13.04.1998

FILMRatloser Teufelsaustreiber

Wunderliche Wandlung des US-Regisseurs Oliver Stone: In seinem neuen Film „U-Turn“ versucht sich der Verschwörungs-Theoretiker erstmals als Filmemacher ohne Botschaft.
Ein paar Monate vor seinem 50. Geburtstag reifte in Oliver Stone die Erkenntnis, daß sich einiges ändern müsse in seinem Leben: weniger Drogen, weniger Frauen und vor allem weniger Filme.
Seit 1985 hatte er jedes Jahr einen neuen gedreht, zehn insgesamt - darunter "JFK" und "Nixon", das Vietnam-Epos "Platoon" und die Mediensatire "Natural Born Killers". Wozu andere ein ganzes Leben brauchen, das schaffte Stone in wenigen Jahren: Er war einer der erfolgreichsten Filmemacher Amerikas geworden, aber auch einer der meistgehaßten.
Ehemalige Präsidenten nannten ihn einen Lügner, Kritiker bezichtigten ihn der Gehirnwäsche und Gewaltverherrlichung, Schauspieler beschrieben ihn als Despoten. Ein Regisseur, der sein Publikum nicht verführt, sondern vergewaltigt; ein Irrer, der in seinem Leben so viele Trips geschmissen hatte wie andere Leute Aspirin und der wohl auch deshalb nur noch in Verschwörungstheorien zu denken schien.
Als ihn schließlich seine Frau nach zwölf Jahren Ehe verließ und sein Film "Nixon" 1995 in den USA kein Publikum fand, legte Stone erst einmal eine Pause ein. Er kümmerte sich um seine neue Freundin, ein koreanisches Ex-Model, und um seine neugeborene Tochter, und in Tibet entdeckte er Buddha.
Weil das alles aber nicht zu reichen schien, um endlich Frieden zu schaffen in seiner zerrissenen Seele, verfiel Stone auf eine ganz besonders merkwürdige Idee: Der Regisseur, der früher mit seinen Filmen Amerika den Teufel austreiben wollte, beschloß, das Leben und die Filmerei mit etwas mehr Gelassenheit und Humor zu betrachten.
Das Ergebnis ist in der kommenden Woche in deutschen Kinos zu bestaunen: "U-Turn - Kein Weg zurück" heißt der Film, und schon der Titel verkündet die Neugeburt des Oliver Stone. Kein großes Thema mehr, statt dessen erzählt er eine Geschichte, wie sie Western-Filme schon seit Jahrzehnten erzählen: Ein von Spielschulden geplagter ehemaliger Tennisspieler (Sean Penn) gerät in ein gottverlassenes Nest irgendwo in Arizona, das Superior heißt und wo das Unheil sein Zuhause hat. Eine schöne Frau (Jennifer Lopez), ein gehörnter Gatte (Nick Nolte), und bald ist der abgerissene Held verstrickt in einen Ehekrieg, in dem beide ihn als Killer für den Partner anheuern wollen.
So ernst nimmt Stone die Sache mit dem Humor, daß er ihn glatt mit Ironie verwechselt: In den USA warb er mit dem Spruch "Sex, Mord, Betrug - alles, was das Leben lebenswert macht". Einen komödiantischen Film noir nennt er "U-Turn", doch die Menschen in seinem Film sind nur böse und dumm, amoralisch und besessen davon, sich gegenseitig niederzumetzeln.
20 Millionen Dollar kostete die Produktion; nach derzeitigen Hollywood-Maßstäben höchstens ein B-Movie. Doch selbst das war zuviel - die Amerikaner interessierten sich nicht für den neuen Stone.
So ist aus einer merkwürdigen Idee in der späten Midlife-crisis eine kleine Katastrophe geworden: Nach ein paar wenig erfolgreichen Filmen, nach seiner Scheidung und jetzt nach dem "U-Turn"-Debakel wird das Geld allmählich knapp.
Deswegen bemüht sich Stone an diesem Nachmittag, ein paar Wochen vor dem europäischen Filmstart, in der Suite eines Pariser Luxushotels um Schadensbegrenzung. "Es wäre schön gewesen, mit XU-Turn' ein bißchen Geld zu verdienen", sagt er und hofft, daß ihn wenigstens sein Publikum in Europa nicht im Stich läßt. Die Amerikaner wollten optimistische Filme und keinen Nihilismus: "Ich bin stolz auf diesen Film: Er wird ein zweites Leben haben."
Draußen im Innenhof des Hotels nahe der Seine zwitschern die Vögel, erwacht der Frühling, doch Stone ist nur müde und ein bißchen trotzig. Aus dem Verschwörungstheoretiker scheint nun ein Verschwörungsopfer geworden zu sein. "Es gibt ein paar mächtige Leute in den amerikanischen Medien, die mich hassen", sagt Stone mit kraftloser Stimme. "Es sind die gleichen Leute, die Filme wie XNatural Born Killers' oder ,Nixon' nicht mochten und mir nun empfehlen, wieder zu meinen alten Stoffen zurückzukehren."
Dabei war "U-Turn" auch als eine Art Waffenstillstandsangebot an die Studiobosse gedacht, die er früher "schwanzlutschende Vampire" schimpfte und die ihn gewähren ließen, solange seine Filme Geld und Ehre brachten. Rund eine Milliarde Dollar haben sie eingespielt, 37mal wurden sie in verschiedensten Kategorien für den Oscar nominiert, dreimal durfte Stone ihn sogar selbst entgegennehmen.
Inzwischen gilt er in Hollywood als finanzielles Risiko und spätestens seit "Natural Born Killers" als Regisseur mit einem Image-Problem. Nicht nur, daß Stones orgiastische Mediensatire dem Bilderrausch erlag, den sie eigentlich verteufeln wollte: Bald schon zählten Reporter die Mordfälle, bei denen sich die Täter von Stones Film inspiriert fühlten. Erfolgsautor John Grisham wollte ihn gar vor Gericht zerren, weil ein Freund bei einem solchen Mord ums Leben gekommen war - Hollywood-Filme seien Produkte wie Waschmittel und deren Produzenten verantwortlich für die fehlerhafte Herstellung und deren Folgen.
Dahinter mag Grishams allzu biederes Verständnis von Kunst stecken, doch Stones Ansehen war in Hollywood endgültig ramponiert: Die Verfilmung des Mordes an Martin Luther King - Stones These: auch da steckten CIA und FBI dahinter - ließ sich nicht finanzieren. Erst einmal mußte Stone beweisen, daß er auch Filme machen kann, die nicht auf der Politikseite, sondern im Kulturteil der Zeitung besprochen werden.
Aber auch dort mag man ihn nicht. Pauline Kael, Amerikas Kritikerlegende, hatte schon 1991 erklärt, daß sie es unerträglich finde, sich noch einen Oliver-Stone-Film anschauen zu müssen. Kein Wunder, daß die Kollegen von "Los Angeles Times" bis "Washington Post" auch für seinen neuen Film keine netten Worte fanden: "Zeitverschwendung".
Schockiert und verunsichert fragt Stone nun, was er denn tun solle, damit man ihn ein bißchen weniger haßt: "Einen neuen Namen zulegen? Oder ein neues Gesicht? Bin ich ein Paranoiker? Ein Psychopath? Bin ich wirklich so schlecht?"
So hat er wohl auch aus therapeutischen Gründen ein Buch veröffentlicht, daß er vor mehr als 30 Jahren schrieb. Stone war 19, Student in Yale, und so manchen Abend verbrachte er im Badezimmer vor dem Spiegel - die Rasierklinge in der Hand. Doch statt sich umzubringen, schrieb er sich in jugendlichem Größenwahn, der ihm auch heute nicht peinlich ist, mit ambitionierter Prosa die dunklen Gedanken von der Seele. Das bisher nur in Amerika veröffentliche Werk "A Child's Night Dream" schildert Gewaltorgien, inzestuöse Sex-Phantasien und Bordellbesuche - und liest sich mal wie Joyce auf Speed und mal wie Hemingway auf Heroin.
Nachdem er damals von drei Verlagen abgelehnt wurde, schmiß er einen großen Teil der 1300 Manuskriptseiten in den Hudson und meldete sich für den Fronteinsatz in Vietnam. Dort wurde der Oliver Stone geboren, wie ihn die Welt als Filmemacher kennenlernte: ein Besessener, wie es nur noch wenige in Hollywood gibt.
Die Manuskriptreste hütete er jahrelang in einem Schuhkarton, den er erst in der Schaffenspause wieder öffnete. Auch so eine merkwürdige Idee. "Das Baby war geboren, ich saß am Schreibtisch, und plötzlich war ich wieder 19 und naiv", erzählt Stone. "Es war meine beste Zeit: ein schönes Gefühl, keinen Film machen zu müssen."

DER SPIEGEL 16/1998
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