02.03.1998

Das Rattenrennen nicht mitmachen

Bilanz im Geschlechterkampf (II): Sind die Männer schuld, wenn Frauen in der Schlacht um Karrierejobs scheitern? Nein: Viele Frauen bleiben lieber zu Hause, lernen das Falsche, setzen sich nicht durch und blockieren sich auch noch gegenseitig. Die Männerwelt dankt. Von Ansbert Kneip
Der Job ist wenig attraktiv und eigentlich überhaupt nichts für Frauen: Er verlangt weltweiten Einsatz, ständigen Kontakt zu oft mies gelaunten Geschäftsleuten, häufiges Übernachten in langweiligen Hotels, und ein Arbeitstag kann auch locker mal elf Stunden haben. Die Dienstpläne sind familienunfreundlich, die Bezahlung ist eher mäßig.
Eigentlich verwunderlich, weshalb trotzdem so viele Frauen den Beruf Stewardess ergreifen. Die Arbeitsbedingungen sind hart, die Karrierechancen vergleichsweise beschränkt: Traumjob fliegende Oberkellnerin.
Warum aber werden Frauen zuhauf Stewardess, aber nur selten Pilotin? Die Einsatzpläne wären gleichermaßen anstrengend, die Tätigkeit anspruchsvoller und das Gehaltskonto praller. Was bringt fremdsprachengewandte Abiturientinnen dazu, lieber das Stewardessenballett ("Dieses Flugzeug hat drei Notausgänge ...") aufzuführen, statt den Airbus selbst zu lenken und den Kontakt zu nörgelnden Passagieren auf die gelegentliche lässige Ansage von Flughöhe und Route zu beschränken?
Warum ist das Pflegepersonal im Krankenhaus fast immer weiblich und die Ärzteschaft zumeist männlich, obwohl doch Schichtdienst und Nachtwachen vergleichbar belastend sind? Sind die Frauen selber schuld, wenn sie die falschen Berufe wählen? Oder werden sie in die besseren nicht gelassen?
Letzeres scheidet zumindest im Fall der Pilotin mittlerweile aus. Seit zehn Jahren bildet die Lufthansa endlich auch Frauen aus, aber deren Anteil an den Bewerbungen und Schulungen liegt bei gerade mal fünf Prozent. Wenn - so die populäre Forderung der Emanzipationsbewegung - den Frauen die Hälfte des Himmels zusteht, warum bewerben sie sich dann nicht?
In den Auswahltests, so berichtet Monika Ruehl, die Beauftragte für Chancengleichheit bei der Lufthansa, stellen sich Frauen als "kommunikationsfähiger und sozial kompetenter" heraus. Dafür, so Frau Ruehl, hapere es "dann aber öfter am Technik-Grundwissen".
Kommunikationsfähigkeit ist in praktisch allen Berufen eine wichtige Voraussetzung fürs Fortkommen, und die angebliche Technik-Lücke ist zumindest kein Hindernis: Kaum ein Manager muß heute noch um die Details der Fertigung wissen. Warum aber gibt es sowenig Ingenieurinnen?
Allen Frauenförderplänen, Gleichstellungsbeauftragten und Existenzgründerinnen-Programmen zum Trotze - außer bei den geschlechtsneutralisierenden Schrägstrichen in den Stellenanzeigen hat sich die Arbeitswelt kaum verändert: Frauen werden Lehrerin, Grafikerin, Verkäuferin, Männer bleiben Direktor, Layoutchef und Filialleiter. Frauen kriegen Kinder und machen den Haushalt, Männer kriegen Dienstwagen und machen Karriere. Die Ausnahmen bestätigen die Regel und reichen gerade mal, um die aufmunternden Es-geht-doch-vorwärts-Artikel in den Frauenzeitschriften zu füllen.
Daß Frauen so selten die Spitzenjobs kriegen, hat mehrere Gründe: Viele Frauen wollen keine Karriere machen; manche Frauen können es nicht; Frauen kämpfen zuwenig und bremsen sich gegenseitig aus;
Männer sind die besseren, die erfahreneren Schweine und damit für den Machtkampf besser gerüstet.
Nach dem Datenreport des Statistischen Bundesamtes vom vergangenen Jahr stimmen 47 Prozent aller westdeutschen Frauen der Aussage zu, es sei "für alle Beteiligten besser, wenn der Mann voll im Berufsleben steht und die Frau zu Hause bleibt und sich um den Haushalt und die Kinder kümmert". Knapp die Hälfte will also das Rattenrennen um Karrieren gar nicht erst mitmachen und räumt freiwillig bereits die Startplätze.
Kein Gleichstellungsgesetz der Welt wird die Männer je ins Wochenbett zwingen. Das ist auch nicht weiter schlimm. Denn mit dieser Gewißheit läßt sich im Geschlechterkampf so ziemlich alles begründen, vor allem aber die klassische Rollenverteilung - und für die Männer ist es außerordentlich komfortabel, daß so viele Frauen sich so bereitwillig ins Muster fügen und in die Küche stellen.
Andererseits sind die Beispiele derjenigen, die Karriere machen wollen, auch nur bedingt ermutigend. Die Solinger Unternehmensberaterin Anke Nägele hat auf einer eigenen Internetseite die besonderen Schwierigkeiten von Existenzgründerinnen aufgelistet. Fazit: Sogenannte typisch weibliche Eigenschaften mögen den Frauen ja persönlich zur Ehre gereichen und aus ihnen die besseren Menschen machen - im Beruf sind sie eher hinderlich.
Beispielsweise, so Beraterin Nägele, verkaufen Frauen "nicht ihre Seele, um einen Auftrag zu erhalten". Nachteil: "So mancher lukrative Auftrag geht verloren." Frauen, meint Nägele, seien überdies vorsichtiger und zögerlicher bei der Umsetzung ihrer Pläne. Deshalb würden neugegründete Unternehmen von Frauen auch seltener pleite gehen. Der Nachteil: "Verlust von Marktchancen durch zögerliches, risikoablehnendes Verhalten".
Auch mit dem üblichen Imponiergehabe können Frauen wenig anfangen. Das hat zwar die angenehme Folge, daß man sich bei Frauen auf gemachte Zusagen besonders gut verlassen kann. Leider aber kommt es dazu nicht allzuoft, denn vielfach, so Nägele, werden Frauen im Wettbewerb übergangen, weil Männer es schaffen, selbst eine trübe Funzel noch als grandioses Feuerwerk zu verkaufen und die
Konkurrentinnen "schlicht und einfach
* Männer aus Wirtschaft, Politik und Kultur bei der Bremer Schaffermahlzeit 1997.
wegzureden". Viele merken offenbar nicht einmal, wie sie immer wieder den kürzeren ziehen. Bei einer Forsa-Umfrage im Februar 1998 behaupteten 68 Prozent der berufstätigen Frauen, daß sie sich im Arbeitsleben nicht benachteiligt fühlen.
Obendrein, so die Erfahrung der Unternehmensberaterin Nägele, starten Frauen ihre Projekte zu oft in Branchen mit starkem Wettbewerb und hohem Insolvenzrisiko, etwa in der Modebranche, im Kosmetikbereich oder in Pflegeberufen. Was am Ende dabei herauskommt, ist ein 16-Stunden-Tag und ein Einkommen, das oft genug nur als Zubrot für die Familienkasse taugt. Das Nettoeinkommen der Unternehmerinnen liegt in 50 Prozent aller Fälle bei unter 2000 Mark im Monat.
Die schlechtere Startposition verschaffen sich viele Frauen selbst: Obwohl Mädchen in der Schule oftmals bei den naturwissenschaftlichen Fächern die besseren Leistungen bringen, sind sie in den entsprechenden Studiengängen oft unterrepräsentiert. In den technischen oder naturwissenschaftlichen Fakultäten dominieren in der Regel die männlichen Studenten. Frauen stellen die Überzahl bei pädagogischen Fächern, der Ökotrophologie oder etwa bei den Germanisten. Das ist Karriereplanung nach dem durch Loriot bekannten Prinzip Jodeldiplom: "Da hab'' ich was Eigenes."
Im Öffentlichen Dienst ist es dank Förderplänen und Frauenbeauftragten etwas einfacher, die Leiter zu erklimmen. Dennoch muß auch dort gerangelt werden.
Als der Europäische Gerichtshof 1995 das damalige Bremer Gleichstellungsgesetz kippte, war die Empörung groß. Ein Mann hatte sich um eine leitende Stelle im Gartenbauamt beworben, eine Frau hatte die Stelle gekriegt. Der Mann klagte, und über die Stellenvergabe mußte neu entschieden werden. Bemerkenswert daran ist nicht der Fehler im Gesetz, sondern die Verbissenheit, mit der der Mann um sein vermeintliches oder tatsächliches Recht gekämpft hat. Welche Frau zieht für eine Beförderung schon vor Gericht?
Und selbst wenn: Der Vorwurf, Quotenfrau zu sein, klingt im Kollegenkreis mittlerweile schlimmer als der Verdacht, sich hochgeschlafen zu haben.
Nicht lamentieren, sondern kämpfen sei gefragt, behauptet die Wirtschaftsjournalistin Dagmar Deckstein in der "Emma": "Benachteiligt sind Frauen noch insofern, als nicht alle von ihnen sich der Herausforderungen bewußt sind, und die heißen: Bilden, Lernen, Qualifizieren. Nicht länger fragen - machen." Daß Frauen selber schuld sind, hätte man rücksichtsvoller kaum ausdrücken können.
Das Tückische an der Forderung, sich auf die Hinterbeine zu stellen, ist aber auch, daß damit die berufliche Karriere höher bewertet wird als die Mutterschaft. Und der Streit darum, was wertvoller, erfüllender und befriedigender ist, nutzt allein den
Männern. Kein Mann muß einer Frau vorhalten, sie kümmere sich zuwenig um die Familie, wenn sie Karriere machen will - das erledigen schon andere Frauen für ihn, allen voran die Mütter der Nicht-Mütter.
Und umgekehrt muß kein Mann klagen, seine Frau kümmere sich zuwenig um ihre Karriere, falls sie einen Erziehungsurlaub einlegt. Denn dann muß er nicht zu Hause bleiben, und der Arbeitsmarkt ist um einen weiblichen Konkurrenten mehr entlastet. Und die Personalchefs haben wieder einen Beispielfall mehr, an dem sie erklären können, weshalb sie einen Job mit Perspektive nach wie vor lieber an einen Mann vergeben: Von dem müssen sie nämlich nicht befürchten, daß er plötzlich sein Glück in der Mutterschaft findet, jahrelang Erziehungsurlaub macht und anschließend womöglich gar nicht mehr zurückkehrt.
Theoretisch müßte das nicht so sein. Der gesetzlich vorgeschriebene Mutterschaftsurlaub dauert maximal 14 Wochen - eine vernachlässigbare Größe. Der anschließende Erziehungsurlaub von bis zu drei Jahren könnte auch vom Mann genommen werden. Nur tun die Männer das nicht.
Familienministerin Claudia Nolte klagte jüngst, unter den Erziehungsurlaubern seien nur 1,5 Prozent Männer. Da klagt sie mit Recht, aber das heißt im Umkehrschluß auch: 98,5 Prozent der Frauen, die Erziehungsurlaub nehmen, tun dies entweder freiwillig, oder sie konnten sich gegen ihre Männer nicht durchsetzen.
Soweit das freiwillig geschieht, tun sich die Frauen damit selbst einen Gefallen. Ihren Mitschwestern im Arbeitskampf aber nicht. In der "Zeitschrift für Soziale Arbeit" rechnet die Soziologin Gunhild Gutschmidt vor, daß hinter den progressiven Vokabeln wie "Wahlfreiheit zwischen Familien- und Erwerbsarbeit" oder "Akzeptanz weiblicher Lebensentwürfe" das alte Ideal von der Hausfrau steckt, das auf diese Weise wunderbar überleben kann.
Und mehr noch: Eine Frau, die den Erziehungsurlaub wahrnimmt, bleibt drei Jahre dem Arbeitsmarkt fern, bei zwei Kindern bis zu sechs Jahren. Dies tut sie in einem Alter, in dem entscheidende Weichen für die Karriere gestellt werden könnten. Der Aufstieg bleibt nun ihrem Mann vorbehalten.
Da die Frau aber nicht nur ihrem Kind die Windeln wechselt und den Brei kocht, sondern in der Regel ihrem Mann noch die Socken stopft und die Hemden bügelt, hält sie ihm den Rücken frei für den Einsatz im Büro - und vergrößert damit den Abstand zwischen ihm und ihr noch weiter.
Gleichzeitig aber schadet sie auch jenen Frauen, die im Beruf strampeln, denn die haben diesen Service nicht. Die Erziehungsurlauberin verhilft ihrem Mann, schreibt Gutschmidt, zu "einem Ausmaß an Zeitsouveränität, wie sie keine berufstätige Frau mit Familienpflichten hat". Anders ausgedrückt: Ein berufstätiger Mann hat eine Frau im Rücken, eine berufstätige Frau hat die Familie im Nacken. Das kann sie die Beförderung kosten, selbst wenn sie besser als der männliche Konkurrent ist.
Nun gilt der Mann als verläßlicher Arbeitnehmer, denn er ist ja der Familienernährer. Er kann darangehen, all die Netzwerkverbindungen zu knüpfen, die für sein Fortkommen notwendig sind und die seine Frau nie haben wird, weil sie in der Zwischenzeit in der Stillgruppe allenfalls über die stuhlverfestigende Wirkung von Gläschenfutter diskutieren kann. Wenn sie in den Beruf zurückkommt, ist sie längst abgehängt.
Warum sollten Männer daran etwas ändern und sich selbst das Leben schwerer machen? Aus Solidarität? Aus Gerechtigkeitsempfinden? Jeder, der oder die mal berufstätig war, hat mit Sicherheit am eigenen Leibe schon mal erfahren müssen, daß es dort weder solidarisch noch gerecht zugeht.
Nach all den Gesetzesinitiativen sei die mangelnde Gleichberechtigung vor allem ein "mentales Problem", meint Frauenministerin Nolte und fordert ein "Umdenken der Männer". Die Männer denken aber nicht um, sie denken nach: Jedes freiwillige Umdenken, so das Ergebnis, verschlechtert ihre Position - Vorschlag abgelehnt.
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In welcher Rolle würden Sie als Frau sich am wohlsten fühlen?
Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen in Westdeutschland
[GrafiktextEnde]
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In welcher Rolle würden Sie als Frau sich am wohlsten fühlen?
Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen in Westdeutschland
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* Männer aus Wirtschaft, Politik und Kultur bei der Bremer Schaffermahlzeit 1997.
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 10/1998
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