09.03.1998

GROSSBRITANNIENDer Pharao der Phantasie

Er sah sich schon als Princess Dianas künftiger Schwiegervater. Doch jetzt sinkt der Stern des Harrods-Chefs Al-Fayed: Die Polizei ermittelt gegen ihn wegen Einbruchs.
Die Geschichte mit dem Wochenende bei Fidel Castro war wie folgt: Mit seinem Gulfstream-Privatflugzeug jettete er nach Kuba, um mit dem Staatschef Geschäfte zu vereinbaren. Auf einer Hazienda war dann Entenjagd mit dem Comandante angesagt, der legendäre Revolutionär briet die Beute abends eigenhändig.
Castro sei von einem Schwarm bildschöner Leibwächterinnen umgeben gewesen, die ihren Dienst in knappen Miniröcken, von einem berühmten Pariser Couturier geschneidert, verrichteten. Und der Clou: "Fidel fucks them all."
Richtig ist, daß Mohamed Al-Fayed, der diese Geschichte seines Karibik-Erlebnisses in trauter Runde zum besten gab, in eigenen Flugzeugen und Hubschraubern reist - schließlich zählt der ägyptische Besitzer des Londoner Edelkaufhauses Harrods sowie des Pariser Luxushotels Ritz zu den reichsten Wirtschaftsmagnaten Großbritanniens. Er ist versehen mit allen Accessoires eines wahren Gentlemans der britischen Oberklasse: einem Schloß im schottischen Hochland, einem Landgut in Surrey und Immobilien in allerbester Londoner Wohnlage.
Unbestritten, daß Al-Fayed im Rahmen seiner globalen Geschäfte auch im kommunistischen Kuba einkaufte und Castro persönlich kennt: Der Milliardär kann sich ebenso der Bekanntschaft anderer Staatsoberhäupter rühmen - etwa mit Frankreichs Jacques Chirac, der ihn mit dem Orden der Ehrenlegion dekorierte. Nur die Sache mit den willigen Leibwächterinnen dürfte wohl wieder seiner Phantasie entsprungen sein, die vor allem im sexuellen Bereich üppig blüht.
Gern parliert der orientalische Kaufhauskönig in holprigem Englisch über Bettgeschichten - in einem Gossenjargon, der jedem Bordell-Portier die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Und auch wenn er über die Oberklasse seines Gastlandes spricht, ist Al-Fayeds Sprache derb. Das britische Establishment sei "eine Verschwörung von Verbrechern, Schwulen und Rassisten, die glauben, mir auf den Kopf scheißen zu können, nur weil ich Araber bin".
Al-Fayeds Zorn rührt von der beharrlichen Weigerung der Behörden, ihm einen britischen Paß auszustellen, obwohl seine vier Kinder aus zweiter Ehe mit einer Finnin längst Untertanen Ihrer Majestät sind. Tatsächlich hat die umstrittene Entscheidung, den Ägypter nicht einzubürgern, auch mit der Quelle seines Reichtums zu tun, die bis heute viele Rätsel aufgibt.
Daß Al-Fayed, der vor über 30 Jahren nach Großbritannien kam, einen äußerst saloppen Umgang mit Fakten und der Wahrheit pflegt, ist im Vereinigten Königreich gerichtsnotorisch.
Als Mohamed Al-Fayed 1985 zusammen mit seinen beiden jüngeren Brüdern in einem erbitterten Übernahmekampf gegen den deutschstämmigen Mitbewerber Roland "Tiny" Rowland die Kaufhauskette "House of Fraser" (Flaggschiff: Harrods) erwarb, log er ebenso unverfroren über seine eigene Herkunft wie die der bezahlten 615 Millionen Pfund (damals 1,5 Milliarden Mark).
Er und seine Brüder seien Erben einer Dynastie reicher Händler und Reeder, aufgewachsen in prunkvollen Villen, erzogen von britischen Gouvernanten. Von wegen: Vater Al-Fayed brachte in der ägyptischen Mittelmeer-Hafenstadt Alexandria seine Familie mehr schlecht als recht mit seinem kargen Lehrergehalt durch.
Die geschönte Biographie war nur eines unter vielen Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Selbst bei seinem Alter flunkerte der "falsche Pharao" (das Sonntagsblatt "The Observer"). Der Tycoon mit der Vorliebe für schrill gestreifte Seidenhemden gab an, 1933 geboren zu sein - tatsächlich, so Ermittler des Londoner Handelsministeriums, ist er wohl vier Jahre älter.
In einem 1990 veröffentlichten Bericht über die Harrods-Übernahme wies die Behörde auf 752 Seiten "Dutzende Lügen der Al-Fayeds" nach. So stamme die Summe für das Nobelkaufhaus im Londoner Stadtteil Knightsbridge höchstwahrscheinlich vom Sultan von Brunei, dem reichsten Mann der Welt. Der Ägypter klagte gegen den rufschädigenden Report durch alle Instanzen - und verlor.
Aufschneiderische Fabeln wie jene über seinen Jagdausflug mit Castro, bei denen die Konturen zwischen Tatsachen und Erfundenem allzuhäufig zerfließen, sind eine Spezialität von Mohamed Al-Fayed. Sie haben ihm in der klassenbewußten britischen Gesellschaft, der er so gern angehören möchte und die ihn schneidet, den Ruf eines unseriösen Parvenüs eingebracht: Daran änderten auch seine engen Kontakte zum Jet-set und zur britischen Königsfamilie nichts.
Al-Fayed hofierte gern und mit kindlicher Freude internationale Stars wie die Sängerin Diana Ross oder das Top-Model Cindy Crawford, deren Harrods-Auftritte er sich teuer erkaufte. Auch Princess Diana zählte zu seinem Bekanntenkreis. Ihr 1992 verstorbener Vater Earl Spencer war ein Freund, Dianas Stiefmutter Lady Raine steht bis heute als leitende Angestellte auf der Harrods-Gehaltsliste.
Lange hatte Al-Fayed die Ex-Frau des Thronfolgers Charles vergebens auf eines seiner zahlreichen Besitztümer eingeladen. Erst vergangenen Sommer nahm sie überraschend seine Offerte an: Die Princess of Wales urlaubte mit ihren Söhnen William und Harry in der Fayed-Villa bei St. Tropez.
Voller Stolz ließ sich der Kaufhauskönig an Deck seiner Jacht mit dem noblen Gast ablichten. Insider wie der Londoner Großverleger Conrad Black mutmaßten damals öffentlich, die Paparazzi und Klatschreporter hätten ihre Informationen über den jeweiligen Aufenthaltsort der königlichen Urlauber aus dem Dunstkreis der Harrods-Chefetage erhalten.
Als sich Diana, 36, während der Ferien in seinen ältesten Sohn Dodi, 42, verliebte, fortan mit dem Playboy an den Gestaden des Mittelmeers turtelte und befreundeten Reportern mitteilte, wie wohl sie sich nun "als Teil einer glücklichen Familie" und im "schönsten Urlaub ihres Lebens" fühle, schien mit einem Male Al-Fayeds brennender Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung in Erfüllung zu gehen.
Der so oft gedemütigte Aufsteiger aus dem Orient, der mit seinen Millionen alles kaufen konnte, nur nicht den Respekt der Elite, stand vor dem Durchbruch. Spätestens als Schwiegervater der berühmtesten Frau der Welt und als Stiefgroßvater des künftigen Königs mußte er die ihm zustehende Bewunderung erringen: Das war wohl sein Kalkül.
Dann passierte die Katastrophe - und Mohamed Al-Fayeds letzte Hoffnung auf die Aufnahme in den Oberklassen-Orden war brutal zerstört: Am 31. August 1997 starben die Traumprinzessin und ihr Lover im Fond eines Mercedes in einer Pariser Straßenunterführung. Ein betrunkener Al-Fayed-Angestellter, der stellvertretende "Ritz"-Sicherheitschef Henri Paul, hatte die schwere Limousine gegen einen Betonpfeiler gerammt.
Seither versucht Al-Fayed mit einem wüsten Geflecht aus Halbwahrheiten und abenteuerlichen Verschwörungstheorien den Unfall zu einem Kriminalfall umzubiegen: "Ich bin intuitiv zu 99,9 Prozent sicher, daß es kein Unfall war." Der Tod des Liebespaares sei "ein Komplott des britischen Establishments" gewesen, ausgeführt von Agenten des Geheimdienstes.
Angeblicher Beweis für die ungeheuerlichen Anschuldigungen: Die geschiedene Fürstin von Wales habe seinen Sohn heiraten wollen und sei möglicherweise schwanger gewesen, behauptete Al-Fayed im Londoner Boulevardblatt "Daily Mirror".
Dodi habe ihm noch kurz vor dessen Tod die freudige Nachricht telefonisch übermittelt. Die beiden hätten sterben müssen, weil die britische Oberklasse es nicht zulassen wollte, daß der zukünftige König "einen Halbbruder bekommen könnte, der ein ,Nigger' ist".
Eine enge Freundin Dianas, die Londoner Geschäftsfrau Rosa Monckton, mit der die Princess noch zehn Tage vor ihrem Tod bei den griechischen Inseln Hydra und Spetsä einen Kurzurlaub verbrachte, wies die angebliche Schwangerschaft als "Lüge" zurück: "Ich kann es als absolute biologische Tatsache beschreiben, daß sie nicht schwanger war."
Zum Thema Heirat meldete sich auch die Diana-Vertraute Lady Annabel Goldsmith. Ihr hatte die Frischverliebte ebenfalls kurz vor der verhängnisvollen Autofahrt durchs nächtliche Paris versichert, an eine Vermählung sei nicht zu denken. Lady Annabel: "Diana sagte, eine Heirat könne sie ungefähr so gut gebrauchen wie einen Pickel im Gesicht."
Als sich Vater Al-Fayed dann auch noch mit widersprüchlichen Versionen über Dianas angeblich letzte Worte in der Öffentlichkeit brüstete - nach Überzeugung aller behandelnden Pariser Ärzte hatte Diana vom Zeitpunkt des Crashs bis zu ihrem Tod nicht mehr das Bewußtsein erlangt -, brach über den Harrods-Eigner ein landesweiter Proteststurm herein. Die Empörung dürfte das Ende seiner Ambitionen markieren, doch noch ein ehrbares Mitglied der britischen Gesellschaft zu werden.
Premierminister Blair brandmarkte, mit Blick auf Al-Fayeds geschmacklose Enthüllungen, die "schäbige Ausbeutung" der Erinnerung an Diana.
Buckingham Palace, sonst äußerst zurückhaltend in der Kommentierung des Pariser Unglücks, beklagte den "Streß für die königliche Familie, vor allem für die beiden jungen Prinzen", den die wilden Spekulationen des Harrods-Moguls ausgelöst hätten.
Vorbei sind damit die Zeiten, in denen Al-Fayed etwa als Sponsor der "Royal Windsor Horse Show" zusammen mit der Monarchin Elizabeth II. Pokale an Reitersleute überreichen durfte. Tatsächlich ging dieses kostspielige Privileg kürzlich an den königlichen Juwelenlieferanten Asprey's. Ein empörter Höfling: "Dieser Herr wird sich nie wieder in der Gegenwart von Royals sonnen dürfen."
Neben dem Entzug königlicher Zuwendung drohen Al-Fayed rechtliche Probleme, die seinem Drängen nach britischer Staatsangehörigkeit empfindliche Rückschläge versetzen und überdies seinem Geschäftsimperium Schaden zufügen können. Denn was an Interna über das Betriebsklima des Luxusladens an die Öffentlichkeit dringt, etwa über seinen Umgang mit Untergebenen, scheint die schlimmsten Vorurteile des Establishments über Auftreten und Charakter des ehrgeizigen Großkrämers noch weit zu übertreffen.
Vergangene Woche wurde der Milliardär festgenommen und in einer Londoner Polizeistation verhört, anschließend ließen die Strafverfolger Al-Fayed gegen Auflagen wieder laufen. Der Harrods-Chef wird verdächtigt, im Dezember 1995 veranlaßt zu haben, den bei Harrods gemieteten Safe seines alten Business-Rivalen Tiny Rowland aufzubrechen.
Diese schwere Beschuldigung hatte der langjährige Kaufhausangestellte Bob Loftus erhoben, der als Sicherheitsdirektor 1996 von Al-Fayed gefeuert worden war. Loftus, ehemaliger Major der "Royal Military Police", rächte sich für seinen Rausschmiß durch die Mitnahme zahlreicher Tonbänder. Die Tapes, kürzlich auch im britischen Fernsehen präsentiert, beweisen, daß Al-Fayed die Telefone seiner Mitarbeiter lange Zeit systematisch abhören ließ.
Der Chef, so Loftus, sei vor allem auf Gespräche mit sexuellem Inhalt scharf gewesen. Die ließ er sich in seinem Büro vorspielen.
Durch ehemalige Harrods-Bedienstete, die mit ihren schlimmen Erfahrungen im Reich des Pharaos in letzter Zeit an die Öffentlichkeit gingen, ergibt sich das Bild eines ebenso mißtrauischen wie launischen Vorgesetzten, der im Stil eines Feudalfürsten herrschte und das Personal wie Leibeigene terrorisierte.
"Sein ganzes System war auf Angst und Einschüchterung aufgebaut", erinnert sich die ehemalige Harrods-Juristin Francesca Bettermann. Wie auch andere weibliche Angestellte behauptet sie, plumpen sexuellen Annäherungsversuchen des Milliardärs ausgesetzt gewesen zu sein.
Eine weitere Ex-Kollegin berichtete in einer kürzlich gesendeten Dokumentation des Londoner TV-Senders ITV über die Zudringlichkeit des Ägypters im Chefzimmer: "Er sagte, wenn ich mit ihm Sex haben würde, bekäme ich alles, was ich wollte. Er versuchte, mich auf den Mund zu küssen. Ich fürchtete mich vor ihm." Anderen Frauen habe Al-Fayed - "Komm her zu Papa, drück Papa"- mit hurtigen Fingern Banknoten ins Dekolleté zu stopfen versucht.
Die Mehrzahl der 5000 Harrods-Mitarbeiter kriegt den Chef, wohl eher ein Segen, selten zu Gesicht. Präsent ist er per Stimme, die gelegentlich vor Geschäftseröffnung um zehn Uhr morgens aus allen Lautsprechern schallt. Unvergeßlich bleibt dem Personal, wie er die Mitarbeiter kaum zwei Wochen nach dem Unfalltod von Dodi und Diana zu neuen Leistungen anspornte.
Al-Fayed sprach: "Die Zeit der Trauer ist vorbei. Princess Diana hätte nicht gewollt, daß Sie unglücklich sind. Schreiten Sie also mit frohem Herzen voran, und dienen Sie der Kundschaft."

DER SPIEGEL 11/1998
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