30.03.1998

ÖSTERREICHLachen in der Hofburg

Eine evangelische Bischöfin fordert in der katholischen Alpenrepublik den Bundespräsidenten Klestil heraus - und verstört viele Bürger mit pastoraler Lauterkeit.
Seit der ehemalige Uno-Generalsekretär Kurt Waldheim Österreichs höchstes Staatsamt besetzt hielt (von 1986 bis 1992), ist es mit dem Fluch der Vergangenheit belastet. Die befreienden Worte zur Geschichte, die der große Leugner und Verdränger nie fand, will jetzt eine evangelische Bischöfin aus dem Burgenland sprechen, falls sich ihr die Türen zur Wiener Hofburg öffnen.
"Gott sei Dank hat unser Land im Nationalsozialismus diesen Krieg verloren", möchte die unabhängige Präsidentschaftskandidatin Gertraud Knoll, 39, nach ihrem Wahlsieg erklären: "Versöhnung heißt zunächst, Konflikte zu erarbeiten und zu polarisieren."
Gelegenheit dazu bietet sich genug. Der heimtückische Bombenmord an vier Roma im burgenländischen Oberwart im Februar 1995 hat sie nachhaltig geprägt, aus Überzeugung will sie darum auch das "erschreckende Aufflackern von Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit im gegenwärtigen Österreich" geißeln. Diese "moderne Haltung, die man faschistoid nennen könnte", so Knoll, "wächst auf altem Boden".
Wer aber in Österreich will so etwas hören? Der Traum von der großen erlösenden Rede zur Befindlichkeit der Nation wird wohl kaum je in Erfüllung gehen. Das liegt einmal daran, daß sich exakt 60 Jahre nach dem bejubelten Anschluß an Deutschland noch immer viele Österreicher nicht den bitteren Wahrheiten der Geschichte stellen wollen, auch wenn Knoll darauf setzt, daß sich zumindest "das Problem mit der Kriegsgeneration biologisch lösen wird".
Zum anderen ist die Bischöfin, die sich für den Wahlkampf freistellen ließ, keine alpenländische Neuauflage des Staatsmanns Richard von Weizsäcker, dessen bewegenden Auftritt zum 40. Jahrestag des Kriegsendes im Mai 1985 sie ungemein bewundert.
Knoll entspricht eher einer Reinkarnation des Grünen-Stars Petra Kelly im Kleinstaatformat: engagiert, ehrgeizig und sehr gefühlsbetont, aber auch reichlich ungeschickt und in internationalen Fragen noch erschreckend wenig informiert.
Im Urlaub war sie gerade mal in Frankreich, lebende Fremdsprachen beherrscht sie nicht. Bevor sie sich zur angestrebten Osterweiterung der Europäischen Union äußere, einer für Österreich entscheidenden Zukunftsfrage, müsse sie sich "erst informieren, wie sich das auf das Burgenland auswirkt", erklärte Knoll treuherzig bei ihrer Antrittspressekonferenz als unabhängige Kandidatin vor wenigen Wochen.
Die mit einem Pastor verheiratete dreifache Mutter, die "Kinderlachen in der Hofburg" verspricht, wird von zahlreichen Prominenten unterstützt, darunter dem sozialdemokratischen Ex-Finanzminister Ferdinand Lacina. Mit ihrer verblüffenden Bewerbung sollte sie dem Wunsch linksliberaler Österreicher entsprechend die Farce beenden, zu der sich der Präsidentschaftswahlkampf bis dahin entwickelt hatte. Denn nach dem Entschluß der sozialdemokratischen Parteiführung im vergangenen Herbst, sich mit der Wiederwahl des konservativen Amtsinhabers Thomas Klestil abzufinden und erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg keinen eigenen Kandidaten aufzustellen, waren auch obskure oder lachhafte Herausforderer in das politische Vakuum gestoßen.
Da kokettierte der potente Baumeister Richard Lugner, 65, mit seinem Spitznamen "Mörtel", protzte mit seiner jungen Frau "Mausi" und verspottete Klestil, dessen Gattin ihn wegen seiner Geliebten verlassen hat. Bekannt geworden war Lugner als spendabler Gastgeber beim Opernball, mit seinen vollen Taschen lockte er Ex-Stars wie Sophia Loren an die Donau.
Die Kandidatur der Liberalenchefin Heide Schmidt wiederum, einer ehemaligen politischen Weggefährtin Jörg Haiders, sollte vor allem das Image ihrer Kleinpartei aufbessern. Ein grüner Landtagsabgeordneter mit Hofburg-Ambitionen glaubte, bei den Wählern Eindruck machen zu können, indem er sich bei der Suche nach einem vermißten Mädchen als Polizist ausgab. Selbst ein zu langjähriger Haftstrafe verurteilter Betrüger hielt sich öffentlich für präsidententauglich.
Diese schleichende Verwandlung der Republik Österreich in einen folkloristischen Alpenpark kam vor allem dem radikalen Rechtspopulisten Jörg Haider gelegen, der früher immer wieder die Abschaffung des Präsidentenamts verlangt hatte. Das ist zwar von der Verfassung mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet, wird in der politischen Wirklichkeit aber fast nur zu repräsentativen Aufgaben genutzt. Haiders Generalsekretär Peter Westenthaler freute sich über das "kabaretthafte Starterfeld neben Klestil" und juxte über das anstehende "Scherz-Match".
Süffisant zögerte Haider bis zur vorletzten Woche, ehe er sich für Klestils Wiederwahl aussprach - freilich mit dem Zusatz, daß auch Lugner ein "ernst zu nehmender Bewerber" sei und seine Frau den "Herrn Baumeister" unterstütze.
Die Bischöfin Knoll hingegen, die in Umfragen an zweiter Stelle liegt, ist für Haider und dessen Freiheitliche Partei ein "rotes Tuch". Als evangelische Superintendentin, meint Knoll nicht ohne Stolz, habe sie sich "die Feindschaft mit den Freiheitlichen erarbeitet". Als Präsidentin würde sie sich "den Rücktritt überlegen, bevor sie Haider mit der Regierungsbildung beauftragen würde, selbst wenn er die absolute Mehrheit der Stimmen bekommen sollte".
Statt jedoch ihre eindeutige politische Einstellung offensiv im Wahlkampf zu vertreten, ließ sie sich von ihren professionellen Beratern einen unverfänglichen Kuschelkurs aufdrängen und präsentierte sich als "Klavierstimmerin", die für "mehr Wärme in der Politik" sorgen wolle.
Die gespielte Harmlosigkeit brachte ihr das Wohlwollen des Boulevardzeitungskönigs Hans Dichand ein, enttäuschte aber viele Sympathisanten. "Eine solche Politik der Gefühle", kritisierte der Publizist Peter Huemer, "wäre eine Katastrophe für diesen Staat." Das Dilemma der Theologin: Sagt sie laut, was sie denkt, wird sie zur Zählkandidatin einer aufgeklärten Minderheit.
Drei Wochen vor den Wahlen am 19. April, bei denen allen Umfragen zufolge trotz der bunten Kandidatenschar der blasse Klestil mit einer absoluten Mehrheit rechnen darf, haben Ratlosigkeit und Verunsicherung zugenommen.
So sehr sich viele Österreicher neue Antworten auf die gesellschaftlichen Herausforderungen wünschen, so gern sie traditionelle Parteikarrieristen ablehnen, so deutlich macht die Präsidentenwahl auch den Mangel an Persönlichkeiten, die in Österreich für politische Spitzenjobs bereitstehen - und das zu einer Zeit, da das Land seine neue Position in Europa finden muß und sich damit quält, ob es der Nato beitreten soll oder nicht.
Gelassen sehen allenfalls Frohgemüter wie der unverwüstlich populäre Schauspieler Gunther Philipp die Entwicklung: "Solange uns nicht wieder ein Waldheim blüht", meint er, "ist alles nicht so schlimm."
Mit ihrem Kuschelkurs soll die Kandidatin für "mehr Wärme in der Politik" sorgen

DER SPIEGEL 14/1998
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