07.05.2011

CHINAMit Mao in die Karaoke-Bar

Um seinen Bürgern ideologischen Halt zu geben, greift ein wendiger Provinzsekretär aufs linke Partei-Erbe zurück. Und feiert damit große Erfolge.
Ein neuer Morgen bricht an in Chongqing, der Millionenmetropole im Südwesten Chinas. "Ah, Rotes Lied", schmettert es aus Dutzenden Kehlen in einem Park. Die Sänger sitzen auf grünen und weißen Plastikhockern, einige Meter entfernt probt eine weitere Gruppe sangesfreudiger Bürger die revolutionäre Hymne "Zuguo, nihao!" - "Guten Tag, Vaterland".
Die Laienchöre aus der Nachbarschaft haben sich vor Holzschildern eingefunden, die überall im Park zum Singen "roter Lieder" auffordern. Auch anderswo in Chongqing blüht jene Polit-Kultur wieder auf, mit deren Hilfe der Große Vorsitzende Mao Zedong einst Chinas Massen zur permanenten Revolution antrieb.
Radio und Fernsehen der Stadt senden nun ebenfalls revolutionäre Lieder, und statt der früher üblichen Unterhaltungsshows verbreitet ein Kanal zur besten Sendezeit Dokumentarfilme über die historischen Errungenschaften der Kommunistischen Partei. Auch die örtlichen Zeitungen befeuern die revolutionäre Kampagne.
Chongqing, von Shanghai 1300 Kilometer flussaufwärts am Yangtze gelegen und während des Zweiten Weltkriegs Chinas provisorische Hauptstadt, ist heute eine gigantische Baustelle aus wuchernden Wolkenkratzern und verschlungenen Autobahnen. Rund 33 Millionen Menschen leben in seinen administrativen Grenzen, im Hinterland gibt es reichlich Erdgas, Kohle und Eisenerz. Es ist eine Stadt im Aufschwung, die nach ideologischem Halt sucht - mit Rezepten, die in China längst aus der Mode gekommen waren.
Doch seit in Chongqing Bo Xilai, 61, herrscht, der örtliche KP-Sekretär und frühere Handelsminister, wird Mao wieder als Schutzheiliger im Kampf gegen alle möglichen Widersprüche des real existierenden Kapitalismus gebraucht.
Sogar per SMS schickt Bo den Mitbürgern stützende Mao-Sprüche: "Die Welt gehört uns, wir sollen uns für Errungenschaften vereinen", flimmert es auf deren Handys, oder: "Verantwortung und Ernsthaftigkeit können die Welt erobern, und die Mitglieder der KP repräsentieren diese Qualitäten."
Da horcht auch die übrige Volksrepublik auf. Als die Partei 2007 Bo aus Peking in das oft neblige und korrupte Chongqing schickte, sahen viele darin eine Strafversetzung. Zumindest schien klar, dass Bo in der Hauptstadt den Machtkampf um die Nachfolge von Staats- und Parteichef Hu Jintao verloren hatte.
Doch Bo ließ sich nicht einfach aus dem politischen Alltag verbannen - mit seinem schrillen Rückgriff auf das linke Erbe der Partei bringt sich der Provinzfürst erstaunlich kess als volksnahe Alternative zur Pekinger Führung ins Spiel. Denn im Gegensatz zu Hu und dessen Vize sowie voraussichtlichem Nachfolger Xi Jinping, 57, begeistert er die Chinesen mit einem Populismus, der bei den hölzernen KP-Bossen eher verpönt ist.
Als Erstes gewann Bo Sympathien mit einer gnadenlosen Kampagne gegen die örtliche Mafia und die mit ihr verfilzten Funktionäre: Er ließ schätzungsweise 5000 Menschen wegen illegaler Prostitution, des Betreibens von Spielhöllen, wegen Waffenbesitzes und anderer Verbrechen festnehmen. 13 von ihnen wurden hinge-
richtet, darunter der frühere Vizepolizeichef. Selbst chinesische Rechtsexperten haben diese Säuberungswelle als diktatorisch kritisiert. So wanderte Li Zhuang, der prominente Anwalt eines Mafia-Bosses, für anderthalb Jahre ins Gefängnis, weil er seinen Mandanten zur Falschaussage gedrängt haben soll.
Doch Bos Beliebtheit hat diese Kritik nicht geschadet, im Gegenteil. Er krempelt Chongqing weiter um, und zwar dort, wo die Mitbürger es täglich merken. An den staubigen Straßenrändern lässt er Bäume pflanzen und an großen Kreuzungen Polizisten stationieren, die nun darum wetteifern, Bürgern zu helfen, statt sie zu schikanieren. Zum 1. Mai schaffte Chongqing zudem die Schulgebühren bis zur neunten Klasse ab.
Bos Mix aus hartem Führungsstil und Bürgernähe kommt an in China, wo das Wirtschaftswunder die Preise in die Höhe treibt und so die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft. Parteichef Hu übergeht die Extratouren des Chongqinger Genossen bislang mit auffälligem Schweigen. Aber Bo ist gegen mögliche Attacken aus Peking abgesichert: Seine Mao-Sprüche klingen für viele Parteigenossen politisch korrekter als der konfuzianisch geprägte Slogan von der "harmonischen Gesellschaft", den Hu ständig beschwört.
Bo ist auch deswegen kaum angreifbar, weil er zu den sogenannten roten Prinzlingen zählt - sein Vater Bo Yibo (1908 bis 2007) war einer von Chinas "unsterblichen" Führern.
"Bo Xilai gibt uns die richtige ideologische Linie vor", sagt Chen Chuan, 36. Der Vize-Propagandachef des Chongqinger Bezirks Shapingba organisiert das kollektive Singen der roten Lieder in den Parks.
Auch in Karaoke-Bars erklingen sie nun. Städte wie Shanghai, Wuhan und Changsha schicken bereits Delegationen nach Chongqing, um von Bos Methoden zu lernen.
Singen erleichtert und befreit, so mögen die Herrscher in Peking denken. Denn sie sorgen sich um die soziale Stabilität in ihrem Riesenreich, die jüngsten Volksaufstände in der arabischen Welt haben sie aufgeschreckt.
Gerade deshalb dürfte es für die KP schwierig werden, den populären Hardliner und Mao-Jünger Bo bei dem im kommenden Jahr anstehenden Führungswechsel in Peking zu übergehen. Ein Spitzenposten im Politbüro wäre wohl das Minimum für ihn.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 19/2011
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