16.05.2011

DOKTORARBEITENNotbremse gezogen

Die EU-Politikerin Koch-Mehrin hat nicht ganz so heftig abgekupfert wie Ex-Minister Guttenberg. Aber ihre Karriere dürfte trotzdem ruiniert sein.
Es gibt Fans, auf die Silvana Koch-Mehrin nach wie vor zählen kann. Auf den dänischen Europaabgeordneten Jens Rohde etwa. Der schwärmte am vergangenen Donnerstag in Brüssel, seine "fleißige Kollegin" sei nicht nur eine "hervorragende Politikerin", sondern auch ein Mensch, bei dem man sich "durch ein vertrauensvolles Verhältnis wohl" fühle. Daran hätten die Vorwürfe nichts geändert.
In Deutschland wünschten sich viele FDP-Mitglieder zur gleichen Zeit, ihre Parteifreundin hätte etwas mehr Fleiß an den Tag gelegt. Zumindest als sie ihre Doktorarbeit schrieb, die sie vor elf Jahren an der Universität Heidelberg einreichte.
Das mehr als 200 Seiten dicke Werk ("Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik"), von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung mit Steuergeld gefördert, strotzt über weite Strecken vor abgeschriebenen oder leicht veränderten Passagen aus Standardwerken, die nicht als Zitate gekennzeichnet sind.
Das Ausmaß der Plagiate erreicht zwar nicht das Dreistigkeitsniveau, auf dem Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg seine Dissertation zusammenschusterte. Aber es reichte offenkundig, um Koch-Mehrin selbst die Notbremse ziehen zu lassen.
Am vergangenen Mittwoch, zwei Tage vor der Neuwahl des FDP-Präsidiums, trat die Liberale von ihren Ämtern in Partei und EU-Parlament zurück und ersparte ihrer neuen Parteiführung somit eine wochenlange Diskussion darüber, ob sie in ihren Funktionen noch tragbar ist.
Nach Faktenlage hätte die Liberale den Rückzug aus ihren Spitzenämtern schon vor Wochen verkünden können. Bereits Mitte April veröffentlichte die Plagiatsjäger-Community im Internet auf ihrer Seite vroniplag.wikia.com eine Liste mit teils mehr, teils weniger eindeutigen Übernahmen aus undeklarierten Quellen in Koch-Mehrins Arbeit. Auf mittlerweile 66 von 201 Textseiten finden sich fragwürdige Stellen: unveränderte Kopien ohne Quellenangabe, paraphrasierende Teilabschriften und Übernahmen fremdsprachiger Texte, bei denen die Eigenleistung immerhin aus einer Übersetzung ins Deutsche bestand.
Die Universität Heidelberg leitete sofort eine Prüfung ein. Die Vorwürfe seien "gewichtig", sagt ein Mitglied der zuständigen Promotionskommission, eine Aberkennung des Titels nicht auszuschließen. Doch bevor das Gremium entscheiden kann, muss laut Promotionsordnung noch eine Stellungnahme der Beschuldigten eingeholt werden. Zumindest bis Freitag aber schwieg Koch-Mehrin beharrlich zu den Vorwürfen, auch gegenüber dem SPIEGEL.
Was soll sie auch antworten auf die Frage, warum sie in ihrer Arbeit etwa ab Seite 72 rund zwei Seiten lang Erläuterungen aus einem 1981 erschienenen "Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften" mit nur geringfügigen Änderungen übernahm und so den Anschein erweckte, es seien ihre eigenen Erkenntnisse? Oder dass sie auf Seite 132 wörtlich aus einem Buch des im Jahr 2000 verstorbenen Wirtschaftshistorikers Karl Erich Born abschrieb, ohne den Autor zu nennen?
Und stellt es bereits eine wissenschaftliche Eigenleistung dar, dass sie auf Seite 43 bei der undeklarierten Kopie von sechs Zeilen aus einem Standardwerk des Frankfurter Historiker-Papstes Lothar Gall nur das Wörtchen "alle" wegließ?
Vergesslichkeit? Überlastung durch zu viele andere Verpflichtungen? Druck von der Familie? Vom Fall Guttenberg konnte Koch-Mehrin lernen, dass man sich mit solchen Erklärungsversuchen noch lächerlicher machen kann.
Pech für die karriebewusste FDP-Frau, dass Hunderte Internet-affine Jungwissenschaftler beim Aufspüren von Guttenberg-Plagiaten erst so richtig auf den Geschmack gekommen sind. Nach dem Baron traf es zunächst die Stoiber-Tochter Veronica Saß, deren Doktortitel vergangene Woche von der Universität Konstanz aberkannt wurde.
Und der Fall Koch-Mehrin zeigt nun, dass nicht einmal die Gnade des frühen Abgabetermins vor einer peniblen Nachprüfung durch die Netzgemeinde schützt. Findige Plagiatjäger hatten kurzerhand einige Standardwerke und Handbücher aus dem Vor-Internet-Zeitalter eingescannt und durch ihre Suchprogramme laufen lassen.
Dass gerade diese Basisliteratur breit in Koch-Mehrins Arbeit einfloss, macht für viele Wissenschaftler einen Unterschied zur Causa Guttenberg aus. In den Geisteswissenschaften gebe es das "Grundproblem, dass viele Dinge redundant behandelt werden, auf deren Grundlage man dann seine eigenen Überlegungen entwickelt", sagt der Bonner Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer.
Koch-Mehrin kopierte meist gängige Handbuch-Definitionen, etwa zum Goldstandard, oder Beschreibungen des historischen Hintergrunds. Bei Guttenberg waren es dagegen Ausarbeitungen mit fachlichen Einordnungen und Thesen.
Auch "allgemeinkundliche Texte" dürften natürlich "schon aus urheberrechtlichen Gründen" keineswegs ohne Quellennennung einfach abgeschrieben werden, sagt Löwer. Aber bisweilen sei der Umgang mit historischem Basiswissen eine "Grenzfrage".
In der Vergangenheit haben sich Universitäten in solchen Fällen auch mal gnädig gezeigt. Die Deutsch-Griechin Margarita Mathiopoulos, die SPD-Chef Willy Brandt 1987 zur Parteisprecherin machen wollte, wurde ebenfalls dabei ertappt, sich in ihrer Promotion großzügig bei Standardwerken bedient zu haben. Sie durfte nach einer Prüfung ihren Doktortitel zwar behalten, aus ihrer Bewerbung für eine Professorenstelle wurde allerdings nichts mehr.
Ob Koch-Mehrin auf so viel Nachsicht hoffen kann, ist unsicher. "Wer seine Quellen nicht korrekt nennt, macht einen schweren handwerklichen Fehler", sagt Bernhard Eitel, der Rektor der Heidelberger Universität, "und wenn das im größeren Umfang passiert, ist es ein wissenschaftliches Fehlverhalten, das sanktioniert wird."
Eitel fordert eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie im Google-Zeitalter das Bewusstsein junger Leute für den Wert des geistigen Eigentums geschärft werden kann. Bei Studierenden und selbst noch bei einigen Doktoranden seien mitunter erschreckende Defizite im Umgang mit Texten fremder Autoren zu erkennen.
Silvana Koch-Mehrin würde aber auch eine Nachschulung in wissenschaftlichen Standards nun nicht mehr viel helfen. Das Prüfverfahren zu einer möglichen Aberkennung des Titels werde unbeeindruckt von ihren Ämter-Rücktritten fortgesetzt, sagt Eitel. Spätestens Anfang Juni will die Heidelberger Kommission ihre Entscheidung bekanntgeben.
Von Matthias Bartsch

DER SPIEGEL 20/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DOKTORARBEITEN:
Notbremse gezogen

Video 01:14

El Salvador Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus

  • Video "Anti-Brexit-Demo: Ich mache das für meine Kinder" Video 01:50
    Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Video "Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr" Video 07:56
    Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Video "Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen" Video 04:59
    Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen
  • Video "Demos gegen Syrien-Offensive: Die ganze Welt schaut zu" Video 01:30
    Demos gegen Syrien-Offensive: "Die ganze Welt schaut zu"
  • Video "Rede von Theresa May: Ich habe ein deutliches Déjà-vu" Video 02:40
    Rede von Theresa May: "Ich habe ein deutliches Déjà-vu"
  • Video "Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen" Video 02:25
    Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen
  • Video "Medienberichte: Aufregung um rätselhaften Blob im Zoo von Paris" Video 01:15
    Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Video "Lage in Nordsyrien: Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen" Video 02:25
    Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Video "Videoanalyse aus Brüssel: Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden" Video 03:08
    Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Video "Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor" Video 01:19
    Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor
  • Video "Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause" Video 01:27
    Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Video "Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen" Video 01:39
    Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Video "Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling" Video 01:29
    Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling
  • Video "Videoanalyse zum Brexit-Deal: Für Johnson wird es sehr knapp werden" Video 01:39
    Videoanalyse zum Brexit-Deal: "Für Johnson wird es sehr knapp werden"
  • Video "Versprecher von FDP-Chef Lindner: Thüringen statt Syrien" Video 00:53
    Versprecher von FDP-Chef Lindner: Thüringen statt Syrien
  • Video "El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus" Video 01:14
    El Salvador: Starkregen löst riesigen Erdrutsch aus