06.04.1998

FDP„Werner, ich schaff' es nit“

Ein fast Siebzigjähriger soll die siechen saarländischen Freidemokraten wieder in den Landtag bringen.
Im "Ristorante Roma" in Saarbrücken sitzt ein freundlicher Herr mit Zigarre und beobachtet aufmerksam die feingekleideten Gäste, die sich ausgesuchte Leckereien schmecken lassen. "Lauter potentielle Wähler und Mitglieder", behauptet der Herr und vollführt dabei eine kreisende Armbewegung, "die gehören eigentlich alle zu uns."
Als ein Besucher nebst Begleitung das Lokal verlassen will, stellt sich der Herr ihm in den Weg: "Wir kennen uns doch. Wollen Sie nicht mitmachen? Ich schicke Ihnen morgen einen Aufnahmeantrag."
Die Mitgliederwerbung bei Pasta und Vino ist nicht etwa die neueste Masche von Oskar Lafontaines Toskana-Fraktion, sondern die Spezialität eines zähen und erfahrenen Einzelkämpfers.
Der Herr heißt Werner Klumpp und wurde kürzlich mit großer Mehrheit zum FDP-Vorsitzenden des Saarlandes gewählt. "Endlich ein Aufbruch mit neuen Personen und neuen Ideen", schwärmte ein Delegierter nach der Wahl - keine ganz exakte Analyse.
Die politischen Konzepte des Neuen sind alt, er selbst ist nicht mehr jung: Im November wird Werner Klumpp 70. Allerdings wirkt er weitaus fitter und dynamischer als die meisten seiner jüngeren Parteifreunde. Ein größeres Schlitzohr ist er allemal.
Klumpp, gebürtiger Schwabe aus Baiersbronn, kennt die Untiefen und Klippen saarländischer Politik seit mehr als 30 Jahren. Er kungelte schon mit Oskar Lafontaine um parlamentarische Mehrheiten, als der noch Oberbürgermeisterkandidat von Saarbrücken war. Und er pokerte mit Christdemokraten um Kabinettsposten, als in Bonn noch die sozialliberale Koalition regierte.
Der gelernte Jurist kann kaum noch etwas werden, was er nicht schon war: Parteichef, Fraktionsvorsitzender, Wirtschaftsminister, FDP-Präsidiumsmitglied.
Als er 1982 aus der Politik ausstieg, um einen lukrativen Bankjob anzunehmen, war er mit Abstand der populärste FDP-Politiker an der Saar - und das ist er auch noch heute. Der Duzfreund von Oskar Lafontaine schafft es immer wieder, sich ins Gespräch zu bringen: Mal treibt er Spenden für ein berühmtes Picasso-Bild ein, das jetzt im Saarbrücker Museum hängt, mal erntet er im Weingarten vor seinem Haus einen Most von 123 Grad Öchsle, "einen richtigen Spätburgunder". Dann wieder bekommt er das Offizierskreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik umgehängt.
Klumpps Nachfolger in der FDP hatten dagegen so wenig Ecken und Kanten, daß sich kaum jemand ihre Namen merken konnte. Die Partei, die unter Klumpp noch zweistellige Ergebnisse erzielt hatte, fiel auf mickrige 2,1 Prozent.
Der Bellheim von der Saar soll nun das Kunststück fertigbringen, die siechen Liberalen bei den Bundestagswahlen im Herbst und den Landtagswahlen im nächsten Jahr über die Fünfprozenthürde zu hieven, den Stimmenanteil der FDP mehr als zu verdoppeln. "Das ist so aussichtslos, daß es mich gerade reizt", erklärt Klumpp dazu.
Die Idee, den Veteranen zu reaktivieren, hatte der bisherige FDP-Vorsitzende,
* Der Saarbrücker Oberbürgermeister Oskar Lafontaine und der CDU-Regierungschef Werner Zeyer.
der bieder wirkende Saarbrücker Rechtsanwalt Walter Teusch. Als Meinungsumfragen signalisierten, daß die FDP tiefer und tiefer sackte, rief Teusch den verblüfften Klumpp an: "Werner, ich schaff'' es nit. Du mußt es wieder machen."
Für Klumpp eine doppelte Chance. Zum einen entkommt er dank der FDP dem drohenden Ruhestand: Nur wenige Wochen vor seiner Wahl war er pensioniert worden. Zuvor hatte er 16 Jahre lang als Präsident des saarländischen Sparkassen- und Giroverbands die Geldgeschäfte des Landes mitbestimmt, galt Eingeweihten als heimlicher Wirtschaftsminister.
Zum anderen will er beweisen, daß auch ein fast Siebzigjähriger, der schon drei Enkel hat, ein erfolgreicherer Wahlkämpfer sein kann als viele Grünschnäbel.
Damit die FDP jedoch nicht als Opa-Partei verulkt wird, bekam Klumpp den 25jährigen Betriebswirtschaftsstudenten Christoph Hartmann als Generalsekretär zur Seite. Der Yuppie aus dem Bilderbuch - schwarzer Anzug, modische Hosenträger, Gel-Frisur - soll junge Aufsteiger, vor allem von der Uni, für die Liberalen begeistern.
Oldie Klumpp setzt derweil darauf, daß gerade im kleinen Saarland, wo sich die Honoratioren fast alle kennen und Restdeutschland noch immer als "das Reich" firmiert, persönliche Kontakte und gute Verbindungen wichtiger sind als noch so klug formulierte Parteiprogramme.
Kaum im Amt, hat er Uni-Professoren, Unternehmer und Künstler zum Mitmachen animiert. Die Mitgliederzahl, die in den vergangenen Jahren fast um die Hälfte geschrumpft war, steigt wieder leicht an.
"Meine Zielgruppe sind die Bürger", erklärt der neue FDP-Chef, "diese trägen Bürger, die viel zu wenig für ihre Interessen kämpfen." Er meint Bürger vom ganz alten Schlag. Klumpp ("Ich bin liberalkonservativ") spekuliert auf die Zustimmung von Leuten, die so ähnlich sind wie er selbst: gutsituiert, gebildet, leistungsfähig, kunstbeflissen, dabei scharf auf gutes Essen und Trinken und möglichst viel Teilhabe an der Macht - der diskrete Charme der Bourgeoisie.
Für diese Klientel, deren Anteil er auf 10 bis 20 Prozent schätzt, hat er alte Herr einiges zu bieten: die Senkung des Spitzensteuersatzes auf 35 Prozent, den Ausbau der Universität, verstärkte Eliteförderung, bessere Startbedingungen für junge Unternehmer.
Die Wirtschaft will der Liberale mit bitteren Arzneien vom Rezeptblock des Doktor Eisenbart kurieren: Er fordert eine Änderung der Kündigungsvorschriften, ein Verbot von Warnstreiks, die punktuelle Kürzung von Sozialhilfe.
Auch den Bergleuten, die noch immer staatlich hoch bezuschußte Kohle schürfen, macht er keine Hoffnung. Obwohl er früher als Wirtschaftsminister selbst um Subventionen für die Kumpel kämpfte, plädiert er heute für die Schließung der Zechen: "Einmal muß Schluß sein."
Daß eine solche Forderung in einem der ärmsten Flächenstaaten (Arbeitslosenquote: 12,6 Prozent) äußerst unpopulär ist, kalkuliert der Freidemokrat ein. Er weiß genau, daß er den derzeit mit absoluter Mehrheit regierenden Sozis ohnehin kaum Stimmen abjagen kann. Das Programm Klumpp soll vielmehr Unzufriedene von den chronisch kränkelnden Christdemokraten (1994: 38,6 Prozent) und den ebenfalls schwachen Grünen (5,5 Prozent) anlocken.
Beim dritten Glas Rotwein denkt der 69jährige auch schon mal laut darüber nach, was alles passieren könnte, wenn die SPD nach dem Abgang Lafontaines nach Bonn die Spitzenposition in Saarbrücken verliert. Eine wiedererstarkte FDP könnte dann, sinniert Klumpp, wie früher über die Machtverhältnisse an der Saar entscheiden.
Der Altliberale kennt für diesen Fall auch schon einen geeigneten Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten: Werner Klumpp. "Ich habe schon soviel gemacht, das würde ich mir auch zutrauen", versichert er. "Ja, ich könnte das."
Mit Siebzig hat man noch Träume.
* Der Saarbrücker Oberbürgermeister Oskar Lafontaine und der CDU-Regierungschef Werner Zeyer.

DER SPIEGEL 15/1998
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