02.05.2011

HANDELAbmahnen im Akkord

Mit 230 Millionen Euro will der Drogerie-Riese Schlecker seine Filialen und seinen miesen Ruf polieren. Doch Mitarbeiter klagen weiterhin über heftige Schikanen.
Kinder wollen gern alles anders machen als ihre Eltern - erst recht, wenn sie vielleicht mit deren Eigenarten nicht immer einverstanden waren. Lars und Meike Schlecker scheinen einiges wiedergutmachen zu wollen, denn der Umbau des von Papa Anton gegründeten Drogerie-Imperiums ist ihnen gleich 230 Millionen Euro wert.
Die Juniorchefs, die vom Vater seit ein paar Monaten schrittweise an ihre künftige Führungsrolle herangeführt werden, möchten mit dem Geld nicht nur die Filialen modernisieren. Die sind oft runtergekommen und warten mit klaustrophobisch eng anmutenden Gängen auf. Der Nachwuchs will das miese Image der Ladenkette gleich mitrenovieren. Ihr Vater galt Kritikern als Ausbeuter, der auf Dumping-Löhne schwor. Zuletzt verlor die Nummer eins der Branche erstmals Umsatz und Marktanteile an die Konkurrenz.
"Schlecker wird sich ändern", versprachen die Geschwister, nachdem sie unter dem Motto "Fit for Future" neuerdings mitmischen. "Ganz sicher."
"For You. Vor Ort" heißt die Imagekorrektur weihevoll, im Internet sorgt sie schon für reichlich Spott: "Hätte nicht gedacht, dass man ,Come in and find out' (Douglas) noch toppen kann", schreibt ein Facebook-Nutzer. Schlecker lässt sich davon nicht beirren, man wolle "mehr Offenheit und direkteren Dialog". Gemeint sind damit Medien, Lieferanten und Kunden - die eigene Belegschaft dagegen wohl kaum. Interne Papiere, die dem SPIEGEL vorliegen, zeigen, dass unbequeme Beschäftigte bei Schlecker weiterhin drangsaliert und rausgedrängt werden.
"Schikanen sind Teil der Schlecker-Tradition", sagt Ver.di-Gewerkschaftssekretär Achim Neumann. Zwar billigt er der Kette erste Fortschritte zu. Im Gegensatz zu früher ("Das grenzte in einigen Fällen an Menschenrechtsverletzungen") gelten im ganzen Konzern seit Sommer 2010 sogar Tarifverträge. Aber Neumann ist sich sicher: "Manche Führungskräfte haben die neuen Glocken aus der Zentrale noch nicht gehört."
Eifrig wird zum Beispiel noch immer eine Art Abschussliste abgearbeitet, die Personaldirektor Michael Strisciulli bereits im Oktober 2009 verfassen ließ. Das Papier unter dem Titel "Maßnahmenpaket Personal-Qualität" ist 20 Seiten lang und sammelt die Namen von Dutzenden ebenso langjährigern wie missliebigen Mitarbeiterinnen im gesamten Bundesgebiet. Manche waren im Betriebsrat, fast alle hatten hohe Gehaltsstufen erreicht und waren entsprechend teuer geworden für Schlecker. Zu teuer vielleicht?
Diese Beschäftigten würden "in der Optik stehen", heißt es in der Mail einer Managerin. Gemeint ist wohl: Die Namen auf Strisciullis Liste stehen unter verschärfter Beobachtung. Neben vielen Namen finden sich auf der Liste zwei Zahlen: Das eine Datum markiert nach Meinung von Betriebsräten den Zeitpunkt, als die Frauen auf der Liste ins Fadenkreuz der Schlecker-Führung gerieten. Das andere verrate den erhofften Austrittstermin. Schlecker selbst spricht nur von einem "Wiedervorlagedatum".
Wer einmal verhaltensauffällig wurde, hat jedenfalls nichts Gutes zu erwarten. Die Gesamtbetriebsrätin Ursula Bieber sagt: "Auf die rollte eine Abmahnungswelle zu" - mit oft bizarren Argumenten: Mal wurde angeblich gegen die "Preisauszeichnungspflicht" verstoßen, mal fehlten grüne Sticker im Regal, mal war den Kunden kein Homeshopping-Prospekt aufgedrängt worden. Mitunter versandten Vorgesetzte gleich mehrere Verwarnungen pro Tag.
Manche der Mitarbeiterinnen hat der Abmahnakkord krank gemacht. Gewerkschaftsfunktionär Neumann spricht von "den altbekannten Methoden der Zermürbung". Der Konzern hat für Strisciullis Liste eine andere Erklärung parat.
Auf Anfrage war zunächst von normalen "Personaleinsatzplanungen" die Rede. Etwas später war die Liste dann "Unterlage einer kritischen Besprechung durch Herrn Strisciulli". Dabei sei es sowohl um die "verbesserte Performance" von Mitarbeiterinnen als auch um "leistungsbedingte Abmahnungen" gegangen.
Übertriebene Härten, lässt Schlecker wissen, wolle man aber jetzt "korrigieren". Und mittlerweile erlebt selbst Ver.di-Mann Neumann bei Personaldirektor Strisciulli "eine wundersame Wandlung vom früheren Wadenbeißertum zur neuen Nachdenklichkeit". Doch die alten Härten haben offenbar an manchen Stellen überdauert.
Vor wenigen Wochen erst mahnte ein Schlecker-Verkaufsleiter die Mitarbeiterin einer Filiale bei Dessau wegen "grob geschäftsschädigenden" Verhaltens ab. Die Frau, seit zehn Jahren im Unternehmen und wie so oft ganz allein in der Filiale, schloss kurzfristig den Laden, nachdem die Schule ihres Sohnes angerufen hatte. Der hatte sich verletzt und musste ins Krankenhaus gebracht werden.
Es sei "in keinster Weise nachvollziehbar", monierte der Verkaufsleiter, weshalb die Filiale eigenmächtig und ohne Mitteilung an die Bezirksleitung geschlossen worden sei. Tatsächlich hatte die Frau die Bezirksleitung durchaus informiert. Die sah sich allerdings außerstande, kurzfristig einen Ersatz zu besorgen und hatte das Problem wieder an die Mutter zurückdelegiert.
Es gibt noch andere Schikanen: Um Personalkosten zu drücken, werden Aushilfen wiederholt nur wochenweise angeheuert, obwohl reguläre Angestellte gern mehr arbeiten würden. "Diese prekären Kettenbefristungen haben bei Schlecker immer noch System", resümiert Heike Danz, Fachanwältin für Arbeitsrecht in Magdeburg.
Der Widerspruch des Betriebsrats interessiere die Vorgesetzten in der Regel nicht. Schlecker spricht von "Notlösungen": Die Betriebsräte selbst würden "längere Vertragslaufzeiten verhindern".
Weiterhin arbeiten nach Ver.di-Schätzungen einige tausend der knapp 30 000 Beschäftigten ohne Tarifvertrag. Und noch immer setzen manche Bezirksleiter auf die alten Meniar-Methoden - benannt nach der hauseigenen Zeitarbeitsfirma, die gefeuerte Mitarbeiter zu Dumping-Löhnen von sechs Euro wieder anstellte. Das Modell erboste vergangenes Jahr selbst die Sozialministerin Ursula von der Leyen derart, dass Schlecker schließlich Besserung gelobte.
Jetzt steht nicht mehr Meniar auf den Verträgen, doch das System steckt noch drin: Es gibt neue Verträge zu schlechteren Konditionen, mit weniger Weihnachts- und Urlaubsgeld etwa. Ein Schlecker-Sprecher betont, man gebe den Mitarbeitern die Möglichkeit, "durch einen freiwilligen Verzicht zur Erhaltung der Arbeitsplätze aktiv beizutragen". Doch ist das wirklich das Ziel?
Dem Management scheint es zu genügen, wenn sich viele der alten Filialen gerade so über Wasser halten können. Um "Fit for Future" zu werden, setzen die Schlecker-Geschwister Lars und Meike auf größere XL-Zweigstellen mit teils frischem Personal. Da müssen die "toten" Verkaufsstellen "nur noch laufen", schrieb eine Schlecker-Managerin vor einiger Zeit per Mail an ihre Bezirksleiter.
Der im Hintergrund agierende Seniorchef Anton Schlecker war seinen beiden Kindern jedenfalls früh ein Beispiel schwäbischer Sparsamkeit: Als die Geschwister 1987 entführt wurden, hat er sogar beim Lösegeld gefeilscht.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 18/2011
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