16.05.2011

Hausmitteilung16. Mai 2011 Betr.: Nannen-Preis

Der Henri-Nannen-Preis war der wichtigste deutsche Journalisten-Preis, die SPIEGEL-Redaktion sammelte mehr Trophäen ein als alle Konkurrenten - beides galt jahrelang, beides schien auch während der diesjährigen Gala am vorvergangenen Freitag noch wahr zu sein. In den fünf Text-Kategorien waren sechs SPIEGEL-Geschichten nominiert worden; zweimal gab es Platz 1. René Pfister, 37, siegte mit einem Porträt des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer ("Am Stellpult", SPIEGEL 33/2010) in der Kategorie Reportage. Und in der Sparte Dokumentation gewannen Ulrike Demmer, Markus Feldenkirchen, Ullrich Fichtner, Matthias Gebauer, John Goetz, Hauke Goos, Jochen-Martin Gutsch, Susanne Koelbl, Shoib Najafizada, Christoph Schwennicke und Holger Stark mit ihrem Text "Ein deutsches Verbrechen" (SPIEGEL 5/2010) über den Bombenangriff von Kunduz.
Am vergangenen Montag war dann einiges anders. In einer eiligen Telefonkonferenz erkannte die Jury Pfister den Preis wieder ab. Grund: Der SPIEGEL-Mann hatte auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses berichtet, dass sich jene nüchtern geschriebenen ersten drei Absätze seiner Geschichte, die von der Modelleisenbahn in Seehofers Keller erzählen, aus vielen Gesprächen und den Eindrücken von Kollegen zusammensetzten; am vorigen Montag also tadelte die Jury, dass diese Absätze "entgegen dem Eindruck der Leser und aller Juroren nicht auf der eigenen Wahrnehmung" beruhten. Ein Skandal? "Die Jury hat sich entschieden, den Preis in eine Strafe zu verwandeln", sagt Pfister. Die "Bild"-Zeitung, stets um journalistische Standards besorgt, enthüllte eine "Märklin-Affäre".
SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo, 46, kritisiert, dass die Jury Pfister "nicht einmal anhörte". Jahrelang habe die Nannen-Jury "auch Texte ausgezeichnet, die mit Szenen beginnen, welche von den Autoren sorgfältig recherchiert, aber nicht selbst erlebt waren". In einem Papier, mit dem neue Mitglieder auf ihre Arbeit in der Nannen-Jury vorbereitet werden, heißt es: "Die Reportage ist eine recherchierte, unbekannte, spannend erzählte Geschichte aus der Wirklichkeit, gespiegelt im Temperament des Reporters, der Erlebtes mit Berichtetem, Augenschein mit Informationen zu einem Text ohne Brüche verwebt." Besser lässt sich die Arbeit des Kollegen Pfister kaum beschreiben, die SPIEGEL-Chefredaktion hält die Entscheidung der Jury-Mehrheit darum für maßlos und falsch. Vor der Preisvergabe wäre es legitim gewesen, den Text zu kritisieren oder die Quellenbenennung unscharf zu finden. Nach der Entscheidung hat die Jury jedoch eine Verantwortung für ihre Preisträger, weil eine Aberkennung einer Rufschädigung nahekommt; Voraussetzung für eine Aberkennung müssen schon erfundene oder gefälschte Textstellen sein. Nichts dergleichen wird Pfister vorgeworfen, seine Geschichte stimmt, die Kriterien der Jury sind vage.
Hans Leyendecker forderte in der "Süddeutschen Zeitung" die Jury zum Rücktritt auf. Wolf Schneider, Gründer der Henri-Nannen-Schule und in Hamburg mit dem Nannen-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet, findet die Aberkennung schlicht "übertrieben". Regierungssprecher Steffen Seibert, vom "Stern" zum Kronzeugen gegen Pfister gemacht, sagt: "Pfisters Text fällt in ein Genre, dem ich grundsätzlich skeptisch gegenüberstehe: das Politikerporträt als Seelenerkundung. Wie er jedoch schreiben kann, wie er seinen Text baut, das fand ich preiswürdig." Und die Hauptfigur, der von Pfister scharf angegangene Horst Seehofer, sagte der "SZ": "Viel Falsches in den Medien wird nicht geahndet, und hier wird das Richtige falsch geahndet. Es ist nicht alles angenehm für mich, was in dem Text steht, aber die Informationen sind richtig. Ich kann nicht sagen, dass Pfister die Unwahrheit geschrieben hat."

DER SPIEGEL 20/2011
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