30.03.1998

KANADAThron mit Dornen

Ein junger Aufsteiger soll die eigensinnige Provinz Quebec befrieden und die kanadische Einheit bewahren.
Auf dem Schild vor dem weiß verputzten Haus mit dem rosafarbenen Balkenwerk steht "verkauft". Doch der künftige Eigentümer des Anwesens in der Powell Avenue 79 von Ottawa wird das schmucke Heim "Magnolie" kaum beziehen. Jean Charest, 39, der sich in Kanadas Hauptstadt mit Frau Michèle und drei Kindern niederlassen wollte, beschloß den Umzug in seine frankophone Heimat Quebec - nach 14 Jahren Abwesenheit.
Dort soll der Politiker seine Nation vor einem erneuten Spaltungsversuch bewahren. Das sei, drängten Kommentatoren den lange zaudernden Rettungsengel, Charests "heilige Pflicht".
Denn nur drei Jahre nach einem erbittert ausgefochtenen Referendum über die Unabhängigkeit drohen die Heißsporne vom Parti Québécois (PQ) mit einer neuen Zerreißprobe. Sie hatten 1994 in der zu über 80 Prozent französischsprachigen Provinz die Regierung übernommen und ein Jahr später die Abstimmung über die weitgehende Loslösung vom kanadischen Mutterland mit hauchdünnen 1,2 Prozent (53 000 Stimmen) verloren.
Seitdem sinnt Quebecs Provinzfürst Lucien Bouchard auf eine Wiederholung des Volksentscheids, am besten beflügelt und legitimiert durch einen neuen, überzeugenden Sieg bei den kommenden Provinzwahlen. Der schien ihm bislang fast sicher. Denn während die Liberalen des Ministerpräsidenten Jean Chrétien seit 1993 landesweit über eine satte Mehrheit verfügen, erlitten sie in Quebec eine Schlappe. Obendrein trat ihr glückloser Provinzvertreter Daniel Johnson Anfang März zurück, zermürbt durch innerparteiliche Intrigen.
Jetzt allerdings könnte Bouchard, der sich schon als "Messias" der Unabhängigkeit feiern ließ, entthront werden. Denn mit Charest als neuem Führer der Liberalen tritt einer der populärsten Nachwuchspolitiker gegen ihn an, "ein Fernsehtyp wie Clinton, jedoch ohne dessen Affären", urteilt der Historiker Michael Bliss.
Bisher gelang dem perfekt zweisprachigen Juristen, der in Quebec als Sohn eines frankophonen Vaters und einer irischstämmigen Mutter aufwuchs, eine Rekordkarriere: Mit 25 Jahren wurde der Anwalt, 1985 Abgeordneter der Konservativen, nur drei Jahre später beförderte ihn der damalige Premier Brian Mulroney zum jüngsten Minister. Charest erschien als Idealfigur ethnisch-linguistischer Harmonie im vom Zerfall bedrohten Kanada.
Weniger Glück zeigte Mulroney zwei Jahre später, als er einen Studienfreund rekrutierte: Bouchard. Denn während Charest in einer Verfassungskommission an Kompromissen für das versöhnliche Zusammenleben der verschiedensprachigen Volksgruppen arbeitete, wechselte Bouchard ins Lager der radikalen Separatisten. Seither sind Charest und Bouchard erbitterte Gegner.
Nach Mulroneys verheerender Wahlniederlage - 1993 verloren die Konservativen, die 12 von 20 Premiers gestellt hatten, nicht nur die Regierungsverantwortung an die Liberalen, sondern auch 167 ihrer 169 Sitze - übernahm Charest die Führung der Partei, die nicht einmal mehr Fraktionsstatus hatte, dafür aber Millionen Schulden. Kabarettisten spotteten, der jüngste Parteichef des Landes könne die Sitzungen "in der Besenkammer" abhalten.
Doch bald gewann Charest nationale Statur zurück durch seinen Einsatz für ein geeintes, föderales Kanada. Vor dem Plebiszit von 1995 war er der einzige, der mit leidenschaftlichen Appellen dem Demagogen Bouchard trotzte. Schon damals wollten ihn die Liberalen zum Seitenwechsel verlocken - als Parteiführer von Quebec.
Jetzt endlich gab Charest nach. Von den englisch- wie den französischsprachigen Medien als "Retter Kanadas" oder Verkörperung des "Heiligen Friedens" beschworen, entschied er sich nach langem Zögern für den Zweikampf in der heimatlichen Provinz. Der Wechsel zur parteipolitischen Konkurrenz fällt dabei nicht sonderlich schwer - Charest galt trotz seiner Spitzenstellung bei den Konservativen als ausgemachter Liberaler.
Wird Charest in Quebec Premierminister, gibt es kein neues Referendum. Ungebetene Hilfe leistet dabei Kanadas Ministerpräsident und Charests neuer Parteifreund Chrétien: Der will per Verfassungsklage beim Obersten Gerichtshof jede einseitige Unabhängigkeitserklärung verbieten lassen - für eingefleischte Quebec-Franzosen, zumeist Nachfahren einiger tausend vorwiegend normannischer Siedler, die der Sonnenkönig Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert an die Ufer des Sankt-Lorenz-Stroms geschickt hatte, eine Provokation. Denn sie betrachten sich bis heute als eigene Nation; "je me souviens" (ich erinnere mich) steht als trotziges Motto auf allen Quebecer Autonummernschildern.
Die Separatisten wollen Charest als "Windbeutel" entlarven. Der Oppositionsführer solle sich in kleinkarierten Lokalstreitigkeiten von "Krankenhausschließungen bis zur Farbe von Margarine" verstricken, meldete das Fernsehen. "La Presse" in Montreal warnte den Neuankömmling: "Es ist ein Thron gespickt mit Dornen." Und die Tageszeitung "Le Devoir" wähnt Charest am "gefährlichsten Punkt seiner Laufbahn".
Sollte er in seiner Heimat versagen, ist seine politische Karriere beendet; gewinnt er, hat er sich damit noch nicht unbedingt für die Rolle qualifiziert, die er wirklich anstrebt - die des kanadischen Ministerpräsidenten.
Immerhin könnte er dann als Besitzer der Villa Magnolie in die Hauptstadt Ottawa zurückkehren.

DER SPIEGEL 14/1998
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