06.04.1998

THEATERFitzcarraldo am Telefon

Peter Turrinis neues Stück „Die Liebe in Madagaskar“, in Wien uraufgeführt, erzählt ein wüstes Kinomärchen.
Der eine ist ein Großmaul und ein Flegel. Immerzu gibt er den Schreihals, der damit prahlt, wie viele Männer und Frauen er ins Bett gekriegt hat, den Grobian, der seine Fans bespuckt und seine Freunde verprügelt - und doch ist er zugleich ein heiliges Monster, von der halben Welt für seine Kinostrahlkraft und seine Irrsinnsauftritte verehrt.
Der andere ist ein Leisetreter, der unter den Enttäuschungen des Lebens still verkümmert ist. Seine sexuellen Obsessionen treiben ihn allenfalls in schummrige Peep-Shows, mit seinen Mitmenschen verständigt er sich am liebsten durch eine müde Kopfbewegung oder ein mürrisches Grunzen: Statt unter den Großen der internationalen Filmwelt, wo er einst Karriere machen wollte, ist er als Kinobesitzer in der Wiener Vorstadt gelandet.
Klaus Kinski heißt der bizarre Star, Johnny Ritter der trostlose Verlierer - und zueinander finden die beiden nun in einem Theaterstück, das am vergangenen Freitag im Wiener Akademietheater uraufgeführt wurde. Der österreichische Dramatiker Peter Turrini, 53, läßt sein jüngstes Werk "Die Liebe in Madagaskar" am 23. November 1991 spielen, dem letzten Tag im Leben Kinskis.
Das Kinoidol selbst ist allerdings auf der Bühne nur durch seine - täuschend echt nachgestellte - Stimme präsent: Vom Krankenlager in einem kalifornischen Hospital aus beordert Kinski seinen treuesten Fan, den "Blödian" und Pleitier Ritter, nach Cannes. Ausgerechnet "Pepi Ritter aus Wien-Penzing, der lächerlichste und phantasieloseste Mensch, dem ich je begegnet bin" (Kinski), soll für den von allen guten Geistern und Agenten verlassenen "Fitzcarraldo"-Darsteller Geld auftreiben - ein Haufen südamerikanischer Geschäftsleute wolle in sein nächstes Projekt einsteigen und warte schon an der Côte d'Azur.
An diesem Grundeinfall entlanghangelnd, läßt Turrini unter anderen einen Engel, einen durchgeknallten Hoteldirektor, diverse Mafia-Schurken und schließlich eine geheimnisvolle, mit eher reifer Schönheit gesegnete Frau auftreten. Schon in seinen jüngeren Werken "Die Schlacht um Wien", "Alpenglühen" und "Endlich Schluß" zeigte Turrini wenig Scheu vor Kolportage und Aberwitz - diesmal, da es ohnehin um die Beschwörung von Kinoträumen und Erlösungsvisionen geht, bekennt er sich zur Phantasterei entschlossener denn je.
Doch anders als etwa Botho Strauß oder Peter Handke ist Turrini keineswegs ein poetischer Spaziergänger der Lüfte; wo er den stolzen Himmelsstürmer spielen will, da erweisen sich die Schwingen seiner Dichtkunst oft genug als Flügel aus Sprachbeton - und wenn er seinem Engel Sätze wie "Ich habe jetzt 127 Kilo, wieviel Kilo hast du?" in den Mund legt, dann wirkt der Autor manchmal wie jener Schneider von Ulm, der über die Wolken strebte und doch bloß in die Donau plumpste.
Paradoxerweise entsteht aber gerade aus Turrinis durchsichtigsten Tricks und ungelenksten Wortakrobatereien mitunter der schönste Theaterzauber - als animiere gerade das Grobklotzige seiner Vorlagen Regisseure und Schauspieler zu funkelnder Feinarbeit.
"Die Liebe in Madagaskar" inszenierte nun in Wien ein Regisseur, der selbst als beherzter Zupacker und Realo unter vielen Traumtänzern gilt: Wohl auch, um gegen diesen Ruf anzukämpfen, läßt Matthias Hartmann, 34, im Akademietheater magische Geigen schluchzen und wundersames Meereslicht strahlen; und in Karl-Ernst Herrmanns Bühnenbild, worin sich die rosagrüne Pracht des Vorstadtkinos erst zur Hotelrezeption und dann zur Luxussuite wandelt, darf die Illusionsmaschinerie des Theaters mit Maximalkraft rotieren.
Das eindrucksvollste Kunststück aber gelingt Hartmann mit seinen Hauptdarstellern Otto Schenk und Kirsten Dene. Schenk, der oft als hansmosernder Nuschler und Rampenfuchtler Geschmähte, spielt seinen Kino-Untergeher Johnny Ritter mit diskreter Sanftmut. Ein verknitterter Maulwurf, der aus dem Kassenhäuschen seines verkommenen Kinopalasts hinaustapst in die Arme einer Fremden. Die allerdings übernimmt gern die Initiative: Immer nur eine Spur zu laut, eine Lippenstiftschicht zu aufdringlich, einen kleinen Schritt zu ungestüm - so kämpft Kirsten Dene in der Rolle einer schauspielernden Hausfrau um ihre große Chance zum Filmruhm.
Knapp 120 Minuten dauert die Aufführung, und die ganze zweite Stunde gehört der hilflosen, komischen, mehr und mehr weinseligen Annäherung dieser beiden spät Entflammten, die sich in eine absurde Filmstory über "Die Liebe in Madagaskar" hineinphantasieren. Klaus Kinski, dessen Tod irgendwann von einem Fernsehsprecher gemeldet wird, ist dabei fast vergessen - und doch folgt die zarte Liebesraserei dem (leicht abgewandelten) Motto seiner Autobiographie: Ich bin so wild nach deinem Rotweinmund.
Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 15/1998
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