02.03.1998

AUTOBIOGRAPHIENSex macht glücklich

In ihrem neuen Buch beschreibt die Autorin Benoîte Groult ihr Leben zwischen Windeln, Feminismus und einer leidenschaftlichen Liebesaffäre.
Es ist erst ein paar Tage her, seit Benoîte Groult morgens in Paris das Radio einschaltete und ihren Namen hörte. "Wie hieß das Buch, das die feministische Autorin Benoîte Groult 1975 veröffentlichte", fragte der Moderator seine Zuhörer, "und das weltweit erfolgreich war?" Daß die Anrufer nach 23 Jahren noch "Ainsi soit-elle" (deutscher Titel: "Ödipus'' Schwester") kannten, hat Groult gefreut. Aber daß der Mann sie eine "feministische Autorin" nannte, was eine Klasse schlechter ist, als einfach nur Autorin zu sein, das hat sie sehr geärgert.
"Es ist einfach schrecklich", schimpft Groult, 78. Um als Schriftstellerin ernst genommen zu werden, dürfe man über alles reden und schreiben, über Drogen, Religion und den Sozialstaat, nur über Frauenthemen eben nicht.
In ihrer nun veröffentlichten Autobiographie "Leben heißt frei sein" zeigt Groult, daß sie sich von den Konventionen der Kritik nicht beeindrucken läßt*. Ihr Leben erscheint im Buch prototypisch für eine ganze Frauengeneration: Vom scheuen Mädchen aus der Pariser Oberschicht, dessen Lebensziel die Heirat sein sollte, entwickelte sie sich zur selbständigen Frau, die eigenes Geld verdient und sich neben der Ehe jahrelang eine leidenschaftliche Liebesaffäre gönnt.
So unterrichtete Groult zunächst Latein und Französisch und quälte sich in drei Ehen mit Abtreibung und Windelwaschen, nebenbei arbeitete sie für den Rundfunk. Ihr dritter Mann, der Schriftsteller Paul Guimard, ermunterte sie, Bücher zu schreiben. Mit ihrer Schwester Flora arbeitete sie ihre Tagebuchaufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg zum Roman um. "Tagebuch vierhändig" zeigt den Lebenshunger zweier junger Mädchen in einer chaotischen Welt und war sofort ein Erfolg. Zwei weitere gemeinsame Bücher veröffent-
* Benoîte Groult: "Leben heißt frei sein". Droemersche Verlagsanstalt, München; 380 Seiten; 39,90 Mark.
lichten die beiden noch. Seit 1972 schreibt Benoîte Groult allein.
Richtig ernst genommen haben die Rezensenten sie nie, mal bemängelten sie mangelnde Tiefe, mal paßte ihnen das Thema nicht. Den erfolgreichsten Roman, 1988 erschienen und später verfilmt, haßten sie. In "Salz auf unserer Haut" erzählt Groult in allen physischen und sinnlichen Details die Liebesgeschichte zwischen einer Pariser Intellektuellen und einem bretonischen Fischer. Der Mann liebt, die Frau will seinen Körper: Sex macht glücklich.
"Literarisches Fast food" sei das, schimpften die Kritiker, zubereitet "mit einer pikanten Mischung aus glaubensstarkem Feminismus und gutturalem Verbalsex". Allerdings mußten sie zusehen, wie das Buch in Deutschland vier Jahre lang auf der Bestsellerliste stand, 3,2millionenmal wurde es hier verkauft. "Die Frauen haben es irgendwie satt, sich mit verzweifelten Frauenfiguren zu identifizieren", erklärt Groult den sensationellen Erfolg.
Erstmals enthüllt Groult im neuen Buch, daß diese Affäre autobiographisch ist. Der Fischer Gauvain ist in Wahrheit der jüdische Bomberpilot Kurt, der schon 1925 als Kind mit seiner Familie vor den ersten Nazi-Umtrieben aus Deutschland nach Amerika floh und später Eisenhower um die Welt flog. Mit ihm trifft sie sich noch immer, wenn es sich einrichten läßt zwischen Schreiben, dem Hüten der Enkel und den Reisen zu ihren Häusern in Südfrankreich, der Bretagne, in Irland und der Wohnung in Paris.
In langen Kapiteln diskutiert Groult mit der viel jüngeren Journalistin Josyane Savigneau über den Stand des Feminismus. Das abgetippte Gespräch hat Groult viel Schreibarbeit gespart und ist manchmal reichlich banal: Zwischen Mann und Frau werde eine Annäherung "erst möglich sein", sagt sie, "wenn der einzelne nicht mehr so festgenagelt ist auf sein geschlechtsbestimmtes Image".
Im letzten und schönsten Kapitel ihrer Autobiographie erzählt Groult, wie sie gemeinsam mit ihrem Mann in Irland bei rauhem Wetter zum Fischen hinaus aufs Meer fährt. Und wie jedes Jahr die Beine steifer werden. In dieser Woche erscheint "Versteinerung", das neue Buch ihres Mannes Paul Guimard: Ein alter Franzose zieht in ein Haus an der irischen Küste. Erstaunt und doch ergeben beobachtet er, wie, mit der Fußsohle beginnend, das Bein und dann der ganze Körper zu Stein wird.
So wird ein Schriftstellerpaar zusammen steinalt.
* Benoîte Groult: "Leben heißt frei sein". Droemersche Verlagsanstalt, München; 380 Seiten; 39,90 Mark.

DER SPIEGEL 10/1998
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