23.02.1998

SKILANGLAUF„Die Birne klar“

Neues Ungemach für den gläubigen Allgäuer Johann Mühlegg: Staffelkollege Jochen Behle ist als „Spiritist“ enttarnt.
Es begab sich am neunten Tag der Olympischen Spiele, und zwar in den Alpen des Landes der aufgehenden Sonne. Im Stadion von Nagano bekam Uschi Disl ihr Biathlon-Silber umgehängt, und die bayerische Gemeinde feierte im "Kufenstüberl" das Bronze des Bobfahrers Christoph Langen mit Weißbier.
Zur gleichen Zeit hat Johann Mühlegg in Zimmer 3021 des Paris-Garden-Hotels zu Hakuba auf einem altrosafarbenen Dreisitzer Platz genommen. Warme Luft und feierliche Stimmung haben die Wangen des Skilangläufers erhitzt. Auf seinen Knien liegen, in grünes Leder gebunden, die "Meß-Lektionen", und Johann bringt eine Lesung nach dem Alten Testament zu Gehör: "Gott wird erretten deinen Leib. Wie an Fett und Mark wird fett auch deine Seele sein."
António da Fonseca Agostinho, 54, ein in Portugal geborener Gebäudereiniger, hat sich einen weißen Talar über den massigen Körper gestülpt und kniet sodann vor einem als Altar hergerichteten Beistelltisch nieder. Der Priester von eigenen Gnaden singt Psalmen, er betet und predigt. Und nach Sekunden der Stille lüftet der Pope ein Handtuch, das vor einem siebenfingrigen Kerzenständer drapiert ist.
Zum Vorschein kommt ein auf dem Kopf stehender Becher, der auf einem umgedrehten Aschenbecher ruht. Agostinho hebt das Gefäß. So gelangt er an die darunter versteckte Oblate und führt die Hostie seiner Frau, die sich in Sweatshirt und grauer Jogginghose neben Mühlegg in die Polster drückt, in den Mund.
Der Höhepunkt der erhabenen Geburtstagsfeier, zu dem sich die kleine Gemeinde in enger Hotel-Atmosphäre zusammengefunden hat, ist vollbracht. Es geschah vor genau zwölf Jahren - Agostinho war von der Arbeit des Tages schon reichlich ermüdet -, als um 23.30 Uhr im fünften Stockwerk der Münchner Berlepschstraße 12 der Herrgott erschien. "Der Gott aller Väter", so berichtet Amateur-Priester Agostinho später, hat sich an diesem Abend in seine Ehefrau Justina "eingesetzt" - als daß sie fortan Gutes tue und das Böse bekämpfe.
Diese Mission führte sie nun auch ins ferne Nagano. Hier sollen die Agostinhos die Seele des besten deutschen Langläufers retten. Denn im Japanerland, so hatte der Vater prophezeit, sei der spiritistische Feind ganz nah. Olympia sei nur mit seiner in der Frau Fleisch gewordenen Nähe zu überstehen - auch wenn das einen fünfstelligen Betrag kostet und Mühleggs Ersparnisse verzehrt.
Mögen sich die Ski-Kollegen auch auf Wachsspezialisten und Kantenfeiler verlassen, auf Schneetester und Muskelkneter - Johann Mühlegg, 27, wohnhaft in Grainau bei Garmisch, hat eben seine eigene Entourage zu den Olympischen Spielen mitgebracht: seinen Bruder Martin, die Agostinhos und einen ebenfalls gläubigen Freund der Familie.
Daß der im Allgäu geborene Athlet in Japan die Hilfe seiner kleinen Gemeinde brauchen werde, ist ihm Ende Dezember ins Bewußtsein gekommen. Damals erwischte es ihn in der Lunge. "Da stimmt was nimma", dachte er sofort bei sich.
Frau Agostinho berichtet, den Johann "in einem schlimmen Zustand" vorgefunden zu haben. Sie sei fortan tagein, tagaus an seinem Bett gesessen - bis daß der in der Frau wohnende "Vater die Belastung förmlich aus meinem Leib gedrückt hat", wie der von den Todkranken Genesene ergriffen ergänzt.
Erzählt er von seiner Heilung, nimmt Johann Mühlegg gern die Röntgenbilder als Erklärung zur Hand. Unten, im rechten Lungenflügel, hätten sich damals die Viren festgesetzt. Doch schon nach gut zwei Wochen habe sich der Schatten im angegriffenen Atmungsorgan im Nichts aufgelöst. Sicher, die Antibiotika mögen zur Heilung der Lungenentzündung beigetragen haben. Und doch: "Die Ärzte haben gesagt", berichtet Mühlegg, "das Ganze grenzt fast an ein Wunder." Danach sei ihm klar geworden, der Vater müsse bei Olympia anwesend sein, denn ohne ihn "wär'' ich schon hundertmal tot gewesen".
Nun verhält es sich leider so, daß nicht allzu viele für Mühleggs Sakro-Massage Verständnis aufbringen mögen. Schon einmal hatte der Glaubensstrenge einen Bundestrainer "Spiritist" geschimpft. Die nachfolgende Auseinandersetzung endete im Patt: Der Trainer wurde degradiert, und Mühlegg darf seitdem, so hat es der Ski-
* Im Ziel der 4 x 10-km-Staffel vor dem Österreicher Christian Hoffmann am vergangenen Mittwoch.
Verband festgelegt, öffentlich nicht mehr über die Hilfe sprechen, die ihm durch die Gnade widerfährt.
So wäre die Affäre längst überstanden, hätte sich nicht neuerdings die Lage dramatisch kompliziert. Denn nun trachte ihm, so beklagt Mühlegg, ausgerechnet ein Mannschaftskamerad nach Leib und Seele, der ihm bereits "böse Schäden" zugefügt habe. Und wenn die Mühleggs über die Schande des Spiritisten referieren, erregen sich ihre Gemüter derart, daß dieser schon bald als "übler Mistkerl" und "Drecksau" gebrandmarkt ist.
Mühleggs würden sich eher die Zungen abbeißen, als dessen Namen preiszugeben. "I will mei Ruah ham", sagt Johann, und Bruder Martin ergänzt, daß man jetzt bei Olympia "alles andere als eine neue Geister-Affäre gebrauchen kann". Doch es gibt keinen Zweifel, wer gemeint ist, auch wenn der Name nicht fällt: Es ist Jochen Behle, der Rekordmeister des Landes, der den Johann verflucht.
Um Berührungen mit dem Verwunschenen zu vermeiden, sind die Mühleggs samt Gefolge mit Japan Airlines aus Zürich angereist, separate Zimmer waren im Hotel Tokyu und im Paris Garden gebucht.
Doch die Mühsal bringt nur kurze Ruh. Schon im Flieger klagt der Sportler über Beschwerden. Und wäre der "Voata" nicht gewesen, sagt Johann, wäre er schon nach drei Tagen wieder heimgefahren. Wann immer er nämlich die Nähe des besagten Mannes spüre, schlage es ihm auf Magen und Rücken. Manchmal, wenn er "diese Person" tagsüber im Skiwachsraum treffe, habe er gar geglaubt, "anschließend nicht mal mehr gehen zu können".
Die Gnade indes weiß praktischen Rat: "Ich muß allzeit in seiner Nähe sein." Und sie erzählt, wie es ist, wenn der gebeutelte Johann einen neuen Schub bekommt. Dann drücke und drücke sie Kopf und Brust ab, oft stundenlang, bis ihr "die Knöchel anschwellen", und sie besprühe den Patienten dabei mit gesegnetem Wasser. Und weil die Mächte des Gegenspielers gar groß sind, muß Mühlegg zur Prophylaxe täglich drei Liter gesegneten Wassers trinken. Zudem liest Agostinho täglich zwei Messen, "was zusätzliche Linderung bringt" (Mühlegg).
Am sechsten Tag von Nagano erschöpft sich jedoch die Kraft des heiligen Vaters, die Belastungen nehmen überhand. Bruder Martin teilt der Mannschaftsleitung mit, daß "wir uns weiter separieren müssen". Denn der Vater wolle, "daß wir gewinnen, aber es stehen uns noch viele Prüfungen bevor". Er besorgt unter großen Mühen einen Mietwagen und durchkämmt die Gegend ums Skistadion nach geeigneten Räumlichkeiten.
Am siebten Tag der Reise ziehen die Mühleggs aus dem olympischen Servicezentrum aus. Ein japanischer Bauingenieur stellt einen Teil seiner Doppelgarage zur Verfügung. "Durchhalten, Johann Mühlegg", hat der Hausherr in Eile auf ein Plakat gemalt. Zwischen Mazda und Toyota, zwischen Werkzeug und wintergelagerten Campingmöbeln haben sie sich nun, fernab olympischer Hektik, ihren privaten Skiwachsraum eingerichtet.
"Jetzt endlich", sagt Johann Mühlegg, habe "ich die Birne klar". Wenn er auf den Loipen trainiert, patrouillieren die Agostinhos das Terrain, nur einmal wagt sich "die Gnade" nebst Ehemann zur Muße auf den Berg - es ist der Tag, an dem Katja Seizinger ihr erstes Gold gewinnt.
So kehrt zu Anfang der zweiten Olympiawoche endlich etwas Ruhe ins Haus. "Jeder Normale sagt, wir spinnen", hat Martin Mühlegg, ein derzeit beschäftigungsloser Bauingenieur, in Erfahrung gebracht, "jeder lacht uns aus, das macht mich unheimlich traurig". Sponsoren, "erstklassige Kontakte", habe der Johann auch einmal gehabt; das alles ist vorbei, seitdem "wir als irgend so eine Sekte gelten". Und eines sei ihnen stets bewußt: "Sollten wir einmal schlechter werden, dann macht uns der Verband fertig." Dann gebe es keinen Langläufer Mühlegg mehr. "Dös is eh klar", sagt dann der Johann.
Es sind dies die Momente der Einkehr. Dann legt Mühlegg schon mal den Kopf in die Hand, die tiefblauen Augen drehen sich in Richtung Deckenlicht, und es entfährt ihm ein tiefer Seufzer: "Ach, der Voata."
Er weiß, daß er ihn am Mittwoch besonders benötigen wird. An diesem Tag nämlich ist der Mannschaftswettbewerb, und da bildet er unter anderen mit Behle ein Quartett. Dem Bundestrainer hat man im Vorfeld schon mitgeteilt, auf gar keinen Fall körperlich mit dem "Fallensteller" in Kontakt treten zu können. Und das wird akzeptiert: so läuft Behle in der 4 x 10-km-Staffel an Position zwei, Mühlegg an vier.
Und doch: Als sich Mühlegg morgens um Viertel nach neun auf den Weg in sein kleines Garagenquartier begibt, fährt ihm der Schmerz wieder in den Bauch. Die Gnade ist, Gott sei es gelobt, nicht weit. Der Schmachtende muß sich neben der Wachsbank auf einen Schemel legen, und dann drückt sie "immer nei in den Magen".
Als die Arbeit getan ist, steht die Heilende, mit einer Sonnenbrille in Postkartengröße, blauer Fellmütze und Winterboots gegen Strahlung und Kälte geschützt, am Loipenrand. Und dort erlebt sie, als spiegele sich der Fluch nun zurück: Behle fällt von Platz eins auf Platz zehn zurück, und Mühlegg ist zweitschnellster Läufer des Rennens.
Die erhoffte Medaille ist trotzdem verspielt. Es sei "für Deutschland schon beschämend, wenn man jetzt sogar vom Japaner geschlagen wird", sagt Mühlegg, "stinksauer" auf den lahmenden Feind im eigenen Team.
Doch daß der geschlagene Behle nun seine Karriere, wie er dies vorher überall angekündigt hat, beenden wird, das kann Mühlegg trotzdem nicht glauben. Denn er weiß es besser: "Der hört nicht auf - der Voata hat''s gesagt."
* Im Ziel der 4 x 10-km-Staffel vor dem Österreicher Christian Hoffmann am vergangenen Mittwoch.

DER SPIEGEL 9/1998
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