06.04.1998

KRIMINALITÄTThomas das Phantom

Fast zwei Jahre lang leistete sich der mutmaßliche Reemtsma-Entführer Thomas Drach vom Lösegeld Luxus pur: Autos, Mädchen, Villen, Tauchkurse und Jet-Ski-Renner. Dann wurde er in Südamerika unvorsichtig. Eine raffinierte Fangschaltung der Fahnder enttarnte ihn.
Das anthrazitfarbene Mercedes-Cabrio mit dem braunen Klappverdeck, pries der Verkäufer des Autohauses Trepat Automóviles in Vicente López, habe nur 14 000 Kilometer auf der Nadel. Der Preis von 125 000 Dollar sei "ein Schnäppchen".
Liebevoll streichelte der Interessent über den Lack des 500 SL, ehe er die offene Karosse zur Testfahrt auf die Avenida del Libertador des Vororts von Buenos Aires lenkte. Als er zurückkam, hatte er noch eine Beanstandung: Das elektrische Verdeck hake. Diese Macke, bat der Kunde, möge das Autohaus doch bitte beheben. Dann legte er 20 000 Dollar als Anzahlung cash auf den Tresen.
Routiniert raffte der Verkäufer die Noten zusammen, notierte Name und Adresse und ließ den tiefergelegten Mercedes auf Anthony Lawlor, wohnhaft Juncal 1232 in Buenos Aires, zu. Als die Formalitäten ein paar Tage später erledigt waren, blätterte Anthony auch den Rest der Kaufsumme, 105 000 Dollar, bar auf den Tisch.
Er habe ein Jahr Urlaub, erklärte der Käufer dem Autohändler in leidlichem Spanisch, und freue sich auf die Fahrt in sein Strandhaus in Punta del Este, jenseits der Grenze, in Uruguay. Bald nach dem Kauf im August vergangenen Jahres kreuz-
* Nach der Festnahme im Zimmer des Hotels Caesar Park.
te "Tonio", wie sie ihn im Kampen der Caballeros nannten, vor seiner ockerfarbenen Strandvilla "La Aljaba" im neuen Cabrio auf. Auch dort spielte er den Luxusurlauber offensichtlich überzeugend.
In der luxuriösen Villa, Monatsmiete inklusive Wächter mit Schäferhunden cash und vorab 30 000 Dollar, wäre Anthony Lawlor alias Thomas Drach, 37, besser geblieben. Denn bei einem Ausflug nach Buenos Aires ging der meistgesuchte Kriminelle Deutschlands am Sonnabend vorvoriger Woche seinen Häschern ins Netz.
Zwei Anrufe in den niederländischen Grenzort Vaals nahe Aachen, die er am 25. und 26. März mit einem Vertrauten aus gemeinsamen Knasttagen in der Justizvollzugsanstalt Rheinbach bei Köln führte, wurden dem Gejagten zum Verhängnis. Beim ersten Anruf erzählte Drach seinem Freund Bernd Kramer, daß er das Konzert der "berühmtesten Rockgruppe der Welt" besuchen werde. Die Polizei konnte nur feststellen, daß dieser Anruf aus der Stadtmitte von Buenos Aires kam, und richtete sich schon darauf ein, alle Besucher des anstehenden Rolling-Stones-Konzerts zu überprüfen.
Beim zweiten Anruf plauderten die beiden über ein Geldwäsche-Angebot, das Mitarbeiter der Wiesbadener Sicherheitsfirma "Espo" Kramer unterbreitet hatten. Dieser Anruf verriet Drach endgültig - er hatte diesmal das Telefon seines Zimmers im Hotel Caesar Park in Buenos Aires benutzt.
Wenig später standen acht Polizisten am Bett des mutmaßlichen Kopfes der Reemtsma-Entführer. Um 1.30 Uhr riß Einsatzleiter Eduardo Héctor Musto den Nackten und seine Bettgefährtin Cristina Irisarri, 23, aus dem Schlaf. "Ich bin das schon gewöhnt", fügte sich der als Anthony Entschlummerte und als Thomas Geweckte angesichts einer Pistole an seiner Schläfe in das Unvermeidliche.
Sogleich prüften die argentinischen Beamten den Safe im Zimmer 801 und entnahmen, was er an Barem barg. "Diezmil" (10 000), zählte ein Polizist die Beute. "No, son treintamil" (Nein, es sind 30 000), verbesserte der Gefaßte, als fürchte er, unter noch größere Gauner gefallen zu sein.
Ganz Thomas Drach, wie ihn Freunde und Fahnder kennen. Ein Mann, der Ordnung liebt, ein Erbsenzähler eben.
So einer führt wahrscheinlich Buch über jeden einzelnen Schein der 29 Millionen Mark, die noch bei ihm vermutet werden. Diese Summe fehlt jedenfalls bis heute von den 30 Millionen Mark, mit denen der Zigarettenerbe Jan Philipp Reemtsma im April 1996 aus den Händen seiner Entführer freigekauft wurde.
Vergangene Woche ließ der große Batzen die Fahnder noch kalt. Sie puzzelten mit Zetteln, die beim Festgenommenen entdeckt wurden, und faxten eine lange Liste nach Deutschland, in der alle Telefonate mit Zeiten und Rufnummern aufgeführt sind, die Thomas Drach von seinem Apartment in der Juncal 1232 angerufen hatte: mehr als 150 Gespräche in aller Herren Länder, zum Preis von über 3500 Dollar - die Nummer 00359-88-53 48 99 in Bulgarien rief er rund 40mal an. Unter dieser Nummer heißt es inzwischen: "Mom¯enten nosyinaw ten n¯omer - no connection with this number". Genug Stoff, ein Dutzend Detektive für Wochen zu beschäftigen.
Drachs Villa am Solanas-Strand in Punta del Este hatten die Fahnder bis Ende vergangener Woche noch nicht einmal durchsucht. Dabei birgt auch die imposante Herberge manch wertvolle Spur. Drach habe dort, wissen Bekannte, mehrere in Bulgarien und der Tschechischen Republik ausgestellte Führerscheine verwahrt. Auch habe "der Belgier", als der sich der Entführer im Ort ausgab, regelmäßig Besuch von Bulgaren erhalten, mit denen er Geldgeschäfte abgewickelt habe.
Für die Fahnder aber schien es bis Ende vergangener Woche vor allem eine Frage der Ehre, zu klären, wer in der Heimat sich die Verhaftung von Thomas dem Phantom an die Fahne heften durfte.
Peter Richter und Wolfgang Koszics, Drachs tapsige Gehilfen bei der Reemtsma-Entführung, waren bereits wenige Wochen nach der Tat in Südspanien mit ein paar lumpigen tausend Mark festgesetzt worden, die Drach seinen Komplizen vom höchsten Lösegeld der deutschen Kriminalgeschichte überlassen hatte. Die Hatz auf den gewitzten Thomas aber währte 22 Monate, obwohl Beamte des Hamburger Landeskriminalamts, Zielfahnder des BKA und Mitarbeiter der Espo seinen Spuren folgten.
"Auffindung und Festnahme", lobte BKA-Sprecher Dirk Büchner sein Amt, "waren allein Sache des BKA." Für Michael Daleki, Chef des Hamburger LKA, war der Erfolg "ein großes Verdienst der Beamten in Hamburg". "Wir haben den Stein ins Rollen gebracht", glaubt dagegen Espo-Chef Jürgen Jaitner, ein Ex-BKA-Mann, der für die Familie Reemtsma arbeitet.
Für mögliche Pannen bei der Ermittlung nach Drach, dafür, daß die Spur des Gejagten über Monate so kalt wie Draculas Gruft war, fühlt sich keiner der Fahnder zuständig. Und daß Spitzel entscheidende Tips gaben, verschweigen die Ermittler.
Am 25. März 1996 war Jan Philipp Reemtsma vor seinem Haus in Hamburg-Blankenese niedergeschlagen und entführt worden. Einen Monat später ließen seine Entführer ihn frei, nachdem zuvor das Lösegeld von 30 Millionen Mark in deutscher und schweizerischer Währung übergeben worden war.
Zwei Tage nach der Geldübergabe, am 27. April, mietete sich Thomas Drach in der Kölner Pension Albers ein. Dort bewohnte er Zimmer 2 des Hauses in der Sieversstraße.
Als Beamte des LKA Hamburg ihn am 29. Mai in der Pension suchten, war Drach seit vier Tagen weg, die Spur kalt. Auch vom Apartment in Buenos Aires und der Strandvilla in Punta del Este erfuhren die Drach-Jäger erst nach seiner Festnahme.
Welche Länder und Städte der Flüchtige auf seiner Odyssee von Köln nach Buenos Aires passiert hat, werden seine Häscher wohl erst mit Drachs Hilfe - falls er sein Schweigen bricht - und nach Auswertung aller jetzt entdeckten Spuren rekonstruieren können. Offenbar hielt Drach sich zuvor längere Zeit in Venezuela, Frankreich und Kuba auf.
"Wir hatten nie konkrete Hinweise auf seinen Aufenthaltsort", sagt der Hamburger Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger. Doch vermutet habe man den rheinischen Berufsverbrecher immer nur in Südamerika. Drach spreche leidlich spanisch, liebe das schöne Leben mit Sonne, Wasser und Bikinischönen. Alle Spuren Richtung Osteuropa hätten die Fahnder deshalb nie so recht ernst genommen.
Im Strandhaus von Tonio, dem vermeintlichen Belgier, wollen Bekannte einen Mietvertrag für eine Garage in Paris (Mietdauer ein Jahr) und für ein Apartment in Caracas gesehen haben. Auch ein Flugticket für einen Linienflug nach Kuba soll sich dort finden.
Neben einer ersten Spur nach Ungarn, dort hielt Drach Kontakt zur bulgarischen Prostituierten Maria Guslekowa, 34, die er über eine Kontaktanzeige kennengelernt hatte, und dem Polizeifoto gab es als Fahndungshilfe nur noch ein "Personogramm" - dazu hatten die Fahnder Lebensläufe und Gerichtsakten, Zeugenbefragungen und Krankenakten ausgewertet. Mehrere Ordner, vollgeschrieben mit Drachs Neigungen und Vorlieben, wurden zu einem dreiseitigen Extrakt gefiltert, dessen Inhalt bald jeder Soko-Beamte im Kopf hatte.
Genannt wurde in dem Psychoprofil sein Drang zu Ordnung und Perfektion ebenso wie sein Hang zu maskulinen Frauen. Drach sei zwar "militanter Nichtraucher", aber ab und an brauche er eine Prise Kokain. Außerdem stopfe er Mengen an Süßigkeiten in sich hinein. Überall in Europa verfüge Drach über gute Kontakte ins Milieu. Er liebe Rockkonzerte, teure Autos und Motorräder. Sein Wunsch nach Luxus sei ausgeprägt, auf gute Kleidung und seine äußere Erscheinung lege der Kriminelle großen Wert.
Auffällig, notierten die Fahnder, sei auch sein forscher Gang, außerdem sei er "leicht aufbrausend" und ungeduldig. Auch neige der Mann mit der Halbglatze dazu, bis mittags zu schlafen.
Und noch ein Faible pflegte der Rheinländer. Die Liebe zur Formel 1. Und so führte eine der wenigen soliden Spuren im Fall Drach ins Reich der Boliden. Am 25. Mai vergangenen Jahres, so die Kenntnis der Fahnder, war Drach in Barcelona, um am Circuit de Catalunya den Großen Preis von Spanien zu erleben.
Genutzt hat den Jägern das Wissen nicht. Unter den mehr als 100 000 Zuschauern am Rennring war der eine nicht zu entdecken. So diente das Personogramm in erster Linie dazu, die über 5000 Hinweise auf den angeblichen Aufenthaltsort von Drach kurzfristig abklären zu können.
Seit Mitte vergangenen Jahres lebte Drach in Buenos Aires, wo er inzwischen auch ein deutsches Ehepaar kennengelernt hatte, oder in Punta del Este, wo er vorzugsweise tauchte oder mit seinem Jet-Ski übers Wasser brauste. Nie habe er sich länger als 90 Tage an einem Ort aufgehalten, erklärte Drach nach seiner Festnahme dem Haftrichter.
Im Nachtclub "La Morocha" in Punta del Este lernte er seine letzte Begleiterin, Cristina Irisarri, kennen. Dort arbeitete die Prostituierte im Sommer vergangenen Jahres. Derzeit hat sie ein Engagement in Montevideo - im Nachtclub "Baires", wo Mädchen zwischen 50 Dollar und 100 Dollar für ein "Programm" fordern.
Es verletze sie, beteuert Cristina, daß der "wunderbare Tonio" sie "belogen" habe. Andererseits weiß sie es auch zu schätzen: Für ihre Liebesgeschichte verlangt sie 250 000 Dollar. Daß sie den Mann mit der vielen Knete, den sie "noch immer liebe", überhaupt treffen konnte, verdankt sie womöglich dem etwas zögerlichen Umgang der deutschen Polizei mit Hinweisen.
Denn der Ausgangsort der Spur, die jetzt von einem roten Backsteinhaus in der Kerkstraat 70-72 im niederländischen Vaals ins Hotel Caesar Park in Buenos Aires führte, ist den Ermittlern vom LKA Hamburg und vom BKA seit langem bekannt.
Im November 1996 diente sich ein Informant der Hamburger Staatsanwaltschaft an. Er kannte Bernd Kramer aus gemeinsamen Hafttagen in der Justizvollzugsanstalt Siegburg. Kramer und Thomas Drach stünden in engem Kontakt, berichtete der Mann. Kramer habe ihm sogar erzählt, er und Drach hätten "so eine Entführung mal theoretisch durchgespielt".
Auch Thomas'' jüngerer Bruder Lutz, wußte der Informant, wohne zumeist in Kramers Haus. Lutz Drach, 36, hatte versucht, Teile des Reemtsma-Lösegelds zu waschen, und war dafür zu einer Haftstrafe verurteilt worden.
Bis zum Frühjahr 1997 wurde der Informant aus dem Rheinischen viermal beim LKA und der Hamburger Staatsanwaltschaft vorstellig. Unter anderem berichtete er, Drach habe Kramer erklärt, daß er bereit sei, sich zu stellen - wenn die Strafverfolger ihm einen günstigen Deal anbieten würden. Das amüsierte die Hamburger Staatsanwälte offenbar derart, daß Tageszeitungen der Stadt sogleich von dem abenteuerlich anmutenden Angebot zu berichten wußten.
Sehr intensiv verfolgten die Ermittler die Spur Kramer Anfang vergangenen Jahres nicht. Statt dessen nahmen die Hamburger Fahnder noch Kontakt zu einem anderen früheren Zellengenossen Drachs auf. Der Mann erschien als hoffnungsvolle Spur. Doch mit den erhofften Kontakten war nichts.
Da bot sich, im Herbst vergangenen Jahres, eine Frau aus dem Milieu den Hamburger Ermittlern als Informantin an. Sie bestätigte erneut die engen und regelmäßigen Kontakte zwischen Kramer und Drach. Das LKA nahm die Frau ins Zeugenschutzprogramm und bat die niederländische Justiz um Amtshilfe.
Bald darauf rückten niederländische Beamte bei Kramer an und durchsuchten sein Haus in Vaals. Der Drach-Vertraute, der ohnehin davon ausging, daß seine Telefonleitung abgehört wurde, war sich nach der Haussuchung sicher, daß die Polizei seine Räume verwanzt hatte. Die Polizei bestreitet das.
Kramer und Lutz Drach nutzten Handys für ihre Telefonkontakte. Sie verfügten über je zwei Handys, ein offiziell angemeldetes und ein konspiratives. Das im Ausland von Kramer erworbene Handy mit bis zum Jahresbeginn unbekannter Nummer diente ausschließlich für die Verbindung zu Thomas Drach. Lutz Drach und Kramer schalteten es zu fest vereinbarten Terminen an, wenn sie Anrufe erwarteten, sie selbst hatten keine Nummer, um Thomas Drach zu erreichen.
Für alle Apparate erwirkten die Fahnder in Zusammenarbeit mit den holländischen Kollegen eine Telefonüberwachung. Das Anpeilen der offiziell angemeldeten Handys war nicht sonderlich schwer, Kramer hielt sich meistens im Grenzraum von Belgien, Deutschland und den Niederlanden auf und bewegte sich damit im Einflußbereich von drei Funktürmen.
Das Problem bestand darin, die Nummer des konspirativen Geräts zu ermitteln. Als Lutz auf Urlaub in Brasilien weilte und den Freund Kramer auf dem konspirativen Handy in Vaals anrief, gelang es offenbar Fahndern des BKA, das Geheimnis zu knacken.
Zielfahnder, die Lutz in Brasilien beschatteten, stellten die ungefähre Uhrzeit von zwei Drach-Anrufen fest. Daraufhin wurden alle Handy-Gespräche, die in diesen Zeiträumen über die drei in Frage kommenden Funktürme bei Vaals geführt wurden, registriert. Die Schnittmenge der in diesen Minuten eingegangenen Gespräche brachte den Abhörern eine Nummer, die zu Kramers verdecktem Handy passen mußte. Und Bingo: Als die Fahnder die Geheimnummer anpeilten, hörten sie bald darauf tatsächlich die Stimme von Thomas Drach.
In der Zwischenzeit suchten Mitarbeiter der Espo den direkten Kontakt zu Drachs Vertrauten, nachdem zuvor alle Versuche, ihn per Anruf zu ködern, gescheitert waren.
Mehrfach besuchten die Espo-Männer Kramers Haus. Am 25. März unterrichteten sie das LKA Hamburg vom unmittelbar bevorstehenden persönlichen Kontakt.
Am Tag darauf fingen sie den Drach-Vertrauten ab. Im Café eines Supermarkts unterbreiteten sie Kramer ein Lockangebot: Reemtsma wolle die verbliebenen Millionen seines Lösegelds gegen sauberes Geld zurückkaufen.
Offensichtlich leitete Kramer die Offerte weiter. Denn als Drach seinen Kumpan aus dem Hotel Caesar Park unter der sicher geglaubten Handynummer anrief, sprachen die beiden über das Gebot.
Zum Fahndungserfolg trug ganz offensichtlich entscheidend bei, daß Drach in seinen Sicherheitsvorkehrungen im Laufe der Monate "immer luschiger geworden ist", wie ein Fahnder bemerkte: "Er hatte sich angewöhnt, immer mehr zu quatschen." Außerdem unterschätzte Drach die technischen Möglichkeiten der Kripo und ging immer mehr von seiner Gewohnheit ab, seinen Bruder und Kramer von Telefonzellen aus anzurufen.
Doch noch sind die Fahnder nicht am Ziel. Drach war noch keinen Tag in Haft, da war klar, daß ihm das erpreßte Geld auch im Knast hilfreich sein wird. Denn als solventer Erpresser ist Drach ein attraktiver Mandant.
Schon seit einem Jahr ist Drach Klient des angesehenen Aachener Rechtsanwalts Günter Stockhausen. Der Strafrechtsexperte war zwischendurch schon, was legal ist, als Bote für Drach tätig gewesen.
"Zum Händchenhalten", sagt Stockhausen, fliege er nicht nach Argentinien. Den Auftrag vor Ort hat Stockhausen
* Bei einer Pressekonferenz nach der Festnahme Drachs.
einem Kollegen erteilt, der als umtriebiger Experte für hochkarätige Auslieferungsfälle gilt: Pedro Bianchi, 72, ein kleinwüchsiger Mann mit Vorlieben für chinesische und französische Antiquitäten. Der Anwalt in Buenos Aires erlangte in Flüchtlingskreisen einen Ruf als Experte, als er den Nazi-Täter Erich Priebke jahrelang vor der Abschiebung bewahrte.
Bianchis Taktik ist eindeutig: Er will den Wunsch des Inhaftierten, den er nach ersten Kontakten als einen "brillanten, ganz wunderbaren Menschen" beschrieb, durchfechten, so lange in Argentinien zu bleiben, wie es eben geht. Und daran dürften ihn nach argentinischer Rechtspraxis weder einheimische Politiker noch deutsche Staatsanwälte hindern. "Drei bis sechs Jahre", meint Bianchi, werde der Deutsche wegen seines Paßvergehens wohl in Haft bleiben. Der Rechtsanwalt hofft sogar darauf, Drach zumindest bis zur Klärung der illegalen Einreise "gegen eine Konventionalstrafe auf freien Fuß zu bekommen".
Das wäre, sagt der Hamburger Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger, "ein echter Hammer". Am Mittwoch vergangener Woche hatte die zuständige Hamburger Staatsanwaltschaft ihr Auslieferungsbegehren per Boten nach Buenes Aires geschickt.
Dabei war auch ein Schreiben an die Behörden mit der Bitte, zwei ebenfalls nach Argentinien gereisten LKA-Beamten, Manfred Hölter und Gunnar Ziebeil, die Teilnahme am Ermittlungsverfahren zu gestatten. Konkret geht es dabei in einem "9-Punkte-Katalog" um die Klärung von Bankverbindungen, Kontaktpersonen und Telefongesprächen.
Nach wie vor haben die Ermittler keine Anhaltspunkte über den Verbleib des Lösegeldes. Außerdem sind immer noch zwei Mitglieder der Bande auf freiem Fuß. Die Kripo hat zwar eine Person, die beim Verschleppen Reemtsmas geholfen haben soll, fest im Visier. Die Staatsanwaltschaft konnte den Mann, so ein Fahnder, bisher "noch nicht knacken, weil er ein scheinbar wasserdichtes Alibi hat".
Und ob sich nun die argentinischen Behörden kooperativ zeigen, ist völlig offen. In Deutschland kämen die Ermittler derzeit nicht weiter, sagt Staatsanwalt Bagger, "wir liegen wie Käfer auf dem Rücken".
* Nach der Festnahme im Zimmer des Hotels Caesar Park. * Bei einer Pressekonferenz nach der Festnahme Drachs.

DER SPIEGEL 15/1998
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