02.03.1998

STARSTriumphgeheul in Ironesien

Mit seiner Nominierung für den Schlager-Grand-Prix schleifte er eines der letzten wohlgeordneten Kulturgenres: Guildo Horn brachte es zum Kultstar wie vor ihm Verona Feldbusch im TV - beide werden sie von Intellektuellen ebenso geliebt wie von den Massen.
Historische Siege verlangen nach historischen Liedern. Kaum war die Mauer eingerissen, schon sangen Kohl & Co vor laufenden Kameras ohne Playback schaurig-schön die Nationalhymne auf den Stufen des Schöneberger Rathauses - bis ein Fernsehtechniker endlich den Ton abdrehte.
Deutschland hat die Sänger, die es verdient. Am vergangenen Donnerstag in der Bremer Stadthalle mußte abermals ein historischer Sieg besungen werden. Diesmal allerdings nicht der Sieg über den Kommunismus, sondern der Sieg der Kulturrevolution. Folgerichtig trugen die Herren, die an diesem Abend im Scheinwerferlicht standen, bunte Anzüge und lange Haare - und sie sangen auch keine Verse von Hoffmann von Fallersleben, sondern Katja Ebsteins "Wunder gibt es immer wieder". Richtig gut hörte sich das diesmal an.
Die Pressekonferenz nach der nationalen Ausscheidung zum Schlager-Grand-Prix der Eurovision geriet unter dem Vorsitz des Abendsiegers Guildo Horn, seiner Produzenten Stefan Raab alias Alf Igel und "Altmeister" Michael Holm zur rauschenden Revolutionsfeier, bei der sogar die anwesenden Journalisten mitgrölten. "Die Subkultur hat gesiegt", kommentierte Johannes Kram, Horns Manager, die Ereignisse, ließ aber dabei offen, wer oder was eigentlich besiegt worden war: Das Spießertum? Das Abendland? Oder gar beides? Als Horn schließlich doch noch auf die Bedeutung dieses Tages angesprochen werden konnte, verkündete er die Losung seines Triumphes: "Deutschland hat den Sieger, den es verdient."
Aus dem Kandidaten-Schaulaufen für den Schlager-Grand-Prix wurde diesmal ein nationales Ereignis. Fast acht Millionen TV-Seher verfolgten den Wettstreit von zehn Gruppen und Solokünstlern, und als am Ende die Zuschauer per Telefonabstimmung (Ted) entschieden, waren es insgesamt fast 690 000 Anrufer - ein Rekord in der deutschen Ted-Geschichte -, die über Deutschlands Beitrag für den internationalen Wettbewerb entschieden. Fast 62 Prozent plädierten dafür, daß Guildo Horn, der selbsternannte "Kreuzritter der Zärtlichkeit", die Nation Anfang Mai in Birmingham vertreten darf - mit seiner Band "Die Orthopädischen Strümpfe".
Es war ein langer Weg von der Eurovision zur Revolution. Jahrelang wurde der Grand-Prix-Wettbewerb bestenfalls noch als Freakshow für untalentierte Schlagersternchen goutiert. Ein Kastenwesen aus Plattenfirmenmanagern, Produzenten und nicht immer unabhängigen Juroren hatte in den vergangenen Jahrzehnten dafür gesorgt, daß deutsche Beiträge meist nur unter "ferner liefen" mitsingen durften. Germany: zero points.
Nun ist alles anders. Die Jury ist abgeschafft, die Mauscheleien sind beendet. Deutschland stimmt per Telefon ab. Und vorher wurden die Trommeln gerührt, als gelte es, das Volk für einen Entscheidungstag zu mobilisieren, an dem die Deutschen nicht bloß den Kanzler wählen, sondern abends auch noch im Endspiel der Fußball-WM stehen.
Im Zentrum des "Schlagerkriegs", den die Medien ausgerufen hatten, zappelte der spätberufene Gesangsstar und Diplom-Pädagoge Guildo Horn, angeblich 35 Jahre alt, vor Kameras und Mikrofonen. Seit sieben Jahren ist Horn mit seiner Band in den Musikclubs der Subkultur unterwegs, und vielen Branchenleuten erschien er zunächst als eher unwürdiger Repräsentant Deutschlands: Fettiges Langhaar schmückt seinen erkahlenden Kopf, stolz präsentiert er einen Schwabbelbauch und viel Schmalz in der Stimme. Doch im Niemandsland der Ironie konnte bald kaum einer mehr sagen, ob der Mann nur ein Witz ist oder doch ein begnadeter Entertainer.
Niemand gab ihm eine Chance - außer der "Bild"-Zeitung. Die entwickelte in enger Zusammenarbeit mit Horn-Manager Kram eine der erfolgreichsten PR-Kampagnen der vergangenen Jahre. "Darf dieser Mann für Deutschland singen?" fragte das Blatt seine Leser und rief damit Anfang Februar den Schlagerkrieg aus. Koryphäen des guten Geschmacks wie die Schlagersänger Juliane Werding, Wolfgang Petry und Gunter Gabriel ("Der kann in meiner Wohnung als Mop anfangen!") outeten sich als Horn-Gegner. Und Produzent Ralph Siegel wetterte gar von Wettbewerbsverzerrung, weil er schnell ahnte, daß seine drei Grand-Prix-Schützlinge bei der Bremer Vorausscheidung keine Chancen haben würden. Je näher der Tag der Entscheidung rückte, desto mehr geriet Siegel zum einsamen Mahner, der ums Überleben der hergebrachten Schlagerkultur fürchtete. Er sollte recht behalten.
Denn tatsächlich hatte Siegel keine Chance. Morgens in den Zeitungen, mittags in der Kantine und abends vorm Fernseher kannten die Deutschen in den Tagen vor dem Contest nur noch ein Thema: Guildo Horn. Hat jenes Volk, das laut "International Herald Tribune" an der Weggabelung Richtung Zukunft einfach stehenbleibt, nichts Besseres im Sinn, als sich darüber Sorgen zu machen, ob ein Freak mit ungewaschenen Haaren ihr Land beim Eurovisionswettbewerb vertreten darf?
Die Begeisterung für Trivialität und Kitsch jedenfalls teilt das Massenpublikum längst mit den Intellektuellen.
Sogar die seriöse Presse schwärmt mittlerweile, Verona Feldbusch, die stotternde Moderatorin der Sexsendung "Peep!", sei eine Art Wondergirl. Und auch sonst wird dort, wo früher über Adornos Musiktheorie diskutiert wurde, heute gern der jüngste Polenwitz von Harald Schmidt wiedergekäut oder die Frage, ob ein Film wie "Ballermann 6" mit Tom Gerhardt nur doof sei oder aber ein Kunstwerk der Blödelei.
Ganz offensichtlich sind Feldbusch und Horn, Schmidt und Gerhardt nur Projektionsfiguren, die vor allem die Wünsche, Erwartungen und Sehnsüchte der Betrachter spiegeln. Die einen verehren die "Peep!"-Moderatorin als moderne Frau, die sich durchboxt, andere schmähen sie als ein Luder, das abzockt; Sexisten schwärmen für ihren Busen, Klugschwätzer behaupten, daß ihre Sendung auch ein Stück Aufklärung sei. All diese Interpretationen werden nur von einer geschlagen: der kühnen These, es sei Verona Feldbusch selbst, die sich über sich und das Fernsehen lustig mache.
Der Trash-Held Guildo Horn liefert ein ähnliches breites Angebot. Den einen gilt er als Retter des deutschen Schlagers, den anderen als dessen Totengräber, seine Gegner schmähen ihn als häßlichen Irren, und seine Fans lieben ihn als postmodernen Kuschelbären. In Interviews (siehe Seite 216) redet der Diplompädagoge und Musiktherapeut von der Macht des Lächelns und der Gefühle, als wolle er ganz Deutschland therapieren.
Wo früher sauber getrennt wurde zwischen oben und unten, zwischen ernsthafter und unterhaltender Kultur, sind im Zeitalter der Fernbedienung alle Grenzen niedergezappt. Im kulturellen Babylon der Gegenwart reden zwar alle miteinander, aber keiner versteht irgend etwas - und so suchen sich die Zuschauer im Durcheinander von "Wetten, daß ...?", "heute-journal", "Hausfieber" und "Panorama" das Weltbild, das ihnen paßt.
Und über allem thront die Ironie, das Patentrezept gegen die von den 68ern errichtete Gefühlszensur, um die grauenhafte Nähe von Trivialität und Wahrheit genießen zu können. Es ist Quatsch und doch pure Lust zugleich, wenn wir wissen: Guildo hat uns lieb. Niemand, der die Eintracht stört, das Etikett Ironie erledigt Suche nach Wahrheit und Konsens.
Mit Guildo Horns Triumph im Schlagerland hat es jetzt das letzte deutsche Kulturgenre erwischt, in dem noch Eierlikör und Ordnung herrschten - und Omas, die das Taschentuch in der einen und die Rose in der anderen Hand hielten.
Am vergangenen Donnerstag ging in Bremen das Schlagerdeutschland des Ralph Siegel unter, niedergepflügt von Punkern und Aidsschleifenträgern, die so massenhaft erschienen waren, als sei das ganze ein Woodstock der Schwulenbewegung und Guildo Horn ihr Jimi Hendrix.
"Meister! Meister!" riefen sie schon vor der Halle und "Guildo für Deutschland". Dazu trugen sie große Brillen und Schlaghosen oder wenigstens orangefarbene Fan-T-Shirts. Im Foyer traf Trash auf Trash-Parodie, bis keiner mehr wußte, zu welchem Lager er eigentlich gehörte.
Alle kamen sie aus ihren Nischen: Da glotzte der dicke Klaus vom Duo Klaus und Klaus in seinen Bierbecher und wartete, daß ihn einer erkannte. Und Gunter Gabriel umarmte nach der Show in den Katakomben der Bremer Stadthalle Michael Holm, Horns Produzenten - frei nach Guildo "Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb". Triumphgeheul in Ironesien.
Die meisten Künstler wirkten an diesem Abend wie verkehrt montierte "Bravo"-Starschnitte. Bei Horn dagegen schien alles echt. Vermutlich bekommt er demnächst eine Kolumne in "Bild" oder wenigstens das Bundesverdienstkreuz, und wenn es schlimm kommt, muß er Wahlkampf machen für die SPD. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck hat ihm vorsichtshalber schon einmal ein Glückwunschtelegramm geschickt: Von 62 Prozent könnten Politiker wie er nur träumen.
Fast vergessen wurde bei all dem Rummel: Horn hat tatsächlich das Zeug zum deutschen King - große Stimme, große Musik, großes Gefühl.
Verlierer Siegel beobachtete seine Hinrichtung durch den Ted auf einem Monitor hinter der Kulisse. Sein Gesicht sah so aus, als würde er weinen.
Warum tut er sich das an? Warum erträgt er jedes Jahr den Spott und verjuxt sein Geld nicht in Mexiko, wo er dann den ganzen Tag "Hossa" singen könnte oder "Griechischen Wein" trinken? Oder was Schlagerproduzenten sonst so tun, wenn sie eigentlich alles erreicht haben.
"Das ist das Ende des Wettbewerbs", sagte er. "Eine Farce" sei das Ganze gewesen. Dann verkündete er, beim nächsten Grand Prix nicht mehr dabeisein zu wollen. Sein weißer Schlips war schon etwas schmuddelig nach all dem Streß, aber die draufgedruckten Noten waren noch gut zu erkennen. "Mozart", sagte Siegel, "der würde hier jetzt auch nicht mehr mitmachen."

DER SPIEGEL 10/1998
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