02.03.1998

TERRORISMUSDas jüngste Gerücht

Sieben Jahre nach dem Mord an Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder lenken WDR-Filmer den Verdacht auf alte Stasi-Seilschaften - mit abstrusen Argumenten.
Die Vorab-Presse war bombig. Von rechts bis links, von der "Welt" bis zur "Frankfurter Rundschau" herrschte schon vor der Ausstrahlung des WDR-Films "Wer erschoß den TreuhandChef?" Einigkeit: Es gibt "neue Spuren im Fall Rohwedder". Kein Fragezeichen, kein Mißtrauen, keine Distanzierung. Nur die "taz" meldete spöttisch Zweifel an der Qualität des Films an: "Der Mörder ist immer die Stasi."
Mehr als diesen Generalverdacht hatten Werner Czaschke und Clemens Schmidt, die Autoren des Films, der pünktlich zum Start der närrischen Tage von der ARD ausgestrahlt wurde, nicht zu bieten. Detlev Karsten Rohwedder, so ihre Kernthese, sei vermutlich von alten DDR-Seilschaften aus dem Weg geräumt worden, deren krummen Geschäften er als Treuhand-Chef auf die Spur gekommen sei. Die "ARD-Präzisionsarbeit" ("Frankfurter Rundschau") schrammte immer wieder haarscharf an plumpen Geschichtsklitterungen und abenteuerlichen Spekulationen entlang.
Untermalt von bedrohlich wabernden Synthesizer-Klängen, heißt es gleich zu Anfang, an der Version des Bundeskriminalamts (BKA) und des Generalbundesanwalts (GBA) von der Alleintäterschaft der Roten Armee Fraktion (RAF) bestünden "erhebliche Zweifel". Vieles spräche dafür, daß "ein professioneller Auftragsmord,
* Am 2. April 1991.
begangen aus Motiven fernab von jeder Ideologie", viel wahrscheinlicher sei. Der Mörder, suggerierten die Autoren, müsse ein Profikiller mit Stasi-Kontakten und Spezialausbildung gewesen sein. Nach der Tat sei er vermutlich durch den nahe gelegenen Rhein abgetaucht. Nur so habe er der Polizei entkommen können. Als Beleg mußte ein Kleingärtner herhalten, der über den kurzen Weg durch die dem Rohwedder-Haus gegenüber liegende Schrebergarten-Kolonie zum Rhein philosophierte. Und: Ein Teich auf einem ehemaligen Übungsgelände der Antiterror-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Dort konnte künstlich Strömung erzeugt werden, die es bekanntlich auch im Rhein gibt. Der messerscharfe Schluß: Hier könnte der Killer trainiert haben.
Ein Anruf bei der Pressestelle von BKA oder GBA hätte genügt, um die wäßrige Variante ad absurdum zu führen. Denn die Ringfahndung nach dem Rohwedder-Mörder stand am Tatabend des 1. April 1991 nach Aussagen der zuständigen Ermittler "frühestens 20, spätestens 30 Minuten" nach den Schüssen definitiv. Die nächste Autobahnauffahrt ist nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt. Nah genug, um den Fahndern trockenen Fußes zu entkommen.
Alles, was den Stasi-Verdacht entkräften könnte, wird geflissentlich ignoriert. So wußten die Experten des Bundeskriminalamtes schon zwei Tage nach dem Attentat, daß die Rohwedder-Tatwaffe auch für die Beschießung der US-Botschaft in Bonn-Bad Godesberg während des Golfkrieges benutzt worden war. Kein Wort davon im Film.
Die beiden Bekennerschreiben, die die Täter im April 1991 zunächst in Kurzfassung am Tatort in Düsseldorf-Oberkassel zurückließen und wenige Tage später als verquast-abgehobenes Kommuniqué an ausgewählte Redaktionen verschickten, wischen Czaschke und Schmidt als nicht authentisch beiseite.
Dabei gibt es bis heute keinen einzigen Fall, in dem sich ein RAF-Bekennerschreiben, das die BKA-Kriminaltechniker und GBA-Exegeten als "echt" eingestuft hatten, im nachhinein als Fälschung herausgestellt hat.
Die RAF hat sich nach ihrer überraschenden "Waffenstillstandserklärung" vom April 1992 noch einmal zu den Schüssen auf Rohwedder bekannt. Im August desselben Jahres veröffentlichten die Terroristen eine 33seitige Rechtfertigungsschrift, in der die Gruppe ihre Motive für fast alle Anschläge seit Mitte der achtziger Jahre im einzelnen offenlegt. Darin zitieren die RAF-Desperados sogar Passagen aus dem Rohwedder-Bekennerschreiben.
Hinzu kommt: Auch die Schüsse auf die amerikanische Botschaft verbuchen die RAF-Autoren auf ihr Konto: als gescheiterten Versuch, Sympathien bei legalen linken Protestierern zu gewinnen. Alles nur Finten durchgeknallter Ex-Stasisten? Gerhard Skrobicki, den zuständigen WDR-Redakteur, stören diese Widersprüche offenbar nicht: "Weitere Strategiepapiere nach dem ,Friedensangebot'' der RAF vom 10. 02. 1992 (Selbst hier irrt der WDR im Datum -Red.) waren für uns kein Anlaß, diesen eine besondere Relevanz beizumessen."
Vor allem Äußerungen der zu lebenslanger Haft verurteilten früheren RAF-Aktivistin Birgit Hogefeld lassen die WDR-Version von vornherein absurd erscheinen. Zu der schon unmittelbar nach dem Rohwedder-Mord öffentlich geäußerten Mutmaßung einer möglichen Stasi-Connection erklärte Hogefeld im Oktober 1997 in einem SPIEGEL-Gespräch (Heft 42/1997), das sei "natürlich Quatsch". Die RAF habe sich mit dem Mord an Rohwedder "stärker als bisher auf reale Bewegungen in der Gesellschaft beziehen" wollen. Der Treuhand-Chef war zu jener Zeit als Konkursverwalter der DDR-Wirtschaft einer der meistgehaßten Männer im Osten.
* Oben: in einem Fenster des Rohwedder-Hauses in Düsseldorf-Oberkassel; unten: im Film "Wer erschoß den Treuhand-Chef?"
Um ihre Theorie zu retten, krittelten die Filmautoren, Hogefeld habe sich in dem SPIEGEL-Gespräch zu "Einzelheiten" der Erschießung des Treuhand-Chefs ausgeschwiegen. Es stelle sich somit die Frage, ob die RAF-Aktivistin "wirklich mehr weiß über die Ermordung Rohwedders". Schließlich zitieren die Autoren anonyme Ermittler, die "bezweifeln, daß Birgit Hogefeld seit Ende der achtziger Jahre überhaupt noch zur Kommandoebene der RAF gehörte".
Diese Ermittler dürfen sich schwerlich finden lassen. Das Oberlandesgericht Frankfurt verurteilte Hogefeld inzwischen unter anderem wegen ihrer Beteiligung am Sprengstoffanschlag auf den Gefängnisneubau Weiterstadt im März 1993 - fast genau zwei Jahre nach dem Rohwedder-Mord.
Weder Hogefeld selbst noch ihre Anwälte haben je bestritten, daß sie bis zu ihrer dramatischen Verhaftung am Bahnhof von Bad Kleinen Ende Juni 1993 Mitglied der RAF-Untergrundgruppe und am Anschlag auf den Weiterstadt-Bau beteiligt war.
Hogefeld, die in Frankfurt-Preungesheim einsitzt, reagierte mit ironischem Sarkasmus auf die "brillante Recherche" des WDR. "Noch drei solche Filme und ich weiß wirklich nicht mehr, warum ich hier sitze."
In ihrem Eifer, Offensichtliches im Falle Rohwedder nicht zur Kenntnis zu nehmen, haben Czaschke und Schmidt offenbar übersehen, daß es durchaus neue Spuren gibt, die es zu verfolgen lohnt, auch wenn sie in die alte Richtung weisen.
Jahrelang hatte eine Frau in Brüssel ihre Garagenmiete pünktlich entrichtet, bar oder auf dem Postweg. Zuletzt im November 1996. Der Besitzer geriet über den unzeitgemäßen Zahlungsmodus erst ins Grübeln, als die Briefsendungen plötzlich abbrachen und ein Kontakt mit der Mieterin nicht mehr zustande kam. Er verständigte die Polizei. Im April 1997 drangen die Ordnungshüter in die Garage ein und fanden ein Waffenlager. 28,5 Kilo Sprengstoff und fünf vollautomatische Langwaffen vom Typ FN-FAL. Vier waren nicht funktionsfähig. Die fünfte war scharf.
Der Brüsseler Zufallsfund, den die belgischen Sicherheitsbehörden einer linksterroristischen Splittergruppe namens "Front Révolutionnaire d''Action Proletarienne" zuordnen, elektrisierte die deutschen Terrorfahnder. Bereits auf seiner Jahrespressekonferenz im Januar erklärte Generalbundesanwalt Kay Nehm, bei der scharfen "Langwaffe" aus der Brüsseler Garage könne es sich "um die Tatwaffe des Rohwedder-Mordes" und des Anschlags auf die Bonner US-Botschaft handeln.
Darüber hinaus, erläuterte der Karlsruher Oberankläger, sei der in Brüssel entdeckte Sprengstoff "möglicherweise identisch" mit jenem Chemikaliencocktail, mit dem ein RAF-Kommando Ende März 1993 bei ihrem bislang letzten Anschlag den Gefängnisneubau im hessischen Weiterstadt zerlegte. Der Optimismus der Bundesanwälte, auf der richtigen Spur zu sein, speist sich aus vielfältigen Querverbindungen der westeuropäischen Terrorszene der achtziger Jahre, die durch das Arsenal in der belgischen Garage bestätigt werden.
So ist der entdeckte Sprengstoff identisch mit der Ladung jener Bombe, die die RAF im Dezember 1984 in einem Audi 80 auf dem Gelände der Nato-Schule in Oberammergau deponierte. Wegen eines Fehlers in der Zündschaltung ging der Sprengsatz seinerzeit nicht hoch. Das Explosivmaterial war zuvor aus einem Steinbruch bei Ecaussines in Belgien gestohlen worden.
Die fünf Gewehre wiederum raubte die französische "Action directe" 1984 im belgischen Ort Vielsalm. Bei der Festnahme von Mitgliedern der Guerrilla-Truppe fiel den Fahndern drei Jahre später in Frankreich nicht nur eine Waffe aus diesem Raub in die Hände. Sie konnten auch drei Schußwaffen aus einem RAF-Überfall auf ein Waffengeschäft im rheinland-pfälzischen Maxdorf sicherstellen.
Doch die Bundesanwaltschaft taucht in dem Film nur in Gestalt ihres ehemaligen Sprechers Rolf Hannich auf. Daß das Interview mehrere Jahre alt ist und unter anderen Prämissen geführt wurde, verschweigen die Autoren. Gleiches gilt für das Statement des Leiters des nordrheinwestfälischen Verfassungsschutzes Fritz- Achim Baumann.
In den Verdacht der journalistischen Roßtäuscherei bringen sich die beiden WDR-Rechercheure bei ihren Interviews mit drei Personen, die im Film als wichtige Zeugen für die Richtigkeit der Stasi-Mordtheorie fungieren. Alle drei werfen den Filmern vor, sie seien zu ganz anderen Themenkomplexen interviewt worden.
Der ehemalige Oberstleutnant der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des MfS, Günter Bohnsack, sagt im Film, es habe gewisse Kreise im Ministerium gegeben, die sich Gedanken gemacht hätten, wie es weitergehen solle.
Gemeint waren, so Bohnsack gegenüber dem SPIEGEL, vertrauliche bis geheime Diskussionen von Offizieren in den späten achtziger Jahren über den Reformkurs von Michail Gorbatschow. Czaschke und Schmidt dagegen nehmen diese Aussagen als Beleg für Geheimbündelei zum Zwecke künftiger Sicherung von Partei- und Stasi-Operativgeldern für den Fall, daß die DDR ins Schleudern käme. "Das ist ein dicker Hund. Die wollten angeblich einen Film über die HVA machen. Von Rohwedder und Stasi-Mördern haben die mir nichts gesagt", ärgert sich Bohnsack, "dazu hätte ich auch nichts sagen können, denn ich habe in der Abteilung X, zuständig für Desinformation, gearbeitet."
WDR-Redakteur Skrobicki sieht das anders. "Alle Interviewpartner wurden über unsere Intentionen ausführlich informiert." Auch der ehemalige DDR-Wirtschaftsexperte und Unterhändler in Sachen deutschdeutsche Kredite, Jürgen Nitz, wähnte sich bei Ausstrahlung des WDR-Streifens im falschen Film. Er wird als Kronzeuge für die These ausgebeutet, im thüringischen Römhild hätten sich schon zu DDR-Zeiten einflußreiche Stasi-Seilschaften und Kombinatsdirektoren getroffen, um zu beraten, wie man Gelder für den Tag X beiseite schafft. Genau jene Seilschaften, denen Rohwedder als Treuhand-Chef auf die Spur gekommen sei und die ihn deshalb liquidiert hätten.
"Alles Unsinn", so Nitz, "die haben mich für einen ganz anderen Film interviewt." Dabei sollte es um das gehen, was bei Treffen von DDR-Managern tatsächlich diskutiert wurde. Nitz: "Es ging um die Frage, was passiert, wenn die DDR tatsächlich über den Jordan geht. Orientieren wir uns wirtschaftlich Richtung Sowjetunion, Österreich oder Bundesrepublik - mehr nicht."
Das hat Nitz auch den Autoren erzählt; ebenso, daß es ähnliche Treffen mit DDR-Experten schon im September 1989 im schleswig-holsteinischen Malente gab - auf Einladung der Lübecker Draeger-Stiftung. Aber das war den Verschwörungstheoretikern aus Düsseldorf offenbar nicht prickelnd genug. "Von Rohwedder war nie die Rede", erinnert sich Nitz. In diesem Fall flüchtet sich Skrobicki in nebulöse Formulierungen. "Herrn Nitz wurde damals zugesagt, ihn nur zu den Themen zu befragen (Wirtschaftssituation in der DDR und ,Interne Oppositionsgruppen'' in der DDR), zu denen er kompetent Stellung nehmen kann."
Eine andere, angeblich heiße Römhild-Spur läuft ebenso ins Leere. Der ehemalige Chef des Töpferhofes, wo sich Embargohändler und Stasi-Offiziere getroffen haben sollen, sei - so heißt es im Film - auf mysteriöse Weise zu Tode gekommen. Und das ausgerechnet kurz bevor er im Bonner Schalck-Untersuchungsausschuß als Zeuge auftreten sollte. Gestorben ist der Mann 1991 - zwei Jahre, bevor sich der Ausschuß mit dem Römhild-Komplex befaßte.
Auch der als Zeuge präsentierte ehemalige Chef des Aufbaustabs des Verfassungsschutzes von Sachsen-Anhalt, Klaus-Dieter Matschke, steht für die Stasi-Killertheorie nicht zur Verfügung. Dem jetzt als Sicherheitsberater für die Industrie arbeitenden Unternehmer fällt es noch immer "schwer, zu glauben, daß die RAF Rohwedder ermordet hat". Schon im September 1991 hatte Matschke Zweifel an der RAF-Täterschaft geäußert, die "Wahl der Mittel" spreche für einen "militärtechnischen Hintergrund". Doch die von ihm seinerzeit angedachte Stasi-Variante hält er mittlerweile "für noch unglaubwürdiger als die RAF-These".
Ein als Beweis im Film präsentiertes Schreiben, das er als Chef des Aufbaustabes am 27. November 1990 an das damalige Gemeinsame Landeskriminalamt der neuen Bundesländer geschickt hatte, habe "mit Rohwedder nichts zu tun". Daß er darin über Hinweise berichtete, ehemalige Stasi-Leute könnten in den Mordanschlag auf den Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, im November 1989 verwickelt sein, hält Matschke für völlig normal. "Es gab diese Hinweise, und unabhängig von deren Bewertung war es meine Pflicht, dies weiterzumelden. Das war ein Routinevorgang."
Verschwörungstheorien gedeihen im Dunstkreis des WDR offenbar besonders gut. Schon 1992 hatten die WDR-Mitarbeiter Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker in ihrem Buch "Das RAF-Phantom" Mutmaßungen über den Rohwedder-Mord angestellt - allerdings in eine ganz andere, wenn auch nicht weniger abstruse Richtung: Ob "nicht auch Feinde außerhalb der Linken, innerhalb des Systems des großen Gelds im In- und Ausland etwa" als Täter in Frage kämen. Fünf Jahre nach der Verschwörungstheorie West nun die Verschwörungstheorie Ost.
* Am 2. April 1991. * Oben: in einem Fenster des Rohwedder-Hauses in Düsseldorf-Oberkassel; unten: im Film "Wer erschoß den Treuhand-Chef?"

DER SPIEGEL 10/1998
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