16.05.2011

AFFÄRENGetäuscht und verschleiert

Triathlon erlebt in Deutschland seit Jahren einen Boom. Der Verband steckt jedoch wegen schwerer Misswirtschaft in der Krise.
Das Park Hyatt in Hamburg, ein Fünf-Sterne-Haus, hatte es dem Verbandspräsidenten angetan. Im Sommer 2007 etwa, nachdem in der Hafenstadt drei Tage lang die Triathlon-WM stattfand, hatte Klaus Müller-Ott gleich mal mehrere Zimmer für 13 Übernachtungen in dem Nobelhotel gebucht. Die Rechnung ging an die Deutsche Triathlon Union (DTU): 11 308,82 Euro.
Auch zwei vom Verband geleaste Autos durfte der Funktionär durch die Republik lenken: einen VW Touareg, wohl für schlechte Tage, und ein Saab Cabriolet, ideal für schönes Wetter.
Müller-Ott, ein Arzt aus Schleswig-Holstein, war DTU-Präsident. Triathlon ist eine Sportart, die hierzulande seit Jahren boomt: Die Mitgliederzahlen steigen stetig an, die Veranstaltungen sind immer besser besetzt, die eindrucksvollsten Bilder liefert alljährlich der Weltcup in Hamburgs Innenstadt. Auch die deutschen Athleten gehören zur Weltspitze, wie Jan Frodeno, Olympiasieger 2008 in Peking.
Trotzdem wurde der Verband über die Jahre heruntergewirtschaftet. Das geht aus zwei Berichten hervor - einem von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC), einem zweiten vom Bundesverwaltungsamt in Köln.
Demnach gibt es wohl keine deutsche Spitzensportorganisation, in der Missmanagement so weit verbreitet ist wie bei den Triathleten. Seit über zwei Jahren schon beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft Frankfurt mit dem Verband - es geht um überhöhte Provisionen, um Spesenbetrug und Insolvenzverschleppung.
"Grabenkämpfe" seiner Kollegen, sagt der bayerische Landesvorsitzende Peter Pfaff, seien die Ursache der Krise. Wenn er zu Sitzungen nach Frankfurt fahre, wisse er, dass er es wieder mit "etli-
chen Profilneurotikern" zu tun habe. In den vergangenen drei Jahren hat der Verband vier Präsidenten verschlissen. Derzeit ist die DTU führungslos.
Wie lasch die Kontrollen waren bei der DTU, zeigt der Bericht der PwC-Prüfer über die Abrechnungen des ehemaligen Präsidenten Müller-Ott. Viele Reisekosten hatte der Ehrenamtliche demnach nicht im Detail belegt, insgesamt geht es um über 120 000 Euro. Stutzig machten die Prüfer auch abgerechnete Posten aus Hamburger Damenboutiquen. 16 vom Präsidenten angeschaffte Gegenstände wie ein Mobiltelefon, ein Notebook oder einen Ledersessel forderte die DTU zurück. Müller-Otts Anwalt antwortete, mit Ausnahme eines Monitors, eines Ventilators und eines Kühlschranks seien alle Teile wegen Schäden entsorgt worden, eine Herausgabe sei nicht möglich. "Eine ungewöhnlich hohe Defektquote", notierten die Prüfer von PwC, zumal sie keine "Verschrottungsnachweise" vorfinden konnten. Müller-Ott hat sich auf Anfragen des SPIEGEL nicht zu den Vorwürfen geäußert.
Das Bundesinnenministerium bekam Wind von dem Chaos und wollte wissen, ob die DTU seriös mit den zugewiesenen Steuergeldern umgehe. Daraufhin kontrollierte das Bundesverwaltungsamt die Bücher. Das Ergebnis: Eine "ordnungsgemäße Geschäftsführung" könne "als nicht gesichert angesehen werden".
Bereits 2007 habe sich die DTU, schreibt das Bundesverwaltungsamt, in einer "finanziellen und strukturellen Krise" befunden. Dann gelangten Claudia Wisser als Präsidentin und Ralf Eckert als Vizepräsident neu in die Ämter. Den Rechtsanwälten aus München schien die Wende zu glücken, nach einem Jahr war die Kasse wieder mit über 400 000 Euro gefüllt. Doch einigen in der DTU passte der rigide Kurs wohl nicht, andere störten sich daran, dass sich Wisser und Eckert auch privat nähergekommen waren. Ende vergangenen Jahres war das Paar aus seinen Ämtern vertrieben.
Wisser und Eckert hatten unter anderem dafür gesorgt, dass alle Ungereimtheiten auf den Tisch kamen. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Ex-Präsidenten Müller-Ott wegen Untreue, ebenso wie gegen den ehemaligen Generalsekretär Jörg Barion. Den hatte Wissers Präsidium entlassen, weil er die DTU über die "prekäre finanzielle Situation getäuscht" und die "Überschuldungssituation bewusst verschleiert" habe. Barion bestritt die Vorwürfe, vor dem Arbeitsgericht schloss man einen Vergleich.
Staatsanwälte wollen auch wissen, ob Barion zu Unrecht Provisionen kassiert hat. Laut einer Mitteilung der DTU an das Bundesverwaltungsamt soll er mehr als 180 000 Euro für seine Tätigkeit bei einer Marketingtochter des Verbandes erhalten haben - neben seinem Gehalt als Generalsekretär. Diese Summe sei falsch, sagt Barion, er fühle sich zu Unrecht "kriminalisiert und diffamiert".
Ende vorigen Jahres gelangte der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Reinhold Hemker an die Spitze des Verbandes. Als der Theologe in die Interna eingeweiht war, schmiss er im Februar hin - aus "gesundheitlichen Gründen", nach nur 103 Tagen. Im Herbst soll jetzt ein neuer Präsident gewählt werden.
Anm. d. Red:
Sämtliche vom zuständigen Dezernat der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main - Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen - geführten Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen Generalsekretär Jörg Barion sind laut Mitteilung der Staatsanwaltschaft vom Mai 2013 erledigt.
(*) Mit Triathlon-Weltmeister Daniel Unger.
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 20/2011
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