragen hätten.
Aber dafür hatte jeder was davon: Samaranch, weil er im Eishockeystadion trockenen Fußes auf seinen Ehrenplatz kam; die NHL, weil sie für die daheim etwas stotternde Liga warb, und auch die Gastgeber. Während der Auftritte von Wayne Gretzky und seinen Kollegen erlernte das einheimische Publikum fremde Bräuche: Japan kann jetzt La Ola.
* Während der Eröffnungsfeier am 7. Februar.

DER SPIEGEL 9/1998
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