16.05.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH„Al-Qaida war schon tot“

Der französische Sozialwissenschaftler Emmanuel Todd über die arabischen Revolutionen, das Gespenst Osama Bin Laden, den Schock der Modernisierung und den Zusammenhang zwischen Freiheitsstreben und demografischem Wandel
Todd, 60, studierte Politikwissenschaft in Paris und Geschichte in Cambridge. Seit 1984 forscht er am Nationalen Institut für demografische Studien in Paris. Todd versteht sich als "empirischer Hegelianer", der einen universellen Lauf der Geschichte erkennt. Familienstrukturen, bevölkerungs- und bildungspolitische Faktoren haben für ihn größeres Gewicht als das Wirtschaftssystem. Er veröffentlichte zahlreiche vielbeachtete Studien wie "Vor dem Sturz: Das Ende der Sowjetherrschaft" (1976), "Das Schicksal der Immigranten" (1994), "Die neoliberale Illusion" (1998), "Weltmacht USA. Ein Nachruf" (2002) und "Die unaufhaltsame Revolution" (2007) über die Veränderungen in der islamischen Welt.
SPIEGEL: Monsieur Todd, Sie kündigten mitten im Kalten Krieg, noch zu Zeiten von Leonid Breschnew, den Zusammenbruch des sowjetischen Systems an. 2002 beschrieben Sie die ökonomische und imperiale Erosion der globalen Supermacht Amerika. Und vor vier Jahren sagten Sie zusammen mit Ihrem Kollegen Youssef Courbage die unausweichliche Revolution in der arabischen Welt voraus. Besitzen Sie hellseherische Fähigkeiten?
Todd: Der Wissenschaftler als Wahrsager - eine verlockende Vorstellung. Aber Courbage und ich hatten lediglich die Gründe einer möglichen, meinetwegen wahrscheinlichen Revolution in der arabischen Welt analysiert, einer unaufhaltsamen Veränderung, die freilich auch als allmähliche Evolution hätte ablaufen können. Unsere Arbeit glich der von Geologen, die Anzeichen eines bevorstehenden Erdbebens oder ei-nes Vulkanausbruchs zusammentragen. Wann es zur Eruption kommt, in welcher Form und in welcher Stärke, das lässt sich nicht exakt vorherbestimmen.
SPIEGEL: Auf welche Indikatoren stützten Sie denn Ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung?
Todd: Hauptsächlich auf drei Faktoren: die schnelle Zunahme der Alphabetisierung, vor allem der Frauen, eine abnehmende Geburtenrate und einen deutlichen Rückgang des weitverbreiteten Brauchs der Endogamie, also der Heirat zwischen Cousins und Cousinen ersten Grades. Das zeigt, dass sich die arabischen Gesellschaften auf einem Weg der kulturellen und mentalen Modernisierung befanden, in deren Verlauf der Einzelne als autonomes Individuum sehr viel stärker hervortritt.
SPIEGEL: Mit der Folge?
Todd: Dass am Ende der Entwicklung die Umwandlung des politischen Systems steht, eine sich ausbreitende Demokratisierungswelle, die Transformation des Untertans in den Staatsbürger. Das folgt zwar einem globalen Trend, aber es kann dauern.
SPIEGEL: Im Augenblick hat man eher den Eindruck einer atemberaubenden Beschleunigung der Geschichte, wie beim Fall der Mauer 1989.
Todd: Noch kann niemand sagen, in welche Ordnung die freiheitlichen Bewegungen in diesen Ländern münden werden. In Revolutionen kommt am Ende oft etwas anderes heraus, als deren Träger anfangs proklamieren. Demokratien sind fragile Systeme, die eine tiefe historische Verwurzelung brauchen. Es dauerte fast ein Jahrhundert, bis sich nach der Französischen Revolution von 1789 die demokratische Regierungsform in Gestalt der Dritten Republik nach dem verlorenen Krieg gegen die Deutschen 1871 endgültig festigte. Dazwischen kamen Napoleon, die royalistische Restauration und das Zweite Kaiserreich unter Napoleon III., dem Kleinen, wie Victor Hugo spottete.
SPIEGEL: Können die Krisen des Übergangs, die in der Regel auf Revolutionen folgen, den Islamisten nutzen?
Todd: Das lässt sich nicht ganz ausschließen, wenn die Macht auf der Straße liegt. Chaos gebärt den Wunsch nach einer Rückkehr von Stabilität, nach Orientierung. Ich glaube es aber nicht. In Tunesien spielten die Islamisten keine Rolle, in Ägypten schienen die Muslimbrüder vom Gang der Ereignisse überrumpelt. Sie versuchen jetzt, sich als politische Parteien innerhalb eines pluralistischen Systems zu organisieren. Diese Freiheitsbewegungen sind nicht antiwestlich, im Gegenteil: In Libyen rufen die Aufständischen nach mehr Beistand der Nato. Die arabische Revolution hat aufgeräumt mit dem Klischee einer kulturellen und religiösen Besonderheit, die den Islam angeblich unvereinbar mit der Demokratie macht und die Muslime angeblich dazu bestimmt, im besten Fall von aufgeklärten Despoten regiert zu werden.
SPIEGEL: Es fällt auf, dass Sie die Bedeutung des religiösen und des ökonomischen Faktors in Ihrer Interpretation herunterspielen. Was macht Sie so sicher?
Todd: Ich klammere sie nicht aus, ich halte sie bloß für sekundär. Ich bin Statistiker, ein Cosinus-Wissenschaftler, falls der Ausdruck Sie amüsiert. Die Voraussetzung jeder Modernisierung ist die demografische Modernisierung. Mit ihr einher geht eine Abnahme der gelebten und praktizierten Religiosität. Wir erleben schon jetzt eine Entislamisierung der arabischen Gesellschaften, eine Entzauberung der Welt, wie Max Weber das nannte, und sie wird sich unweigerlich fortsetzen, so wie in Europa eine Entchristianisierung stattgefunden hat.
SPIEGEL: Der Anschein spricht gegen Ihre Annahme. Die Frauen legen ihre Kopftücher nicht ab, der islamistische Terrorismus ist längst nicht besiegt.
Todd: Die islamistischen Zuckungen sind klassische Begleitelemente der Desorientierung, die jeden Umbruch kennzeichnet. Aber nach dem historischen Gesetz, nach dem Bildungsfortschritt und Geburtenrückgang eine zunehmende Rationalisierung und Säkularisierung anzeigen, ist der Islamismus eine zeitweilige Abwehrreaktion auf den Schock der Modernisierung und keineswegs der Fluchtpunkt der Geschichte. Die verläuft für die muslimische Welt weitaus universeller, als man wahrhaben will. Der unveränderliche Islam, das muslimische Wesen sind rein gedankliche Konstrukte des Westens. Die Bahnen, auf denen sich die verschiedenen Kulturen und Religionen der Welt bewegen, streben auf eine Begegnung zu, nicht auf einen Kampf, wie Samuel Huntington meinte.
SPIEGEL: Osama Bin Laden wollte diesen Kulturkampf mit spektakulär inszenierten Terrortaten führen. Besiegelt sein Tod auch das politische Ende von al-Qaida?
Todd: Sein Gespenst mag noch faszinierend wirken. Seine Bewunderer können versuchen, die Flamme am Leben zu halten. Aber im Grunde kam die erschreckend brutale Aktion der USA zur Unzeit: Al-Qaida war schon vor dem Ende von Bin Laden politisch tot. Die Organisation wurde nie eine Massenbewegung. Sie existierte allein durch die Propaganda der Tat - wie die europäischen Anarchisten Ende des 19. Jahrhunderts. Mit ihnen teilte Bin Laden die romantische Dimension des einsamen Helden, des Rächers der Entrechteten.
SPIEGEL: Auch er rief zum Sturz der arabischen Despoten auf.
Todd: Er scheiterte. Die Volksbewegungen des arabischen Frühlings haben mit mythischen Visionen wie dem Panarabismus oder dem Panislamismus nichts im Sinn. Der Grundirrtum besteht darin, die ideologischen oder religiösen Krisen in den islamischen Ländern als Erscheinungen des Rückschritts zu sehen. Es handelt sich im Gegenteil um Krisen einer Modernisierung, die die herrschenden Regime destabilisiert. Dass die Erschütterung der Religion und der Vormarsch des Fundamentalismus zeitlich zusammenfallen, ist ein geradezu klassisches Phänomen. Zweifel und Eiferertum sind zwei Seiten derselben Entwicklung. Beispiele finden sich auch in der europäischen Geistesgeschichte. Descartes, der Begründer des methodischen Zweifels, stellte sich die vordringliche Aufgabe, die Existenz Gottes zu beweisen. Und Pascal, Mathematiker und Physiker, empfand ein so drängendes religiöses Bedürfnis, dass er seine ebenso berühmte wie fragwürdige Wette einging: Mit dem Glauben an Gott könne man nichts verlieren, aber alles gewinnen. Er schloss sich dem Jansenismus an, einer fundamentalistischen Variante des Christentums seiner Zeit.
SPIEGEL: Sind nicht auch Armut oder Wohlstand ausschlaggebend? Tunesien, Syrien, Ägypten, der Jemen verfügen nicht über sprudelnde Öleinnahmen.
Todd: Natürlich kann man mit Brot und Geld das Volk ruhigstellen - aber nur eine Weile. Revolutionen brechen meistens in Phasen des kulturellen Aufschwungs und des wirtschaftlichen Abschwungs aus. Für mich als Demografen bleibt die entscheidende Variable nicht das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, sondern die Alphabetisierungsrate. Auf diesen Zusammenhang hat schon der britische Historiker Lawrence Stone in seiner Untersuchung der englischen Revolution im 16. und 17. Jahrhundert hingewiesen. Er sah die kritische Schwelle bei 40 bis 60 Prozent.
SPIEGEL: Lesen und schreiben können ja inzwischen die meisten arabischen Jugendlichen, aber wie entwickelt sich die Geburtenrate wirklich? Die Bevölkerung der arabischen Staaten ist enorm jung, die Hälfte der Bürger ist unter 25.
Todd: Ja, das liegt daran, dass die vorangegangene Generation noch so viele Kinder bekam. Inzwischen aber sinkt die Geburtenziffer teilweise dramatisch, in nur einer Generation hat sie sich in der arabischen Welt halbiert - von 7,5 Kindern pro Frau 1975 auf 3,5 im Jahr 2005. Akademikerinnen liegen knapp unter der Bestandserhaltungsquote von 2,1. Tunesien hat inzwischen eine ähnliche Geburtenziffer wie Frankreich. In Marokko, Algerien, Libyen, Ägypten sank sie unter die magische Schwelle von drei Kindern pro Frau. Das bedeutet: Junge Erwachsene stellen die Mehrheit der Bevölkerung, sie können anders als ihre Väter und Mütter lesen und schreiben, praktizieren Verhütung, leiden aber unter Arbeitslosigkeit und sozialer Frustration. Kein Wunder, dass es in dieser Welt brodeln musste.
SPIEGEL: Sind es deshalb zornige junge Männer, die die Revolution auf die Straße tragen, während es an anerkannten älteren Vordenkern und Wortführern fehlt?
Todd: Das überrascht wenig. Die Revolutionen in England und Frankreich wurden von jungen Männern angeführt. Robespierre war 1789 gerade 31, und 36, als er auf die Guillotine steigen musste. Sein Gegenspieler Danton, sein Verbündeter Saint-Just: junge Männer Anfang 30, Mitte 20. Lenin war zwar älter, aber die bolschewistischen Stoßtrupps setzten sich aus jungen Männern zusammen. Die der Nationalsozialisten übrigens gleichfalls. Es waren auch junge Männer, die sich 1956 in Budapest den sowjetischen Panzern entgegenstellten. Die Erklärung ist banal: Junge Männer haben mehr Kraft und mehr zu gewinnen.
SPIEGEL: Warum haben die Werte der Moderne die islamische Welt so spät erreicht? Die Blütezeit der arabischen Zivilisation ging ja schon im 13. Jahrhundert zu Ende.
Todd: Es gibt eine einfache Erklärung, die den Vorteil hat, dass sie sich auch auf Nordindien und China anwenden lässt, also auf drei völlig unterschiedli-che Religionsgebiete: Islam, Hinduismus und Konfuzianismus. Sie knüpft an die Struktur der traditionellen Familie dort an - mit ihrer Herabsetzung, Entmündigung der Frau. Und die reicht etwa in Mesopotamien weit in die vorislamische Zeit zurück. Der Religionsstifter Mohammed räumte den Frauen sogar weitaus mehr Rechte ein, als sie in den meisten arabischen Gesellschaften bis heute besitzen.
SPIEGEL: Das heißt, die Araber passten sich älteren lokalen Gegebenheiten an und verbreiteten diese über den gesamten Nahen Osten?
Todd: Ja. Das patrilineare, patrilokale System, in dem allein die männliche Stammfolge gilt und die Jungverheirateten, in der arabischen Idealehe eben Cousin und Cousine, unter dem Dach und damit der Autorität des Vaters leben, hemmt jeden gesellschaftlichen Fortschritt. Die Entrechtung der Frau raubt ihr die Fähigkeit, ihre Kinder auf fortschrittliche, dynamische Weise zu erziehen. Die Gesellschaft verknöchert und schläft gewissermaßen ein, die Kräfte des Individuums können sich nicht entfalten. Die bürgerliche Errungenschaft der Liebesheirat, der freien Wahl des Partners, löste im Europa des 19. Jahrhunderts Standeshierarchien auf und stützte das Freiheitsbedürfnis.
SPIEGEL: Die weibliche Emanzipation ist die Vorbedingung der Modernisierung für die arabische Welt?
Todd: Sie ist in vollem Gang. Die Kopftuch-Debatte geht am Ziel vorbei. Die Zahl der Vetternehen sinkt ebenso spektakulär wie die Geburtenrate, damit wird ein Riegel weggesprengt. Der freie Einzelne, der aktive Bürger kann den öffentlichen Raum betreten. Wenn über 90 Prozent der Jungen lesen und schreiben können, ein Mindestmaß an Bildung haben, hält sich auf Dauer kein traditionelles autoritäres Regime. Haben Sie gemerkt, wie viele Frauen bei den Protesten mitmarschieren? Selbst im Jemen, dem rückständigsten Land der arabischen Welt, mischten sich Tausende Frauen unter die Demonstranten.
SPIEGEL: Die Familie ist der private Raum par excellence. Wieso greifen Veränderungen ihrer Struktur zwangsläufig auf den politischen Raum über?
Todd: Das Verhältnis zwischen denen da oben und denen da unten ändert sich. Wenn die Autorität der Väter ins Wanken gerät, bricht meist auch die politische Macht zusammen. Denn das System der patrilinearen, endogamen Großfamilie hat sich an der Spitze des Staates reproduziert. Das Familienoberhaupt als Staatschef bringt seine Söhne und andere männliche Verwandte in Machtpositionen. Politische Dynastien entstehen, wie in Syrien mit Vater und Sohn Assad. Die Korruption blüht, weil der Clan zum eigenen Vorteil wirtschaftet. Der Staat wird als Familienbetrieb ganz selbstverständlich privatisiert. Die Macht des Gehorsams beruht auf einer Verquickung von Loyalität, Repression und politischer Ökonomie.
SPIEGEL: Die Statistiken weisen beträchtliche Unterschiede auf. Tunesien ist nicht mit dem Jemen vergleichbar. Wie kommt es, dass der Funke der Revolution dennoch überspringen konnte?
Todd: Auch dafür gibt es in der europäischen Geschichte ein Beispiel.
SPIEGEL: Sie meinen die Revolutionen von 1848/49?
Todd: Ja, der arabische Frühling ist eher mit dem europäischen Frühling 1848 als mit dem Herbst 1989 zu vergleichen, als der Kommunismus zusammenbrach. Auf die Initialzündung in Frankreich folgten damals Unruhen in Preußen, Sachsen, Bayern, Österreich, Italien, Spanien und Rumänien, eine klassische Kettenreaktion trotz großer regionaler Unterschiede.
SPIEGEL: Wenn die arabische Welt jetzt in die Moderne eintritt, triumphieren dann endgültig die universellen westlichen Werte wie Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte und Menschenwürde?
Todd: Da wäre ich wiederum vorsichtig. Demokratische Bewegungen können höchst unterschiedliche Ausformungen annehmen, wie sich am Beispiel Osteuropa nach 1990 gut beobachten lässt. Putin hat bestimmt die Mehrheit des russischen Volkes hinter sich, aber ist Russland deswegen eine lupenreine Demokratie?
SPIEGEL: Wo ziehen Sie denn die Grenzen des Westens?
Todd: Zum westlichen Kern gehören eigentlich nur, in dieser historischen Reihenfolge, Großbritannien, Frankreich, die USA. Deutschland nicht.
SPIEGEL: Wie bitte?
Todd: Ah, es macht Spaß, einen Vertreter des deutschen Nachrichten-Magazins zu provozieren. Ich behaupte: Deutschland hat zur liberalen demokratischen Entwicklung in Europa nichts beigetragen.
SPIEGEL: Was? Das Hambacher Fest 1832, die Märzrevolution 1848, die Nationalver-
sammlung in der Frankfurter Paulskirche, die Novemberrevolution 1918, die Gründung der Bundesrepublik 1949, Adenauers Westbindung, die vom Volk friedlich erzwungene Öffnung der Mauer im November 1989.
Todd: Die Nachkriegsgeschichte, gut, geschenkt - aber sie musste von den westlichen Siegern in Gang gesetzt werden. Alles davor ist gescheitert. Stets setzten sich autoritäre staatliche Systeme durch, während in England, Amerika und Frankreich schon lange demokratische Verhältnisse herrschten. Deutschland hat die zwei schlimmsten totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts hervorgebracht. Selbst die größten Philosophen wie Kant und Hegel waren, anders als David Hume in England oder Voltaire in Frankreich, nicht gerade Leuchttürme des politischen Liberalismus. Nein, der unermessliche Beitrag Deutschlands zur europäischen Kulturgeschichte ist ein ganz anderer.
SPIEGEL: Jetzt kommt etwas Nettes?
Todd: Die Reformation und mit ihr die Stärkung des Einzelnen, gestützt auf sein Gewissen, und die Verbreitung der Schriftkenntnis mit dem Buchdruck, das ist der deutsche Beitrag. Der Kampf um die Reformation wurde publizistisch ausgetragen, mit Schriften und Flugblättern. Die Alphabetisierung der Massen wurde in Deutschland erfunden. Preußen, selbst die katholischen Kleinstaaten wiesen früher als Frankreich eine höhere Alphabetisierungsquote auf. Frankreich wurde von Osten her, also von Deutschland kommend, alphabetisiert. Deutschland war eine Bildungsnation und ein Rechtsstaat, lange bevor es eine Demokratie wurde. Aber Martin Luther bewies auch, dass religiöse Reformen keineswegs vom Geist des Liberalismus getragen sein müssen.
SPIEGEL: Der deutsche Sonderweg ist doch nun zu Ende.
Todd: Nun ja, ich glaube, dass die Deutschen vor sich selbst noch immer eine heimliche und zugleich leicht narzisstische Angst empfinden, als ahnten sie, dass sie nicht ganz zum Westen gehören. Ihr liebstes Regierungsbündnis scheint mir die Große Koalition, nicht der abrupte Machtwechsel wie in Frankreich und den angelsächsischen Ländern. Vielleicht wäre Deutschland ja am liebsten wie eine große Schweiz oder ein großes Schweden, eine Konsensdemokratie, in der sich die ideologischen Lager einander annähern und die politische Großfamilie in der Regierung alles richtet.
SPIEGEL: Was ist daran schlimm?
Todd: Nichts. Man sollte nur den kulturellen Unterschied zu Frankreich nicht unter Freundschaftsbeschwörungen begraben. Frankreich ist individualistisch und egalitär, jedenfalls viel mehr als Deutschland, wo die Tradition der ungleichen, autoritären Stammfamilie noch nachwirkt, zum Beispiel in der Diskussion um das richti-ge Mutterbild. Vielleicht erklärt das auch, warum Deutschland sich trotz seiner katastrophalen Geburtenrate mit der Einwanderung so schwertut, dafür aber mit seinen handwerklichen und industriel-len Fähigkeiten Frankreich bei weitem übertrifft.
SPIEGEL: Wäre die deutsch-französische Freundschaft demnach nur eine Fata Morgana?
Todd: Nein, aber das Verhältnis ist zumindest von einer unausgesprochenen Rivalität geprägt. Doch wenn die Europäische Union ihre Vielfalt, ja ihre anthropologischen Unterschiede anerkennt, statt alle mit der falschen Beschwörungsformel einer gemeinsamen europäischen Zivilisation in den gleichen Rahmen pressen zu wollen, dann kann Europa auch mit dem Pluralismus der Kulturen in der Welt vernünftig und aufgeschlossen umgehen. Ich bin mir nicht sicher, ob die USA das können.
SPIEGEL: Monsieur Todd, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Mit Redakteur Romain Leick in Paris.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 20/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-GESPRÄCH:
„Al-Qaida war schon tot“

Video 01:22

Protest gegen Bienensterben Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock

  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Senioren auf Partnersuche: Ich bin nicht zu alt für Sex" Video 29:50
    Senioren auf Partnersuche: "Ich bin nicht zu alt für Sex"
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Iran-USA: Ein Krieg, den eigentlich keiner will" Video 05:29
    Iran-USA: "Ein Krieg, den eigentlich keiner will"
  • Video "Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?" Video 00:43
    Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?
  • Video "Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach" Video 01:08
    Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach
  • Video "Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske" Video 48:32
    Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen" Video 00:35
    Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt" Video 01:32
    Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt
  • Video "Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle" Video 00:55
    Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock