23.03.1998

VOYEURISMUSLust beim Stieren

Was treibt Gaffer an, die sich an Unfällen und Verunglückten weiden? Ein Kieler Wissenschaftler erforscht die alltägliche Katastrophengier.
Der Mann benahm sich eigenartig. Nach einem Erdbeben hockte er mit infernalischem Grinsen vor den Trümmern seines Hauses in Los Angeles. Feuerwehrleute, Polizisten und Journalisten waren verwirrt. Das Desaster schien dem Kerl Spaß zu bereiten.
Für die Wissenschaftler, die das seltsame Gebaren des Opfers registrierten, erschloß sich dessen unerträgliche Heiterkeit des Seins erst durch ein Interview. Der makaber gut gelaunte Mann gab an, er habe nicht nur sein Haus verloren - unter den Trümmern liege auch seine tote Frau. Das Schöne daran: Nun sei er endlich frei. Das Opfer feierte, und die Zuschauer schienen betroffener zu sein als der Betroffene. Üblicherweise ist es umgekehrt. Die Opfer erleiden Schaden, während das Publikum die Katastrophe genießt - größtenteils mit einer Mischung aus Schaudern, Lust und Spannung. "90 Prozent der Leute sind sensationsgierig", sagt der Kieler Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky, "die restlichen 10 Prozent sind betroffen."
"Der Katastrophengucker will seine Schaulust befriedigen, wobei sexueller Voyeurismus in diesem Bereich die Ausnahme ist", sagt Dombrowsky. Die Beobachtungssucht des Autofahrers bei Unfällen nennt er folglich "drive-by-peeping". Glotzen vom sicheren Auto aus ermögliche eine Distanzierung, eine anonyme Möglichkeit des Lustgewinns durch das Leid anderer. Soziologe Dombrowsky, 49, hat die Rolle des Unglücksvoyeurs in unserer Gesellschaft untersucht - und kommt zu überraschenden Ergebnissen. Da der Glotztrieb beim Menschen etwas Natürliches sei, so der Forscher, lasse sich das Gaffen nicht bekämpfen oder abstellen, sondern allenfalls in geordnete Bahnen lenken.
Die Katastrophenforschungsstelle an der Uni Kiel, wo Dombrowsky sich seit 20 Jahren mit der Rolle von Helfern und Opfern befaßt, ist die einzige derartige Einrichtung in Deutschland. In jüngster Zeit registrieren die Kieler eine Häufung von Gaffer-Phänomenen und machen dafür unter anderem den Einfluß der Medien verantwortlich. Sensationslüsterne Berichterstattung enthemme die Neugierinstinkte der Zuschauer, die sich folglich immer dreister an den Schauplätzen des Grauens drängelten.
Dabei hat Dombrowsky beim Auswerten von amerikanischen und europäischen Umfragedaten und durch eigene Beobachtungen herausgefunden: Interessiertes Stieren ist nicht grundsätzlich schlecht. Es löse auch einen wertvollen sozialen Mechanismus aus: "Ein Blick zwischen Opfer und Zuschauer kann Menschen zu Schicksalsgefährten werden lassen", behauptet Dombrowsky. Er verweist gleichzeitig auf die Lust am Miterleben von Leid, Untergang und Verderben in TV-Sendungen wie "ER", "Medicopter 117" und "Tatort".
Während Berichte über Großkatastrophen das Publikum selten direkt anrühren, bestehe beim Miterleben eines Autounfalls die Chance, so Dombrowsky, daß Unfallopfer und Passanten sich nahekommen. Nach einer Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen entfallen auf jeden Verkehrsunfall 16 bis 26 Zuschauer.
Größere Unglücke mutieren mitunter zur riesigen Freizeitvergnügung. Als die Fähre "Herald of Free Enterprise" vor dem Hafen von Zeebrugge kenterte und 193 Menschen starben, strömten angeblich 150 000 Katastrophentouristen zum Unglücksort. Und nach dem tödlichen Unfall von Diana war der Tunnel unter der Place de l'Alma in Paris monatelang das Ausflugsziel von Schaulustigen.
Der Zwang zum Glotzen läßt sich, so die Erfahrung der Hilfskräfte, weder durch Gesetze noch durch den Einsatz von Absperrungspersonal abstellen. Also suchen Soziologen und Psychologen nach Wegen, wie die Neugierigen ihre Schaulust geordnet befriedigen können. "Gaffer sind auch nur Menschen", sagt Dombrowsky.
Hinter dem rüden Umgang mit den sensationslüsternen Zuschauern, das ergaben seine Ermittlungen, versteckt sich oft die Unsicherheit der Helfer. Selbst gestandene Einsatzkräfte brüllten oft hektisch herum und schickten freiwillige Helfer mitunter fort, wenn die Situation ihnen über den Kopf wachse.
In Seminaren mit Rot-Kreuz-Helfern, Feuerwehrleuten und Polizisten lehrt Dombrowsky Krisenmanagement: Er schlägt den Hilfskräften vor, freundlich auf die Neugierigen zuzugehen und deren Glotzbedürfnis zu akzeptieren. Der Publikumsandrang könne kanalisiert werden, wenn man Schauplätze teilweise zur Besichtigung freigebe. Als vor St. Peter-Ording kürzlich Wale strandeten, richtete die Feuerwehr Sightseeing-Pfade für die Schaulustigen ein.
Für Dombrowsky war Begeisterung für ein Wetter-Desaster der Antrieb für sein wissenschaftliches Interesse. Die "Schneekatastrophe" in Norddeutschland im Winter Anfang 1979 nennt der Forscher "eine der schönsten Katastrophen, die ich je erlebt habe". Vier Tage lang waren die Dombrowskys in Osterholz-Scharmbeck, einer kleinen Stadt bei Bremen, eingeschneit. Noch heute schwärmt er von der Stille und von Nachbarschaftssolidarität, vom "gemeinsamen Großcamping im Schnee". Das Beste an der Sache: kein Fernsehen, kein Autoverkehr - und überhaupt keine Gaffer.

DER SPIEGEL 13/1998
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