02.03.1998

ISRAELBiblische Plage

Blamage in Bern: Der mißratene Mossad-Lauschangriff in der Schweiz offenbart den Niedergang des legendären Geheimdienstes.
Sie waren die "Menschen ohne Gesicht": Von den Mitarbeitern des israelischen Auslandsdienstes Mossad gab es seit dessen Gründung 1951 keine Namen, keine Biographien, keine Fotos.
Das von der Militärzensur verhängte Schweigen - die "Memunen", die legendären Führer, firmierten nur unter ihren Initialen - schützte nicht nur die Identität der aktiven Agenten. Der Blackout ließ das gefürchtete "Institut für Nachrichtendienst und Sonderaufgaben" lange als allmächtigen Apparat erscheinen, der alle militanten Gegner des jüdischen Staates mit biblischer Rache verfolgte und oft mit professioneller Präzision zur Strecke brachte.
Nicht erst seit vergangenem Dienstag, als Mossad-Chef Dani Jatom nach der zweiten mißglückten Kommandoaktion innerhalb von sechs Monaten seinen Rücktritt erklärte, ist das Image der einst geachteten Auslandsaufklärung durch Pannen und Skandale angeschlagen, die Organisation durch Mißwirtschaft ramponiert, durch personelle Querelen und parteipolitischen Hader geschwächt - die Mossad-Pleiten wurden zur Plage.
Jetzt allerdings ist ein neuer Tiefpunkt erreicht: Ein gescheiterter Lauschangriff führt die Top-Spione auch noch als offensichtliche Amateure vor - in der Schweiz wurden fünf Agenten Israels beim Wanzenlegen ertappt. Das Quintett, zwei Frauen und drei Männer, drang nachts in ein schlichtes Wohnsilo im Berner Vorort Liebefeld ein, offenbar, um Telefonverbindungen eines vermuteten Hisbollah-Funktionärs anzuzapfen. Die Bastler gingen beim nächtlichen Strippenziehen in der Wabersackerstraße 27 dermaßen lautstark ans Werk, daß eine Anwohnerin im ersten Stock durch den Krach geweckt wurde. Die brave Bernerin rief die nur 500 Meter entfernte Wache an, und die Kantonspolizisten überraschten die Geheimdienstler in flagranti: Einer wurde mitsamt seiner High-Tech-Abhörelektronik festgenommen, die anderen vier Agenten nach einer Routinevernehmung freigelassen - sie machten sich prompt aus dem Staub.
Die geplatzte Aktion der Mossad-Schnüffler, von der Schweizer Regierung als "Verletzung der Souveränität" und "inakzeptabel" gerügt, trübte nicht nur das traditionell enge Verhältnis zwischen Bern und Jerusalem. Es ist eine Blamage aus den "stinkenden Hinterhöfen der Völkerfreundschaft" ("Neue Zürcher Zeitung").
Israels Geheimdienst wurde durch waghalsige, oft jedes Völkerrecht mißachtende Kommandoaktionen berühmt und berüchtigt - wie die Entführung des Nazi-Mörders Adolf Eichmann aus Argentinien (1960); die trickreiche Beschaffung von Uran zum Bau von Atombomben (1968); die Befreiung der Geiseln aus der Hand palästinensischer Terroristen in Entebbe (1976). Lange überdeckten diese Triumphe eine Serie fast ebenso spektakulärer Fehlschläge:
Nach dem Olympia-Attentat auf israelische Sportler 1972 erschossen Mossad-Agenten nicht nur ein knappes Dutzend mutmaßlich beteiligter Terroristen, sondern durch eine Verwechslung in Norwegen auch einen marokkanischen Kellner. Im November 1987 flog die Tarnung eines Mossad-Mannes auf, der die Londoner PLO-Organisation unterwandert hatte. Bei dem Versuch eines Lauschangriffs auf die iranische Botschaft in Nikosia wurden 1991 vier Israelis von zypriotischen Sicherheitskräften dingfest gemacht.
Als Dani Jatom im Juni 1996 die Führung des Mossad übernahm, war die Stimmung miserabel: Der Mord an Premier Jizchak Rabin hatte das gesamte Geheimdienstwesen in Verruf gebracht, weil es der Inlandsaufklärung Schabak nicht gelungen war, das Attentat eines religiösen jüdischen Rechtsextremisten zu verhindern. Mehr noch: Der Verdacht kam auf, mit den Zeloten sympathisierende Agenten hätten den Mord erleichtert.
Mit modernen Managementmethoden sollte der hochdekorierte Panzergeneral a. D. die marode Spionageagentur wieder flottmachen: Deswegen bekam mit Jatom der Mossad-Chef erstmals einen Namen, ein Gesicht und eine Biographie, bis hin zur Armee-Erkennungsmarke - 497875.
Der Ex-Generalmajor, studierter Mathematiker mit Doktortiteln in Physik und Computerwissenschaften, war auch ein erprobter Kämpfer: Als Mitglied der Eliteeinheit "Sajeret Matkal" sprengte er 1968 auf dem Flughafen von Beirut zwölf Maschinen in die Luft, 1972 gehörte er zu dem Kommando, das auf dem Flughafen Lod Passagiere einer Sabena-Maschine aus der Hand von Terroristen befreite.
Trotz dieser Meriten war Jatom, bisweilen als "preußischer Offizier" tituliert, wenig beliebt. Der zackige Soldat, der bei Premier Rabin und dessen Nachfolger Schimon Peres als Militärberater Karriere gemacht hatte, galt als Polit-Protegé. Obendrein konnte die personelle Wende neue Skandale nicht verhindern. Jatom war kaum ein gutes Jahr im Amt, da erschütterte der Attentatsversuch auf einen Führer der radikalislamischen Hamas das Selbstbewußtsein der Geheimdienstler.
Am hellichten Tag waren Mossad-Leute in der jordanischen Hauptstadt Amman mit einer Giftspritze auf Chalid Mischal losgegangen und hatten ihn am Ohr verletzt (SPIEGEL 41/1997). Die israelischen Agenten wurden bei dem Anschlag jedoch überwältigt, festgesetzt und erst im Austausch gegen den eingekerkerten Hamas-Chef Scheich Jassin und ein Dutzend Hamas-Terroristen wieder freigelassen.
Der mißratene Liquidierungsversuch verstimmte die USA und Kanada (die Mossad-Agenten waren mit kanadischen Pässen nach Jordanien eingereist) und stürzte Jerusalem und Amman in eine gefährliche diplomatische Krise: Immerhin hatte Premier Benjamin Netanjahu die Aktion des Killerkommandos abgesegnet - ausgerechnet in dem Land, das Israel mit einem Friedensvertrag verbunden ist.
Die Empörung über die Schlappe hatte sich kaum gelegt, als Enthüllungen auch den Analyse- und Auswertungsstab des Geheimdienstes in Mißkredit brachten.
Offenbar über ein Jahrzehnt hatte ein Mossad-Mann seine Vorgesetzten mit gefälschten Informationen über die syrischen Streitkräfte beliefert und sich dafür üppig bezahlen lassen. Die Berichte über einen unmittelbar bevorstehenden Angriff Syriens auf die israelisch besetzten Golan-Höhen, die der Agent als hochgeheime Insider-Mitteilungen eines syrischen Spitzeninformanten ausgab, brachten den Nahen Osten im Herbst 1996 an die Grenze eines bewaffneten Konflikts. Der geltungssüchtige Spion muß sich jetzt vor Gericht verantworten.
Dem öffentlichen Fiasko folgte die interne Palastrevolte. Denn als jetzt der Berner Lauschangriff aufflog, waren es frustrierte Geheimdienstmitarbeiter, die Israels Medien durch gezielte Indiskretionen auf die Spur brachten: Jatom hatte zunächst versucht, seinen Agenten von den Schweizer Behörden in aller Stille abschieben zu lassen, Funk und Fernsehen bekamen von der Zensur einen Maulkorb - mit dem Hinweis, es ginge um Menschenleben. "Lügen aus gutem Grund sind wir gewohnt", sagte ein Geheimdienstler. "Nicht aber solche Vorwände, nur um eine Karriere zu retten."

DER SPIEGEL 10/1998
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DER SPIEGEL 10/1998
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