13.04.1998

„Mit Totalverlust rechnen“

Mit einem fragwürdigen Finanzierungsmodell strebt Tennis Borussia Berlin in den Profi-Fußball.
Wenn Bernd Lindner über die Zukunft seines Arbeitgebers spricht, bemüht er sich um einen sachlich-nüchternen Ton. Das ist auch nötig, denn sonst könnte der Eindruck entstehen, der Geschäftsstellenleiter des Amateurvereins Tennis Borussia Berlin sei nicht ganz bei Trost.
"Wir haben den Durchmarsch im Kopf", doziert Lindner. Die Mannschaft, die schon sieben Wochen vor Saisonschluß als Meister der Regionalliga Nordost feststeht, soll sich nicht nur über die Aufstiegsspiele für die Zweite Liga qualifizieren. Schon 1999 ist die Bundesliga fest eingeplant, und zwei Jahre darauf ist ein Platz im "Europapokal-Bereich" (Lindner) das Ziel. Selbstredend wird "TeBe", derzeitiger Zuschauerschnitt 1600, ein neues Stadion bauen. Und natürlich will der Verein als Aktiengesellschaft an die Börse - "das ist unsere Vision".
Zwar versucht auch der Lokalrivale Hertha BSC (Zuschauerschnitt: 53 600), seine Elf im internationalen Fußball zu etablieren, doch Lindner ist nicht bang vor der Konkurrenz; schließlich schwimmt TeBe, das vor zwei Jahren fast vor dem Konkurs stand, im Geld. 14,5 Millionen Mark beträgt der Jahresetat - der VfL Wolfsburg stieg mit geringeren Mitteln in die Bundesliga auf.
Zu verdanken hat Tennis Borussia seinen Reichtum einer spektakulären Liaison mit einem Finanz- und Versicherungskonzern aus Niedersachsen. Im September 1996 übertrug der Club alle Marketing-Rechte bis zum Jahr 2001 an die Göttinger Gruppe. Seither sind die Charlottenburger der erste Verein, der als Spekulationsobjekt auf dem Kapitalmarkt angeboten wird.
Die Kicker sind Mittelpunkt eines bislang in der Fußballbranche einmaligen Finanzierungsmodells: Über ihr Vertriebsnetz bietet die Göttinger Gruppe eine Unternehmensbeteiligung an der eigens gegründeten "Fußballmarketing- und Investitions AG Tennis Borussia Berlin" an. Ab 1000 Mark plus fünf Prozent Agio können TeBe-Fans und Investoren nun als atypische stille Gesellschafter Anteile erwerben.
Mit ihrer Einlage, die eine Laufzeit von zehn Jahren hat, beteiligen sich die Aktionäre am sportlichen Werdegang von Tennis Borussia: Denn die eingesammelten Gelder werden direkt in die Mannschaft investiert. Über 2000 Anleger haben bislang für 10 Millionen Mark gezeichnet, weitere 4,5 Millionen zahlt die Göttinger Gruppe als Sponsor.
Um die Anlage TeBe möglichst schnell aus der Verlustphase zu dribbeln, wurde die Mannschaft mit Profis wie dem ehemaligen Leverkusener Jens Melzig aufgerüstet. Getrimmt werden die Kicker von Hermann Gerland, der zuvor den 1. FC Nürnberg und VfL Bochum trainierte. Beine machen den Akteuren zudem Gehälter bis zu 500 000 Mark und 2000 Mark Prämie pro Sieg.
Längst sind die Kritiker im Verein verstummt, die sich anfänglich von den Schöpfern der Hausse überrumpelt fühlten: So beherrschen die Geschäftsleute aus Göttingen jetzt sowohl den Aufsichtsrat als auch den Vorstand von TeBe. Um so mehr wird das Finanzierungsmodell der "Göttinger Borussia" ("Tageszeitung") von Verbraucherorganisationen und Branchendiensten unter Beschuß genommen.
Denn ohnehin verfügt die Göttinger Gruppe nicht über den besten Leumund. So darf der Konzern nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Köln ungestraft als "Abzock-Gruppe" bezeichnet werden. Eine "Verwicklung der hohen Politik in das bundesdeutsche Finanz-Abzockertum" witterte der renommierte Branchendienst "Gerlach-Report", als Baden-Württembergs Finanzminister Gerhard Mayer-Vorfelder in Reklameprospekten der Göttinger Gruppe auftauchte: Das Unternehmen wirbt auf den Trikots des VfB Stuttgart, dem der CDU-Mann als Präsident vorsteht.
Auch die TeBe-Aktie scheint nicht geeignet, den Ruhm der Niedersachsen als seriöse Vermögensverwalter zu mehren. Als "hochspekulative Geldanlage", bei der "zuallererst die Initiatoren aus Göttingen" verdienen, kritisiert die "Stiftung Warentest" das Modell.
Die Anlage bringt den Aktionären nur dann Rendite, wenn die Marketing AG über Merchandising und Fernsehgelder satte Gewinne einfährt. Basis dafür ist jedoch der Bundesliga-Aufstieg. Weil sich sportlicher Erfolg allerdings selten planen läßt, wie Branchenkrösus FC Bayern immer wieder schmerzlich erfährt, müßten die Anleger mit dem "Totalverlust ihrer Einlage rechnen" (Stiftung Warentest).
Die Möglichkeit eines Crashs räumt TeBe-Präsident Kuno Konrad, zugleich Vorstandsmitglied der Göttinger Gruppe, ein: "Die Leute, die bislang investiert haben, sind nicht darauf angewiesen, das Geld zurückzubekommen."
Womit sein Modell jenen Kundenkreis erreicht hat, den sich auch die Stiftung Warentest vorstellen kann: An der TeBe-AG sollten sich nur Aktionäre beteiligen, die ihre Einlage "eher als Spende denn als gewinnbringende Anlage ansehen".

DER SPIEGEL 16/1998
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